Montag, 22. Februar 2016

Der Chor – Stimmen des Herzens



Drama, Komödie, Western, Thriller, Horror und Co. … Genreeinteilungen kennt jeder. Manchmal trifft eine bildhafte Beschreibung den Kern der Sache aber viel besser. Wer etwa kann sich nichts unter einem „Mit einer großen Gruppe Freunde und 'ner Kiste Bier, Chips mampfend die Nacht bekämpf“-Film vorstellen? Neben solchen launischen, lauten, gerne derben Filmen wie Team America: World Police existieren noch diverse situativ definierte Sparten. Dabei gibt es immer eine Faustregel: Die subjektiv empfundene Qualität der Filme, die in solche Kategorien fallen, ist abhängig davon, wie man ganz individuell die perfekt zu ihnen passende Konsumsituation findet.



Ich etwa habe eine kleine Schwäche für Filme, die sich wie folgt treffend beschreiben lassen: „Sonntagnachmittags auf dem Sofa sitzen, natürlich unter einer Wolldecke eingekuschelt, während allmählich eine Tafel Schokolade vertilgt wird.“ Das betrifft etwa die Art Fernsehfilme, wie sie früher in der Disney Filmparade bei RTL oder ProSieben liefen, wenn mal kein wirklicher Disney-Klassiker auf dem Programm stand. Familientaugliche, aber nicht zwingend an Kinder adressierte Geschichten mit optimistischer Grundnote und einem nicht all zu hohen Produktionswert (den die Regisseure im Idealfall aber einzuschätzen wissen). Sowie mit einem Plot, der bei allem Wohlfühlfaktor auch leise-dramatische Momente umfasst.



Obwohl Der Chor – Stimmen des Herzens»nicht aus dem Hause Disney stammt und im Gegensatz zu so manchem Filmparade-Film fürs Kino produziert wurde, weckt die Regiearbeit von François Girard (Silk) genau solche Sofasonntag-Assoziationen:



Der 12-jährige Stet (Garrett Wareing) ist ein Problemschüler mit einer hohen musikalischen Begabung, die an seiner Schule nicht gefördert werden kann. Und auch er selbst steht sich im Weg: Als ihn seine Rektorin mit einem Vorsingen für die renommierte National Boychoir Academy überrascht, rennt er eiskalt davon. Das Schicksal zwingt ihn aber, seine Entscheidung zu überdenken: Seine alleinerziehende Mutter stirbt bei einem Unfall, und sein leiblicher Vater will Stet nicht bei sich aufnehmen, weil er bei einem Seitensprung gezeugt wurde. So wird die Academy zu Stets einziger Möglichkeit, sich bei diesen Vorzeichen eine gute Zukunft zu erarbeiten. Unter der strengen, aber ermutigenden Führung des Chorleiters Carvelle (Dustin Hoffman) und mit Hilfe des freundlichen Musiklehrers Wooly (Kevin McHale) schleift der Rabauke an seinem Talent. Allerdings fällt er der Rektorin (Kathy Bates) und seinen teils sehr snobistischen Mitschülern aufgrund seiner unangepassten Art regelmäßig negativ auf. Kann sich Stet dennoch zu einem guten Jungen mit wunderbarer Singstimme entwickeln ..?

Wer der Kleinproduktion ihre „Kinotauglichkeit“ aberkennen möchte, trifft durchaus einen Nerv: Girard inszeniert diese kleine Geschichte auf grundsolidem, aber zurückhaltendem Niveau. Ohne leinwandfüllende, Gänsehaut erzeugende Bilder qualifiziert sich die bewährte, wenngleich nicht lustlos abgespulte Erzählung genauso gut als namhaft besetzte Fernsehproduktion. Die Kameraführung von David Franco fällt in dieselbe Kategorie: Wenn sich Stet für einige Wochen allein durch das kalte Internat schlägt, kommt kurz eine Atmosphäre auf, die durch eigene Akzente geprägt wird. Ansonsten verlässt sich Franco ganz auf den „Einfach nur die Geschichte rüber bringen“-Modus.

Darstellerisch wird Der Chor – Stimmen des Herzens vor allem durch Dustin Hoffman geprägt, der mit harter Stimme sowie warmherzigen Augen sehr effizient die Figur des taffen, seine Arbeit liebenden und somit inspirierenden Mentors gibt. Obwohl sich der Film klar von der Größe Hoffmans nährt, erweist sich der Oscar-Preisträger erneut als Teamplayer. Er drängt sich in seinen Szenen nie in den Mittelpunkt, sondern punktet mit einer ruhigen Performance, die gerade den Jungschauspielern genügend Raum gibt, sich zu behaupten. Hauptdarsteller Wareing mag in den Phasen, in denen Stet besonders stark rebelliert, einen Hauch zu sehr auftragen, insgesamt überzeugt sein Schauspiel aber: Niemals hölzern, in den wichtigsten Szenen sehr nuanciert und vor allem drückt Wareing nie auf die Tränendrüsen. Bates, McHale und Eddie Izzard unterdessen spielen kleinere Versionen ihrer bekannteren Ichs.

Inhaltlich ist Der Chor – Stimmen des Herzens weit davon entfernt, je zu überraschen. Allerdings ist Ben Ripleys Skript klugerweise auch nicht so strukturiert, dass die Geschichte nur funktioniert, wenn sich der Zuschauer naiver stellt als er ist: Ripley weiß, dass das Publikum die nächsten Schritte erahnen kann, und legt den Schwerpunkt der Geschichte eher darauf, diese Reise vom Außenseiter zum Gesangstalent komfortabel zu gestalten. Dezent eingesetzte Gags, charismatische sowie hoffnungsvoll stimmende Monologe von Dustin Hoffman und vor allem Stets schrittweise erfolgende Entwicklung zum fähigen Chorknaben erlauben es Der Chor – Stimmen des Herzens,  zwar sehr künstlich anmutendes, aber durchaus wohltuendes Balsam darzustellen. Kitschig? Gelegentlich. Entwickelt sich Stets distanzierter Vater sprunghaft? Gewiss! Feiert Girard die (hervorragend gesungene) Chormusik arg naiv als Heilmittel? Mitunter. Alles in allem greifen die charmanten und positiven Elemente allerdings zu gut ineinander, als dass Der Chor – Stimmen des Herzens daher als qualitativer Flop durchginge.



Fazit: Ein vorhersagbarer, sich teils zu behäbig gebender, doch schöner Wohlfühlfilm für Freunde von „Der Außenseiter kämpft sich nach oben“-Geschichten.

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