Dienstag, 1. Oktober 2019

Ready or Not


Der Zahn des Zeitgeistes nagt am Filmdiskurs - teils auch völlig ungerechtfertigt. Warner Bros. muss einen regelrechten Slalom absolvieren, um Joker in die US-Kinos zu bringen, denn die Vorfreude auf den bereits preisgekrönten Film wird von (teils arg hochgekochten) Kontroversen über seine (vermeintliche) Gewaltverherrlichung begleitet. Und Universal Pictures kippte für unbestimmte Zeit die Kinoauswertung der Waffengewalt-Satire The Hunt, da gerade einfach nicht die richtige Zeit dafür sei, einen Film zu veröffentlichen, in dem Menschen aus Spaß andere Menschen jagen. Und die Walt Disney Company? Lustig, dass ihr fragt. Denn die hat ohne mit der Wimper zu zucken, so als sei es business as usual den Fox-Searchlight-Film Ready or Not in die Kinos gebracht. In dem ein reicher Familienclan eine unschuldige Braut jagt. Ja, auch mit Schusswaffen ...

Inszeniert wurde Ready or Not vom Regieduo Matt Bettinelli-Olpin & Tyler Gillett, das unter anderem bereits den Genre-Geheimtipp Southbound verantwortete, einen schwarzhumorigen Horror-und-Thriller-Episodenfilm mit vielen cleveren, kleinen Ideen. Und in eine ähnliche Kerbe schlägt auch Ready or Not, wenngleich hier der blutschwarze Humor eine etwas stärkere Beinote darstellt als in Southbound: Der wohlhabende Familienclan Le Domas hat sich als Brett- und Kartenspieldynastie ein Vermögen aufgebaut und pflegt einige mit diesen Ursprüngen ihres Wohlstands verbundene Traditionen. So muss jedes neue Familienmitglied in der Nacht, in der es in den Clan einheiratet, eine Karte aus einer alten Holzkiste ziehen, die bestimmt, welches Spiel in dieser Nacht gespielt wird.

Was die Braut Grace (Samara Weaving) nicht weiß: Eine dieser Karten bestimmt, dass Verstecken gespielt wird - und das nicht nach normalen Regeln. Stattdessen muss das neue Familienmitglied bis Sonnenaufgang vor dem Rest der Familie fliehen. Denn der ist schwer bewaffnet und hat die Aufgabe, die sich versteckende Person zu töten. Und natürlich ist es ausgerechnet diese Karte, die Grace zieht ...

Die von Guy Busick und R. Christopher Murphy verfasste Horrorkomödie zieht viel Humor daraus, wie sie hier Karikaturen der oberen Zehntausend aneinanderreiht. Da wäre die eingeheiratete Frau aus schlechten Verhältnissen, die alles dafür tun würde, nicht zurückzukehren. Der Sarkast, der den ganzen Rummel um seine Familie und um Reichtum über hat. Der Hohlkopf, der im Leben nichts gerissen bekäme, wäre er halt nicht Teil dieser Familie. Die oberflächliche Koksnase. Der arrogante Patriarch, der sich sonstwas auf die Familiengeschichte einbildet. Das alle verurteilende Biest, das die Tradition als Gesetz sind. Und so weiter ...

Mit makabrem Situationswitz und spitzen Dialogen zeichnet Ready or Not ein saukomisches, grausiges Bild der Reichen - und daher ist es etwas schade, dass der Film seine satirische Ader bezüglich der Scheinheiligkeit der 1% auf den letzten Metern für zünftigen Genrespaß opfert. Andererseits hat das Ende eine so selbstbewusste, frivole Horrornote, dass es den Filmemachern schwer zu verübeln ist, auf die Genrerichtung, statt auf die thematische Komponente zu setzen. Zumal der Hinweg ein echtes Vergnügen ist: Gekonnt balancieren Bettinelli-Olpin und Gillett zwischen Spannung, Splatterekel, Splatterspaß und rabenschwarzem Humor. Das gelingt ihnen einerseits aufgrund eines hervorragenden Gespürs für Timing - hier verlaufen Szenen etwas zügiger und wirken damit pointiert, dort reizen sie den Moment mit diabolischer Freude aus und schüren so Spannung.

Es ist aber auch Samara Weaving, die großen Beitrag dazu leistet, dass Ready or Not sowohl Spaß macht als auch seiner blutig-spannenden Seite gerecht wird. Die The Babysitter-Hauptdarstellerin gibt hervorragend die Braut, die ein Todesspiel durchstehen will: Egal, ob sie mit großen Augen Angst vermittelt, mit Leib und Seele ausdrückt, wie sehr sie von der Situation die Schnauze voll hat, oder in breit grinsenden Zynismus ausbricht - Weaving macht diese radikalen Schwankungen glaubwürdig und macht Grace zu einer sehr sympathischen Protagonistin, mit der man mitfiebert, geschockt ist und in Rachegelüste verfällt.

Verpackt ist das Ganze in einen sehr edlen Look, gerade für eine sechs Millionen Dollar teure Horrorkomödie: Von Kameramann Brett Jutkiewicz über weite Strecken nur mit natürlichem Licht ausgeleuchtet, wird Ready or Not zum gülden-dunkelbraun schimmernden Menschenjagdstück mit einem hochdetaillierten, protzigen Schauplatz (Produktionsdesign: Andrew M. Stearn, Setausstattung: Mike Leandro), das man gesehen haben muss.

Sonntag, 29. September 2019

Mein Blind Date mit dem Leben


Es wirkt an der Oberfläche zunächst einmal wie ein schlechter Witz: Ein quasi erblindeter Jugendlicher macht eine Ausbildung. Ausgerechnet zur Servicekraft. Und dann auch noch in einem Luxushotel! Da, wo ein scharfes Auge, ein sicheres Auftreten und absolute Stolperfreiheit unerlässlich sind! Das kann ja nur in beschämende Slapstick-Kapriolen münden … Mein Blind Date mit dem Leben ist jedoch keinesfalls ein unsensibles, zweistündiges „Ein junger Mister Magoo versucht sich als Kellner“-Lachfest. Sondern die inspirierende filmische Adaption einer erstaunlichen wahren Geschichte – gewitzt-feinfühlig von Groupies bleiben nicht zum Frühstück-Regisseur Marc Rothemund umgesetzt und mit bestechendem Charme von Kostja Ullmann in der Hauptrolle gespielt.

Die rund zweistündige Dramödie Mein Blind Date mit dem Leben erzählt lose die Geschichte des Motivationsredners und Autoren Saliya Kahawatte. Der Deutsch-Singhalese verlor im Teenageralter annähernd 95 Prozent seines Sehvermögens, weigerte sich anschließend allerdings, sein Leben von diesem Handicap diktieren zu lassen. Also beschloss er, weiter seinen Wunsch zu verfolgen, in einem Luxushotel zu arbeiten. Da Bewerbungen mit ehrlichen Angaben bezüglich seiner Sehbehinderung allesamt abgelehnt werden, verschweigt er sie letztlich – und kriegt anschließend den begehrten Ausbildungsplatz. Was sich in Wirklichkeit in einem Hamburger Hotel abgespielt hat, verlegt Rothemund in seinem Film in den leinwandfüllenden, altmodisch-prunkvollen Bayerischen Hof in München.

Dort lernt Saliya den lockeren Lebemann Max (herrlich: Jacob Matschenz) kennen, der schon kurz nach diesem Treffen bemerkt, welche Scharade sein Mitauszubildender spielt. Aus dem verbissen jegliche Hürden nehmenden Saliya und dem sorgenfreien Max wird ein eingespieltes Team – trotzdem stellen sich dem nahezu blinden Träumer immer neue Herausforderungen, die zunehmend an seinem Nervenkostüm nagen …

Das Skript von Oliver Ziegenbalg (Friendship!) und Ruth Toma (Kebab Connection) ist in Stimmungszyklen aufgebaut: Eingangs wird ganz zügig und effizient Saliyas Leben vor dem Eintreten seiner dramatischen Sehprobleme skizziert. Danach führt Mein Blind Date mit dem Leben nüchtern, aber mit kleinen emotionalen Ausrutschern, vor, wie sich der Abiturient ans Leben mit seinem Handicap herantastet: Ullmann spielt glaubwürdig, wie Saliya zwar von seiner Sehbehinderung zermürbt wird, aber stur daran arbeitet, irgendwie weiter zu machen und neuen Mut findet. Dies hat einen eher dramatischen Unterton, allerdings sind die munteren Gespräche zwischen Saliya und seiner Schwester Sheela (perfektes Timing: Nilam Farooq) kleine muntere Momente, die sehr gut die nächste Phase des Films vorbereiten.

Saliyas erste Wochen am Bayerischen Hof inszeniert Rothemund als launige „Betrugsgeschichte“: Max und Saliya verheimlichen mit verschwörerischem Grinsen untereinander den Vorgesetzten Saliyas Handicap – und mit beschwingter Musik sowie glanzvoller Bildästhetik lädt der Regisseur sein Publikum dazu ein, sich mit den Beiden über jeden neuen Kniff zu freuen. Rothemund legt es unaufdringlich nahe, nicht über Saliya zu lachen, sondern mit ihm. Schleichend kehrt mit Johann von Bülows arrogantem Ausbilder Kleinschmidt, der daran einen Narren gefressen hat, Saliya zu piesacken, jedoch auch wieder größere Dramatik in die Handlung ein. Und auch die Liebelei mit der Gemüselieferantin Laura (Anna Maria Mühe) steht auf wackligen Beinen ...

Wenn die Stimmung danach völlig ins Dramatische kippt und Rothemund skizziert, wie Saliya an der Mühe, nicht als Blinder unter Sehenden aufzufallen, zu zerbrechen droht, tut sich der Oscar-nominierte Regisseur etwas schwerer als zuvor: Zwar gerät dieses Tief plausibel und Ullmanns Performance rutscht stimmig vom charismatischen Strahlemann zu jemandem Selbstdestruktiven. Spürbare Nachwirkungen hat diese Phase aber kaum, so dass der letzte Akt vergleichsweise simplifiziert daherkommt.

Inspirierend bleibt die Story dennoch: Ein gut gelauntes Inklusionsplädoyer, das humorvoll erklärt, welche Hürden Blinde im Alltag zu nehmen haben – und das die altbekannte Moral „Lebe deinen Traum“ auf unverbrauchte Weise neu aufzäumt. In Form der afghanischen Küchenkraft Hamid (Kida Khodr Ramadan) treibt Rothemund obendrein den Gedanken, Grenzzäune im Kopf des Publikums einzureißen, ganz charmant auch bei den Nebenfiguren fort: Solche sympathischen, nicht aber anbiedernden Nebenrollen braucht das deutsche Massenkino viel häufiger.

]Fazit: Ein einfühlsam erzählter Gute-Laune-Film, der zu berühren weiß: Mein Blind Date mit dem Leben packt sein Thema ebenso sensibel wie gewitzt an und punktet mit einer tollen Darbietung von Kostja Ullmann.