Donnerstag, 20. Juli 2023

Barbie


Meine Lieblingsserie als Kind war Die Dinos. Und es ist immer noch meine Lieblingsserie. Die mit mächtigen Puppen und Animatronicbauten aus dem Hause Jim Henson bevölkerte Sitcom-Satire wägt ihr Publikum mit stolz-tumben Wortspielen, schräg-überspitzten Figuren und allerlei albernen Situationen in Sicherheit. Und dann setzt sie sich mich solchen Themen auseinander wie sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, der Aufweichung der Demokratie durch käufliche Medien sowie machtgierige Großkonzerne, institutionellem Rassismus, die zerstörerische Ausbreitung des Kapitalismus, die verzweifelte Suche nach dem Sinn des Lebens, den sich anbahnenden Klimakollaps und schlechtes Fernsehprogramm. 

Die Aussagen, die Die Dinos über all diese Themen trifft, sind fast ausnahmslos direkt und unmissverständlich. Vielleicht, weil Kinder zum anvisierten Zielpublikum gehören, doch zweifelsohne auch, weil die Serienverantwortlichen mit voller Überzeugung hinter ihren Aussagen stehen und keine Abschwächung ihrer Botschaften als nötig erachteten. Allerdings sind geradlinige, deutliche Ansagen nicht gleichbedeutend mit stumpfen, nichtssagenden Inhalten: Die bissige Ausnahmesitcom Die Dinos gelangt über gewitzte Dialoge, gewieft eingefädelte Handlungsbögen und sich gegenseitig in ihrer Bedeutung hochschaukelnden Gesellschaftsbeobachtungen zu ihren Urteilen. Daher hallt sie seit meiner Kindheit in meinem Hinterkopf nach und begeistert mich als Erwachsenen beim x-ten Anschauen immer wieder neu.

Ja, es ist eine Kunst, Leute näher ran an dein Werk zu locken, sodass sie mit der Lupe in der Hand, gebannt nach dem Sinn des Ganzen suchen. Doch es ist ebenso eine Kunst, sie mit aller Deutlichkeit umzuhauen. Genau die Worte oder Bilder zu finden, die sich aufgrund ihrer Schlüssigkeit und Strahlkraft ins Gedächtnis brennen, und sich dann auch noch trotz aller Direktheit beim wiederholten, genaueren Betrachten als zunehmend raffinierter enthüllen.

Greta Gerwigs Barbie weckt in mir nicht dermaßen große Begeisterung wie Die Dinos, allerdings bin ich von beiden Werken aus ähnlichen Gründen sehr angetan und ich würde ihnen eine beachtenswerte Familiengemeinsamkeit unterstellen. Daher finde ich es auch so bedauerlich, dass die US- und UK-Freigaben eine Empfehlung für Teenager aussprechen, aufgrund irgendwelcher sprachlicher Grenzüberschreitungen, die ich mit meinen deutschen Sprachsensibilitäten nicht ausgemacht habe.

Die FSK-Freigabe ab sechs Jahren trifft den Nagel hingegen auf den Kopf. Und ich hoffe sehr, dass sich zahlreiche sechsjährige Kinder finden werden, die Barbie zu ihrem Lieblingsfilm erklären - und ihn nie mehr von diesem Rang verbannen, so wie sich Die Dinos in meinem Serien-Pantheon auf der Spitzenposition festgebissen hat. Ich gönne es ihm. Denn auch er wird es verstehen, junge, noch unwissende Augen zu öffnen, und ältere, welterfahrenere Augen immer wieder auf's Neue durch seine Argumentationsschläue, Schaffensfreude und Beobachtungsschärfe zu begeistern und zum Weiterführen dieser Gedanken anzuspornen. Davon bin ich felsenfest überzeugt. 

Rosa Feminismus, die Wandelbarkeit von Symbolen und das Streben danach, einen Antrieb zu haben

Barbie (Margot Robbie) führt ein sorgenfreies Leben in Barbieland, einer matriarchalisch geführten Welt in Bonbonfarben (vor allem: Pink). Jeder Tag ist der beste Tag ihres Lebens und endet mit einem feierlichen Mädelsabend, den Barbie unter anderem mit Barbie (Issa Rae), Barbie (Hari Nef), Barbie (Alexandra Shipp), Barbie (Emma Mackey) und Barbie (Ritu Arya) verbringt. Am Strand dagegen hängt sie auch gerne mit Ken (Ryan Gosling), Ken (Kingsley Ben-Adir), Ken (Simu Liu), Ken (Scott Evans), Ken (Ncuti Gatwa) und Allan (Michael Cera) ab. Als Barbie plötzlich komplexe, bedrückende Gedanken fasst, Probleme hat, in ihren High Heels zu laufen, und in der Dusche friert, gibt es nur eine Lösung: Sie muss die seltsame Barbie (Kate McKinnon) um Rat fragen. Sie hat doch schon alles durchgemacht, also wird sie ja wohl auch dafür eine Lösung haben...

Bevor Barbie Sorgen entwickeln kann, muss sie selbstredend erst einmal die Bühne betreten. Und Gerwig führt ihre Titelheldin in einer brillanten 2001: Odyssee im Weltraum-Parodie ein: Die Lady Bird-Regisseurin zeigt eine desolate, wüste Welt, in der junge Mädchen bloß Baby-Püppchen haben. Sie können also nicht anders, als Mutter zu spielen. Doch dann steht vor ihnen plötzlich eine riesige Barbie, die den Mädchen keck zuzwinkert. Die Mädchen zerstören ihre wie Babys geformte Püppchen, Also sprach Zarathustra ertönt immer triumphaler, ein neues Zeitalter hat begonnen.

Oberflächlich betrachtet ist es einfach schön schräg und ulkig, eine überdimensionale Margot Robbie in Sonnenbrille und einem an der Ur-Barbie angelehnten Badeanzug über piefig gekleideten, jungen Mädchen in einer Steinwüste thronen zu sehen. Doch dass sie die Position des Monolithen einnimmt, ist mehr als reine, ins Alberne verzerrte Stanley-Kubrick-Imitation. Es bereitet bei aller Komik die thematische Bandbreite des Films vor:

In einer Welt, in der mit Puppen spielende Mädchen dazu zwangsverdonnert wurden, eine Mutterrolle einzunehmen, war es ein gigantischer Fortschritt, ihnen neue Wahlmöglichkeiten an die Hand zu geben. Die Fashion-Puppe Barbie gestattete völlig neue Spielszenarien: Wer mit ihr spielt, kann sich nun in Erwachsenenszenarien ohne Nachwuchs hineindenken. Sich vorstellen, selber so wie Barbie chic gekleidet den Strand entlangzulaufen. Oder einen von unzähligen Jobs zu bekleiden (und sich in einem passenden Outfit einzukleiden). 

Aber so, wie der Monolith in 2001: Odyssee im Weltraum nicht nur Fortschritt bringt, sondern auch Konflikt und Verderben, ist Barbie keine reine Heilsbringerin. Wie Gerwig und ihr Schreibpartner Noah Baumbach in ihrem herrlich unverblümten Drehbuch mehrfach unterstreichen, kam mit Barbie Stereotypisierung einher: Egal, wie viele Puppen der Hersteller Mattel auf den Markt wirft, große Teile der Gesellschaft werden allein an die schlanke, langbeinige, weiße Blondine denken, für die Mode und Fröhlichkeit alles sind. Womit die Existenz dieses Produkts, ganz gleich wie wenig das beabsichtigt war, zu verzerrten Rollen- und Körperbildern führen kann.

Und wie kommt es, dass eine Spielzeugfigur, die ungefähr so viele Berufe durchlaufen hat wie Homer Simpson und Donald Duck, nicht in derselben Vehemenz genutzt wird, um ebenfalls eine Vielfalt an Gemütern abzubilden? Wenn Kinder alt genug sind, um sich Filme und Serien über fröhliche, traurige, wütende und ratlose Figuren anzuschauen, wieso werden sie von Spielzeugmarken wie Mattel dauerhaft dazu angetrieben, im Spiel eine Friede-Freude-Eierkuchenwelt zu erschaffen, statt ihnen spielerische Mittel an die Hand zu geben, negative Gefühle zu erkunden und Konfliktlösung zu erlernen?

Barbie, das Symbol der Emanzipierung aus dem monolithischen biografischen Weg direkt vom Kind zur Mutter, die spielerische Vorlage, sich in mannigfaltigen Rollen und Karrieren hinein zu projizieren, wurde in den Augen nicht weniger Menschen zum Symbol der Frauenunterdrückung und einer gleichgeschalteten Genderwahrnehmung. 

Im Gegensatz zum Monolithen aus 2001: Odyssee im Weltraum ist Barbie aber nicht nur Entwicklungsbeschleunigerin und Unheilsbringerin in Personalunion, sondern zugleich Protagonistin. Was es Gerwig und Baumbach gestattet, anhand von ihr nicht nur die intellektuelle Debatte zu starten, wie uneindeutig Symbole sein, Botschaften fehlgedeutet und Ideen variiert werden können. Sie haben obendrein die Möglichkeit, anhand und mit Barbie eine emotionale Reise zu erzählen. Über eine Figur, die herausfinden will, was sie denn nun ist, wo sie hingehört und was sie für sich selbst bezwecken möchte. Coming-of-Age, Coming-of-Meaning, Coming-of-Being, alles in Einem!

Und all dies wird durch das Prisma des Feminismus betrachtet: Die Auseinandersetzung mit im guten wie schlechten Sinne verformbaren Ideen und die Erzählung von der Suche nach Sinn, Geborgenheit und Erfüllung lassen sich verallgemeinern und übertragen, so, wie Barbie sie angeht. Doch ganz konkret wird es anhand dessen ausgearbeitet, was Barbie für die Stellung der Frau bedeutet. Und daran, wie deprimierend es ist, dass Frauen und junge Mädchen eine Fantasiewelt aufbauen müssen, in der sie sich entfalten können und ihnen alle Türen offen stehen, während für Männer die echte Welt ein solcher Tummelplatz ist.

Sie alle sind Barbie, doch er ist nur Ken

Dass in Barbieland nahezu alle Frauen Barbie sind, könnte so aufmunternd, inspirierend und anspornend sein: Egal, wie groß du bist, wie viel du auf die Waage bringst, welche Hautfarbe du hast oder welche Interessenschwerpunkte du mitbringst, auch du bist Barbie. So, wie laut den Spider-Verse-Filmen alles und jeder eine Spider-Persönlichkeit kann und laut Ratatouille jeder kochen kann. Aber: Wenn Barbie alles ist, was hält uns in unserer Wirklichkeit davon ab, sie in jede nur erdenkliche Richtung zu interpretieren und somit vom hinter dem Konzept dieser Puppe stehenden Ursprungsgedanken zu entfernen?

Und wenn wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, die von kaputten Körperbildern, Rassismus und Sexismus durchzogen ist, wie können wir da schon verhindern, dass (ob aus ideologischer Überzeugung oder widerwillig internalisierten, negativen Einflüssen) es ausgerechnet die abschätzigsten Interpretationen von Barbie sind, die sich festsetzen? Aus der Perspektive der von Margot Robbie gespielten, stereotypischen Barbie in Barbieland wiederum drängt sich das Dilemma auf: Wenn alle ich sind und ich alle bin, wer bin ich dann überhaupt noch, wozu braucht es mich speziell?

Für einen Film, dessen Kernaussagen sich kompakt als "Sei was du sein möchtest, solange du damit niemandem willentlich schadest :)" und "Feminismus ist gut und wichtig, wie kann man das denn bitte nicht finden, schau doch nur, wie ungerecht die Welt ist, in der wir leben!" zusammenfassen lassen, sind dies gewichtige, komplexe Fragen ohne allgemeingültige, simple Antworten. Fragen, die so offen gestellt werden, und so eng mit der gesamten Struktur des Films verbunden sind, dass sie konsequent an Nachdruck gewinnen. 

Gerwig holt dieses unförmige, engagierende Gedankenfutter aus der verstaubten Leseecke eines Studienzimmers heraus, und spielt mit diesen Überlegungen und Gefühlen stattdessen in einer farbenfrohen Traumwelt. Liebevoll, detailreich und mit tonnenweise Witz kreieren Gerwig und ihr Team Barbie-Spielsets in Menschengröße, kleiden den Cast in schillernden Outfits und bringen die Rädchen im Oberstübchen zum Rattern, während süffisante Doppeldeutigkeiten, teils liebevoll-selbstironische und teils bitter-beißende Seitenhiebe auf das kulturelle Erbe des Mattel-Konsumimperiums verteilt werden, und mehrere Jahrzehnte filmischer Schöpfungsgeschichte die Barbie-Behandlung abbekommen.

Und dann ist da natürlich noch Goslings Ken, in dem dieselbe Unzufriedenheit aufkommt wie in Robbies Barbie. Nur kanalisiert er sie anders, buhlt zähneknirschend um die alleinige Aufmerksamkeit von Robbies Barbie, entwickelt Geltungssucht, anstelle der plötzlichen Introspektive unserer Barbie-Protagonistin, und wird auf urkomische Weise großkotzig. Man könnte ihn glatt als Schurken verstehen, würde Ryan Gosling Kens Fehltritte nicht so überdeutlich als Folgen absoluter Dummheit spielen. Als sich schädlich äußernde Naivität gegenüber negativen Einflüssen. Und als absolutes Unvermögen, mit denselben Gefühlen umzugehen, die Robbies Barbie hat: Er will doch einfach nur einen Sinn für sein Dasein verspüren - bekommt aber (noch) weniger hilfreichen Rat als unsere Protagonistin. Er ist kein Frauenhasser, er braucht nur Orientierung, die ihm niemand anbietet. Würden Kerle, die ihren Mist überzeugter durchziehen als Ken, doch nur aufhören, so erfolgreich den Feminismus zu bekämpfen; Ken wäre genau geholfen wie Barbie.

Das gilt doppelt und dreifach, sobald Barbie und Ken ihre Sinnsuche in der realen Welt fortsetzen, und vor Augen geführt bekommen, wie sehr sich die rosa Fantasieblase namens Barbieland und die diesseitige Gegenwart unterscheiden. Während Barbie eine sie verachtende Teenagerin namens Sasha (Ariana Greenblatt) und ihre verworrenere Gedanken über die Puppe hegende Mutter Gloria (America Ferrera) kennenlernt, und von ihnen inspiriert ihre eigene Bedeutung reflektiert und dadurch neue Hoffnungen für ihr Selbstbild entwickelt, sieht Ken eine Welt, in der Männer kein Accessoire sind, keine Unterstützer. Sondern die selbstsüchtigen Herrscher. Armer Ken, lieber Ken, du bist nicht darauf vorbereitet, mit diesem Einfluss kritisch umzugehen...

Ob es Barbieland ist, unsere Welt, oder das sonderbare Bindeglied zwischen ihnen, die von einer fast endlosen Reihe an Männern in Anzügen geleitete Spielzeugfirma Mattel: Gerwig setzt ihre Schauplätze mit findigem Auge in Szene und nutzt sie gewieft, um ihren Hauptfiguren neue, komische Hindernisse in den Weg hin zur Entdeckung ihres wahren Glücks zu stellen. Daher ist Barbie ein Feuerwerk der Komik, das sich aber niemals gegen dunklere Gefühle wehrt: Allein schon, in einer Szene eine kriselnde Barbie zu sehen, die aber noch immer nicht internalisiert hat, dass sie ihre Angst und Ratlosigkeit mit vollem Körpereinsatz ausdrücken darf, erzeugt geradezu Gänsehaut! Robbies Augen sind verheult, erschöpft und errötet, aber ihr Mund bemüht sich weiter um ein Grinse-Lächeln, ihre Körperhaltung bleibt steif und gerade, als befände sie sich auf dem Laufsteg. 

Generell bekommt Robbie für jeden feist-lustigen Gag, den Gosling mit voller Überzeugung verkauft, ein gefühlvolles Pendant, einen feingliedrigen Moment der Introspektive oder der befreienden Aussprache dessen, was in ihrer Barbie vorgeht. Denn zu Filmbeginn ist Robbies Barbie keinesfalls dumm - aber sie ist hohl. Frei von Selbstreflexion, unangetastet von Fremdreflexion. Zuzusehen, wie sie im Laufe des Films mit Erkenntnis, innerem Antrieb und Zweck erfüllt wird, ist ganz großes Schauspielkino. Sowie raffiniertes Storytelling, da Gerwig diesen potentiell mühselig-didaktischen Prozess so wirken lässt, als würde sie all das locker aus dem Ärmel schütteln, während sie ein Camp-Fest auf die Bühne bringt.

Und so sind es die exakt ins Schwarze treffenden, entlarvenden Witze über klischeehafte Männerfloskeln, die kopfschüttelnden Seitenhiebe auf Barbies fehlgeleitetes kulturelles Erbe, der spritzige Dialogwitz rund um die vielen Kens und Barbies (aber vor allem Goslings Ken) und die mit Verve und Quirligkeit umgesetzten Musikeinlagen, die uns vor wunderhübsch in Szene gesetzter Kulisse ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Oder wenigstens uns allen, die den Film so genießen wie ich. Doch nach einer famos vertanzten Eskalation bleibt nicht etwa das "Ich hatte wohl zu viel Zuckerwatte"-Bauchweh zurück. Denn Barbie trifft direkte, einfache, noch immer brennend-nötige Aussagen über Selbstwert und Genderrollen. Und erzählt komplexere, filigranere Argumentationen über die Flexibilität von Ideen, die zugleich eine berührende, zarte Geschichte über die Suche nach sich selbst und die Akzeptanz durch andere darstellen.

All das ineinandergreifen zu lassen, ist eine beeindruckende Kunst, die über Altersgrenzen und Erkenntnishorizonte hinweg Reiz ausübt. Die Einen müssen lernen, dass sie nicht wie die stereotypische Barbie aussehen müssen, den Anderen müssen die Augen geöffnet werden, dass es eben nicht normal ist, dass ihre Bedürfnisse ignoriert werden. Die Nächsten wissen das alles schon, doch es kann nicht schaden, ihnen vor Augen zu führen, wie schnell sich "MÄNNERRECHTE!"-Forderungen in Köpfe pflanzen lassen. Und die Übernächsten brauchen einfach die wärmende Umarmung eines Films, der ihnen sagt: "Ja, ich weiß ganz genau, wie es sich anfühlt, nicht dazuzugehören und am Rande eines Nervenzusammenbruch zu stehen. Keine Sorge. Wir schaffen es da wieder raus. Ich bin bei dir."

So, wie ich meine geliebten Dinos in verschiedenen Stadien meines Lebens begeistert aufnahm und begeistert aufnehmen werde, kann ich es nicht abwarten, von begeisterten Barbie-Fans zu hören, die erkennen, dass dieser Film immer gleich bleibt. Und trotzdem mit ihnen mitwächst. 

Barbie ist ab sofort in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Sonntag, 9. Juli 2023

Mission: Impossible - Dead Reckoning (Teil 1)

Vier Filme lang war die Mission: Impossible-Reihe ein Vehikel für Regisseure mit einer etablierten (und teils überaus deutlichen) Handschrift, um sich stilistisch und tonal auszutoben, während Tom Cruise als verbissen kämpfender IMF-Agent die Welt rettet. Mit Mission: Impossible - Rogue Nation übernahm bei Teil fünf jemand das Steuer, der zwar kein Regie-Neuling war, aber selbst für große Teile des medienaffinen Publikums ein unbeschriebenes Blatt darstellte: Christopher McQuarrie erarbeitete sich zwar als Drehbuchautor einen achtbaren Rang, seine vorherigen Regiearbeiten The Way of the Gun und Jack Reacher ließen aber noch keine klare Handschrift vermuten.

Da hatten seine direkten Mission: Impossible-Vorgänger schon mehr etabliertes Profil, und dabei inszenierte J. J. Abrams vor Mission: Impossible III nur für's Fernsehen, während Brad Bird mit Teil vier seinen Sprung ins Realfilmfach wagte. Aber was nützt das lange Hinauszögern? McQuarrie erwies sich als hervorragende Wahl und lieferte mit Mission: Impossible - Rogue Nation einen packenden, temporeichen Agenten-Actioner ab, dem ein denkwürdiger Spagat gelang:

Der Film fühlt sich elegant und im besten Sinne altmodisch an (die Opernsequenz könnte auch von Hitchcock sein, Neuzugang Rebecca Ferguson versprüht als Ilsa Faust eine Aura von Katherine Hepburn und Ingrid Bergman, hätte man sie in einen modernen Big-Budget-Film gesteckt), zugleich ist er frisch und fesch. Analoge Spritzigkeit, könnte man das nennen. Zügig wurde beschlossen, dass er der Filmreihe treu bleibt, und mit Mission: Impossible - Fallout schuf er ein zweites filmisches Oxymoron: Teil sechs der Action-Saga ist eine Fortführung des vorhergegangenen Parts und trotzdem ein Biest für sich. Alte Konflikte werden fortgeführt, und dennoch steht der Film auf eigenen Beinen.

Auch McQuarrie erfand sich neu: Fallout sieht anders aus, klingt anders, läuft anders ab. Dunkler, getriebener, rauer, noch schneller. Pandemiebedingt dauerte es daraufhin fünf Jahre, damit sich McQuarries nunmehr dritter Mission: Impossible-Film auf die große Leinwand kämpfen konnte. Schon wieder krempelte er die Bild- und Klangästhetik sowie die Tonalität um. Dass er dies beabsichtigt und fähig ist, dies umzusetzen - damit hatte ich bereits gerechnet. Und trotzdem wurde ich bereits wenige Augenblicke nach Beginn von Mission: Impossible - Dead Reckoning (Teil 1) (was für ein Titel) überrascht.

Mein Fauxpas: Einstieg mit falscher Erwartungshaltung

Ich muss zu meiner Schande gestehen: Ich war sogar so sehr überrascht, dass ich ein paar Minuten benötigte, um meine sprichwörtlichen Antennen auf die Wellenlänge des Films auszurichten. Denn McQuarrie zieht nicht weiter das Tempo an!

Ja, Dead Reckoning ist erneut ein Popcorn-Blockbuster par excellence mit waghalsigen Stunts, ausschweifenden Verfolgungsjagden sowie Kampfeinlagen, und wesentlich mehr Unterhaltungsfaktor als Sinnsuche. Obwohl dies die erste Mission: Impossible-Fortsetzung ist, in der Paranoia eine relevante Rolle spielt (inhaltlich sowie bezüglich dessen, was der Film beim Publikum auslösen möchte), bleibt sie mit beiden Beinen im Agenten-Action-Metier. Statt sich also zu Brian De Palmas Auftakt der Filmreihe zu gesellen, der es sich abseits seiner gelegentlichen Action-Ausbrüche wesentlich bequemer im Gebiet der Spionage-Suspense gemacht hat.

Darum muss ich zugeben, dass ich aufgrund meiner falschen Erwartungshaltung (und eines Überschusses an Adrenalin - vor der Pressevorführung hatte ich mir nämlich erneut mit einer Schüssel selbstgemachtem Popcorn Teil sechs angeschaut) während des Prologs etwas unruhig und ungeduldig geworden bin. Mehr als ihr wohl gerade, die diese Kritik aufgerufen habt und euch bestimmt schon vor ein paar Absätzen gewundert habt, wann ich endlich mit meiner Meinung rausrücke, ob Teil sieben denn nun was taugt. Aber was soll ich sagen:

Nach ein paar selbstironischen, trotzdem die Dramatik des Plots unterstreichenden Dialogzeilen und einem brachialen Vorspann (visuell wie akustisch) hatte ich die Frequenz des Films endlich drin. Zumal uns der Vorspann in seiner Klangdramaturgie keck an der Nase entlangführt. Für sowas bin ich zu haben, und dann konnte Mission: Impossible - Dead Reckoning (Teil 1) auch für mich endlich so wirklich losgehen!

Kein reines Katz-und-Maus-Spiel um den MacGuffin

Um die Story im ganz, ganz Groben zu umreißen: Eine neue, mächtige Waffe treibt den Geheimdiensten dieser Welt den Schweiß auf die Stirn. Doch obwohl praktisch alle Entscheidungsträger Angst vor den Implikationen dieser Bedrohung haben, wollen sie sie an sich reißen. Als Ethan Hunt (Tom Cruise) davon Wind bekommt, beschließt er dagegen, sie zu zerstören. Dazu benötigt er allerdings zwei Hälften eines Sicherheitsschlüssels.

Um an sie zu gelangen, benötigt der nimmermüde Kämpfer fürs Gute die Hilfe seiner technologieerfahrenen Freunde Benji Dunn (Simon Pegg) und Luther Stickell (Ving Rhames), und muss sich dem unberechenbaren Terroristen Gabriel (Esai Morales) stellen. Außerdem kreuzen sich Ethans Wege mit den Bahnen der gerissenen Diebin Grace (Hayley Atwell), der brachialen Kämpferin Paris (Pom Klementieff) und der Weißen Witwe (Vanessa Kirby), einer verruchten Untergrund-Händlerin, mit der es Ethan schon einmal zu tun bekam. Und auch Ethans geschätzte Kumpanin / Gelegenheitsgegnerin Ilsa Faust (Rebecca Ferguson) ist im Kampf um die Schlüssel involviert...

Nach dem temporeichen Rogue Nation und dem nahezu atemlosen Hochdruck-Spektakel Fallout lässt McQuarrie in Dead Reckoning die Zügel wieder etwas lockerer. Auch, um Raum für die zentrale Bedrohung zu schaffen, die er und Co-Autor Erik Jendresen (Band of Brothers) nicht in ein Katz-und-Maus-Spiel verwickeln, wie es in den vergangenen zwei Mission: Impossible-Filmen zu bestaunen gab. Dieses Mal wird die Gefahr erläutert, sie wird vorgeführt und es gibt thematisch angetriebene sowie figurengesteuerte Sequenzen, in denen ihre Implikationen beleuchtet werden.

In den besten Momenten hat das einen Gänsehauteffekt, da in diesem Film ein einst wie Sci-Fi klingendes Plotelement sehr greifbar gemacht und tagesaktuell skizziert wird. Teils reichen ein paar messerscharfe, präzise Dialoge, um eine Beklemmung zu erzeugen, wie die Mission: Impossible-Reihe sie bei mir nie zuvor hervorgerufen hat. In den schlechtesten Passagen hat mich das Skript allerdings aus dem Film herausgerissen - und das selbst, nachdem ich überzeugt war, meine Erwartungshaltung arretiert zu haben:

Sämtliche Zurückhaltung, die McQuarrie als alleiniger Fallout-Autor bewiesen hat, wenn es um das Verbalisieren von Motiven, Bedrohungen und Verstrickungen ging, hat sich in Dead Reckoning verflüchtigt. Mehrmals fächeln McQuarrie und Jendresen die zügig offensichtlich gemachten Bedrohungen an, indem Figuren das Gesehene erklären und ausführlich darüber mutmaßen, was noch folgen könnte. An mehreren Stellen wird zusammengefasst, wer bereits was weiß, wo sich was befindet, und wer welche Absicht hat oder noch wohin muss. All diese Wiederholungen und verbalen Ausarbeitungen dessen, was durch Action oder Suspense-Momente bereits spürbar gemacht wurde, hatten bei mir den gegenteiligen Effekt - ich fieberte (kurzfristig) weniger mit. 

Mission: Spaßbombe

Diesen Kritikpunkten zum Trotz macht Dead Reckoning extrem viel Spaß: Nach den Teilen fünf und sechs schiebt McQuarrie den Comedy-Faktor wieder nach oben, und erzählt diese Mission trotz aller thematischen und figurenbezogener Fallhöhe wieder in die humorige Schiene von Brad Birds Part. So klopft Benji vermehrt lockere Sprüche, mehrmals argumentieren sich moralisch graue Figuren zu komischem Effekt in eine Ecke, und selbst Ethan agiert gelegentlich ironischer, leichtfüßiger - etwa, wenn er auf erfrischend alberne Weise Anwaltsgehabe nachahmt.

Auch die Setpieces haben zwar nicht durchgehend, sehr wohl aber häufig einen kecken, launigen Ansatz. Etwa, wenn beim Einsatz direkt nach dem Vorspann Ethan eine Mission erledigt, Luther und Benji parallel dazu einen weiteren sprichwörtlichen Brandherd entdecken und mehr schlecht als recht versuchen, dies vor Ethan geheim zu halten - sie wollen ihn ja nicht stören.

Das komödiantische Highlight ist aber eine ausgedehnte Verfolgungsjagd quer durch Rom, bei der sich unentwegt Ethan und Grace kabbeln, und darum ringen, wer denn nun wie den Ton angibt. Auch die Action ist gewitzt orchestriert: Im gelben Fiat 500, einem wendigen, kleinen Flitzer, der Lupin III-Fans das Herz höher schlagen lässt, saust das Duo durch die Straßen, nimmt enge Kurven, brettert über Treppen hinweg. So braust es vor Paris davon, die mit klobigen Stiefeln in einem gigantischen Truck schwere Hebel betätigt und einfach alles wegwummst, was ihr im Weg steht.

Diese Sequenz ist mit einer Energie und Gewitztheit umgesetzt, dass in mir mehrmals der Wunsch aufkam, dass McQuarrie irgendwann einmal einen Herbie-Film dreht. Diese peppige, lockere Attitüde wird durch Neuzugang Grace weiter verstärkt: Atwell hat ansteckende Freude an dieser Rolle und mischt die Mission: Impossible-Formel ordentlich durch, da sie als findige, wuselige Gaunerin zwar kompetent ist, jedoch auch in Konflikte weit, weit außerhalb ihrer Kragenweite gezerrt wird. Erbittert kämpfen, um ihr Leben fahren, weltumspannende Gefahren korrekt einschätzen? All das liegt nicht in Graces Kompetenzbereich, und Atwell spielt diesen "Bemüht, aber überfordert"-Aspekt sympathisch, die Spannung steigernd frustrierend, und gewitzt zugleich. Es ist, als hätte man Oliver Twist volljährig und weiblich gemacht, und daraufhin in einen Pierce-Brosnan-Bond-Film gepackt

Auch die manisch-boshafte Paris kommt mit einem gewissen Spaßfaktor daher: McQuarrie setzt diese Schurkin so in Szene, dass wir erfreut ob ihres markanten Auftreten grinsen dürfen, ohne dass sie dadurch an Gefährlichkeit einbüßt. Selbiges gilt für Vanessa Kirby, die die undurchsichtige Weiße Witwe nun eine Spur selbstgefälliger in ihrer Verruchtheit spielt. Als wäre es das größte Vergnügen im Leben dieser Waffenhändlerin und Untergrund-Dienstleistungs-Vermittlerin, ihr Umfeld stets wissen zu lassen, wie sehr sie ihr Job anmacht.

Die reine Abscheu bleibt Esai Morales vorbehalten, der zwar nicht der denkwürdigste, profilstärkste Schurke der Reihe ist, wohl aber der kompetenteste und daher im denkbar besten Sinne an den Nerven sägt. Apropos Kompetenz: Natürlich drückt auch Rebecca Ferguson einmal mehr allen Szenen, die sie als Ilsa Faust hat, kräftig ihren Stempel auf. Als fähige, im Vergleich zu Ethans Team eher wortkarge, nachdenkliche Agentin bleibt Ilsa Faust ein Highlight im Mission: Impossible-Figurenportfolio.

Ein waschechtes Highlight ist auch der Schlussakt, der so smart konstruiert ist, dass ich mein Granteln ob der vielen Expositionsdialoge ein Stück weit vergessen habe: Im letzten Viertel finden die diversen Handlungsfäden stimmig zusammen und McQuarrie konstruiert gemeinsam mit Jendresen eine Mixtur aus figurenzentrischer Dramatik, von der Thematik des Films angetriebener Suspense und reinem Spektakel. Es ist nicht ganz auf der Höhe des Lone Ranger-Finales, trotzdem spielt dieser konstant an Fahrt aufnehmende Schluss in derselben Liga.

In wen hat sich McQuarrie dieses Mal verwandelt?

Mit einer aufgehellten, klareren Bild- und Klangästhetik gegenüber Fallout (Fraser Taggart übernimmt die Kamera von Rob Hardy, Lorne Balfe bleibt als Komponist an Bord), ließ mich Dead Reckoning mit folgendem Eindruck zurück: Rogue Nation war "Was, wenn leichtgängiger Hitchcock, aber als heutiges Action-Spekrakel?", Fallout wurde wegen der rauen Getriebenheit oftmals als "nolanesk" bezeichnet.

Dieser Film hingegen wirkte auf mich, als sei der Geist von David Lean in Martin Campbell gefahren, der nach einem John-McTiernan-Marathon und dem begierigen Aufsaugen mehrerer Lupin III-Animes (den "bodenständigen" wie auch den völlig durchgeknallten) beschließt, einen neuen Brosnan-Bond-Teil zu drehen. Bloß, dass Bond dieses Mal mehr Freunde hat als zumeist üblich, und sich in Frauen eher platonisch verliebt, statt stets daran zu denken, weitere Kerben in seine Bettpfosten zu ritzen.

Zur Erklärung: Dead Reckoning operiert mit Popcornkino-Suspense, die aufgrund der unverblümten Drastik, mit der McQuarrie, Jendresen und Produzent Cruise mancherlei Entwicklung einschätzen, immer wieder Mal in richtige Beklemmung übergeht. Es gibt epochale, sich in der Stimmung der Schauplätze suhlende Szenen, die zugleich das Innenleben der Figuren nach außen kehren (ein verwirrter, mit seinem Auftrag ringender Ethan im desorientierenden Sandsturm; Ethan und sein ihm am Herzen liegendes Team atmen bei einer Kanalfahrt noch einmal durch, unsicher, was sie erwarten wird).

Doch diese atmosphärischen "Ausbrüche" werden zusammengehalten durch eine pfiffig-wuchtige Reihe an Action-Eskapaden mit punktgenauen Sprüchen, quirligem Action-Slapstick und aufwändigen Stunts, die mit einer erstaunlichen Beiläufigkeit in die Storyabläufe gewoben werden.

Das ist großes Kino, das bitte auch wirklich auf großer Leinwand im Kino verfolgt wird, wenn ihr die Möglichkeit dazu habt. Es ist Spannung, Kurzweil und Weltflucht, die mehrere scharfe Kurven zurück gen Weltangst nimmt. Es hat mich beim ersten Anschauen nicht ganz so geflasht, wie mich derzeit Fallout begeistert, der mir von Mal zu Mal enger ans Filmfanherzen wuchs. Doch es hat mich ungeduldig auf meinen zweiten Dead Reckoning-Besuch zurückgelassen. Und gespannt darauf, ob McQuarrie beim nächsten Film erneut Stil und Tonfall wechselt, oder Dead Reckoning (Teil 2) nahtlos da weitermacht, wo uns dieser Film verlässt.

Mission: Impossible - Dead Reckoning (Teil 1) ist ab dem 13. Juli 2023 in vielen Kinos zu sehen, doch schon jetzt machen im deutschsprachigen Raum einige Kinos Previews. Und am 20. Juli nimmt sich Filmgedacht den Themen des Films an. Bis dahin hattet ihr genug Zeit, ihn zu schauen, und wir können daher munter spoilernd konkret auf brennende Fragen eingehen!