Sonntag, 28. Mai 2017

Das Zwei-Szenen-Wunder

Achtung, seid gewarnt! Der nachfolgende Artikel enthält zahlreiche Spoiler zu Pirates of the Caribbean - Salazars Rache!


Wie schon an anderer Stelle geschrieben: Obwohl es nicht zwingend danach aussieht, als stünde uns ein sechster Pirates of the Caribbean-Film garantiert ins Haus, kann ich nicht aus meiner Haut und über ihn und seine Möglichkeiten zu spekulieren. Und ein Punkt, der sich natürlich aufdrängt, ist die Frage: Welche der neu eingeführten Figuren sollten unbedingt zurückkehren?

Ganz vorne für mich dabei: Die Hexe Shansa, gespielt von Golshifteh Farahani in einer ungeheuerlich cool-bizarren Aufmachung. Ich will diese irre gestaltete Figur einfach wiedersehen - und finde, dass sie großes Potential birgt. Nicht nur, weil Farahani eine sehr fähige Schauspielerin ist und somit sicherlich noch viel mehr aus ihrer Rolle holen kann, sollte man von ihr mehr als Exposition abverlangen. Sondern auch, weil die wenigen Augenblicke mit ihr in Salazars Rache suggerieren, dass ihre Fähigkeiten denen von Tia Dalma kaum nachstehen - und dass Shansas moralischer Kompass noch ein Stückchen kaputter ist als der von Naomie Harris' herrlicher Göttin.

Es spricht enorm für Farahanis Leinwandwirkung und die Leistung von Kostümdesignerin Penny Rose sowie dem Make-up-Team, dass Shansa solch einen Eindruck hinterlassen hat - nicht nur bei mir, sondern bei allen, mit denen ich bisher über den Film gesprochen habe. Denn, mit Verlaub: Am fertigen Film beurteilt ist es nicht der Verdienst des Drehbuchautors Jeff Nathanson. Hatte Tia Dalma in ihren wenigen Minuten in Die Truhe des Todes dank ihrer Sprachticks, ihrer Andeutungen und der Reaktionen, die sie bei anderen Figuren hervorrief, einen gut eingewobenen Platz im Film (und eine Auswirkung auf den Plot, den sie unerlässlich erscheinen ließ, statt wie eine markante, aber praktische "Du kommst aus der Plotecke raus!"-Karte), ist Shansa letztlich nur eine beeindruckende Randerscheinung in ihrem Film.

Oder ... vielleicht auch nicht. Eventuell versucht sich Nathanson an einem Spagat und nutzt Shansa als Miss Exposition-Plotmotor, für den Fall, dass die Reihe mit Salazars Rache endet, baut sie aber im Beckett- und Tia-Dalma-Stil für den sechsten Teil vor, sollte er folgen. Dann ist Nathanson zwar nicht ganz im Ted-Elliott-Terry-Rossio-Club angelangt, aber cleverer als ich im ersten Augeblick dachte.

Achten wir nochmal genau darauf, was in Salazars Rache so passiert, wenn Shansa ihre Kreise zieht: In ihrer ersten Szene werden klar Ratten als ihr tierisches Markenzeichen eingeführt. Noch bevor Shansa auftaucht, sehen wir eine Ratte in der Taverne herumkraxeln, wo Jack zuvor seinen Kompass abgegeben hat. Shansa lässt später im Gespräch mit Barbossa fallen, dass sie seine Feinde verflucht hat. Sie erläutert ihm gegenüber zudem, dass die Toten die See beherrschen und es weiser wäre, sich an Land zur Ruhe zu setzen. Erst, als Barbossa widerspricht und unmissverständlich betont, weiter ein Pirat bleiben zu wollen, gibt Shansa Barbossa Jacks Kompass. Später deutet Shansa für die britische Marine die Sternenkarte, die Carina hinterlassen hat.

Ist Shansa wirklich nur eine Ploterläuterung auf zwei Beinen? Oder verfolgt sie etwa einen Plan? Die Ratte in der Tavernenszene suggeriert, dass Shansa noch vor Barbossas Eintreffen wusste, den Kompass zu brauchen. Und dass sie den Kompass erst hergibt, als Barbossa festhält, nicht vor den Toten fliehen zu wollen, deutet darauf hin, dass sie durchaus willens ist, Barbossa in diese gefährliche Situation zu bringen. Barbossa begnügt sich nicht damit, Jack Sparrow an Salazar auszuliefern, sondern erklärt dem Geisterkapitän den Krieg - einen Krieg, in den auch die Marine dank Shansas Hilfe zieht.

Ist es möglich, dass die Hexe ihren Teil dazu beigetragen hat, Barbossas Ende zu besiegeln? Wenn ja, weshalb? Das könnte uns der nächste Pirates of the Caribbean-Film verraten ...

Freitag, 26. Mai 2017

Freitag der Karibik #44


Käpt'n Jack Sparrow ist ein Glückspilz und Pechvogel zugleich - und er hat das sonderbare Talent, sich in einem ständigen Überlebenskampf besonders mächtige Feinde zu schaffen. Damit hat er etwas mit Pirates of the Caribbean gemeinsam: Die ersten vier Filme spülten zusammen rund 3,7 Milliarden Dollar in die Kinokassen ein, zudem eröffnete die Filmreihe als epochale, schroffe und zuweilen finstere Erzählung Disney neue Horizonte. Statt sich somit jedoch einen felsenfesten Ehrenplatz im Disney-Imperium zu erarbeiten, haben die Pirates of the Caribbean dadurch nur Konkurrenten und Probleme erschaffen, die dafür sorgen, dass wir hier nun sitzen, am US-Starttag von Salazars Rache und kopfkratzend rätseln, ob es wirklich einen sechsten Teil geben könnte.

Die Familiaisierung des Jerry Bruckheimer: Jerry Bruckheimer galt jahrzehntelang als gigantischer Erfolgsproduzent - und das, obwohl er sich hauptsächlich auf den Markt für Jugendliche junge Erwachsene stützte. Mit Gegen jede Regel feierte er seine Premiere unter der Disney-Flagge, Fluch der Karibik wurde sein bis dorthin größter Erfolg - und so änderte er seine Marktstrategie. Hinfort war der Produzent von R-Rating-Actionfilmen, stattdessen schlug er fortan wiederholt in die Pirates of the Caribbean-Kerbe und machte extrem aufwändige Abenteuer, die zwar rauer und härter sind als der Disney-Durchschnitt, aber auch familientauglicher als sein früheres Schaffen. Und dann war da noch Duell der Magier, der kein "echter" Bruckheimer-Film war, sondern den ihm Disney als hinter den Kulissen bereits nahezu fertiges Paket aufgeschwatzt hat. Mit dieser Schiene fuhr Bruckheimer abseits der Piraten jedoch wenig erfolgreich und in der Medienpresse wurde er als der Hauptschuldtragende gezeichnet. Sein Verhältnis zu Disney verfinsterte sich, und somit ist nun jeder neue Pirates of the Caribbean-Film eine Zitterpartie: Kommen Disney und Bruckheimer überhaupt ausreichend miteinander aus, um gemeinsam einen Film zu verwirklichen?

Die Bombastisierung des Disney-Konzerns: Fluch der Karibik war 2003 nicht nur für Walt Disney Pictures eine ungewöhnliche Angelegenheit, sondern sogleich für den gesamten Konzern. Zwar verantwortete die Disney Company mit Armageddon und Co. durchaus die eine oder andere gigantische Unterfangung, dennoch hielt man sich dahingehend eher zurück. Realfilme waren das Zubrot eines Konzerns, der seine Mühen im Kinomarkt in Animationsfilme steckt und auch vornehmlich dadurch verdient. Fluch der Karibik eröffnete Disney die Welt der wirtschaftlichen Möglichkeiten aufwändiger Bombastunterhaltung, die nicht mehr als klassische Familienunterhaltung durchgeht, die man aber auch nicht vor älteren Kindern verstecken müsste. Und so holte sich Disney Marvel und Star Wars ins Haus, die an den Kinokassen ähnliche Zahlen schreiben wie die karibischen Piraten. Marvel läuft abseits Avengers etwas schwächer, dafür sind diese Filme deutlich günstiger produziert, Star Wars ist keine wirkliche Kostenersparnis, aber lässt die Kasse ordentlich klingeln. Und dann ist da noch der Merchandisingmarkt: Kinder spielen wohl viel lieber mit Lichtschwertern, riesigen Hulk-Händen und mit Figuren in coolen Rüstungen als mit gammligen, verdreckten Piraten ... Wenn Disney seinen die gesamte Kinoindustrie aufhorchen lassenden Startkalender absteckt, dann liegt die Priorität nicht in der Karibik ...