Sonntag, 30. April 2017

Assassin's Creed


Begeben wir uns kurz in den Nachdenkibus und spekulieren darüber, wie es wohl dazu gekommen ist, dass Arthouse-Regisseur Justin Kurzel seine üblicherweise für Anspruch stehenden Macbeth-Darsteller Michael Fassbender und Marion Cotillard überzeugen konnte, ihm bei seiner ersten Videospielverfilmung zur Seite zu stehen. Vielleicht haben sie alle einfach nur einen dicken Gehaltsscheck benötigt. Vielleicht mögen sie die Assassin's Creed-Spiele. Vielleicht waren sie von der komplexen moralischen Komponente des Plots fasziniert?

Zwischen den Templern und den Assassinen herrscht ein jahrhundertealter Konflikt, in dessen Mittelpunkt der Apfel steht, in den Adam und Eva einst gebissen haben. Denn dieses Relikt aus dem Paradies soll, der Sage zufolge, die Macht haben, den freien Willen der Menschheit zu kontrollieren – er hat ihn ihr gegeben, und er kann ihn ihr auch wieder nehmen. Die Templer haben es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Apfel an sich zu reißen, um den freien Willen zu stoppen und so auch den menschlichen Wunsch nach Gewalt. Die Assassinen hingegen wollen den Apfel, und so auch den freien Willen, beschützen, selbst wenn dies bedeutet, dass Gewalt auf ewig Teil des menschlichen Wesens bleiben wird.

Eben dieser Konflikt wird in der Jetztzeit neu heraufbeschworen, als das experimentelle Technologieunternehmen Abstergo Industries den vermeintlich bereits exekutierten Kriminellen Callum Lynch (Michael Fassbender) dazu bringt, am Animus-Projekt teilzunehmen. Dabei wird eine hochmoderne Technologie genutzt, um die in der DNA verborgenen Erinnerungen seiner Ahnen wieder freizusetzen – und da Lynch der letzte Nachfahre des Assassinen ist, der angeblich zuletzt den Ursprung der menschlichen Sünde gesehen hat, soll er Abstergo dabei helfen, ihn ausfindig zu machen. Wird Callums Herkunft tatsächlich sein Schicksal lenken?

Verlassen wir den Nachdenkibus mit der vagen These, dass es dieser Aspekt hinter Assassin's Creed war, der die genannten Künstler dazu gebracht hat, für diesen Film zu unterschreiben. Und widmen wir uns der harschen Wirklichkeit: Von der intellektuellen Ebene dieses Grundkonzepts, welches ein anspruchsvolles Abwägen zwischen Freiheit und Sicherheit gestattet, ist in der eigentlichen Ausführung nichts mehr zu spüren. Die Big-Budget-Videospieladaption, die ihren Machern zufolge als Grundstein für eine Trilogie dient (und deren Misserfolg im Kino die Umsetzung dieser Idee wohl torpediert hat), öffnet keinen Diskurs darüber, ob Eigensinn automatisch ein Gewaltpotential mit sich bringt und ob die Fähigkeit zu eigenmächtigen Entscheidungen es wert ist, in einer Welt der steten Bedrohung durch Gewalt zu leben.

Und per se ist dieser aufgegebene Anspruch nicht weiter bedauernswert. Wir haben ja immerhin den Nachdenkibus verlassen – da dürfen wir auch mal einfach nur unterhalten werden. Die Indiana Jones-Filme gehen schließlich ebenfalls nie auf intellektuell stimulierende Weise auf die von ihnen aufgeworfenen religiösen Fragen ein. Und der Diskurs, den Jurassic Park über Ethik zulässt, passt wahrscheinlich in voller Gänze auf eine Papierserviette. Problematisch ist indes, dass alle Beteiligten trotz des verschwindend geringen intellektuellen Gehalts von Assassin's Creed so agieren, als handle es sich hierbei sehr wohl um eine gestrenge, tiefschürfende Analyse der obig erwähnten Themen.

Kurzels Regieführung gestattet nicht das kleinste Spurenelement von Humor – allein dem Vorantreiben des Plots dienliche oder zuweilen gar völlig überflüssige Sätze hallen bedeutungsschwer nach, ehe ein Schnitt erfolgt. Die wenig behände choreografierte Action wird von Wackelkameraaufnahmen, raschen Schnitten und hochdramatischer Musik niedergeschmettert.

Weder mimisch noch verbal ist dem von Fassbender mit erdrückender Ernsthaftigkeit gespieltem Protagonisten Esprit abzuringen. Marion Cotillard gibt mimisch währenddessen genau das, was ihre Figur zulässt: Als leitende Forscherin bei Abstergo ist sie dazu da, die Technologie ihrer Einrichtung und die Mythologie dieser Filmwelt zu erklären, gelegentlich erklärt sie auch explizit das Handeln ihrer Figur oder gar das ihres Gegenübers. All dies in einer magnetisch-monotonen Stimmlage, während ihre weit aufgerissenen Augen einem seelenlos ins Innere starren – sie ist der filmfigurgewordende Archetyp der Spielmechanismen erläuternden, gelegentlich nervigen Person aus Videospielzwischensequenzen.

Jeremy Irons wiederum kann als Abstergo-Chef zwar sein zum wonnigen Overacting neigendes Naturell nicht völlig ablegen, jedoch reißt er sich (anders als bei der Rollenspiel-Adaption Dungeons & Dragons) so sehr am Riemen, dass seine Darbietung nicht ansteckend amüsant gerät. Das restliche Ensemble geht völlig unter, auch, da Kurzel und Kameramann Adam Arkapaw (The Light Between Oceans) das Geschehen durchweg in eine verwaschen-schattige Ästhetik tauchen. Von gelegentlichen Totalen abgesehen, die häufig durch klar als solche erkennbare Digitaleffekte „aufgehübscht“ werden, ist daher oft nur das Gesicht der handelnden Figuren klar zu erkennen – Kulissen, Schauplätze, Kostüme und Requisiten lassen sich unter den blau-schwarzen oder matschig-braun-grauen Lichtflecken gar nicht würdigen.

Fast wirkt es so, als hätte wer das Kameraobjektiv mit Fettflecken beschmiert – so entgeht dem inhaltlich weder Anspruch noch Vergnügen kennenden Film letztlich die Chance, wenigstens als unbedeutender Augenschmaus irgendeine Daseinsberechtigung zu ergattern.

Fazit: Assassin's Creed greift weder den Verstand, noch das Spaßzentrum gekonnt an, sondern verharrt starr im unästhetischen Schatten der mürrischen Belanglosigkeit.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

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