Montag, 16. Mai 2016

Die Wahlkämpferin



Es gibt Regisseure wie Stanley Kubrick, Quentin Tarantino oder, ja, auch Michael Bay: Regisseure mit einer klar erkennbaren Handschrift, die sich zu einer eigenen Marke aufgeschwungen haben. Dann gibt es Regisseure wie John Lee Hancock, Jon Turteltaub oder Francis Lawrence, die ihr Handwerk verstehen, aber in keinem Genre zu Hause sind und stilistisch unterschiedliche Filme abliefern. Und dann gibt es diese Wundertüten wie David Gordon Green, bei denen der Zuschauer nie weiß, woran er ist. Green etwa verwirklicht einfühlsame, mutige Filme wie das Jugenddrama George Washington und geachtete Rachedramen wie Undertow – Im Sog der Rache oder Joe – Die Rache ist sein, aber auch miese, infantile Komödien wie Your Highness – Schwerter, Joints und scharfe Bräute oder Bad Sitter.

Mit Die Wahlkämpferin präsentiert sich Green schon wieder von einer neuen Seite: Er vermengt Elemente eines Politdramas mit flottem, teils überzogenem Humor und einer sehr vorsichtig agierenden Satire. Somit liefert Green, dessen Arbeiten zumeist „Top oder Flop“ sind, ausnahmsweise auch eine Regiearbeit ab, auf die viel eher das Fazit „in Ordnung“ zutrifft. Was durchaus schade ist, immerhin diente als grobe Inspiration zu dieser Polit-Dramödie die gefeierte Dokumentation Our Brand is Crisis.

Wie besagte Dokumentation, deren Titel Die Wahlkämpferin im englischsprachigen Original 1:1 übernimmt, handelt die George-Clooney-Produktion davon, das eine US-amerikanische Agentur für politische Beratung angeheuert wird, um einem der Kandidaten in der bolivianischen Präsidentschaftswahl unter die Arme zu greifen. In der Realität des Films ist es der frühere bolivianische Präsident Pedro Castillo (Joaquim de Almeida), der wieder ins Amt gewählt werden möchte und sich daher teure Hilfe erkauft. Da der uncharismatische, gestrenge Politiker in den Umfragen weit hinterherhinkt und generell als unpopulär gilt, brauchen aber selbst die US-Profis (Ann Dowd und Anthony Mackie in wenig einprägsamen Rollen) Unterstützung. Also holen sie die legendäre Jane Bodine (Sandra Bullock) ins Boot, die in der Branche Legendenstatus innehält, sich nach einer tragisch außer Kontrolle geratenen Kampagne jedoch zurückgezogen hat. Gemeinsam mit ihrer wandelnden Geheimwaffe LeBlanc (eiskalt und faszinierend: Zoe Kazan) mischt Bodine den Wahlkampf ordentlich auf – erhält aber schwere Konkurrenz in Form ihres Erzrivalen Pat Candy (Billy Bob Thornton), der den vielversprechendsten Kandidaten berät. Doch zum Glück lernt Bodine den Castillo-Unterstützer Eduardo (Reynaldo Pacheco) kennen, dessen Eifer die Wahlkampfarbeit erleichtert …

Aller Anfang ist nicht nur für die unberechenbare, energievolle und chaotische Jane Bodine schwer, die zunächst keinen Ansatz findet, wie sie den stoischen Castillo dem bolivianischen Volk schmackhaft machen kann. Auch inhaltlich und qualitativ ist bei Die Wahlkämpferin aller Anfang schwer: In Bolivien angelangt, verbringt Bodine die ersten Filmminuten damit, in Eimer zu reihern, weil sie die dünne Luft im südamerikanischen Land nicht verträgt. Wenn sie sich nicht gerade übergibt, mampft sie Kartoffelchips oder hängt an einer Sauerstoffflasche. Weder sind diese Gageinlagen pointiert geschrieben, noch vermag es Green, sie gewitzt zu inszenieren. Sobald Bodine allerdings einen Geistesblitz hat und beschließt, Castillo im Wahlkampf als Fels in der Brandung darzustellen, kommt der Film endlich ins Rollen – auch daher, weil Sandra Bullock in diesem Moment von der Leine gelassen wird.

Dass sich Bodine schlagartig an die bolivianische Luft gewöhnt, mag unplausibel sein, diese kleine Logikfrage ist allerdings ein bezahlbarer Preis dafür, dass Bullock eine Performance zum Besten gibt, die auch einem deutlich stärkeren Film hervorragend zu Gesicht stehen würde: Die Oscar-Preisträgerin entwickelt als belesene, sarkastische Polit- und Marketingexpertin eine bemerkenswerte Sogkraft und vermag es auch, selbst die teils sehr pathetisch geschriebenen Motivationsreden Bodines überzeugend rüber zu bringen.

Wenn durch Bodines Einfälle und ihrer Energie der Wahlkampf Castillos in bester „Vom Versager zum Spitzenreiter“-Erfolgsmanier vorangetrieben wird, gewinnt Die Wahlkämpferin eine reizvolle Doppelbödigkeit: Green inszeniert die Handlung mit der Schmissigkeit einer Sportkomödie in der Tradition von Mighty Ducks und ähnlichen Filmen, er zelebriert, wie ein vermeintlich verlorener Kandidat in den Umfragen nach oben schnellt. Gleichwohl kehrt das Drehbuch von Peter Straughan nie unter den Teppich, dass Castillo nur durch hochtrabende Werbetricks an Zugkraft gewinnt. Selbst wenn Die Wahlkämpferin erst gen Schluss der harschen Wirklichkeit solcher Methoden Aufmerksamkeit widmet, so wird durchweg klar, dass sich der Zuschauer (wie auch das fiktionalisierte Volk Boliviens) auf Manipulation einlässt, um jemanden feiern zu können.

Während Joaquim de Almeida eine solide Arbeit als kantiger Politiker leistet, und Bullock so einige Steilvorlagen für ironische Spitzen liefert, stellt Billy Bob Thornton als Bodines Erzrivale einen schwerwiegenden Schwachpunkt dar: Thornton agiert paradoxerweise gleichzeitig sehr spröde und vollkommen übertrieben. Während die Monologe seiner Rolle nicht zünden, geht Green in den Montagesequenzen auf, die er mit launigem Sound und dezenter Absurdität versieht. Die Kurve zurück zur Dramatik gelingt ihm im Anschluss daran aber nicht immer auf Anhieb, genauso wie die ernste Schlussnote nicht genügend nachhallt, um der erarbeiteten Fallhöhe gerecht zu werden. Ein unterhaltsamer, wenn auch qualitativ unsteter Film mit milder Politsatire ist dem undurchschaubaren Regisseur trotzdem gelungen. Auch wenn sich dem geneigten Weather Man-Fan die Frage aufdrängt: Was hätte jemand wie Gore Verbinski aus diesem Stoff rausholen können?

Fazit: Eine starke Sandra Bullock, einige pointierte Momente und eine Story, der es letzten Endes an Pepp mangelt: Die Wahlkämpferin ist ein ansehnliches Polit-Satiredrama, das seinem Potential hinterherhinkt.

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