Dienstag, 26. Mai 2015

Mr. Turner - Meister des Lichts


Das Historiendrama Mr. Turner – Meister des Lichts ist nicht einfach nur eine weitere Künstlerbiografie. Für Regisseur Mike Leigh ist diese internationale Koproduktion ein Passionsprojekt. Mehr noch: Sie ist eine selbst auferlegte, immense Herausforderung. Ende 2013 erklärte der mehrfach prämierte Dramatiker im Gespräch mit dem britischen Magazin 'The Guardian', er beabsichtige mit seinem Film, bestmöglich die berückende Paradoxie der Gemälde J. M. W. Turners einzufangen. Diesen gelingt es, so Leigh, ihren Betrachter „die tiefe, vollendete, geistige und unendliche Schönheit und zugleich das entsetzliche Drama spüren zu lassen, was es bedeutet, auf dieser Welt zu sein“.

Hohe Ansprüche, die der Verantwortliche hinter Filmen wie Another Year oder Lügen und Geheimnisse erhebt. Aber selbst wenn Leigh auf dem Weg zu diesem Ziel kein leicht zugängliches Geschichtsstück gedreht hat, wird Mr. Turner – Meister des Lichts seinen Aspirationen gerecht. Dem geneigten Zuschauer entfaltet sich in den rund 150 Filmminuten ein faszinierendes Porträt in starken Bildern, das sich formal ebenso ungezwungen wie wirkungsvoll der künstlerischen Neigung seines Protagonisten anpasst.

Eine Handlung im klassischen Sinne gibt es daher nicht. Leigh reiht ohne stärkeren roten Faden diverse Anekdoten aneinander, die von den letzten 25 Jahren des einflussreichen Marine- und Landschaftsmalers Joseph Mallard William Turner (Timothy Spall) berichten. Es wird ersichtlich, dass er mit seinen lichtdurchfluteten, dezent abstrakten Bildern zu seiner Schaffenszeit von Kunsthistorikern gefeiert, von Kollegen trotz einiger Häme geachtet und vom Volk verlacht wurde. Sein grober Umgang mit seiner Haushälterin Hannah Danby (Dorothy Atkinson) zeigt auf, welch schroffer Rüpel er sein konnte. Seine Neugier gegenüber wissenschaftlichen Errungenschaften jeglicher Art zeichnet ihn aber auch als offenen, geistreichen Mann. Und das zärtliche Verhältnis zu seinem Vater William (Paul Jesson) macht seine empfindsame Seite bewusst …

Mr. Turner – Meister des Lichts ist nicht daran gelegen, seinem Publikum im Detail sämtliche überlieferten Fakten über seine Titelfigur nachzuerzählen. Die Handlung springt mehrmals nach vorne, so dass ganze Monate oder teils Jahre im Leben des hochproduktiven Künstlers ausgelassen werden. Da dieser obendrein ein wortkarger Zeitgenosse war, wird schon recht früh in diesem Prachtwerk Mike Leighs deutlich: Der Zuschauer hat es hier weniger mit einem dramatisierten Abriss eines beachtenswerten Lebens zu tun, viel mehr breiten sich auf der Leinwand Impressionen aus der Biografie dieses begnadeten Malers aus. Durchaus angemessen, immerhin dreht sich dieses unter 15 Millionen Dollar teure Prachtwerk über einen Pionier der romantischen Kunstperiode, der lange bevor der Impressionismus ein Begriff war, eben dessen Merkmale bravourös für sich beanspruchte.

Die gewiefte Vereinigung von Form und Inhalt in Mr. Turner – Meister des Lichts wird durch eine nahezu mustergültige Umsetzung dieses Konzepts abgerundet. Das Fehlen eines die über zwei Stunden Laufzeit durchziehenden Spannungsbogens wird von der narrativ geschickten Dramaturgie der einzelnen Sequenzen abgefedert: Egal, ob Leigh und der großartige Hauptdarsteller Spall in aller Ausführlichkeit zeigen, wie Turner nach dem Tod seines Vaters zusammenbricht, oder ob grandiose humorvolle Szenen wie eine Smalltalkrunde sich übertrieben gewählt ausdrückender Reicher für etwas Licht in diesem emotional sonst so tristem Drama sorgen. Wer sich auf die mit aller Gelassenheit voranschreitende Erzählweise einlässt, wird mit reichhaltigen Handlungsepisoden und einem völlig hinter seiner Rolle verschwindenden Timothy Spall belohnt.

Aber nicht nur der sich zeitweise nur durch Ächzen, Stöhnen und Grunzen verständigende Maler, dessen Gedankenwelt Spall mit vielschichtiger Mimik nachzeichnet, weiß zu überzeugen. Jeder Teil des großen Mr. Turner-Ensembles erweckt eine runde Figur zum Leben, die dieses vorzüglich ausgestattete Porträt des frühen bis mittleren 19. Jahrhunderts aufwertet. Den wertvollsten Beitrag liefert allerdings Kameramann Dick Pope, der mit seinen stillen, von seicht gelblichem Licht geprägten Bildern den Stil Turners würdevoll nachahmt – und mitunter die Grenzen verschwimmen lässt: Sieht man auf der Leinwand gerade ein Bewegtbild oder doch eines der Landschaftsgemälde Turners?

Allein die eintönigen Musikkompositionen Gary Yershons, die das wundervoll gefilmte Geschehen all zu trist begleiten, trüben ein wenig den Gesamteindruck dieses unvergleichlichen Kunstwerks eines Biopics. Stark gespielt, in malerischen Bildern eingefangen und von seiner spröden Eleganz geprägt – Mr. Turner – Meister des Lichts ist wahrhaftig bemerkenswert!

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