Donnerstag, 26. November 2015

A Most Violent Year


New York City. The Big Apple. Eine Metropole mit Charakter, mit einer unzählige Menschen inspirierenden Ausstrahlung – und mit einer Historie, die von mehreren Rückschlägen geprägt ist. Einen dieser Tiefpunkte stellen die frühen 80er-Jahre dar. Im Fahrwasser der Ölkrise, um sich greifender Korruption und herber Budgetkürzungen des kommunalen Apparates verlor New York City vorübergehend seinen Glanz, seine Identität, seine Ordnung. Aus der beliebten, lebendigen Großstadt wurde ein stinkender, kaum regulierter Moloch schlecht kontrollierter Aggressionen. Die Kriminalitätsrate erlebte zu dieser Zeit einen gewaltigen Anstieg, wobei der vorläufige Höhepunkt 1981 erreicht wurde. Vor diesem Hintergrund erzählt Autorenfilmer J. C. Chandor (Der große Crash – Margin Call, All is Lost) in A Most Violent Year die fiktive, aber höchst plausible, Geschichte eines geschäftigen Immigranten, der sich inmitten dieser moralischen Korruption den amerikanischen Traum erfüllen will.

Abel Morales (Oscar Isaac) arbeitet seit Jahren verbissen daran, eine große Nummer im Heizölgeschäft zu werden. Auf dem Weg nach ganz oben in diesem hart umkämpften Geschäft entsagt er vehement der steten Versuchung, es seinen übel tricksenden Kollegen gleichzutun. Er mag vielleicht die Steuern minimal frisiert haben, ansonsten rühmt sich Abel damit, ein guter, ehrlicher Geschäftsmann zu sein – daher pflegen er und seine Frau Anna (Jessica Chastain) auch keinerlei Verbindungen zum früheren Besitzer der Firma: Annas Vater, einem berüchtigten Gangsterboss. Abel duldet in seiner Nähe nicht einmal Schusswaffen – weder im eigenen Haus, noch dürfen seine Fahrer welche bei sich tragen. Dabei werden diese neuerdings vermehrt zu Opfern bewaffneter Überfälle, weshalb sie Abel unter Druck setzen, mehr für ihre Sicherheit zu tun. Abel plagen aber viel größere Probleme: Um sein Unternehmen zu vergrößern, möchte er ein weitläufiges Industriegelände erwerben, benötigt zum Abschluss des Kaufs aber noch einen Betrag in Millionenhöhe. Und ob ihm die Banken ein Darlehen genehmigen, wird mit einem Schlag fraglich, als ein ehrgeiziger Staatsanwalt (David Oyelowo) ankündigt, den Ölfirmen strengstens auf die Finger zu schauen – insbesondere Abels Buchhaltung interessiert ihn …

Drei ereignisreiche, von Rückschlägen und Bedrohungen durchsetzte Tage im Leben eines unbiegsamen, selbstgerecht auftretenden Unternehmers. Erzählt in rund zwei Filmstunden. Zwei Stunden, die in aller Breite das Gefühl transportieren, wie sich die Schlinge langsam zuzieht. Innerhalb der Geschichte wie außerhalb. Werkimmanent ist es die Schlinge aus Betrug, Verrat und Tücke, die sich um Abels Hals zieht. Außerhalb dieses Milieu-Thrillerdramas ist es die Schlinge einer langsam die Nerven zerreibenden Anspannung, die von Szene zu Szene immer schroffer wird. Sie ruht immer belastender auf dem Nacken des aufmerksamen Betrachters und transportiert unmissverständlich: Es gibt keinen einfachen Ausweg. Und wir, die Zuschauer, können uns diese kriminalistische Kalamität bloß hilflos mitansehen.

Auf abstrakte Weise teilt sich Chandors dritte Leinwandarbeit daher wenige, doch entscheidende, Züge mit Paul Thomas Andersons gefeiertem Historiendrama There Will Be Blood. Auch diese zweifach Oscar-gekrönte Tour de Force handelt von einem verbissenen Ölunternehmer und generiert ein Gros seiner Spannung aus der zwar unterschwelligen, aber kontinuierlich gellender werdenden, Drohung einer gewaltsamen Eskalation. Der von Daniel Day-Lewis verkörperte Schürfer Daniel Plainview allerdings ist bereits zu Beginn seines Films ein misanthropischer Eigenbrötler, der frei von Skrupeln seinem Tagwerk nachgeht. Abel dagegen vertritt eine gänzlich andere Weltsicht als Plainview oder die zahllosen Protagonisten einschlägiger Gangster-Filme – und bietet dem interessierten Publikum, das weder auf eine abgründige Hauptfigur wartet noch auf literweise Blutvergießen, somit einen für dieses Genre unerwarteten Zugang zur sich allmählich entfaltenden Handlung.

Wimmelt es in Geschichten über den Sirenengesang von Korruption und Gewalt üblicherweise vor manischen Gestalten, sind die Charaktere in A Most Violent Year allesamt geerdet – allen voran der ins Trudeln geratene, stoische Held dieses Stücks. Oscar Isaac spielt Abel nahezu mit steinerner Miene – aber eben nur 'nahezu'. Denn die Gesteinsschicht erodiert, lässt eine vielschichtige Zusammenwirkung zahlloser Faktoren erahnen. Abel kann ängstlich und zugleich völlig von seiner Ehrlichkeit begeistert sein, frustriert und zukunftsgewiss, in Gedanken an seine von Chandor nur angerissenen Vergangenheit verloren und um seinen jetzigen Anschein besorgt. Isaacs Darbietung besticht durchgehend, egal, ob Abel einen ungehorsamem Mitarbeiter ermahnt (Eleys Gabel, der auch für die meisten der harscheren Supsensemomente verantwortlich ist), mit Kollegen verhandelt oder schlicht grübelt und dabei in vieldeutige Stille verfällt.

Zu den Höhepunkten in diesem von einer starken Sequenz zur nächsten gleitenden Thrillerdrama zählen aber jene Augenblicke, in denen Jessica Chastain als Abels modische, selbstbewusste Frau Anna auftaucht. Energisch und mit Raffinesse greift Anna in der Klemme durch, und ist als trickreiche, impulsive Person das klare Gegenteil ihres Ehemanns – ein Bild, das Chastain aber ohne große Gesten zu zeichnen versteht. So ordnet sie sich eindeutig der Grundstimmung dieser leisen Produktion unter, in der das, was gesagt und getan wird, mindestens so bedeutend ist wie das, was nicht geschieht. Auch der in nur wenigen Szenen agierende Brite David Oyelowo gibt eine effektive, unaufdringliche Darbietung und bezwingt jegliche Genreklischees.

In A Most Violent Year herrscht eine grau-graue Mentalität vor, die sich abseits der bei aller Ruhe dennoch unberechenbaren Performances auch in der Kameraarbeit widerspiegelt. Bradford Young fängt den urbanen wie drohenden charakterlichen Zerfall in konturarmen grau-braun-grauen Weitwinkelaufnahmen ein, die eine latente Eleganz aufweisen und so im Zusammenspiel mit den bemerkenswerten Kostümen Kasia Walicka-Maimones einen seichten Hoffnungsschimmer aufrecht erhalten. Umso dramatischer ist Alex Eberts elektronische und symphonische Elemente vereinende Hintergrundmusik, die teilweise den Anschein meditativer Klänge erweckt, welche zunehmend kompromittiert werden. Und schon fühlt man sich wie Abel, fühlt sich unter Druck gesetzt; in einem Moment gefangen, in dem sie Schlinge des Verderbens immer enger wird …

Fazit: Eine Kriminalstudie, die nicht durch ständige Gewalt, sondern deren zunehmend nachdrücklichere Androhung immenses Unbehagen auslöst: J. C. Chandor erschafft mit raffinierten Dialogen und schneidender Stille ein fesselndes Thrillerdrama über die Art von Kompromissen, die man zu tätigen gewillt ist, wenn man sich selbst als unbeugsam behaupten will. Herausragend gespielt, intelligent, lange nachwirkend: Ein filmischer Triumph!

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