Samstag, 19. März 2016

Sicario




Nacht. Tiefschwarze Nacht. Nur zwei Autoscheinwerfer sorgen für Licht. Wenig, unfassbar wenig Licht. In diesem Licht stehen sich zwei Männer gegenüber – einer vor Nervosität zitternd. Der andere ist üblicherweise gemeingefährlich, aber nun, im Schatten der Nacht von einer unerwarteten Situation überrumpelt, steht ihm ein undechiffrierbarer Ausdruck ins Gesicht geschrieben. Einige Minuten zuvor versank eine Sondereinsatztruppe während eines den Horizont purpur färbenden Sonnenuntergangs ins satte Schwarz einer einsamen Wüstengegend nahe Mexiko. Diese zwei Szenen stehen stellvertretend für die Bildsprache der neusten Regiearbeit des kanadischen Filmemachers Denis Villeneuve: Wenn sich Sicario in Dunkelheit verliert, so ist es keine Film-Dunkelheit. Hier erstrahlen Gesichter nicht in einem schmucken Ultramarineblau. Die Dunkelheit ist hier stockfinster.



Nicht, dass der Tag einladender wäre: Gleißendes Weiß, das jedes noch so kleine Staubkorn offenbart, das sich im Wind wiegt. Giftiges Gelb-Braun, das sich in die Augen brennt und den Betrachter an Krankheit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit denken lässt. Meister-Kameramann Roger Deakins (No Country For Old Men, Skyfall) versteht es, die Schauplätze dieses Drogenthrillers so einzufangen, dass sie abstoßen. Dass sie schon auf dem ersten Blick einen Fluchtimpuls oder zumindest ein tief sitzendes Unbehagen auslösen. Paradoxerweise, und das macht eine Legende wie Deakins erst zur Legende, überträgt sich dieses Unwohlsein, mit dem die Szenerie behaftet ist, nicht auf den eigentlichen Film. Die Kameraarbeit geht in Sicario mit zu präzisem Auge und zu kunstvoller Hand vonstatten, als dass sie den Kenner nicht erstaunen lassen würde. Und selbst wenn der großartige, mehrfache Oscar-Anwärter die beste Leistung unter den Sicario-Verantwortlichen verantwortet, so lässt sich dieses Urteil auf praktisch alle relevanten Aspekte dieses Thrillers anwenden …



Im Mittelpunkt der zu gleichen Teilen bedrückenden wie fesselnden Story steht Emily Blunt als Kate Macer. Blunt spielt die erfahrene und verbissene FBI-Agentin mit stiller Intensität. Mit wenigen Worten, aber subtiler Mimik und einer zurückhaltenden, aber vielsagenden Gestik verleiht die Mimin ihrer Rolle einen gestrengen Charakter. Kate befolgt stur die Regeln und will mit dieser Haltung sowie mit Zähheit für Recht sorgen. Als sie aber in eine Spezialeinheit eingeladen wird, die sich an die Fersen eines Kartellbosses macht, landet die taffe Agentin in einer Welt, die auf beiden Seiten der Rechtsprechung viel härter ist als alles, was sie zuvor erlebt hat. So schleicht sich auch ein leises Gefühl der Überforderung in Kates Gestus, vermengt mit einer sie treibenden Neugier: Wozu bin ich eigentlich in diesem Team?



Denn Geheimdienstler Matt Graver (Josh Brolin) hat abseits eines unentwegt zwischen einladend und selbstgefällig schwankendem Grinsen nicht viel, das er Kate bietet. Von sich aus gibt er kaum Informationen über die gemeinsame Mission, und wenn Kate nachbohrt, bleibt er zumeist sehr kryptisch. Kaum besser ist da der undurchsichtige Alejandro (Benicio Del Toro), der offenbar als Berater fungiert und eine tragische Vergangenheit hat – sowie ein dunkles Glimmern in seinen Augen. Dass Kates fähiger, aber wenig erfahrener Kollege Reggie (Daniel Kaluuya) aufgrund seiner Jurakenntnisse nicht in die Sondereinheit darf, gibt zusätzliche Rätsel auf ….

Obwohl Sicario angesichts der vielen offenen Fragen, die lange Zeit im Raum schweben, eingangs eine andere Vermutung nahe liegt, ist Drehbuchautor Taylor Sheridan nicht daran interessiert, einen wendungsreichen Verschwörungsthriller zu erzählen. Stattdessen zieht er Sicario als geradlinige Geschichte über den Kampf der US-Behörden gegen ein Kartell auf – bloß, dass Sheridan das Publikum über weite Strecken auf dem Informationsstand des Neulings Kate belässt. Die Gründe, weshalb sich niemand darum bemüht, Kate – und somit die Zuschauer – ausführlich zu informieren, sind wiederum mit dem eigentlichen Thema des Films verquickt. Denn während Sicario nach außen hin sehr gut als betrüblicher, aufgrund seiner dichten Atmosphäre brodelnder Thriller mit wenig, dafür schneidender Action funktioniert, referiert der Film zwischen den Zeilen über Grau-Graue-Moralität. Und darüber, dass es in der Drogenbekämpfung keine einfachen Antworten gibt.



Zwar bietet Sheridan trotz der von ihm betriebenen, weit reichenden Recherchearbeit nur wenig neue Erkenntnisse. Jedoch verpackt er diese in einen in sich schlüssigen, mitreißenden Thriller, der sich nie wie ein Lehrstück schaut. Sondern stets wie ein sich langsam steigernder, grimmer Actionthriller für ein Publikum, das auch mal zwei Stunden auf Hoffnungsschimmer und rasantes Spektakel verzichten kann. Zwischendurch dürfte Kate angesichts der Geschehnisse zwar gern etwas aktiver, auflehnender handeln, dafür punktet der Film aber mit einem persönlichen, antiklimatischen Schluss. Effekthascherei braucht Sicario nicht. Mit präzisem Schnitt, beißenden Soundeffekten und einem tiefen, bedrohlichen Bass, der die kraftvolle Hintergrundmusik von Jóhann Jóhannsson dominiert, bringt Sicario auch so das Adrenalin zum Kochen. Und der Prisoners-Regisseur Denis Villeneuve fundamentiert seine Stellung als Schöpfer eindrucksvoller, ruhiger, unter die Haut gehender Stoffe.


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