Samstag, 9. Juni 2012

Goofys Jahre im Trio Infernale



Dieses Jahr feiert einer von Disneys beliebtesten und frühsten Figuren den achtzigsten Jahrestag ihres Leinwanddebüts: Goofy! In dieser Reihe zerren wir den optimistischen Tölpel aus dem Schatten der Maus und blicken zur Feier seines Jubiläums auf seinen cineastischen Werdegang unter Walt Disney. Dies sind Goofys Meilensteine.

Innerhalb von zwei Jahren fasste der für Mickey's Revue erschaffene One-Joke-Character Dippy Dawg Fuß in den Micky-Maus-Cartoons, schob sich in seinen Auftritten an den zuvor wichtigen Nebenfiguren Rudi Ross und Klarabella Kuh vorbei und fiel letztlich sogar dem charakterlich schwierigen, allerdings auch ungeheuerlich talentierten Disney-Zeichner Art Babbitt in die Hände. Nach Babbitts umfassender psychologischer wie physiologischer Analyse war Goofy dazu bestimmt, eine gewichtigere Rolle in Disneys Trickfilmen einzunehmen. Zur gleichen Zeit wurde in den Disney-Studios eine Figur zu genau diesem Zweck erschaffen: Der Tunichtgut Donald Duck sollte dem dröger gewordenen Micky einen Gegenpol bieten. Zum ersten Mal wurde diese Konstellation in Orphan's Benefit erprobt, einem Schwarzweiß-Cartoon vom 11. August 1934. Dieser nimmt die bereits öfter genutzte Idee einer von Micky und seinen Freunden aufgeführten Bühnenshow, setzt diese jedoch ausdifferenzierter um. Die Vorgängerfilme bestanden, absichtlich krass ausgedrückt, aus Micky, der nicht gerade mit einem ausgebildeten Charakter gesegneten Minni und manchmal auch Pluto, die sich zusammen mit einem Haufen Gummiband-Zeichentrickfiguren im Rhythmus von Musik bewegen.

Durch die Einführung Donalds und prominenten Einsatz eines nun näher bestimmten Goofys bot sich den Disney-Studios in Orphans's Benefit die Möglichkeit, sich noch stärker von der Zeichentrickkonkurrenz abzuheben und aus einer reinen Musikkomödie einen Kurzfilm zu formen, dessen Slapstick und Chaos auf den Wesenszügen seiner Figuren basiert. Donald versucht sich in der Rezitation großer Poesie (namentlich der Kinderreime "Mary had a Little Lamb" und "Little Boy Blue") und wird von einem unflätigen Waisenpublikum zur Weißglut gebracht, Goofy wiederum führt mit Rudi Ross und Klarabella Kuh eine akrobatische Tanznummer auf, die allerdings durch den (seitens Rudis von Eifersucht getriebenen?) Versuch der beiden Herren, sich im kraftvollen Umgang mit Klarabella zu überbieten und Goofys Tölpelhaftigkeit außer Kontrolle gerät. Selbst wenn Klarabella versucht, Contenance und eine damenhafte Ausstrahlung zu bewahren. Goofy wird in diesem Cartoon übrigens endlich mit festerem Strich gezeichnet, als noch in Ye Olden Days und sein Gesicht hat nun, abgesehen vom fehlenden Kinn sowie etwas zu wachen Augen, die Konturen seines modernen Auftretens.

Der erste gemeinsame Kurzfilm mit Micky, Donald und Goofy soll Disney- und Animationshistorikern nach zu urteilen massive Begeisterungsstürme beim Kinopublikum ausgelöst haben, weshalb es außer Frage stand, dass aus ihnen ein festes Leinwandtrio gebildet werden sollte. 1935 folgte mit Mickey's Service Station der zweite Disney-Cartoon mit diesen drei sich so toll ergänzenden Figuren, und dieser sollte auch den typischen Stil ihrer gemeinsamen Auftritte prägen: Micky, Donald und Goofy führen zusammen ein kleines Unternehmen und stellen sich in ihrem Beruf ungeschickt an. Durch die Persönlichkeiten der Figuren wurde dieser Slapstick allerdings, ähnlich wie bei den besten Realfilmkomikern jener Zeit, mit Persönlichkeit untermauert, statt einfach nur eine Aneinanderreihung schmerzlicher Missgeschicke darzustellen.

Unter der Regie von Ben Sharpsteen lässt sich in Mickey's Service Station auch bereits ein Trend erkennen: Dass Micky in Orphan's Benefit den großen Gastgeber markiert, ist wegen seiner Popularität zu jener Zeit naheliegend, und dass um ihn keine Gags aufgebaut wurden, muss nicht direkt nachdenklich stimmen. Dass Micky auch bei der Autoreparatur hinter Goofy und Donald zurücktritt, deutet hingegen stärker darauf hin, dass die Disney-Künstler die beiden Neuschöpfungen nicht schlicht als neue Würze für Micky-Cartoons betrachten, sondern eher als Alternative. Wenn mit der zum Studio-Maskottchen gewandelten, von Elternverbänden streng bewachten Maus keine Pointen möglich waren, mussten halt Donald und Goofy die Show übernehmen. Der Cartoon war darüber hinaus der zweite und letzte Film des Trios in Schwarzweiß, nachfolgend gelang auch der Micky-Maus-Cartoonreihe der Sprung zur Farbe, den Walt Disney zuvor für die Silly Symphonies reservierte.


Noch im selben Jahr baute Mickey's Fire Brigade dieses Schema weiter aus. Der Cartoon mit Micky, Donald und Goofy als freiwillige Feuerwehr ließ die drei Figuren nicht nur ihrem Charakter gemäß auf Missgeschicke reagieren, sondern manövrierte die Figuren auch ihre Persönlichkeiten gewitzter ausnutzende Situationen. Während Donald beim Löschen eines in Brand stehenden Hauses einen Kleinkrieg mit einer frechen Gruppe kleiner Flammen anstiftet, versucht ein schusseliger Goofy das Mobiliar zu retten. Außerdem ist es der treudoofe Hund, der sich redliche Mühe, Klarabella Kuh, die in aller Ruhe baden möchte, davon zu überzeugen, dass sie gerettet werden muss. Donalds Temperament und Goofys chaotisch-naive Natur wurden so ideal ausgenutzt und gerade Goofys von Babbitt beschriebenes Naturell, helfen zu wollen und so noch mehr Verwirrung zu stiften, kam so erstmals spürbar zur Geltung.

In Moving Day aus dem Jahr 1936 spielt sich die Formel der Micky-Donald-Goofy-Filme dann endgültig ein. Das trifft sowohl auf das Timing der Gags zu, als auch auf die Einteilung der Leinwandzeit für das Trio und die jeweiligen Einzelgags. Und auch Goofy dürfte spätestens ab diesem Cartoon vollauf die Persona aufweisen, als die er heutzutage erkannt wird. Erneut führte Ben Sharpsteen Regie und Art Babbitt arbeitete intensiv an den sehr ulkigen Goofy-Sequenzen. Die Unterschiede zwischen Goofy- und Donald-Gags sind in Moving Day nicht mehr nur spürbar, sondern eklatant, was aufzeigt, mit welcher Hingabe die Entwicklung dieser komödiantischen Figuren innerhalb der Studios verfolgt wurde. Während bei Donald (der wegen der Zwangsräumung des gemeinsamen Hauses viele Sachen packen will und sich dabei mit Gegenständen "zofft") das Tempo rasante Züge annimmt und der Humor wild ist, geht es bei Goofy gemächlicher und etwas abstruser zu. Die Kernsequenz mit Goofy zeigt, wie er ein Piano zu verladen versucht, welches jedoch immer wieder unbemerkt aus dem Laster rutscht, bis es schlussendlich so scheint, als habe es einen eigenen Willen und sei darauf aus, Goofy zu übertölpeln. Goofys Segment handelt aus humoristischer Sicht aber von List und Gemächlichkeit, während Donalds Kampf gegen seine Umwelt von Aggression und Tücke bestimmt ist. Und als kleine Randnotiz: Goofy singt zu sich selbst das Lied "The World Owes Me a Living", als Anspielung auf den Cartoon "The Grasshopper and the Ants" von 1934, in dem Pinto Colvigs Grashüpfer genau dieses Lied trällert.


Mit der in Moving Day getätigten Herangehensweise an Goofy und Donald stießen die Walt Disney Studios aus eine komödiantische Goldader, die in nunmehr legendären Kurzfilmen wie Clock Cleaners und Lonesome Ghosts mit Perfektion wiederholt wurde. Aufgrund dessen, dass Micky in den Trio-Kurzfilmen oft genug die kürzesten Auftritte absolvierte und es schwer fiel, neben den starken Persönlichkeiten Donalds und Goofys bleibenden Eindruck zu hinterlassen, kamen 1938 mit Polar Trappers und The Fox Hunt zwei Cartoons raus, die auf die Maus verzichteten und sich auf die neuen Stars am Disney-Himmel konzentrierten. 1940 beendete Tugboat Mickey die Ära des Trios, es folgten noch vereinzelte Goofy-und-Donald-Cartoons sowie 1941 ein Remake von Orphan's Benefit.

Dieser Wandel war keine Entscheidung gegen die Kombination aus Micky, Donald und Goofy, sondern ein Zuspruch für die Popularität und das filmische Potential dieser Figuren. Donald und Goofy wurden von Micky getrennt, da ihnen die Disney-Künstler Eigenständigkeit zutrauten. Während sich Donalds Kurzfilmkarriere nahezu von allein in ihre Bahnen lenkte, hatte Goofy ein paar Anlaufschwierigkeiten. Und dort setzt der nächste Teil dieser Reihe an.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen