Sonntag, 16. Oktober 2016

Green Room


Der unabhängige Autorenfilmer Jeremy Saulnier begann seine in Kritikerkreisen begeistert verfolgte Karriere mit der kurzen, knackigen Horrorkomödie Murder Party. Seinen Durchbruch hatte Saulnier bald darauf mit Blue Ruin, einem herben Stück Suspensekino, durch das sich eine leichten Note rabenschwarzer Komik zieht. Nun, nach der blauen Ruine, folgt für Saulnier der sogenannte Green Room, jene Rückzugsstätte, die auftretenden Künstlern hinter den Kulissen ihrer Spielstätten geboten wird. In diesem 95-minütigen Slasherthriller wartet auf eine Truppe Punks allerdings nicht etwa ein Kasten kühles Bier, sondern eine beängstigende Gefahrensituation: Eine Gruppe Skinheads hat es auf sie abgesehen. Was sich unter Saulniers stringenter Regieführung aus dieser Situation entwickelt, ist weit mehr als ein konventioneller Slasher, der mit Metzeleffekten die Frage „Wer stirbt als nächstes?“ stellt. Der 1977 geborene Filmemacher erschafft mit präziser Hand einen hochspannenden, finsteren Exploitationfilm, der frei von Ironie ist.

Die kleine, sich ganz anachronistisch gegen Webmarketing wehrende Punkband The Ain't Rights hat sich mit ihren Grundsätzen an den Rand des Ruins gesteuert. Als sie sich mit den letzten Litern Benzin in den Nordwesten der USA aufmacht, und ihr der dort versprochene Gig wegbricht, gehen die Bandfinanzen endgültig zu Grunde. Völlig verzweifelt nehmen Gitarrist Pat (Anton Yelchin) und Co. daher das Angebot an, in einer fragwürdigen Kaschemme aufzutreten – selbst wenn sie gewarnt werden, dass dort die rechte Szene stark vertreten ist. Und diese Warnung war sogar noch untertrieben … Dennoch provozieren die Musiker ihr Publikum mit dem Protestklassiker „Nazi Punks Fuck Off“ der Dead Kennedys. Vor dem dummen rechten Pack haben sie ja nichts zu befürchten, von ein paar Flaschen, die gen Bühne geschleudert werden, mal abgesehen … Denken die Punks zumindest! Als Gitarristin Sam (Alia Shawkat) aber eilig in die Umkleide zurückkehrt, stolpert sie prompt in einen blutigen Tatort. Da die Veranstalter unmöglich rebellierende Punks davonziehen lassen können, die zudem noch einen Mord bezeugen können, sperren sie The Ain’t Rights in den Green Room und rufen Barbesitzer Darcy Banker (Patrick Stewart), damit er einen Weg findet, das Problem zu beseitigen …

Saulnier eröffnet sein Beinahe-Kammerspiel mit einer vergleichsweise ausführlichen Vorstellung der Punks: Sie kurven durchs Land, haben eine Panne, treffen sich mit einem unfähigen Veranstalter, haben einen lachhaften Auftritt und erhalten dann endlich ihren schicksalshaften Gig. Diesen Hinweg bestückt der Autorenfilmer mit allerlei sprödem Witz: Jeder, der schon einmal mit Mitgliedern einer kleinen Band gesprochen hat, wird erkennen, wie viel pointierte Wahrheit im Geplänkel und Gezanke dieser Musikgruppe steckt. Und auch der oberpeinliche Mini-Gig der The Ain't Rights verleiht dem insgesamt etwas schwunglosen Einstieg launigen Humor, der daraufhin schrittweise eingedämmt wird, bis er bloß noch in Form von vereinzelten Galgenhumor-Kommentaren der Protagonisten übrig bleibt.

Was dafür nach dem Protestauftritt der Punks rapide zunimmt, ist der Aspekt der Suspense: So leichtsinnig die Helden mit ihrem Anti-Nazisong auch gehandelt haben mögen, sobald sie sprichwörtlich mit dem Rücken zur Wand stehen, handeln sie wesentlich smarter als handelsübliche Slasheropfer – ohne aber plötzlich zu raffinierten Kampfstrategen zu mutieren. Die Schauspieler verkörpern glaubwürdig die Panik ihrer Figuren, verleihen ihnen aber zugleich eine für Erdung sorgende Entschlossenheit sowie Überlebenswillen. Saulier lässt seine Helden, denen er mit der einer anderen Band zugehörigen, unberechenbaren sowie kernigen Amber (stark: Imogen Poots) eine Art Joker zur Seite stellt, mal fruchtende, mal nahe liegende, doch dumme Entscheidungen treffen. Die Skinheads gehen wiederum zwar erwartungsgemäß blutrünstig vor, beweisen unter der Führung Bankers aber auch ein beängstigendes Gespür für Strategie und Vorsicht. Somit kreiert Saulier eine Dynamik, die es nahezu unvorhersehbar macht, welche der beiden Parteien wann und wie die Überhand gewinnt.

Dazu trägt auch die knallharte Gewalt bei, die Saulier stets in Form harscher, schockierender Eskalationen zeigt, statt sie in ausschweifenden, sich an der beachtlichen Effektarbeit ergötzenden Splatterszenen zu verwirklichen. Von zerbissenen Kehlen über eine arg angeknackste Hand hin zu Gedärmen und heftigen Schusswunden: Green Room ist wahrlich kein Film für zimperliche Filmfreunde, zumal die Gewaltspitzen dank Julia Blochs messerscharfem Schnitt die Dramatik der sich auf der Leinwand abspielenden Situationen mit Nachdruck verstärken. Eingebettet in das superdreckige Bühnenbild (verantwortet von Ryan Warren Smith) steigert sich das dramaturgisch ausgeglichene Katz-und-Maus-Spiel zu einem launenhaften sowie einfallsreichen Finale, auf das Saulier auch gar nicht erst einen schwafeligen Epilog folgen lässt, womit Green Room praktisch auf dem Höhepunkt endet.

Fazit: Auch wenn der Beginn einen Takt schneller erfolgen dürfte, ist Green Room letztlich ein schnörkelloser, packender Slasherthriller, der weder bei der Gewaltdarstellung Kompromisse macht, noch beim ausgefeilten Vorgehen seiner Figuren.

Diese Rezension erschien zuerst bei Quotenmeter.de

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