Samstag, 7. Oktober 2017

Alexandre Ajas Maniac


Frank Zito ist ein schüchterner Restaurator von Schaufensterpuppen, der in einer heruntergekommenen Wohnung lebt, die direkt an seine wenig besuchte Boutique für antike Mannequins angeschlossen ist. Der Einzelgänger versucht, über das Internet Frauen kennenzulernen und durch eine bedeutungsvolle Beziehung sein Leben zu bereichern – doch er verbirgt ein düsteres Geheimnis: Er hat seine verborgenen Aggressionen nicht unter Kontrolle und "bestraft" Frauen, die ihn zurückweisen oder aber seinem Wunschbild einer naiv-unschuldigen Maid nicht entsprechen, indem er sie skalpiert.

Als er die die eigensinnige, freundliche Fotografin Anna kennenlernt, glaubt Frank, seine inneren Dämonen endlich bezwingen zu können und eine normale Beziehung zu führen. Im Beisein von Anna kämpft Frank mit aller Macht gegen seinen Wahn an – doch ist das Gute in ihm dauerhaft stärker als sein Drang, zu töten?

William Lustigs Slasher Maniac aus dem Jahr 1980 spaltete die Gemüter: Die rund 350.000 Dollar teure, auf 16-mm-Film gedrehte Independentproduktion schaffte es, im Gegensatz zu zahlreichen anderen Slashern, auf die Filmfestspiele in Cannes und wurde von Teilen der Kritik für seine atypisch dramatische Charakterzeichnung gelobt – zeigte er die Hauptfigur doch nicht als unbestimmtes Böses, sondern als mit sich hadernden Irren, der versucht, seinen Gewaltdrang zu kontrollieren.

Gleichwohl sahen viele andere Pressevertreter in der Art, wie die Drehbuchautoren C. A. Rosenberg und Joe Spinell (der auch die Hauptrolle übernahm), die Figur skizzieren, nur eine fadenscheinige Ausrede für eine grafische Schlachtplatte mit garstigen praktischen Effekten des Spezialisten Tom Savini (Freitag der 13., Zombie 2). Das (nahezu) komplett in der Egoperspektive gefilmte Remake wiederum schreckte zwar ebenfalls Teile der Kritik durch seine Gewaltdarstellung ab, vermittelte in den Augen vieler Schreibender aber deutlich stärker die bittere Dramatik der Titelfigur und wurde von nicht wenigen als kleiner Genremeilenstein umjubelt.

Obwohl Alexandre Ajas Maniacwohl für immer und ewig in die Horrorsektion einsortiert wird und sich vor allem deutsche Medienwächter über die horrende Gewaltdarstellung erbost haben: Es ist falsch, Franck Khalfouns Regiearbeit stur ins klassische Metzelfach zu stellen. Dem französisch-algerischen Filmemacher gelang nämlich ein melancholisch-hilfloses Psychopatendrama, bei dem der dringendste Gedanke, der vermittelt wird, weder die extreme Gewalt suchende Schaulust ist, noch die Suche nach relativierenden Argumenten für die Taten des Protagonisten. Stattdessen lässt Khalfoun sein Publikum tief in Franks geisteskrankes Elend abtauchen, in die Lage eines die Gesellschaft und sich selbst gefährdenden Wahnsinnigen, der gestoppt werden muss und will, der aber partout nicht entdeckt wird.

Durch die verletzliche Grundstimmung (verstärkt durch den hypnotisch-fragilen Elektroscore von Robin Coudert) versetzt der Regisseur die Mordszenen in einen ganz anderen Kontext als in Slasher-Genrekollegen: Die expliziten, grausamen Morde sollen abschrecken, statt als effektreiche handwerkliche Leistung der Filmverantwortlichen gefeiert zu werden, und wenn das nach Tötungen gierende Horrorpublikum schon nicht mit den Opfern mitfiebert, dann eben mit dem schizophrenen Protagonisten, der quasi einerseits der verlängerte Arm des gewaltvoyeuristischen Publikums ist und andererseits mit seiner verschüchterten, harmoniebefürftigen Seite die moralische Sichtweise repräsentiert. Um Alexandre Ajas ManiacGewaltverherrlichung vorzuwerfen, muss man den Film schon vollkommen gegen den Strich lesen!

Diese intensive dramatische Wirkung des Films ist unter anderem der Verdienst von Elijah Wood, der in den wenigen Augenblicken, in denen man ihn sieht, sowie mit seiner den Film durchziehenden Sprachperformance den diffizilen Balanceakt meistert, als mordhungriger Psychopath zu überzeugen sowie als winziges Häufchen Elend, das aber fähig ist, mit seiner verqueren Weltsicht die Sympathie der Künstlerin Anna zu gewinnen. Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang außerdem die Darbietung von Nora Arnezeder, der es mit ihrer freundlich-neugierigen, trotzdem distanzierten Art gelingt, ihrer Figur der Anna mehr abzuringen als das Klischee des "Manic Pixie Dream Girls", das den Protagonisten durch ihre Liebe retten könnte.

Dieses ganze, atmosphärische Kartenhaus würde allerdings zusammenbrechen, wäre Alexandre Ajas Maniacnicht ein inszenatorisches Wunderwerk: Baxters und Franck Khalfouns präzise Schnittarbeit und die gleichermaßen minutiös-elegante wie grimm-wirkungsvolle Kameraarbeit von Maxime Alexandre machen aus dem Egoperspektive-Ansatz des Films mehr als ein bloßes Gimmick – sie erheben es zu einer makellos durchgeführten Kunstform, die auch Interpretationsraum zulässt für die wenigen Szenen, in denen die Ich-Perspektive doch noch verlassen wird.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

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