Mittwoch, 28. Oktober 2015

Crimson Peak


Seit Jahren warte ich, genauso wie unzählige weitere Disney-Fans, darauf, dass Guillermo del Toro seine Ankündigung wahr macht und endlich einen Film über ein Geisterhaus dreht. Nicht über irgendein Geisterhaus, wohlgemerkt, sondern über ein ganz bestimmtes: Über die Haunted Mansion. Die Disney-Kultattraktion wurde zwar bereits 2003 verfilmt, jedoch ist die mit Eddie Murphy in der Hauptrolle aufwartende Komödie Die Geistervilla ein sehr müder, mitunter sehr nerviger Versuch, den Mix aus Humor und Schauer zu rekreieren, der die Disney-Geisterbahn ausmacht. Del Toro, seines Zeichens großer Liebhaber der Haunted Mansion, hegt daher seit Jahren den Traum, eine neue, bessere Adaption des Fahrgeschäfts auf die Beine zu stellen. Disney zeigt daran zwar Interesse, allerdings steckt das Projekt aufgrund allerlei Kleinigkeiten noch immer in der Development Hell fest.

Insofern ist Crimson Peak sowohl für del Toro als auch für sein Publikum so etwas wie ein Zeitvertreib: Es ist ein Film, der in einem schaurigen, großen Anwesen angesiedelt ist. Er erzählt eine Geschichte, in der Geister eine Rolle spielen. Und ... das war es eigentlich schon mit den Parallelen. Dennoch überbrückt es die Wartezeit auf Haunted Mansion und gibt dem Zuschauer einen Vorgeschmack darauf, was del Toro alles mit einem solchen Setting anzustellen vermag. Auf die exakt gleiche Kernzielgrupe haben es die beiden Projekte wohlgemerkt nicht abgesehen: Während Haunted Mansion nahezu garantiert maximal mit einem PG-13 daherkommen wird, erhielt Crimson Peak in den USA das härtere R-Rating, was sich in der Thematisierung von Sexualität sowie in sehr grafischen Gewaltspitzen äußert. Dessen ungeachtet ist der von Guillermo del Toro und Matthew Robbins verfasste, 55 Millionen Dollar teure Film kein konventioneller Geisterschocker. Denn weder dreht sich die Handlung zentral um die übernatürlichen Wesen, noch ist sie primär auf Thrills und Schreckmomente angelegt. Stattdessen ist Crimson Peak ein wohlfeiner Rücksturz in die Zeit dunkelromantischer, melancholischer Gothic-Erzählungen, die von Tragik, Schicksalsschlägen und einer gezielt unwohlen Atmosphäre durchzogen sind.

Im Mittelpunkt der im 19. Jahrhundert angesiedelten Ereignisse steht die nach einer Autorenkarriere strebende Edith Cushing (Mia Wasikowska). In ihrer frühen Kindheit wurde sie von einer Geisterbraut heimgesucht, die ihr eine Warnung entgegen krächzte: Edith solle sich vor Crimson Peak hüten. Mit diesen Worten konnte Edith wenig anfangen, doch als den vorwärts denkenden Adligen Sir Thomas Sharpe (Tom Hiddleston) kennen lernt, gewinnen sie doch noch an Bedeutung. Allerdings hat Edith andere Sorgen. Etwa, dass Thomas' Schwester Lucille (Jessica Chastain) ihr gegenüber beängstigend unterkühlt auftritt. Und auch Ediths Jugendfreund Dr. Alan McMichael (Charlie Hunnam) misstraut den Sharpes ...

Die Geschichte wird von del Toro und Robbins unerwartet geradlinig erzählt: Edith, von Wasikowska zierlich und dennoch kämpferisch dargeboten, verliebt sich in den weltmännischen, aber auch zurückhaltenden Thomas Sharpe. Diese Einigung wird von Ediths Vater (Jim Beaver) nicht wohl geheißen, sie kommt trotzdem zustande, und dann wird Edith von Zweifeln erfüllt. Es gibt keine nennenswerten Subplot (Alans eigene Ermittlungen in Sachen Sharpes nehmen kaum Raum ein), und die Geister sind eher ein thematisches, die Atmosphäre verdichtendes Element als ein zentraler Handlungspunkt. Je nach Erwartungshaltung droht Crimson Peak daher zu enttäuschen, jedoch sorgt diese Erzählweise auch für eine durchgehend einheitliche schwarzromantisch-bittersüße Stimmung. Edith ist endlich wieder eine Horrorprotagonistin, deren Schicksal nicht gleichgültig bleibt, und die Beziehung zwischen ihr und einem engagierten, wenngleich klar in seinem Rollenschema verharrendem Tom Hiddleston hat bemerkenswerten Charme. Die Enthüllungen, die Edith gegen Ende des Films über ihn macht, sind zwar vorhersehbar, doch dies trübt den Sehgenuss nur in geringem Maße: Del Toro setzt diese Twists nicht so in Szene, als sei ihr Überraschungsfaktor das Entscheidende. Allein, dass die leise vorbereitete Wende tatsächlich eintritt, hat aufrund der Konsequenzen für Edith ausreichend Wirkung.

Zudem trägt eh Jessica Chastain die zweite Hälfte von Crimson Peak, als wäre es ihre leichteste Übung: Die Oscar-nominierte Darstellerin spielt die Rolle der garstigen Schwester mit beeindruckender Inbrunst und fast schon minütlich steigernder Intensität. Völlig blass bleibt indes Fifty Shades of Grey-Beinahefrontmann Charlie Hunnam, der sich etwas steif durch seine Szenen manövriert. Die ärgste Schwäche des Films stellt er daher wohlgemerkt noch nicht da. Dabei handelt es sich um die raren, aber stets übel aufstoßenden Computeranimationen: Diese sind zwar detailreich gestaltet, allerdings ist das Shading so schlecht, dass sie aus dem Retro-Design von Crimson Peak herausstechen. Weshalb del Toro, der ja in Hellboy und Pans Labyrinth seine Liebe für praktische Effekte bewiesen hat, hier nicht auf Effektschminke, Puppen und Stop-Motion gesetzt hat, bleibt ein Rätsel. Die Szenenübergänge sind mit ihren Auf- und Abblenden ja auch herrlich altmodisch geraten, was der Stimmung der Story zuträglich ist und zudem zu den verlebten, detailreichen Kostümen und den herausragenden Requisiten passt. Der vergammelte, staubige, vergangenen Glanz vermittelnde Schauplatz von Crimson Peak ist für jeden Gothic-Horrorfreund ein gewaltiger Augenschmaus - und der eindringlichste Aspekt des Films.

Fazit: Crimson Peak ist nicht der Horrorschocker, den das Marketing aus ihm machen will, sondern ein wunderbar altmodisches, makaberes Grusel-Romantikstück mit guten Darstellern und einem hervorragenden Look.

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