Samstag, 18. November 2017

Disneyland Paris und sein dritter Park: Eine Nuss, die es zu knacken gilt


Vielleicht haltet ihr mich für zu optimistisch, doch für mich steht eines außer Frage: Eines Tages wird das Disneyland Paris einen dritten Park eröffnen - und damit meine ich einen richtigen Disney-Park, und nicht etwa eine Verlegenheitslösung wie Villages Nature. Der dritte Park war schon früh Teil des Gesamtplans für den europäischen Disney-Themenparkkomplex und ist ein vertraglich abgesicherter Aspekt im Abkommen zwischen Disney und den französischen Behörden. Aufgrund des wirtschaftlichen Standes von Disneyland Paris wurde die Deadline zur Parkeröffnung jedoch immer wieder verschoben, weshalb viele Themenparkfans glauben, dass der dritte Park einfach so lange nach hinten geschoben wird, bis er letztlich nie gebaut werden muss, weil die Erde vorher in die Sonne stürzt oder ein verrückter Politiker den Globus in die Luft jagt.

Ich habe dagegen im Gefühl, dass Disneyland Paris sehr wohl um einen dritten Park wachsen wird. Wenn eines Tages endlich die Geschäftszahlen stimmen, wird Disney die 1.944 Hektar Platz ausnutzen wollen. Zumal Disneyland Paris mit seinen zahlreichen Hotels genügend Schlafplätze bietet, die gerne stärker ausgelastet werden dürften und so noch mehr Geld ins Säckel der Maus bringen.

Doch die brennende Frage ist: Welches Thema sollte der dritte Park verfolgen? Mit dem magischen Königreich des Disneyland Parks und dem Walt Disney Studios Park, welcher der ganzen Bandbreite von Disneys Filmfranchises thematisch Tür und Tor öffnet, sind die zwei naheliegendsten Sprungbretter für Disney-Themenparks bereits nahe Paris verankert worden. Und da die Studios noch viel Platz bieten und nach einer Vergrößerung schreien, werden viele Ideen für potentielle Attraktion in naher Zukunft sicher erst einmal dort verwirklicht, statt in die Schublade "Konzepte für Park Nr. drei" geschoben.

Meine kontroverse Meinung zum eventuellen dritten Park: Disney schießt sich aktuell selber damit ins Bein, dass sie das Konzept der Studios verändern, weg von "Die magische Welt der Filmproduktion" hin zu "Abgetaucht in die beeindruckende Welt bestimmter Filmmarken". Vor allem die geplante Neukonzeptionierung der linken Hälfte des Parks zur großen Marvel-Welt sehe ich als Problem. Nicht, weil mich Marvels Präsenz in einem Disney-Park stört. Sondern, weil es Potential für Park drei raubt, der in einer idealen Welt unter anderem Marvel Platz bietet, während die Studios weiterhin für das klassischere Hollywood und Pixar stünden.

Meine vollkommen verträumte, daher unrealistische, Idee für Park drei wäre nämlich, ein etwas stärker auf Jugendliche und junge Erwachsene gebürstetes Pendant zum familienorientierten, zauberhaften Disneyland Park aufzubauen. Einen Park, der durch intensives Themening seine Besucher in die actionreichen Welten von Marvel, Star Wars und anderen "wilderen" Disney-Marken entführt und in dem es, dem europäischen Parkbesuchergeschmack entsprechend, auch ein paar Thrillrides mehr gibt als in Disney-Parks üblich - wobei weiterhin der Eskapismus Vorrang haben sollte, nicht das Durchrütteln des Publikums. Ein Teil des Parks könnte kontemporäres Großstadt-Themening haben (für Avengers wie Ant-Man, Iron Man und Captain America), einer in die kunterbunte Welt der Guardians of the Galaxy entführen, ein geräumiger Teil wäre für "unsere" Version von Star Wars: Galaxy's Edge, und es gäbe natürlich noch Raum für mehr. Ich persönlich würde mich etwa nicht über eine Pirates of the Caribbean-Ecke beschweren, aber ich weiß, dass das zu viel verlangt ist. Andererseits ist eh dieser ganze Park zu viel verlangt. Denn Disney muss jetzt erst einmal die Studios auf Vordermann bringen, und da ist Marvel ein so großes Geschenk, dass es da einfach eingesetzt werden muss.

Wenn die Studios also zum Marvel-Pixar-Park werden, was könnte dann das Thema des dritten Parks werden? Fans wünschen sich seit Ewigkeiten einen Schurken-Park, aber das wird wohl niemals umgesetzt, ein europäisches Epcot dürfte völlig außer Frage stellen, ebenso wie ein zweites Animal Kingdom - zumindest ich halte das Konzept des Parks nicht für sehr europaaffin.

Ich hoffe ja, dass es ein originelles, unerwartetes Thema wird, das dem dritten Park seinen Aufhänger gibt. Ähnlich wie Japans hoch gepriesenes Tokyo DisneySea: Wir brauchen einen mit intensivem Themening aufwartenden, "erwachsenen" Park, um noch stärker gegen das Vorurteil, Disneyland Paris sei nur für Familien, aufzuwiegen. Zudem sollte der dritte Park, wenn wir schon meine erträumte Marvel/Star Wars-Kombi nicht bekommen werden, in genau die entgegengesetzte Richtung schlagen und auf Filmlizenzen verzichten. Wir haben dafür ja schon die Studios.

Ein zweites DisneySea wäre natürlich einfallslos, da geklaut, aber es muss ja keine fiktive Hafenstadt sein, in die man hier entführt wird. Was wären eure alternativen Ideen?

Montag, 13. November 2017

Die Schöne und das Biest


Remakes lassen sich nicht einfach so binär kategorisieren. Sie sind nicht alle automatisch spitze oder schlecht, vorlagengetreu oder vorlagenignorant. Sie bewegen sich viel eher auf einer graduellen Skala. Irgendwo von Gus Van Sants sklavischer Psycho-Neuverfilmung und Michael Hanekes minimal angepasstem Funny Games-Remmake bis hin zu David Cronenbergs freier Die Fliege-Umdeutung sowie David Lowerys die Vorlage weitestgehend ausblendendem Elliot, der Drache.

Gemeinhin möchte man, zumindest aus filmhistorischer Sicht, denken: Ein Remake muss sich von der Vorlage entfernen, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Denn solange das Original noch existiert, wieso sollten die Verantwortlichen der Neuadaption ihm gegenüber vollkommen devot sein? Eine neue Perspektive, ein abweichender Tonfall, veränderte Gegebenheiten – das kann für die erneute Befassung mit bereits bekannten Stoffen sinnstiftend sein. Dass Originalgetreue nicht Trumpf ist, bewies darüber hinaus die ablehnende Reaktion von Kritikern und Kinogängern auf das besagte Psycho-Remake.

Die Rezeptionsgeschichte lehrt indes: Abweichungen vom Gewohnten kommen ebenfalls nicht immer gut an. Rob Zombie machte in seinem Halloween aus einem ominösen Slasherschurken einen White-Trash-Spross, dessen kaputte Psyche genau skizziert wurde. Paul Feig änderte das Geschlecht der Ghostbusters und formte ihren Humor von 80er-Jahre-Situationswitz zu heutiger "American Akwardness". Beide Male fanden sich überzeugte Verteidiger der neuen Ansätze, während die Kern-Fangemeinde wütend schnaubte. Ja, der Mensch: Ein Gewohnheitstier, das gleichzeitig laut blökt, wenn sich wer seiner Gewohnheit zu offensichtlich anbiedert. Anstrengend, anstrengend …

Eine Erweiterung, kein Neuansatz
Die von Dreamgirls-Regisseur Bill Condon inszenierte Die Schöne und das Biest-Neuverfilmung befindet sich auf der eingangs herbeigesponnenen Remake-Skala auf einer Position, die sich näher bei den sklavischen Neuaufgüssen befindet als bei den losen Adaptionen. Gleichwohl steht Condons Film ausreichend auf eigenen Füßen, um sich nicht 1:1-Remake schimpfen lassen zu müssen. Zumindest, solange der Begriff nicht sinn- und grundlos durch die Gegend gebüpllt wird.

Der Gedanke, den die auf den Schultern des 1991 veröffentlichten Disney-Zeichentrickklassikers gleichen Namens stehende Großproduktion verfolgt, ähnelt dem vieler Disney-Bühnenmusicals: Man drehe an einer kleinen Handvoll an Stellschrauben eines populären Disney-Films und erweitere die Handlung ausgiebig, ohne den Fokus von den etablierten Storypunkten wegzulenken. Bei dieser Art des Neuspinnens eines bekannten Stoffes ist daher nicht primär der gewählte, neue Ansatz für ein etwaiges Gelingen oder Misslingen entscheidend. Sondern viel mehr die gebotene Handwerkskunst.

Wie nahtlos fügen sich die Ergänzungen in das nur behutsam angepasste Grundgerüst der Vorlage und wie beeindruckend ist der Produktionsaufwand? Die Disney-Bühnenstücke sind in dieser Hinsicht mal herausragende Volltreffer (wie die meisten Der König der Löwen-Bühnenmusicalbesucher bestätigen dürften) und mal blamable Versuche, mittels eines bekannten Titels mehr Geld zu scheffeln (wie viele der Unglücklichen sagen werden, die sich dem Arielle, die Meerjungfrau-Musical aussetzten).

Im Falle von Die Schöne und das Biest gibt es dahingehend kaum etwas zu kritteln, dafür umso mehr zum Bestaunen: Condon entschied sich für einen prachtvollen Rokoko-Stil, der konsequent und handwerklich herausragend durchgezogen wird, so dass die Leinwand vor Opulenz und Detailreichtum geradezu trieft. Die Kostüme sind preiswürdig – sie erinnern durch ihre Farbästhetik an die Trickvorlage, sind dabei jedoch dank der liebevoll verarbeiteten Stoffe historisch glaubwürdig und daher ansehnlicher als irgendwelche Karnevalskostüme. Hinzu kommen filigran verzierte Requisiten, detailreiche Digitaltrickfiguren (die dennoch eine Seele aufweisen) sowie weitläufige Kulissen, und fertig ist die visuelle Pracht, die Mr. Holmes-Kameramann Tobias Schliessler zumeist in ruhigen, weitwinkligen Bildern einfängt.

Trotzdem ist nicht alles Gold, was glänzt: Die bei Tageslicht spielenden Außenszenen in Belles beschaulichem Dorf wirken durch eine etwas übermäßige Beleuchtung arg artifiziell, der restliche Film ist hingegen in einem dem Produktionsdesign angemessenen, theatralen Look abgelichtet.

Schwelgend, statt intensiv
Das Storytelling fügt sich formidabel der von Condon gewählten Form: Der Zeichentrickfilm ist flotter erzählt, visuell nicht derart dekorativ-verziert wie das Realfilmremake und er setzt auf intensive Emotionen. Der ausschweifend-opulent gehaltene, deutlich längere Realfilm ist indes schwelgerisch: Er kostet Gefühle und Situationen mit einer besonnenen Ruhe aus, ohne dabei schwunglos zu wirken – die Dialoge sind zu amüsiert-verschnörkelt und die meisten Sequenzen zu reich an Agilität, als dass Condons Die Schöne und das Biest trotz Überlänge behäbig rüberkommen könnte.

Die schlichte, effektive Geschichte der klugen, schönen Dorf-Außenseiterin Belle, die sich in einem verwunschenen Schloss einem garstig aussehenden Biest annähert, nachdem sie in ihrer Heimat dem prahlenden Schönling Gaston die kalte Schulter zeigte, erweitert Condon intuitiv. Der rundum gelungene Disney-Zeichentrickfilm zeigt zwar, dass es keine der Ergänzungen aus der Feder von Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos dringend bräuchte. Aber das Autorenduo lässt neues Material und aus dem Trick-Meilenstein übernommene Sequenzen fließend ineinander übergehen. Belle gewinnt so neue, dramatische Zwischentöne hinzu, Gaston wird ein gutes Stück schurkischer und dem Biest wird sowohl mehr Humor als auch eine größere Verletzlichkeit zugeschrieben.

Das Ensemble wird in seinem darstellerischen Können von dem ganzen Pomp etwas überschattet – blass bleiben Emma Watson als Belle und Dan Stevens als (mittels haptischer und digitaler Effekte erzeugtes) Biest zwar keineswegs. Dennoch sind die Zeichentrickversionen mimisch und gestisch ausdifferenzierter, während die Gefühlswelt der Titelfiguren in der Condon-Variante öfter durch Text und Inszenierung verdeutlicht wird, statt durch Ausdruck. Dessen ungeachtet spielen Watson und Stevens die schrittweise entstehende Anziehung zwischen ihren Rollen liebenswert aus – selbst wenn Watson dasselbe Problem plagt wie Lily James in Cinderella: Sie spielt keine "echte" Rolle, es wirkt durchweg so, als würde der Gedanke "Oh, ich spiele nun eine Disney-Prinzessin, wow!" zwischen der Rolle und ihrer Darbietung stehen. Luke Evans hat indes wonnige Spielfreude in der Rolle des Ex-Kriegers Gaston und Josh Gad überträgt als LeFou den grellen Tonfall dieses Schurken-Sidekicks von der Zeichentrickvorlage gekonnt in eine etwas gemäßigtere Variante.

Ähnliches gilt für Alan Menken, der die von ihm geschriebene Musik und die gemeinsam mit Howard Ashman verfassten Songs des Kassenschlagers von 1991 behutsam adaptiert und zudem durch berührende, neue Lieder (getextet von Tim Rice) ergänzt. Inszenatorisch orientiert sich Condon beim Ohrwurm Sei hier Gast allerdings all zu krampfhaft am Zeichentrickfilm, der medial bedingt diese verspielte Szene viel mitreißender umsetzt. Sonst tänzelt der Regisseur in den prächtigen Musikszenen auf betörende Weise entlang der Grenze zwischen "Bekannt, aber dezent anders" und "Neu, aber familiär". Somit fällt Die Schöne und das Biest für ein 130-minütiges Prunk-Märchenmusical erstaunlich kurzweilig aus – und wirkt für ein ziemlich vorlagengetreues Remake ungewohnt gehaltvoll.

Fazit: Prächtige Optik und wunderschöne Musik machen aus dieser behutsam ausgearbeiteten Real-Neuverfilmung des Disney-Zeichentrickklassikers eine prunkvolle Kinoproduktion, die eher ein schwelgendes Fest als eine smarte Neuinterpretation der Vorlage darstellt.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de