Mittwoch, 1. Oktober 2014

James Bond 007 – Stirb an einem anderen Tag


Drei Jahre nach Die Welt ist nicht genug kehrte James Bond mit Pierce Brosnans viertem Einsatz auf die Leinwand zurück – und sah sich allerlei Herausforderungen ausgesetzt. Unter der Regie des Neuseeländers Lee Tamahori sollte Stirb an einem anderen Tag den Geheimagenten für das neue Jahrtausend bereit machen und zudem beweisen, das der Brite nicht zum alten Eisen gehört. Andere Agentenactioner wie xXx beanspruchten den Markt – und vor allem das junge Publikum – für sich, während der zunehmende Kult um die Austin Powers-Filme die 007-Tradition genüsslich durch den Kakao zog. Kurzum: Bond wurde in eine Ecke gedrängt und anlässlich des 40. Leinwandjubiläums sollte der 20. EON-Teil den dringend nötigen Verteidigungsschachzug darstellen.

Mit dem hohen Erfolgsdruck kamen die überhasteten Entscheidungen – und die Produzenten Michael G. Wilson & Barbara Broccoli zwängten Stirb an einem anderen Tag einen Tonfall auf, der zu gewollt, zu knallig und zu verzweifelt ausfiel. Hinzu kommen miese Performances einiger Nebendarsteller sowie die peinlichsten CG-Effekte der Bond-Geschichte und fertig ist eine Produktion, die eher einem unüberlegten Schrei nach Aufmerksamkeit gleicht denn einem spaßigen Popcorn-Agentenspektakel.

Schon die obligatorische Gunbarrel-Sequenz ist ein Vorbote dessen, was noch folgen wird: Pierce Brosnan feuert eine auffallend unechte CG-Kugel ab, während David Arnold einen gequälten Elektroremix der ikonischen Bond-Intro-Begleitmusik auf die Welt loslässt. So eine Szene verdirbt natürlich keinen ganzen Film, in diesem Fall allerdings sei diese Kleinigkeit notiert, denn nach einiger Zeit kippt Stirb an einem anderen Tag völlig um und besteht aus kaum mehr als ähnlich bemühten, halbherzigen Modernisierungsversuchen. Bevor es aber so weit ist, gibt es eine solide Openingsequenz zu sehen. Bond infiltriert eine nordkoreanische Militärbasis, um Colonel Tan-Sun Moon (Will Yun Lee), den Sohn des einflussreichen Generals Moon, bei einem seiner schmutzigen Geschäfte mit dem Terroristen Zao (Rick Yune) zu ertappen. 007 wird entdeckt und nach einer Verfolgungsjagd via Luftkissenboot (übersichtlich inszeniert, wenngleich mit einer amüsanten Vielzahl an Explosionen) in Gefangenschaft genommen, wo er 14 Monate Folter erdulden muss. Unterdessen gilt es für den Zuschauer, Madonnas abscheulichen Electroclash-Filmsong zu ertragen, während der Verlauf von Bonds Folterung durch die üblich-stilisierten Vorspanneinblendungen bereichert wird.

Bond wird schlussendlich vom MI6 befreit, indem er den im Ausland gefangen genommenen Zao gegen ihn austauscht. Lange währt die Wiedersehensfreude zwischen 007 und seinen Vorgesetzten aber nicht: Der britische Geheimdienst betäubt den Agenten und lässt ihn auf einem Kriegsschiff im Hafen von Hongkong eine Untersuchung durchleiden, die ersichtlich machen soll, ob Bond wertvolle Informationen ausgeplaudert hat. M, davon überzeugt, dass Bond sich fehlerhaft verhielt, entzieht ihm seine Lizenz zum Töten, woraufhin dieser nach Kuba flieht, um den Verräter aufzutreiben, der in Nordkorea seine Tarnung auffliegen ließ. In Havanna angekommen, trifft er die NSA-Agentin Jinx (Halle Berry), die sich an Fersen des mittlerweile wieder geflohenen Zao heftete, um ebenfalls einen Verräter ausfindig zu machen. Bond stellt auf der Karibikinsel außerdem verdächtige Diamanten sicher, die ihn zum prahlerischen Lebemann Gustav Graves (Toby Stephens) führen. Diesem stellt sich Bond in einem Londoner Fechtclub, wo er von Graves sofort attackiert wird. Nur die Olympionikin Miranda Frost (Rosamund Pike) wagt es, dem Duell Einhalt zu gebieten. Daraufhin lädt Graves seinen Widersacher nach Island in einen Eispalast ein, wo auch Frost zugegen ist, die sich mit der ebenfalls anwesenden Jinx ein kesses Duell der Worte liefert. Alsbald entdeckt Bond düstere Geheimnisse über einige der Eispalast-Besucher, zudem gilt es, eine allmächtige Satellitenwaffe abzuschalten und das Leck innerhalb MI6 zu schließen. All dies, während das Skript und die Inszenierung mehr und mehr an Bodenhaftung verlieren ...

Obwohl Stirb an einem anderen Tag 2002 dank einer starken Marketingkampagne zum bis dahin erfolgreichsten Bond-Film aller Zeiten aufstieg (ohne Berücksichtigung der Inflation), gilt die Produktion mittlerweile als unglücklicher Ausrutscher. Ganz im Alleingang beendete er Brosnans 007-Ära und gab den Anstoß für das Daniel-Craig-Reboot, um den miesen Nachgeschmack dieses Jubiläumsfilms hinfort zu spülen. Es spricht für das Produzenten-Doppel Wilson & Broccoli, dass sie nach dem 431,97 Millionen Dollar schweren Kracher auf das Kritiker- und Fan-Feedback hörten und einen neuen Weg einschlugen, statt die Stirb an einem anderen Tag-Formel zu wiederholen. Darüber hinaus ist es ungewöhnlich, dass Produzenten in die Bresche springen und einräumen, für einige der Entscheidungen verantwortlich zu sein, die die Presse dem Regisseur in die Schuhe geschoben hat. Aber selbst wenn Broccoli & Wilson durchsetzten, Stirb an einem anderen Tag mit erdrückend vielen (und oftmals aufgesetzten) 007-Injokes zu würzen und sie es waren, die für mehr Computereffekte und eine wildere, knalligere Atmosphäre die Partei ergriffen haben: Regisseur Lee Tamahori ist nicht gänzlich unschuldig daran, dass Bonds 40. Kinogeburtstag eine Katastrophe wurde.

Tamahori, der nach Stirb an einem anderen Tag unter anderem den zweiten xXx-Film und Next inszenierte, bringt in diesen 142 Millionen Dollar teuren Film einen uninspirierten, austauschbaren Stil mit, der nach 00er-B-Movie riecht. Die Actionszenen sind zwar poliert, aber ohne jegliche Dramaturgie. Nie ist klar, wie gut oder schlecht es um Bond bestellt steht und die Videoclip-Ästhetik mit den schrillen CG-Effekten ist zwar künstlich, aber nicht so sehr stilisiert, dass sie beeindruckende "Style over Substance"-Sphären erreicht. Die wenigen handgemachten Actionszenen fallen daher umso stärker auf, und während das Luftkissenrennen im Prolog ganz passabel ausfällt, ist Bonds Fechtkampf mit Graves einfach lächerlich. Toby Stephens schneidet all zu dick aufgetragene Grimassen und die Stuntchoreographie wäre selbst für Roger Moores Bond zu irrsinnig, zu ungezügelt. Der entscheidende Unterschied ist aber zudem, dass die überdrehten Actionszenen in den guten Moore-Filmen ihren Platz hatten: Bond Nr. 3 spielte seine Figur als stets amüsierten Gentleman-Agenten, der seinen Job liebt, und wenn der Film um ihn herum arg um Modernität bemüht war (siehe Im Angesicht des Todes) ergibt sich so eine kurzweilige Diskrepanz. Brosnan dagegen ist der coole, charmante Brite mit moderner Ausstrahlung. Wenn er dann als Relikt in Szene gesetzt wird und die Fechtsequenz abläuft wie eine Chaosszene aus einem Michael-Bay-Abklatschprojekt, wirkt das alles nur noch befremdlich.

Von besagter Fechtszene an dreht Stirb an einem anderen Tag von Minute zu Minute immer mehr ab, was dazu führt, dass der aus Diamantenfieber und der Moonraker-Buchvorlage zusammengeklöppelte Plot unübersichtliche Ausmaße annimmt, ohne aber so sehr in den Hintergrund zu treten, dass sich ein CG-Actionachterbahnritt entwickeln kann. Dass obendrein die großen Plottwists über die Identitäten der Schurken extrem vorhersehbar sind, aber als Mordsüberraschung verkauft werden, erschwert das Sehvergnügen umso mehr. Und dies ist dank Halle Berry eh schon extrem überschaubar: Die Aktrice unterbietet selbst die viel belächelte Denise Richards und liest ihre Zeilen so, als stammten sie aus einem abgelehnten Austin Powers-Drehbuch.

Der große Hoffnungsschimmer in diesem 007-Trauerspiel ist die damals noch zarte 23 Lenze zählende Rosamund Pike, die in ihrem Leinwanddebüt nicht nur schlicht traumhaft aussieht (und somit schonmal die oberflächliche Komponente der Bondgirl-Stellenausschreibung erfüllt), sondern zudem so gut aufspielt, wie es ihr in dieser Rolle möglich ist. Schneidender Sarkasmus und eiskalte Blicke machen sie zu einer denkwürdigen Nebenfigur, die zu meinen Favoriten im 007-Universum zählt. Auch John Cleese macht seine Arbeit als neuer Q recht gut: Zwar sind die von ihm präsentierten "Virtuelle Realität"-Gadgets unnütz, was Ausstrahlung und Wortwitz angeht, ist er aber ein würdiger Nachfolger von Desmond Llewelyn.

Angesichts des wirren Plots, der uninteressanten Actionszenen, einer miesen Halle Berry (die zudem die wohl unsinnlichste Bond-Sexszene aller Zeiten mitverantwortet) und unharmonisch mit Elektronik versetzter Musik sowie vielen, vielen schlechten Wortwitzen sind Rosamund Pike und John Cleese aber nicht genug, um Pierce Brosnan dabei zu helfen, den Streifen zu retten. Brosnan fühlt sich zwar sichtbar wohl in seiner 007-Haut, das Drehbuch tut seiner Figur aber zu oft zu großes Unrecht, als dass er eine runde Performance abgeben könne.

Obschon ich Brosnans Interpretation von James Bond sehr mag, hatte der Ire mit einer wankelmütigen Qualität an Skripts zu kämpfen. Stirb an einem anderen Tag schoss mit einer unter dem 007-Niveau liegenden Inszenierung dann den Vogel ab. Kein Wunder, dass Bond danach eine Frischzellenkur verordnet bekam. Es tut mir dennoch etwas leid für Brosnan, der perfekt in den Smoking passte.

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