Donnerstag, 1. Dezember 2016

Mit besten Absichten


Lorene Scafaria mag bislang leider selbst unter Filmliebhabern kein geläufiger Name sein. Trotzdem sollte die Regisseurin des tragikomischen Steve-Carell-/Keira-Knightley-Vehikels Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt nicht zu schnell unterschätzt werden. Denn mit nur zwei Kinoarbeiten empfiehlt sich die Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht-Autorin bereits als großes Talent in einem allmählich aussterbendem Fach: Der Hollywood-Produktion zwischen Drama und Komödie, die trotz namhafter Schauspieler nur eine kleine, gefühlvolle, doch nicht tränenzieherische Geschichte erzählt.

Schon mit der bereits erwähnten, atypischen Weltuntergangsgeschichte zeigte Scafaria ihr Geschick darin, durch behutsam eingesetzte Überzeichnungen eine charaktergetragene, emotional geerdete Erzählung selbst ohne aggressives Gagfeuerwerk unverschämt humorvoll zu gestalten. Mit ihrer zweiten Regiearbeit beweist die gelegentlich auch als Sängerin aktive Filmemacherin, dass sie diesen ungezwungenen Tanz zwischen frohgemut und niedergeschlagen wahrlich aus dem Effeff beherrscht: Anders als Scafarias Debüt verzichtet Mit besten Absicht auf einen derart griffigen Storytelling-Köder wie den Untergang der Menschheit. Stattdessen dreht sich alles bloß darum, dass eine klammernde Mutter zu lernen versucht, etwas anderes mit ihrer Zeit anzufangen, als ihre eigenbrötlerische Tochter zu behelligen.

Und im Gegensatz zu Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt, bei dem das Ziel der Protagonisten sogar im Titel benannt wird, weißt der Plot in Mit besten Absichten kein klares Ziel auf. Scafaria erzählt einfach die Erlebnisse einer Handvoll Figuren während eines kleinen Zeitfensters, in dem die beiden zentralen Rollen nur kleine Fortschritte machen. Und dennoch: Der Autorenfilmerin gelingt es auch ohne Aufhänger und unmittelbares narratives Ziel, eine geschmeidige, niemals verkopfte, trotzdem pfiffige Erzählung auf die Leinwand zu bringen, die ein genauso großes Herz aufweist wie ihr Debütfilm. Dies liegt vornehmlich darin begründet, wie behände und beiläufig Scafaria in ihren 100-minütigen Film pointierte Beobachtungen einfließen lässt, wie sich der eine oder andere Schlag Mensch in diversen Situationen verhält.

Immer und immer wieder stimmen einfach die kleinen Gesten, die aus einer potentiell in Romantikkomödienklischees tapsenden Szene eine charismatisch-nachvollziehbare Sequenz werden lassen. Etwa wenn die von Susan Sarandon ebenso geerdet wie facettenreich und lebensnah gespielte Helikoptermutter Marnie Minervini beim Valentinstags-Abendessen mit ihrer Tochter in einem beschwichtigenden, keine Pointen-Kunstpause erlaubenden Tonfall Unannehmlichkeiten ausplappert. Oder wenn Rose Byrne als Drehbuchautorin Lori die Nase gestrichen voll von den ständigen Einmischungen ihrer Mutter hat – bis sich Marnie verhaspelt und ungewollt andeutet, sich in einen Mann verguckt zu haben. Schlagartig verschwindet Byrnes grantiger Gesichtsausdruck und macht Platz für ein unbeschwertes, goldiges Lächeln, bei dem glatt die Sonne aufgehen könnte. Mutter-Tochter-Zoff?! Welcher Mutter-Tochter-Zoff, wenn es doch aufhellenden Klatsch gibt?

Gewiss: Storytelling, das pulsierende Spannung und erschütternd-dramatische Einblicke in die menschliche Seele gestattet, sieht anders aus. Mit besten Absichten ist viel eher und das im bestmöglichen Sinne, ein „Slice of Life“-Streifen. Oder eher: Ein „Abhängfilm“ – ein Film, der es dem Publikum gestattet, eine begrenzte Zeit lang mit interessanten, liebenswerten Figuren rumzuhängen, sie nach und nach besser kennenzulernen und dann, wenn der Abspann beginnt, als Freunde zurückzulassen.

Ein solches Konzept steht und fällt mit den Figuren und somit mit den Performances. Doch diesbezüglich gibt es in diesem Fall keinen Grund zur Klage: Sarandon schafft es dank warmen Tonfall in der Stimme, selbst die nervigsten Eigenheiten der andauernd bei Lori anrufenden, unselbstständigen Marnie unterhaltsam darzubieten. Gleichwohl ist Sarandons Spiel nicht zahnlos oder Scafarias Skript weichgespült. Kurze dramatische Phasen hat Marnies „Ich dränge meine Hilfe anderen auf, statt mir selber zu helfen“-Abenteuer, bei dem sie einen gutmütigen Ex-Cop (freundlich-kernig: J. K. Simmons) kennenlernt, sehr wohl zu bieten.

Und wenn Marnie ihren Tatendrang katalysiert, indem sie zum Beispiel einfach so die Hochzeit einer entfernten Bekannten plant, deren Namen sie nicht einmal weiß, bekommt die Protagonistin durchaus ihr Fett weg: Die Freude über Marnies Gutmütigkeit wird von trockenem Humor ob ihrer heimlichen Selbstsucht unterwandert. Generell liegen in Mit besten Absichten mehrere Emotionen eng beieinander, ohne dass Scafarias Regiearbeit je hysterisch wird. Wenn Byrne zum Beispiel ob eines Schwangerschaftstests vollkommen ausflippt, ist es ein vielsagender Charaktermoment – und dank knackiger Situations- und alltäglicher Dialogkomik zudem extrem lustig.

All dies spielt sich in einem gemächlichen Erzähltempo ab, das aber durch Kayla M. Emters versierten Schnitt nie schleichend wirkt, weshalb Mit besten Absichten etwas von einem auf Zoten verzichtenden, sich besser beherrschenden, frauenzentrischen Judd-Apatow-Film hat. Oder eine weiter Produktion aus der wachsenden Riege namens „Filme, die Touchstone Pictures machen sollte, würde Disney das Label noch sinnig einsetzen“, stand es früher doch unter anderem für ruhige Wohlfühlkomödien wie Vater der Braut, Sister Act oder Noch drei Männer, noch ein Baby.

Mit eingängiger Musik untermalt und mit einer großen Riege an Nebenfiguren bereichert, die Scafaria wohl dosiert einzusetzen weiß, beschert diese Mutter-Tochter-Geschichte all jenen, die sich auf 100 unaufgeregte Filmminuten einlassen, eine regelrechte Charmeoffensive – ohne dabei den Intellekt der Zuschauer zu unterschätzen. Kurzum: Scafarias dritte Regiearbeit kann nicht schnell genug kommen!

Fazit: Lebensnahe Probleme, ebenso eloquent wie kurzweilig und leichtgängig verpackt – und mit einer guten Prise Originalität: Mit besten Absichten ist eine ruhige, gewollt ziellose, sympathische Dramödie, die Susan Sarandon und Rose Byrne zu starken Leistungen anspornt.

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