Sonntag, 12. November 2017

Cars 3 – Evolution


Die neuste Produktion aus dem Hause Pixar ist von Verleugnung durchzogen. Obwohl der computeranimierte Rennsportfilm der Macher hinter solchen Filmen wie Toy Story, Ratatouille und Alles steht Kopf bereits die zweite Fortsetzung des 2006 veröffentlichten Kassenerfolgs Cars ist, deutet allein der Filmtitel auf diesen Umstand hin. Cars 2 ist nie geschehen. Es gibt keine inhaltlichen Verbindungen zur von Kritikern in der Luft verrissenen Agentenkomödie, selbst beiläufige Referenzen müssen mit der Lupe gesucht werden. Es ist fast so, als würden sich die Filmkünstler aus Emeryville, deren Sequels sonst organisch aus den Storys der Vorläufer entwachsen, für Cars 2 schämen. Grund genug hätten sie ja.

Aber auch storytechnisch ist in Cars 3 – Evolution das Thema Verdrängung präsent: Rennauto Lightning McQueen ist mittlerweile eine lebende NASCAR-Legende. Sensationelle sieben Piston Cups hat der frühere Nasehoch, der sich dank seiner Freunde im beschaulichen Radiator Springs zu einem warmherzigen Typen entwickelte, in seinem Trophäenregal stehen. Aber die aktuelle Saison verläuft einfach nicht nach Plan! Immer mehr Jungspunde wirbeln die Rennen durcheinander – vor allem der arrogante Jackson Storm deklassiert nicht nur McQueen, sondern auch seine befreundeten Mitbewerber. Als McQueen im letzten Rennen der Saison alles dransetzt, um seinen Ruhm sowie die Ehre seiner Lieblingskollegen zu verteidigen, kommt es im verbissenen Duell mit dem erfolgreichen Novizen zu einem fatalen Crash.

Vier Monate später rütteln McQueens Freunde den angeschlagenen, apathischen Sportler aus seinem Selbstmitleid: Lightnings Sponsoren haben ihre Firma an einen aufstrebenden Geschäftsmann verkauft, der ein hochmodernes Trainingszentrum für Rennautos betreibt und gigantischer Fan des roten Flitzers ist. McQueen sieht seine Chance für ein glorreiches Comeback gekommen – muss aber einsehen, dass er mittlerweile selber Teil einer alten Garde ist und mit dem modernen Trainingsfirlefanz nicht klarkommt. Seine Trainerin Cruz Ramirez wiederum hat Schwierigkeiten, sich an Lightnings Trainingsmethoden anzupassen. Muss Lightning etwa wertvolle Vorbereitungszeit auf die neue Saison verschwenden, um Cruz beizubringen, wie sie ihn zu trainieren hat?

Mit Lightning McQueen hat Cars 3 – Evolution einen Helden, der partout nicht einsehen will, dass sich seine Sportlerkarriere dem Ende nähert und er sich Gedanken um das Danach machen muss. Zudem gibt es mit der spritzigen, sich zugleich aufgrund ihrer Unsicherheit andauernd selbst zurücknehmenden Cruz eine Nebenfigur, die ihre wahren Ambitionen verdrängt. Potential genug, um eine animierte Rennsportdramödie über das Zusammenarbeiten zwischen der alten Garde und den jungen Wilden zu erschaffen. Quasi ein familientaugliches, den Box- gegen Motorsport tauschendes Creed – Rocky's Legacy – klingt vielleicht zunächst so, als sei es arg schwer zu verkaufen, andererseits hat Pixar mit seiner Passion auch aus Konzepten wie WALL·E und Oben Welthits geformt.

Ambition ist in Cars 3 – Evolution allerdings ein betrüblich rares Gut. Uninspiriert spult diese 175-Millionen-Dollar-Produktion das Grundgerüst einer solchen Handlung herunter, ohne je auf unterhaltsame Weise Einsicht in das Wesen dieser motorisierten Figuren zu gewähren. Nicht, dass Cars 3 – Evolution dafür wenigstens ein mit Rennaction bestücktes Trickspektakel sei – das Regiedebüt des Die Monster Uni-Storykünstlers Brian Fee kommt über weite Strecken ohne NASCAR-Wettfahrerei aus. Doch statt in solchen Schlenkern wie einem ausgedehnten Ausflug bei einer Rennfahrerlegende die zwei zentralen Figuren kurzweilig auszuarbeiten, begnügen sich die Autoren hier mit Plattitüden, Americana-Nostalgie und mehrmaligen Wiederholungen der wenigen Charakteraspekte, die schon im ersten Filmdrittel deutlich wurden.

Somit bleibt McQueens Storybogen so dünn, dass er kaum als Identifikationsfigur taugt: Praktisch gar nichts, was er abseits seiner Geschwindigkeit beherrscht, gelingt ihm dank seines Dazutuns. Andauernd übernimmt er nur ganz mechanisch die Lektionen anderer Autos, und selbst seine späte (erneute) Erkenntnis, wie viel Wert Bescheidenheit hat, bringt das Pixar-Team hier halbherzig rüber. Vom eingangs angedeuteten Grundkonflikt, wie sich alternde Spitzensportler auf ihre Zweitkarriere vorbereiten, und wie McQueen zu seinem neuen Chef steht, bleiben nur oberflächliche Ansätze übrig. Der für wenige Dialogzeilen aufflammende Interpretationsansatz, Cars 3 – Evolution verarbeite in McQueens Dynamik zu seinem neuen Boss Pixars-Aufkauf durch Disney, geht angesichts der flachen Charakterisierungen ebenfalls ratzfatz wieder verloren.

Als seltener Pixar-Film, der sich fast nur an das junge Publikum richtet, taugt Cars 3 – Evolution allerdings ebenso wenig, denn die 109 Filmminuten sind dank der schwunglosen Dialoge und der sich rapide abnutzenden Grundidee dieses Filmuniversums ("Unsere Welt – aber mit Autos statt Menschen!") über weite Strecken sehr zäh.

Die seltenen Kreativitätsanflüge, wie einige selbstironische Seitenhiebe auf die Unmengen an Cars-Merchandising, werden durch Randy Newmans herz- und lieblos dahindudelndem Soundtrack und die zynisch-kommerzielle Seite des Films ausgebremst. Natürlich sind alle Filme auf irgendeiner Ebene Produkte, da sich die Verantwortlichen wohl kaum darüber ärgern werden, sollten sie ihre Kosten wieder einnehmen. Wenn aber McQueen aus den seltsamsten Gründen alle paar Minuten einen neuen Look verpasst bekommt, wird der stillschweigende Pakt, Big-Budget-Produktionen einen Hauch des Kommerzes zu gestatten, überreizt. Oder wollen die Pixar-Studiochefs ernstlich behaupten, dass das garantiert gar nichts damit zu tun hat, dass sich so mehr Spielzeugautos verkaufen lassen?

Wenigstens technisch zeigt sich erneut: Pixar ist Trumpf. Wenngleich sich die Stärke des Trumpfes langsam abnutzt. Visuell präsentiert sich Cars 3 – Evolution zwar dank der ungeheuerlich detailreichen Hintergründe sehr stattlich, aber der Abstand gegenüber der Konkurrenz aus eigenem und fremdem Hause schrumpft. Cars 2 war da seinerzeit schon, dem überaus nervigen Inhalt zum Trotz, optisch ein gutes Stück sensationeller. Dafür ist Cars 3 – Evolution inhaltlich wenigstens nur extrem öde. Das ist im Vergleich zum unfassbar anstrengenden zweiten Teil eine enorme Verbesserung. Dennoch: Wer seinen Pixar-Fix braucht, sollte wohl einfach bis Coco warten!

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de

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