Mittwoch, 20. Mai 2015

Magic in the Moonlight


Woody Allen wird einfach nicht müde: Jahr für Jahr bringt der New Yorker einen neuen Film in die Kinos. Bei einer solchen Produktivität müsste es jedoch mit Hexerei zugehen, wäre jede einzelne Regiearbeit des intellektuellen Neurotikers ein Volltreffer. Und auch wenn Allens jüngstes Projekt von übernatürlichen Spielchen handelt, ist die Filmografie des Oscar-Preisträgers kein Hexenwerk. Denn auf jeden besonders gelungenen Film des 78-Jährigen folgt im Regelfall ein besonders schwaches Werk. So zuletzt in den Jahren 2011 / 2012: Während Midnight in Paris ein absolutes Glanzstück darstellt, kam im Folgejahr mit To Rome With Love eine regelrechte Gurke in die Lichtspielhäuser. Da 2013 der Kinowelt die brillante Tragikomödie Blue Jasmine einbrachte, ist es naheliegend, erneut eine dürftige Leistung Woody Allens zu erwarten. Diese Erwartungen trügen allerdings: Das unaufdringliche Lustspiel Magic in the Moonlight ist durch und durch … nett.

Die Geschichte ist im Sommer 1928 angesiedelt: Der Erste Weltkrieg liegt nunmehr zehn Jahre zurück und Westeuropa befindet sich in einem beachtlichen Wirtschaftsaufschwung. Generell herrscht eine neue Weltsicht vor, weite Teile der Gesellschaft sind offener und kulturell interessierter als noch in den Jahrzehnten zuvor. Vor lauter Lebensfreude sieht niemand, welch deprimierenden Umwälzungen sich in Bälde mit der Weltwirtschaftskrise 1929 und dem politischen Rechtsruck anbahnen sollten. Zynismus findet in den Goldenen Zwanzigern kaum statt. Selbst der Bilderbuchzyniker Stanley (Colin Firth) konzentriert seinen Missmut ganz und gar darauf, dass er übernatürliche Ereignisse als Schwindel offenbart. Der Brite entlarvte bereits zahlreiche Scharlatane und wird aufgrund dieser Erfolgsquote von seinem alten Kupferstecher Howard (Simon McBurney) an die französische Côte d'Azur zitiert. Dort hat sich die junge Sophie (Emma Stone) mitsamt ihrer Mutter (Marcia Gay Harden) bei einer reichen, amerikanischen Familie eingenistet und sorgt mit ihren hellseherischen Kräften für Staunen und Verwirrung. Da selbst Howard daran scheiterte, Sophie als Betrügerin zu enttarnen, soll nun der selbstbewusste Stanley ran. Aber sogar er beißt sich am außergewöhnlichen Medium die Zähne aus …

Gewiss lässt sich Magic in the Moonlight als illustrer Kommentar auf die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber wahren Problemen betrachten. Sämtliche Figuren dieser nostalgischen Komödie nehmen ihre Lebenssituation als gegeben hin, niemand blickt kritisch auf das große Ganze oder erkennt die Zerbrechlichkeit des Roaring-Twenties-Lifestyles an. Die einzigen kritisch denkenden Persönlichkeiten, Colin Firths tapsig-schnöseliger Stanley und sein trockenhumoriger Kumpane Howard, nutzen derweil ihren Mut, Dinge zu hinterfragen, lediglich für die Hexenjagd. Und sind wir kulturell nunmehr knapp 85 Jahre später über Stanleys Verbissenheit, Medien als Blender zu deklarieren, hinausgewachsen? Man bedenke: Derzeit suchen viele von uns mit Eifer nach verräterischen Illusionsbrüchen in Medien anderer Art (nämlich in Filmen, Serien und Videospielen), stand uns schlicht verzaubern zu lassen und unser analytisches Denkvermögen für politische Baustellen aufzuheben.

Doch selbst wenn das zeitliche Setting und die thematischen Zwischentöne in Magic in the Moonlight in zu großem Einklang sind, um obigen Interpretationsansatz vollauf in den Wind schlagen zu können: Der meist so listige Woody Allen legt in sein Skript eine ungeahnt große Sympathie für die zwei Hauptfiguren Sophie und Stanley. Zudem stimmt Allen durch seine luftig-lockere Inszenierung einen derart unbeschwerten Ton an, dass dieser cineastische Ausflug in ein sommerliches Südfrankreich einer doppelbödigen Lesart nahezu allen Antrieb nimmt. In oberster Priorität erblüht diese Geschichte von Schein und Sein, Lug und Selbstbetrug, Romantik und Magie daher als schlichte, kleine Komödie ohne weitreichende Ambitionen. Woody Allen schwelgt hier in Nostalgie für altmodische Romanzen, die zwar mit Witz punkten, sich aber jeglicher Selbstironie verweigern. Damit dürfte es ihm schwer fallen, neue Fans zu gewinnen, und selbst unter seinen größten Anhängern sollten sich wohl nur sehr wenige finden, die Magic in the Moonlight zu den Höhepunkten seiner Vita zählen. Trotzdem hat diese rund 17 Millionen Dollar teure Produktion ihren Reiz und dürfte vor allem bei jenen Anklang finden, denen es nach sorgloser Kinounterhaltung mit Esprit dürstet.

Das liegt zum größten Teil darin begründet, wie toll die Hauptdarsteller aufgelegt sind: Als scheinbar naive, in Wahrheit aber trickreiche Seherin weiß The Amazing Spider-Man-Aktrice Emma Stone mehrmals, die Szene an sich zu reißen und für diverse Lacher zu sorgen. Colin Firth übt sich derweil mit ansteckender Freude in seiner Paraderolle als stocksteifer, leicht schusseliger Snob. Zudem stimmt die Chemie zwischen ihnen: Eine kleine Prise Slapstick und zahllose amüsante Wortgefechte machen die Begegnungen zwischen Sophie und Stanley zu einer warmherzig-vergnüglichen Angelegenheit. Die größte Schwäche dieser Komödie ist dagegen ihr etwas schluderig geschriebener Plot: So amüsant die Dialoge sind und so einleuchtend Stanleys wankenden Positionen gegenüber wahrer (?) Magie, die aufkeimende Romanze zwischen seinen Protagonisten hat Allen klar übers Knie gebrochen. Wodurch die Charakterentwicklung und der Schlussakt enorm an Wirkung verlieren.

Darüber hinaus tut sich Kameramann Darius Khondji schwer, die austauschbare Story auf wirkliches Kinoformat zu heben. Nur das schwärmerische Flair, das die Darsteller und ihre Kostüme seinen überbelichteten, uninspirierten Bilder verleihen, verhilft Magic in the Moonlight auf ästhetischer Ebene zum Sprung vom edlen Fernseh- zum Kinofilm. Dessen ungeachtet wecken Autorenfilmer Woody Allen, Colin Firth und Emma Stone vor träumerischer Kulisse Sehnsüchte nach vergangenen, simpleren Zeiten. Das mag angesichts der zuvor erläuterten, möglichen Lesart dieser Komödie paradox erscheinen und so vielleicht einen weiteren Kritikpunkt darstellen. Andererseits ist der Charme dieser einfachen, netten filmischen Urlaubsreise so bestechend, dass mit genügend Willen ihre inneren Widersprüchlichkeiten ebenso abgeschüttelt werden können wie ihre Seichtheit.

Fazit: Der nimmermüde Woody Allen ergänzt sein Œuvre durch Magic in the Moonlight um ein schlichtes Werk, das dank Emma Stone und Colin Firth sowie leichtfüßiger Dialogwechsel ein gewisses altmodisch-unbedarftes Charisma hat.

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