Samstag, 21. Juli 2012

Goofy's Glider


Dieses Jahr feiert einer von Disneys beliebtesten und frühsten Figuren den achtzigsten Jahrestag ihres Leinwanddebüts: Goofy! In dieser Reihe zerren wir den optimistischen Tölpel aus dem Schatten der Maus und blicken zur Feier seines Jubiläums auf seinen cineastischen Werdegang unter Walt Disney. Dies sind Goofys Meilensteine.

Zahlreichen klassischen Disney-Figuren lassen sich sogleich mehrere geistige Väter zuordnen. Selbstredend dürfte niemand Walt Disney seinen Beitrag zur Erfindung von Micky Maus absprechen, doch ohne Hochgeschwindigkeitszeichner Ub Iwerks hätte es den Disney-Urhelden nie gegeben. Darüber hinaus darf keineswegs Floyd Gottfredson übergangen werden, der Micky für die Comicwelt neu erschuf und aus ihm den gewieften Abenteurer und Detektiv machte, den erwachsene Micky-Fans dem leichtsinnigeren Komikermäuserich einstimmig vorziehen. Carl Barks nahm den Wüterich Donald Duck und ließ ihn im Comicformat aufregende Ereignisse durchleben, die ihm in den kurzen Cartoons verwehrt blieben. Später gründete der Comicautor und -zeichner ein bis heute blühendes und weiter wachsendes Entenuniversum, das Ausmaße hat, die den Cartoonautoren wohl niemals in den Sinn gekommen wären. Auch Goofy hat mehr als einen geistigen Vater. Im Rahmen dieser Artikelreihe wurde bereits erwähnt, dass Art Babbitt Goofys Charakter und Aussehen bedeutend mitprägte, doch mit seiner Charakteranalyse war längst nicht die Form gefunden, die für Generationen von Trickliebhabern sinnbildlich für einen typischen Goofy-Cartoon steht. Erdacht, geformt und perfektioniert wurde diese von Jack Kinney. Der Trickzeichner mit dem wilden Humor wechselte zu Beginn der Vierziger ins Regiefach und nahm sich dort der Aufgabe an, die Kurzfilmreihe rund um den schlappohrigen Tölpel zu stützen.

Um den Herausforderungen an dieser Figur, die in den Augen vieler Studiokünstler einzig als Nebenrolle funktionieren konnte, gerecht zu werden und auch darüber hinwegzutäuschen, dass sein Sprecher Pinto Colvig das Studio verließ, ersann Kinney das Konzept eines Kurzfilms, in der Goofy eine Tätigkeit erlernen will und die dazu nötigen Handgriffe von einem kompetent klingenden Erzähler haarklein und unmissverständlich erläutert bekommt. Typisch Goofy würde er diesen Anweisungen nicht nur mit ulkiger Körperhaltung folgen, sondern sie auch ganz und gar umständlich, dämlich und/oder einfach nur unfähig durchführen. Der erste dieser Cartoons sollte zeigen, wie sich der Tölpel der Segelfliegerei annimmt und dabei allerlei sonderbare Kniffe anwendet: Goofy's Glider

Das Original-Kinoposter zum Kurzfilm, der am 22. November 1940 seine Premiere feierte und so eine neue Goofy-Ära einläutete

Somit war der How to ...-Cartoon erfunden, auch wenn sich dieser Titel erst mit dem zweiten Teil, dem 1941 als Segment von The Reluctant Dragon veröffentlichten Kurzfilm How to Ride a Horse, durchsetzte. Dennoch führt Kinneys erste Regiearbeit mit Goofy bereits in frischer und frecher Form die Stilmittel ein, die in den Folgejahren zu den großartig funktionierenden Standardelementen der Goofy-Cartoons werden sollten. Das Tempo ist nicht so frenetisch wie in späteren Cartoons, wo Kinney (der mitunter als Disneys ganz eigener Tex Avery beschrieben wird) das Gagfeuerwerk mit einer wesentlich höheren Frequenz abfeuert, dennoch ist Goofy's Glider ein toller Neuanfang für Goofy, der auch nach Jahrzehnten nichts an Witz verloren hat. Die Erläuterungen darüber, wie Hobbypiloten ihren Segelflieger in die Lüfte erheben können, erfolgen akkurat und mit distinguierter Klangfarbe, wodurch sich eine unwiderstehliche Dichotomie zu Goofys banaler Durchführung bildet: Er hält seinen Segelflieger wie einen Drachen, er fährt energisch Fahrrad und verliert dabei den bereits abhebenden und sich so von ihm lösenden Flieger aus den Augen, er bastelt sogar aus Unterwäsche ein Katapult. Sobald Goofy endlich fliegt, steht er zuerst Kopf, was der gelassene Simpel erst nach dreifacher Überprüfung seiner Lage bemerkenswert findet.

Während in den deutschen Goofy-Cartoons erst später eine feste Stimme für den seriösen Erzähler gefunden wurde, prägte im Original für viele Jahre John McLeish die How to ...-Reihe. Wie so oft war dies eine Zufallsentdeckung: McLeish stieß während der Produktion von Fantasia zu den Studios, wo er an der Handlung des Le Sacre du Printemps-Segments mitwirkte. Mit seiner hohen Bildung und seiner würdevollen Stimme fiel dieser Neuankömmling studiointern auf, und dem Goofy-Team kam der Gedankenblitz, ihn ohne Kenntnisse des eigentlichen Filminhalts die erzählertexte für Goofy's Glider einsprechen zu lassen, um auszutesten, ob dies der ideale Ansatz für den Cartoon wäre. Sie stießen auf eine humoristische Goldmine, weshalb der (danach eingeweihte) McLeish immer wieder in die Aufnahmebox berufen wurde, um seinen ernsthaften Tonfall für die Disney-Cartoonspinnereien herzugeben.


Es ist aber nicht allein der bloße Widerspruch zwischen Bild und Ton, der den Humor von Goofy's Glider  ausmacht, selbst wenn dieser Dauergag ein echter Selbstläufer ist, weshalb er sogar lange, nachdem Disney seine Cartoonproduktion einstellte, unzählige Male kopiert wurde (zum Beispiel in Bullys Der Schuh des Manitu). Auch die zwar heitere, nicht jedoch betont witzige Musik von Charles Wolcott (Drei Caballeros, Onkel Remus' Wunderland) unterstützt den spritzigen Charme des Cartoons, der selbstredend nichts ohne die Leistung der Disney-Trickzeichner wäre, welche Goofy mit einem sympathischen Mangel an Durchblick ausstatten und so mehr aus diesem Cartoon machten, als mehrere Minuten mit einem komisch laufenden Tricktier.

Goofy's Glider markiert deswegen nicht nur auf der inhaltlich-stilistischen Ebene eine Entwicklung hinweg von Babbitts Goofy dar, sondern auch auf der Ebene der Charakteranimation. Wie schon in Goofy and Wilbur sind einige der besten Sequenzen von Woolie Reitherman, der den Titelhelden sehr simpel, jedoch auch mit sehr bestimmt gewählten Posen animierte, die in ihrem Schwung und ihrer Vitalität den Gag klar stützten und zugleich die karikaturhafte Persönlichkeit Goofys bewahrten. Babbitt, der in Goofy and Wilbur dennoch weiterhin gute Arbeit ablieferte, fiel dagegen in diesem Cartoon auf "seiner" Starrolle erstmals negativ auf. Babbitts Szenen stechen arg heraus, da er Goofy fünf Finger an jeder Hand gab und den Schwerpunkt des Bewegungsablaufs partout auf die Schultern verlegte, während Reitherman und John Sibley eine die Missgeschicke des Goofs konterkarierende, optimistisch geschwellte Brust als neue körperliche Charakteristik wählten. Darüber hinaus sind Babbitts Sequenzen Beispiele für eher schludriges Nachzeichnen von real gedrehtem Filmmaterial, wodurch Babbitts Goofy klobiger erscheint als die Zeichnungen seiner Kollegen. Dennoch sind Babbitts Szenen, darunter der Tanz rund ums Unterwäschekatapult, weiterhin pointiert – nicht jedoch genug, um für Unstimmigkeiten in den Disneystudios zu sorgen.


Jack Kinney war mit Babbitts Leistung unzufrieden, weil dieser allerdings darauf bestand, seinen eigenen Weg weiterzuverfolgen, überließ der Regisseur Babbitt nahezu die vollständige Hauptzeichenarbeit am Kurzfilm Baggage Buster. "Das sollte ihn für eine Weile friedfertig stimmen. In der Zwischenzeit konnte ich zwei, drei oder vier Goofy[-Cartoon]s machen, ohne dass er sie verkackt", zitiert Trckhistoriker Michael Sporn den Cartoonregisseur, der in seiner Meinung auch von Walt Disney bestätigt wurde. Nachdem dieser Babbitts Arbeit an Baggage Buster sah, sendete er Wilfred Jackson ein Memo mit der Aussage, er solle bei der Co-Regiearbeit an Dumbo ein besonders scharfes Auge auf Babbitt werfen:

"[...] wir sollten dem Kerl kein freies Geleit geben, so dass er uns so steifes, altmodisches Zeug liefert wie mit dem Goof in Baggage Busters [sic!]. Babbitt ist fähig, gute Ergebnisse zu erzielen, wenn man sehr eng mit ihm zusammenarbeitet und ihm nicht zu viel Freiheit lässt. Er ist ein sehr sturköpfiger Rabauke, aber wir müssen ihn dringend aus dieser Haltung rausbekommen, in der er sich befindet."

Babbitt hielt es jedoch nicht lange bei Disney (seine Position im Disney-Streik, die anschließende Kündigung sowie seine Klagen gegen Disney, die ihm kurzfristig eine Neuanstellung im Studio bescherte könnten ganze Bücher füllen), während Kinney mit Goofy nachfolgend nahezu Narrenfreiheit genoss. Walt Disney segnete die Kurzfilme zwar weiter ab, ließ die Teams aber an der längeren Leine, weil ihm andere Projekte wichtiger erschienen. So konnte Kinney seinen Humor weiter feinschleifen. Mehr dazu im nächsten Teil dieser Reihe ...

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