Montag, 22. April 2013

James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät


Nach Man lebt nur zweimal, einem denkbar schlechten, für mich allerdings auch erschreckend kurzweiligen Bond-Film, folgt mit Im Geheimdienst Ihrer Majestät im inflationsbereinigt erfolgreichsten Kino-Franchise der Geschichte der Eintrag, der das Qualitätsruder komplett umreißt. Ich wage zu behaupten, dass diese 1969 veröffentliche Produktion der Bond-Film ist, den selbst energische Bondgegner lieben können. Und ausgerechnet dieser Film ist der einzige 007-Auftritt des unberühmtesten Doppelnulldarstellers: George Lazenby.

Aber alles der Reihe nach: Da Sean Connery der Rolle des britischen Topagenten und dem sie begleitenden Presserummel überdrüssig wurde, stieg er aus der Filmreihe nach, woraufhin die Produzenten händeringend nach einem Ersatz suchten. Für sie war Bond eine überlebensgroße Rolle, die nicht an ein Gesicht gebunden ist, zudem war der bereits eingefahrene Erfolg zu verlockend, nun einfach aufzugeben. Und so wagten sie, was sich seither nur wenige große Franchises trauten und suchten nach einem neuen Darsteller für die bereits etablierte zentrale Rolle. In der engeren Auswahl befanden sich unter anderem die späteren Bond-Schauspieler Roger Moore und Timothy Dalton, die jeweils aus terminlichen Gründen absagten oder sich nicht als reif genug für 007 hielten, sowie TV-Kult-Batman Adam West, Roy Thinnes, Hans De Vries und nunmal das Männermodel George Lazenby. Der Australier überzeugte die Produzenten Harry Saltzman & Albert R. Broccoli damit, dass er auch im Alltag eine an Bond erinnernde, selbstsichere, galante und dennoch kernige Ausstrahlung bewies und dem jungen Connery recht ähnlich sah, wovon man sich erhoffte, dass dies dem Publikum den Übergang zwischen beiden Schauspielern erleichtern würde. Als Lazenby zudem bei einer Action-Testszene dank seiner Modelerfahrung die Kampfchoreographie rasch lernte und dabei eine natürlich wirkende Aggression darstellte, war der Deal perfekt. Je nach Quelle soll der ihm angebotene Vertrag fünf bis sieben Filme umfasst haben, aber Lazenbys damaliger Agent misstraute der Zukunft des Chauvi-Geheimagenten, da die Siebziger vor der Tür standen und in den Augen von Lazenbys Agenten nach einer Welle an Hippie-Filme schrieen, während archaiche Männlichkeitssymbole der Vergangenheit untergehen würden. Außerdem soll er Lazenby geraten haben, seine schauspielerische Unerfahrenheit durch großes Selbstbewusstsein und eine gesunde Schroffheit am Set zu kompensieren, um sich so mehr Achtung zu verschaffen. Kurzum: Lazenby war noch während der Dreharbeiten davon überzeugt, das Schiff verlassen zu müssen und seitens der Filmemacher gab es zwar keinen Hass auf den Novizen, allerdings sah man ebenso wenig einen nennenswerten Anlass, ihn umzustimmen. Und so blieb Im Geheimdienst Ihrer Majestät ein einmaliger Blockbuster-Ausflug für das Ex-Model.

Der sechste offizielle Teil der großen James-Bond-Kinoreihe ist jedoch aus zahlreichen weiteren Gründen ein einmaliges Seherlebnis. Nicht nur innerhalb des James Bond-Subgenres, sondern im Segment des Actionfilms überhaupt. Zu verdanken ist dies zu großem Teil Regisseur Peter Hunt, der die ersten vier Bond-Filme schnitt und ihr Tempo sowie ihren Actionstil mitprägte, weshalb er sich als Strippenzieher hinter dem fünften Kinoeinsatz von 007 empfahl. Als er übergangen wurde, erlaubte er sich einen ausführlichen Urlaub, während dem er aber Frieden mit Broccoli & Saltzman schloss und als Second Unit Director und leitender Cutter bei Man lebt nur zweimal einstieg, womit er sich endgültig den Platz auf dem Regiestuhl für Bond No. sechs sicherte. Dort setzte er durch, sich mehr vom abgehobenen, mehr durch spaßiges Sci-Fi inspirierten Stil von Feuerball und Man lebt nur zweimal zu entfernen und wieder das bodenständigere, dramatischere Spannungsverständnis von Liebesgrüße aus Moskau anzustreben. Die Produzenten unterstützten dies und so konnte Hunt den Bond-Drehbuch-Veteranen Richard Maibaum mit einer buchnahen Adaption des von den Franchisemachern schon länger ins Auge gefassten Ian-Fleming-Romans Im Geheimdienst Ihrer Majestät beauftragen. Dieser 1963 erstveröffentlichte Roman war eine damals noch leicht sturköpfige Antwort Flemings auf die wilde, unrealistische Bond-Filmreihe und betonte die Dramatik und Tragik des Agentenlebens besonders stark. Hunt strebte an, diese Handlung respektvoll auf die Leinwand zu bringen, weshalb er auch den Literaturkritiker und Schriftsteller Simon Raven bat, mehrere Dialogstellen anspruchsvoller, intellektueller zu gestalten.

Eingangs wird der Zuschauer über den Gesamtplot im Unklaren gelassen und bekommt eine Reihe von miteinander verbundenen Vignetten unterbreitet, die keinerlei Agentenhintergrund aufzuweisen scheinen: James Bond wird, während er eine portugiesische Straße entlangfährt, von einer unbekannten Frau überholt, die mit ihrem schnittigen Wagen zum Strand fährt und dort gewillt ist, sich in die Fluten zu stürzen, um sich das Leben zu nehmen. Als 007 die anonyme Schönheit rettet, wird er von zwei Männern angegriffen, die er schließlich überwältigen kann, wenngleich unterdessen die Unbekannte flieht, ehe Bond sie in ein Gespräch verwickeln kann. Bald darauf begegnet er der Frau im Casino seines Hotels und erfährt ihren Namen: Contessa Teresa "Tracy" di Vincenzo. Die Tochter eines Unternehmers und Mafia-Oberhaupts gerät beim Kartenspielen in Zahlungsnot und erhält vom Kavalier mit der Lizenz zum Töten einen Notgroschen, um ihre Spielschulden zu zahlen. Auch wenn Tracy weiterhin braucht, um sich Bond zu öffnen, lernt sie letztlich, im zu vertrauen. Am kommenden Morgen wird Bond von den Handlangern von Tracys Vater entführt und auf eines seiner Anwesen gebracht, wo er dem Agenten das Angebot macht, die seelisch mehrfach gebrochene Tracy zu heiraten – der Gangsterboss glaubt, so seiner Tochter emotionale Stabilität zu verschaffen. Bond lehnt ab, schlägt aber einen Kompromiss vor, sollte ihm der Mafioso den Aufenthaltsort von SPECTRE-Oberhaupt Blofeld verraten, dem 007 erfolglos auf der Spur ist. Exakt deswegen erhält der Spitzenagent auch eine harsche Ermahnung durch seinen Vorgesetzten M, woraufhin Bond entnervt mit Kündigung vom Dienst droht. Stattdessen geht es jedoch auf einen bezahlten Urlaub, in dessen Verlauf sich Bond und Tracy näher kommen. Ihr Vater gibt Bond deshalb einen wertvollen Tipp, der 007 in ein Skiparadies führt, wo Blofeld angeblich einen weltumspannenden Terrorangriff ausheckt ...

Bereits in den ersten Minuten macht Im Geheimdienst Ihrer Majestät ein klares und deutliches Statement, indem sich Lazenby mit einem rauen, intensiv choreographierten Faustkampf vorstellt, durch den er sich mühevoll durchschlägt, um eine ihn fremde Frau zu beschützen. Regisseur Hunt und Kameramann Michael Reed zeigen diese Strandszene in unterbeleuchteten, bläulich schimmernden Licht, nur wenige Schatten fallen und dennoch wird eine ambivalente, ernste Stimmung erzeugt. Diese wird von der anschließenden Vorspannsequenz mit ihren surrealen Bildern zum Thema "Das Vergehen der Zeit" und John Barrys eingängigen, mitreißenden, trotzdem auch gedämpft-verschrobenen Instrumentalstück verstärkt und daraufhin von der gewählten Erzählweise fortgetragen. Denn so lange man Im Geheimdienst Ihrer Majestät aus der Perspektive betrachtet, dass es sich dabei um einen 007-Film mit der klassischen Bond-Formel handelt, wird man von den Filmemachern sehr lange bewusst hadern gelassen. Bond hat keine klare Mission, will sogar bei MI-6 kündigen und auch der Beziehung zwischen ihm und Tracy lässt Hunt viel Raum zum Atmen, ohne direkt eine Deutung zu forcieren, wer von den Beiden aktiv hinter dem Anderen her ist. Die typischen Elemente der Filmreihe sind allesamt vorhanden, wohl aber in gedrosselter und dramatischer Form. Bond flirtet nicht überzeichnet mit Moneypenny, sondern behandelt sie würdevoll, das übliche Gezeter mit M ist giftiger, ... Sogar der eröffnende Barrel-Shot zeigt Bond, wie er zu Knien geht, was eine wundervolle, subtile Vorausdeutung für die generelle Stimmung des Films darstellt.

Sobald sich langsam der geheimnisvolle Plan Blofelds entfaltet, der wegen eines überzogenes Hypnoseelement nicht völlig frei des Bond-Irrsinns ist, positioniert sich Im Geheimdienst Ihrer Majestät gleichwohl als kerniger Agentenactionfilm. Ein erbittertes Mann-gegen-Mann-Duell in einer Kanzlei übertrifft den Eröffnungskampf in Sachen Härte und spürbarer Wucht, der ausführliche Schlussakt in den Schweizer Alpen wiederum ist gepackt mit aufregenden Verfolgungsjagden, die durch imposante Aufnahmen der Alpen, ein Minimum an schlecht gealterten Effekten und dank einer engen Bindung zu den Figuren zu den besten der Bond-Reihe gehören. Der Humor dagegen ist in Im Geheimdienst Ihrer Majestät stark zurückgefahren, obwohl die Mitte des Films bei der sehr gemächlichen Erzählweise etwas Auflockerung vertragen hätte. Die wenigen Gags sitzen dafür aber, etwa wenn sich Bond mit staubtrockenen Kommentaren als an Frauen desinteressiert ausgibt, er ausnahmsweise derjenige ist, der dreist angegraben wird oder Bond einen Bernhardiner befielt, nicht weiter rumzutollen, sondern endlich den Alkohol zu bringen. Umstritten unter Bond-Fans bleibt dagegen die bisher einzige, unverblümte Illusionsbrechung zu Beginn des Films. Da man Lazenbys Kommentar "This never happened to the other fellow!" jedoch auch werkimmanent als Anspielung auf Aschenputtel verstehen kann und ein Kommentar auf die erste Bond-Umbesetzung unvermeidlich ist, finde ich diesen Spruch ganz passend.

Womit sich Im Geheimdienst Ihrer Majestät weiter vor den restlichen Bonds (zumindest der Pre-Craig-Ära) hervorhebt, ist die schauspielerische Stärke des zentralen Bondgirls Tracy di Vicenzo, gespielt von Fernsehstar Diana Rigg. Rigg erhält die Gelegenheit, eine verletzliche, gebrochene Seele zu spielen, die trotzdem nicht ins übliche Bond-Beuteschema fällt, sondern noch immer in Notsituationen auf sich selbst aufpassen kann. Lazenby wird von ihr regelrecht an den Rand gespielt, was allerdings nicht arg so negativ aufzufassen ist, wie es zunächst klingt. Denn auch wenn seine Darbietung als Bond längst nicht so denkwürdig ist wie die des Charmebolzens Sean Connery, so steht seine natürliche, vorsichtige Art voll im Dienste dieser dramatischen, charaktergestragenen Agentengeschichte. Und auch wenn Connery insgesamt der überzeugendere Darsteller ist, so könnte ich mir den letzten Akt dieses Films mit ihm nie so mitnehmend vorstellen wie unter dem "Jedermann" Lazenby.

Auch wenn Im Geheimdienst Ihrer Majestät aufgrund seiner wiederkehrenden Thematik der Risse hinter der Fassade von Gut und Böse und mit seiner verletzlichen Liebesgeschichte (die leichte Anleihen zu Shakespeares Widerspenstigen Zähmung aufweist) wohl gleichauf mit dem "Hitchcock-Bond" Liebesgrüße aus Moskau das dichteste Skript aufweist, zeigt es vereinzelte Mäkel, die den Gesamteindruck trüben. Dass der freundlichere, romantischere Lazenby-Bond dennoch feiste Ohrfeigen verteilt oder sich durch ein ganzes Skiressort voll Frauen schläft, riecht nach faulen, hier fehlplatzierten Überbleibseln aus der Connery-Ära. Mit vereinzelten Anspielungen auf die ersten Filme, so summt ein kleinwüchsiger Hausmeister das Goldfinger-Leitthema, komme ich dagegen besser klar, da sie diesem bodenständigeren Film durch diese Verweise auf das Bond-Erbe ein Gefühl der Grandeur geben, ohne von der Handlung abzulenken.

Schlussendlich definiert sich Im Geheimdienst Ihrer Majestät aber am meisten durch das Finale, das mit simplen Mitteln sehr ikonische Momente kreiert. Leider nahm das damalige Kinopublikum den Schlussakt des Films, sowie den ersten Darstellerwechsel der Bondreihe, nicht so gut auf, wie die Produzenten erwarteten. Zwar ist es nicht mehr als bloß ein Mythos, dass diese Produktion an den Kinokassen scheiterte (in den USA stellte Im Geheimdienst Ihrer Majestät mehrere Startrekorde auf, im Vereinigten Königreich wurde er der erfolgreichste Film des Jahres, in Deutschland brachte er es auf rund vier Millionen gelöste Tickets), allerdings stimmt es, dass dieser Bond-Einsatz kommerziell weit hinter Man lebt nur zweimal zurück blieb. Deshalb zogen die Produzenten die Notbremse und kehrten für den nächsten Leinwandeinsatz des britischen Spitzenagenten zu Connery und einem weniger gefühlvollen Tonfall zurück. Als der einzige Film mit einem One-Bond-Wonder geriet Im Geheimdienst Ihrer Majestät beim breiten Publikum in Vergessenheit und viele geben ihm nicht einmal eine Chance, weil sie sich denken, dass der Film einfach nicht gut sein kann, wenn ja nur der "Lückenbüßer" für Connery mitspielt. Die Produzenten und die EON-Studioleitung dagegen feiern Im Geheimdienst Ihrer Majestät als ihr Magnum Opus und Meisterregisseur Christopher Nolan würdigt ihn als einen seiner größten Einflüsse auf sein Blockbusterschaffen.

Mittlerweile erlebt Im Geheimdienst Ihrer Majestät dank ihn preisender Filmkritiker eine Renaissance, und ich kann mich nur in diesen Chor einreihen: Ambitionierter, menschlicher und dramatischer konnte man Bond (vielleicht abseits von Skyfall) nie mehr sehen. Es ist vielleicht nicht der spaßigste Bond-Film, wohl aber eine der auch ohne 007-Bonus stärksten Geschichten des Franchises.

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