Sonntag, 24. Juni 2018

Disneyland Paris - Mission: Solo


Ich war schon mit Freunden und Familie im Disneyland Paris. Doch nie allein. Wenn es an Urlaubsplanung ging, war es stets ein gemeinschaftliches Ding. Zudem sind Disney-Hotelzimmer in der Regel deutlich leichter zu finanzieren, wenn man sie sich teilt. Im Herbst 2017 war es aber so weit: Ich wollte dringend meinen Jahrespass ausnutzen, jedoch fanden sich keine Mitstreiter - und so fuhr ich kurzerhand für drei Tage allein gen Marne-la-Vallée. Seither bin ich im Februar 2018 ein zweites Mal solo ins Disneyland Paris geflüchtet (ich bin kein Karnevalsfreund, lebe aber mitten im jecken Rheinland, da muss jährlich ein Alternativprogramm her!) und derzeit stecke ich in den allerletzten Urlaubsvorbereitungen für meinen dritten Einzelausflug. Soll heißen: Ich packe gerade.

Ob sich ein Solotrip lohnt, ist selbstredend zu großem Teil eine Frage der Persönlichkeit. Für manche stellt sich kein Urlaubsgefühl ein, wenn man seine Eindrücke nicht mit einer Person teilen kann, die mitgereist ist. Andere können nur alleine abschalten. Daher ist dies hier eher als grobe Sammlung von Eindrücken zu verstehen, und weniger als allgemeingültiger Leitfaden. Trotzdem schätze ich, dass es so manche Disney-Fans da draußen gibt, die bislang den einen oder anderen potentiellen Trip haben sausen lassen, weil niemand mitkonnte oder mitwollte. Deswegen teile ich hier mit euch meine Erfahrungen, inwiefern sich ein Soloausflug vom 'klassischeren' Disneyland-Paris-Erlebnis in Begleitung unterscheidet.

Weniger, aber öfter
Zumindest meiner Erfahrung nach tingeln Gruppen im Disneyland Paris eine größere Reihe an Attraktionen und Shows ab. Das liegt einerseits in der Natur der Sache: Person A liebt vielleicht it's a small world, Person B ist die Bahn egal, also fährt sie mit. Dafür liebt Person B die Ratatouille-Bahn, Person A ist sie egal, also, hey, ausgleichende Gerechtigkeit ... Und so, wie ich es erlebt habe, kommt dann noch die Gruppendynamik hinzu, dass man sich schnell hochschaukelt, viel schaffen zu wollen. Bei Trips, bei denen man als Fan mit Neulingen in den Parks unterwegs ist, erübrigt sich dieser Punkt sowieso. Da lautet das Motto eh 'Fan zeigt Neuling(en) so viel, wie in der Urlaubszeit möglich'. Aber bei einem Trip ganz alleine? Ich jedenfalls bin bei meinen beiden Solobesuchen ganz anders an die beiden Parks herangegangen und habe mich darauf konzentriert, neben den neuen saisonalen Shows/Paraden vor allem möglichst oft mit meinen Favoriten zu fahren. So bin ich im Februar an einem einzelnen Tag neun Mal mit den Pirates of the Caribbean gefahren - öfter als sonst bei mehrtägigen Trips. "Ich bin allein, ich kenne eh schon alle Attraktionen, also .. mach ich halt das, was ich liebe."

Intensivere Zeit für Nischigeres
Klar: Auch Gruppen besuchen die tropisch-atmosphärische, wunderschön grüne Adventure Isle mit ihren verwinkelten Pfaden, Gassen und Höhlen. Vor allem in den sonnigen Monaten sind sie ein sehr romantisches Fleckchen - und weniger überfüllt als der Rest des Parks (gemeinhin, jedenfalls). Und viele Stammgäste lieben die Arcaden in der Main Street. Trotzdem: Nie habe ich so viel Zeit in den abseitigeren Bereichen des Parks verbracht wie bei meinen Solotrips nach Disneyland Paris. Im Oktober 2017 wollte ich an einem Tag um Punkt 10 Uhr zu meinen geliebten Pirates, doch ein Cast Member erklärte am Eingang, dass die Piraten am Abend zuvor etwas zu viel Rum getrunken haben und daher noch 15 bis 30 Minuten brauchen, um in Fahrt zu gelangen. Da ich aber unbedingt die Pirates als erste Bahn des Tages haben wollte, bin ich zur Adventure Isle geschlendert und habe mich einfach völlig von ihnen in ein Karibikabenteuer versetzen lassen. Mit absoluter Ruhe erkundete ich die Höhlen, Dschungelpfade und Wipfel dieser grünen Insel, baute mir in meiner Vorstellung mein eigenes Abenteuer zurecht und begab mich auf die Suche nach Spyglass Hill (der geschlossen war, was ich erst nach einer Stunde geschnallt habe, so drin war ich in meinem Ein-Personen-Rollenspiel). Es wurde ein Ausflug von rund 80 Minuten - viel länger als zuvor üblich, wann immer es nach Adventure Isle ging. Ein anderes Mal nutzte ich die "Extra Magic Time" für Disney-Hotel-Besucher vor Parköffnung ausschließlich für ein Treffen mit Donald und das Bestaunen der Arcaden, statt auch mehrere Attraktionen zu besuchen. Solotrip, Nerdigtrip.

Warteschlangen sind allein ganz, ganz anders
40 Minuten Wartezeit? Naja, man ist ja nicht allein, also kann man sich mit seinen Freunden/seiner Familie unterhalten. Fehlanzeige bei einem Solotrip! Schlangestehen allein bedeutet: Sich irgendwie allein unterhalten. Was ich bei diesen Solo-Wartereien gelernt habe: Es gibt viele Wege, sich die Zeit beim Warten zu verschönern. Ich habe Einzelgänger gesehen, die auf dem Smartphone Serienepisoden oder Filme gucken. Leute, die am Handy spielen. Leute, die am Handy rumsurfen, ihre Fotos sortieren und/oder online teilen. Leute, die lesen (am Kindle oder in Büchern). Ich habe bei meinen beiden Solotrips bislang Abstand davon gehalten, zu sehr im Handy zu versinken. Klar, mal kurz ein paar Fotos anschauen oder sich notieren, in welchem Shop ich dieses eine Shirt gesehen habe, das ich mir noch kaufen muss ... Aber sonst wollte ich meine Zeit im Disneyland möglichst nicht am Bildschirm verbringen - als Schreiberling klebe ich im Alltag schon genug an Monitoren. Disneyland soll was besonderes sein. Und so habe ich mir die Wartebereiche genauer angeschaut (manche haben ja viel Thematisierung zu bieten ... andere leider nicht) und Spaß daran gehabt, Eindrücke anderer Gäste zu gewinnen. Ein bisschen lauschen darf auch mal sein, oder?

Oh, irgendwo vor mir hat eine deutsche Familie das Fastpass-System nicht verstanden. Aha, etwas weiter hinter mir ist eine britische Familie total begeistert. Schräg hinter mir sind in der sich schlängelnden Big Thunder Mountain-Schlange zwei französische Teeniemädels völlig hin und weg von ihren Star Wars-Micky-Ohren ... Und manchmal ergeben sich nette Zufallsgespräche mit anderen Besuchern. Manche davon werde ich so schnell nicht vergessen. Wie die Unterhaltung in Star Tours mit dem britischen Vater, der seinen quengelnden Sohn mit einem iPad ruhig gestellt hat und mich entschuldigend angeblickt hat, woraufhin wir uns über den bisherigen Tag ausgetauscht haben und die unterschiedlichen Feiertage in Deutschland und dem Vereinigten Königreich. Oder mit der französischen Familie, die unbedingt Donald treffen wollte und daher beim Darth-Vader-Meet-and-Greet von mir Tipps bekam. Oder das Pärchen, das mich für einen Cast Member hielt und sehr lange gebraucht hat, um zu verstehen, dass dem nicht so ist ...

Essen
Dies dürfte enorme Typensache sein, aber: Bei meinen "normalen" Disneyland-Trips gab es die drei großen Mahlzeiten. Bei meinen Solotrips dagegen bin ich dazu übergegangen, mehr kleinere Happen zu genießen. Hier ein Brownie auf dem Weg von der Main Street zu it's a small world, da eine Portion Eis, dort ein kleiner Snack aus dem Restaurant Hakuna Matata, da nochmal ein Brownie, auf dem Weg zurück zum Hotel ein Sandwich vom Earl ... Mehr Vielfalt und mehr Zeit, durch die Parks zu schlendern. Schlemmermäuler, die bislang vom Verweilen in Restaurants abgehalten wurden, würden bei Solotrips vielleicht in die andere Richtung tendieren.

Mehr Wuseln
Was mich beim Rückblick auf meine Solotrips überrascht hat: Obwohl ich voll dafür bin, sich im Disneyland fallen zu lassen und in diese Welt abzutauchen, hoppse ich bei meinen Einzeltrips mehr von Park zu Park und von Land zu Land als bei Gruppenreisen. Da war es normal, den zweiten Tag zum "Studio-Tag" zu ernennen und dann diesen Park am Stück abzuklappern. Und an den anderen Tagen blieben wir normalerweise im klassischen Park. Und im Disneyland Park gab es da auch meist eine gewisse Reihenfolge. Wenn ich alleine durch die Parks streife, schlendere ich zwar mehr durch verlassene Winkel und bleibe auch öfter mal sitzen, um die Aussicht zu genießen - aber ich wechsle teils auch mehrmals am Tag den Park oder switche von Pirates zu Buzz zurück zu Pirates zu Big Thunder Mountain zu Pirates zu Star Tours ...

Disneyland Paris ist immer eine Reise wert - ob allein oder zu mehreren. Was sind eure Solotrip-Erfahrungen?

Samstag, 9. Juni 2018

Alles Gute zum Geburtstag, du Erpel, der auch als Maui Mallard bekannt ist


84 Jahre alt und kein bisschen leiser geworden: Heute jährt sich einmal mehr das Leinwanddebüt des tollsten Erpels der Geschichte. Donald Duck ist der liebevoll-freche, vorlaut-charmante Star im Disney-Pantheon und die Verkörperung, was es heißt, wandelbar und sich dennoch selber treu zu sein. Denn ganz gleich, ob als chaotischer Junggeselle, vom Pech verfolgter Erziehungsberechtigter, cholerischer Kumpel einer friedvollen Maus, gebeutelter Neffe/Lohnsklave in Personalunion, kesser Abenteurer oder selbstloser Superheld, der lila Alienenten versohlt ... Donald ist stets wiederzuerkennen, und gleichzeitig wesentlich anpassungsfähiger als diverse andere Popkulturikonen.

Dennoch: Eine alternative Persönlichkeit Donalds ging leider unter. Ihr blieb es verwehrt, so eine dauerhafte Präsenz zu entwickeln wie Phantomias, Agent Doppel Duck oder die zahllosen Facetten, die Donald in seinen Comic- und Filmabenteuern als er selbst zeigen darf. Die Rede ist von Maui Mallard.

Maui Mallard debütierte im Jahr 1995 und ist gleichzeitig der Profiteur großer Disney-Ambitionen sowie das Opfer miesen Timings und voreilig-panischer Disney-Kurzschlussentscheidungen. Donalds Alter Ego, bekleidet in einem Hawaiihemd und bewaffnet mit einer übergroßen Käferknarre, ist ein auf einer paradiesischen Insel agierender Privatdetektiv, der fähig ist, sich in einen Ninja zu verwandeln. Sein Videospiel, ein Jump'n'Run'n'Shoot namens Donald in Maui Mallard (auch bekannt als Maui Mallard in Cold Shadow) gehörte zu den ersten Projekten der mittlerweile in ihrem ursprünglichen Sinne geschlossenen Spieleentwicklungsschmiede Disney Interactive und sollte ursprünglich die Geburtsstätte eines Studiomaskottchens werden. Wären die Dinge ein wenig anders gelaufen, hätte Detektiv-und-Ninja-Donald für Disney Interactive den Status, den Mario für Nintendo oder Sonic für Sega hat.


Das Spiel wurde für Sega Genesis/Sega Saturn, Super Nintendo, PC und in einer massiv abgespeckten Version für den Game Boy entwickelt, und zumindest die drei "Hauptversionen" des Spiels wiesen liebevolle Animationen, starke Soundeffekte und einen famosen Ohrwurmscore von Michael Giacchino auf. Noch vor Veröffentlichung des Spiels wurde bereits an einem zweiten Spiel gearbeitet, zudem baute die Gebrauchsanweisung eine dichte Mythologie für Maui Mallard auf, die gegebenenfalls sogar als Grundlage für eine Serie gedient hätte.

Jedoch kam die Heimkonsolenversion raus, als sie sich in ihren letzten Atemzügen befanden. In Nordamerika wurde sogar auf die Sega-Veröffentlichung verzichtet, im Gegenzug ließ Disney die Veröffentlichung der PC- und Game-Boy-Fassung in Europa aus. Während Disney Interactive große Hoffnungen in den Titel steckte, bekam Disneys Vermarktungsabteilung in den letzten Sekunden Panik, da Donald in Nordamerika zu diesem Zeitpunkt angeblich nicht hip genug war, um ein Videospiel zu tragen, in dem er Ninjas, Kannibalen, Zombies und Skelettpiraten bekämpft, so dass in der US-Vermarktung sämtliche Referenzen auf ihn entfernt wurden. Ohne Donald als Aufmerksamkeit erzeugender Name ging das seltsam-cartooneske, teils morbide Spiel für den nahezu toten Super Nintendo jedoch unter - und die PC-Version wurde im September 1996 eher lieblos auf den Markt geschmissen. Ironischerweise parallel zum TV-Start von Quack Pack, einer Serie, in der Donald ebenfalls als Hawaiihemdenträger neu erfunden wurde.

Also, lieber Donald: Genieße deinen Ehrentag. Und ich wünsche dir, dass Maui Mallard eines Tages furios zurückkehrt.

Freitag, 1. Juni 2018

La La Land


Das Musical war nie völlig weg – aber es hat sich weit von seiner früheren Position im Filmgeschäft entfernt. Jahrzehntelang war es eine der dominierenden Erzählformen in Hollywood. Doch nach einem regelrechten Boom in den 1950er-Jahren, in denen Musicals immer länger, farbenfroher und kostspieliger wurden, gerieten sie (trotz einzelner Ausnahmehits wie West Side Story und Mary Poppins) in den 60er-Jahren allmählich ins Trudeln: Die Ursprungsformel sowie diverse Abwandlungen waren totgespielt, der Einfluss von Rock 'n' Roll und die sich wandelnde Jugendkultur machten das typische Musical schleichend obsolet. In den 70ern wurde der Musicalfilm dann zur Nischenangelegenheit – Ausnahmen wie Grease und die in den späten 80ern startende Reihe an Disney-Zeichentrickmusicals bestätigten diese Regel.

Seit den 2000ern schlägt das Herz des Musicals wieder stärker, die von einer breiteren Masse bemerkten und in Kritiker- sowie Branchenkreisen geachteten Leinwandproduktionen kommen wieder in geringeren Abständen: Moulin Rouge!, Chicago, Sweeney Todd: Der teuflische Barbier aus der Fleet Street und Les Miserables und weitere Produktionen verhelfen der Kunstform zu einem nahezu konstanten Platz in der westlichen Filmwelt. Nun schickt sich La La Land an, dieser Entwicklung die Krone aufzusetzen: Die Kritikerzunft überschlägt sich vor Lob, bei den Golden Globes räumte La La Land mehr Trophäen ab als jeder Film zuvor, und bei den Academy Awards kam das Musical (denkwürdiger Hauptkategorienschlappe in letzter Sekunde zum Trotz) ebenfalls großartig an.

Ganz gleich, ob La La Land somit eine Musical-Renaissance auslöst oder einfach nur einen stärkeren Herzschlag bei einem stabilen, doch ruhigen Puls darstellt: La La Land hat alle Zutaten für einen Klassiker, der die Zeit überdauert, und neue Musical-Liebhaber heranzieht. Und auf dem Weg dahin wird dieser feine Kinotraum sowohl die Fans, kreativer, anspornender Musicals glücklich machen als auch diejenigen, die dramatischere Musicals bevorzugen.


Die Jahreszeiten einer Künstlerromanze
Los Angeles, die Stadt voller Stars sowie Künstler – und der Träumer, die gerne welche wären. Unter ihnen befindet sich Mia (Emma Stone), die für ihr Leben gern eine Karriere als Schauspielerin verfolgen würde. Trotz großen Engagements und spürbar großem Talent scheitert sie jedoch bei einem Vorsprechen nach dem anderen, weshalb sie ihr Dasein als Barista in einem Café auf dem Warner-Bros-Studiogelände fristet. Im täglichen Stau der gleißenden kalifornischen Sonne trifft sie eines Tages den Jazz-Pianisten Sebastian (Ryan Gosling) – doch im Staustress maulen sie sich nur an. Dabei geht es Sebastian genauso wie Mia:

Sebastian sehnt sich danach, die obsolet werdende, verwässerte Jazzmusik in einem eigenen Club zu ihrem früheren Glanz zu verhelfen. Stattdessen klimpert er in einem Schuppen als unauffällige Geräuschkulisse vor sich hin. Etwas später führt sie das Schicksal erneut zusammen: Sie begegnen sich und tauschen sich aus – auf betont platonische Weise, selbst wenn der Funke zwischen ihnen nicht zu verleugnen ist. Aber können zwei idealistische, verträumte Künstler tatsächlich eine Beziehung eingehen, ohne sich im ewigen Streben nach beruflicher Erfüllung im Weg zu stehen ..?

Regisseur und Autor Damien Chazelle, der bereits 2014 mit seinem rasanten Drummer-Drama Whiplash für Furore sorgte, vermengt in seinem Passionsprojekt La La Land Einflüsse aus der Blütezeit der Hollywood-Musicals mit einem zeitgenössischen, nicht aber zynischen oder hip stilistische Konventionen durchbrechenden Stil: Anders als der in einem Musicals ablehnender gegenüberstehenden Kontext entstandene Chicago „entschuldigt“ La La Land seine Gesangs- und Tanzsequenzen nicht als irre Tagträume einer manischen Gewalttäterin. Und im Gegensatz zu Baz Luhrmans Moulin Rouge! gibt La La Land nicht sämtliche Bodenhaftung auf, um die Musicalelemente als konsequente Weiterführung einer fiebrig-wahnsinnigen Filmsprache zu erklären.

Ebenso wenig wird das klassische Musicalgefühl durch Blut, Selbstironie, Gags auf der Metaebene oder naturalistisch-unsauberen Gesang entschärft – La La Land ist ein nach den Gesetzen des Old-School-Musicals, doch mit heutigen Möglichkeiten entstandener Film für ein kontemporäres Publikum. Fast, zumindest: La La Land ist neben dem klassischen US-Musicalfilm ein weiterer Einfluss überdeutlich anzumerken. Chazelle ist glühender Liebhaber der französischen Musicals aus der Nouvelle Vague, insbesondere von Die Regenschirme von Cherbourg.

Diese französischen Musicals, vor allem besagtes Meisterwerk von Jacques Demy, gingen in die Filmgeschichte als faszinierende Verschmelzung aus lebensnahen Geschichten und überhöhten Emotionen ein: In einem glaubhaften, wenngleich sehr farbintensiven Setting geht es um bittersüße, melancholische Romanzen – und diese Stimmung fängt Chazelle in La La Land brillant ein. Mia und Sebastian mögen zwar singen und tanzen, aber die Höhen und Tiefen, die sie in ihrer Beziehung sowie ihrem künstlerischen Streben durchlaufen, sind geerdet und treffen oft genug eine „blue note“, einen wehmütigen Klang – was auch bedeutet, dass ein paar Takte melodisch gesprochen, statt geschmettert werden.


So verträumt wie nötig, so echt wie möglich. Oder umgekehrt?
Den diffizilen Balanceakt zwischen Hollywood-Musical nach alter Schule, Einflüssen der Nouvelle Vague und kontemporärem Filmemachen begeht Chazelle nahezu nonstop auf lobenswert unbemerkbare, mühelos wirkende Art und Weise: Die stilvolle, elegante Regieführung, die zwar die Gefühle der Figuren bestechend ausdrückenden, jedoch niemals pathetischen Dialogzeilen und das bestechende, natürliche Zusammenspiel zwischen Gosling und Stone bescheren La La Land ein leichtgängiges, mitreißendes Naturell.

Anders als in Whiplash, der in ein (inhaltlich völlig gerechtfertigt) auf den Putz hauendes Finale mündet, lenkt Chazelle nie den handwerklichen Aufwand und die Inszenierung in den Fokus – und macht La La Land so zu einem Film, der ebenso verträumt ist wie seine Hauptfiguren. Dahingehend zeigt sich der 31-Jährige konsequent, war Whiplash doch genauso verbissen wie dessen zentralen Rollen. Für die der Melancholie der „Ideale gegen Wirklichkeit, Liebe gegen Berufsleben“-Handlung zugutekommenden Bodenhaftung sorgen derweil subtil eingesetzte ästhetische Aspekte.

So lässt Chazelle American Hustle-Kameramann Linus Sandgren das hauptsächlich an echten Schauplätzen gedrehte Geschehen in einem sehr künstlichen Licht einfangen. Das führt zu einer dezent-verspielten, irgendwo in einem bezirzenden Nirgendwo zwischen dem Look der Goldenen-Hollywood-Ära und der Wirklichkeit verorteten Optik, welche Musicaleinlagen wie die „Lasst uns für eine Hollywood-Party fertig machen!“-Nummer „Someone in the Crowd“ einzigartig erscheinen lässt. Nur vereinzelt gerät die Bildästhetik von La La Land in eine irritierende Grauzone. So lenkt der überaus künstlich-lilafarben aussehende Nachthimmel bei Mias und Sebastians Kennenlernspaziergang punktuell von der auflodernden Flamme ab, die hier zwischen den Figuren entsteht.

Gemeinhin trifft Chazelle jedoch formidabel den „So echt, dass es glaubwürdig wird, so stilisiert, dass nostalgischer Zauber entsteht“-Punkt, auf den er abzielt. Dies gilt nicht nur für die Kameraarbeit, sondern auch für die unwirklich farbkräftigen, doch nie aggressiv hervorstechenden Kostüme sowie die beschwingten, aber in den komplexeren Schrittfolgen bewusst ungeschliffenen Tänzen der Darsteller. Chazelle lässt Stone und Gosling nicht mit dem Meistern schwieriger Choreografien prahlen, sondern nutzt die wundervollen Musikeinlagen, um bewegte Momente in der Handlung kräftig sowie intuitiv zu unterstreichen.

Ein Musical wäre allerdings für die Katz, würde die Musik nicht zünden. Glücklicherweise brilliert La La Land auch an der musikalischen Front: Komponist Justin Hurwitz vermengt in seinen eingängigen Songs und den unaufdringlichen, charmanten Instrumentalstücken behände mehrere Einflüsse – La La Land klingt nach vitalem Jazz, verletzlichen Musicalballaden und behutsam modernisierter Big Band, sowie nach allem, was sich aus diesen Komponenten virtuos zusammensetzen lässt. Getragen wird La La Land dennoch nicht von den Songs – nicht zuletzt, weil Chazelle die Musiksequenzen ungleich über die fünf Akte seiner ebenso wehmütigen wie frohgemuten Handlung verteilt.

Das pochende Herz dieser Hommage an die Musicalkunst stellen Gosling und Stone dar, die ihre Archetypen der aufstrebenden Künstler nehmen und mit fein schattierten Nuancen zum Leben erwecken. Dass La La Land so sehr von seinen Hauptfiguren lebt, führt allerdings zu kleineren dramaturgischen Problemen, wenn die Stimmung zwischen Mia und Sebastian nicht exakt zu bestimmen ist: Die Story punktet am stärksten in euphorischen Höhen, leidvollen Tiefen und in für die Figuren frustrierend-grau-grauen Momenten – die Übergänge funktionieren ebenfalls, fallen jedoch etwas behäbiger aus. Das vor Filmmagie trotzende, stilistisch bezaubernde, emotional hochintensive Ende weiß für die partiellen Pacingprobleme aber mehr als nur zu entschädigen.

Fazit: Ein Muss für Musicalfans und alle, die es werden wollen: La La Land ist ein bittersüßer Traum, der darauf wartet, als Klassiker in die Filmlehrbücher aufgenommen zu werden.