Sonntag, 24. April 2016

Meine Lieblingsfilme 2015 (Teil III)

Weiter geht es mit meinen Favoriten des Filmjahres 2015, und wie ich mir schon in Teil zwei den Kopf über die genauen Platzierungen zerbrochen habe, so haben die nun folgenden Produktionen meinen Kopf noch stärker zum Qualmen gebracht: Habe ich Film X lieber als Film Y, oder Film Y lieber als Film X? Schlussendlich kam das nun anstehende Ranking zustande, mit dem ich sehr zufrieden bin. Dennoch sei gesagt: Ob ein Werk nun auf Rang 17 oder Rang 23 ist, macht keinen weltbewegenden Unterschied, denn all diese Filme haben mein Fanherzen sehr hoch schlagen lassen. Es sind noch immer keine vollkommen perfekten Filme, wohl aber welche, die ich kleiner Schönheitsfehler zum Trotz sehr gerne sehe und für ihre ganz und gar unterschiedlichen Leistungen wertschätze.

Vorab noch drei Ehrennennungen von Filmen, die mich hoch erfreut aus dem Kinosaal entlassen haben, jedoch ganz knapp daran gescheitert sind, in meiner Jahresbestenliste zu landen. Da wäre die charmante und genauso lieb wie kess gegen die soziale Schulleiter schießende Komödie The DUFF, die nur im Mittelteil in Klischees tappt. Dann sagten mir noch Steven Spielbergs unerwartet humorvolles Geschichtsdrama Bridge of Spies sehr zu sowie die Fortsetzung einer Jugendkomödie, die damals nur knapp meinem Flop-Ranking entkommen ist: Doch so sehr mich Pitch Perfect als zahnloser und weniger kreativer, zäher Glee-Abklatsch nervte, so unverschämt lustig und musikalisch einfallsreich hat sich Pitch Perfect 2 in mein Herzen geträllert. So. Nun aber die nächsten Platzierungen in meiner Jahresbestenliste!

Platz 25: Predestination (Regie: Michael & Peter Spierig)

Ein Film, bei dem es eine gewaltige Schande ist, dass ihm eine reguläre Kinoauswertung in Deutschland versagt blieb: Der Sci-Fi-Film Predestination ist ein Genre-Geniestreich und schlägt mehrmals sowohl tonale wie auch inhaltliche Haken, die jedoch nie überzogen wirken. Stets gewinnt die mit einem starken Ethan Hawke und einer umwerfenden Sarah Snook besetzte Story durch ihren Wandel an Kraft hinzu. Was wie ein normal gestikulierender, aber atmosphärischer Zeitreisethriller beginnt, wird im Mittelteil zu einer herzzerreißenden Coming-of-Age- und Coming-of-Gender-Geschichte voller Gefühl und mit einer zerrissenen Leitfigur. Daraufhin wird Predestination zu einer emotional aufgeladenen, von Bedauern sowie von Hoffnung getriebenen Sci-Fi-Noir-Erzählung und selbst darauf lassen es die Filmemacher nicht beruhen. Stark – hätte aber gerne noch selbstbewusster und unter die Haut gehender ablaufen können.

Platz 24: Mission: Impossible – Rogue Nation (Regie: Christopher McQuarrie)

Es ist eine schwer zu nehmende Hürde: Christopher McQuarrie hatte mit Mission: Impossible – Rogue Nation die Aufgabe, in die Fußstapfen des ungeheuerlich stark inszenierten, enorm unterhaltsamen vierten Teils der „Tom Cruise begibt sich in halsbrecherische Situationen und talentierte Regisseure filmen das Ganze, in der Hoffnung, nicht wegen der fahrlässigen Tötung eines Superstars in die Geschichte einzugehen“-Saga zu treten. Doch Cruises Kumpel McQuarrie hat es geschafft, sich nach Die Unglaublichen-Regisseur Brad Bird nicht zum Affen zu machen! Sein Rogue Nation ist kerniger, schneller und nicht mehr ganz so lustig, lebt von der Team-Dynamik des Casts und reiht eine genial choreografierte, atemberaubende Actionsequenz an die nächste. Der Plot ist nur zu Alibizwecken da, tut diesen undankbaren Dienst aber sehr erfolgreich – und mit Ilsa-Faust-Darstellerin Rebecca Fergusson haben wir eine der wenigen Frauen entdeckt, die Cruise in seinen Actioneskapaden die Stirn bieten kann. Saucooler Film.

Platz 23: Selma (Regie: Ava DuVernay)

Quentin Tarantino, der ja liebend gern das Filmgeschehen kommentiert, sorgte für eine kleine Kontroverse, weil er Selma als einer Emmy-Auszeichnung würdig bezeichnete und somit die Debatte, ob dieses Biopic bei den Oscars unter Wert verkauft wurde, abzuwürgen versuchte. Ich muss Tarantino aber teils recht geben: Eine Nominierung als bester Film wäre gerechtfertigt gewesen, David Oyelowo hätte für seine vielschichtige, emotionale und dennoch würdevolle und stolze Darstellung des Bürgerrechtlers Martin Luther King mindestens nominiert werden müssen. Auch das Drehbuch war meiner Ansicht nach auf Oscar-Niveau. Die Regieführung aber war für mich auf sehr hohem TV-Niveau, in dem Sinne, dass DuVernay nicht die Leinwand füllte und die Geschichte der Märsche von Selma effizient, aber nicht mit großen Ideen umsetzte. Das ist kein Kritikpunkt am Film, aber eine Begründung, weshalb ich die Nicht-Nominierung DuVernays nicht als sogenannten Snub betrachte. Allem zum Trotz: Selma ist ein aufwühlender, bedächtiger Film, der frei von üblichen Tränenziehermomenten ein noch immer brandaktuelles Thema aufgreift und seine Hauptfigur auch ohne Verklärung zu feiern weiß. Sehenswert!

Platz 22: TinkerBell und die Legende vom Nimmerbiest (Regie: Steve Loter)

Für mich vielleicht die Überraschung des Kinojahres 2015 schlechthin: Seit dem grausigen TinkerBell – Ein Sommer voller Abenteuer ist die Saga rund um die Nimmerland-Fee für mich nur noch eine Fußnote in Disneys Filmschaffen. Selbst wenn keine der Fortsetzungen auf so niedrigem Niveau arbeitete wie der dritte TinkerBell-Film, so traute ich der Reihe nicht mehr viel zu. Entsprechend wenig habe ich mich vor der Pressevorführung von TinkerBell und die Legende vom Nimmerbiest über diese Produktion informiert, ich wusste lediglich, dass er vorerst / voraussichtlich der letzte Teil der Reihe sein wird. Mit niedrigen Erwartungen ging es in die Vorführung, und nach dem etwas zahmen, nichtssagenden Einstieg entwickelte sich diese ebenso süße wie humorvolle Erzählung über eine ungewöhnliche, Vorurteile überwindende Freundschaft zu einem Film, der mir nicht lang genug hätte laufen können. Endlich erwachte Pixie Hollow für mich zum Leben, und dank der weit über der üblichen DisneyToon-Studios-Level liegenden Ausdruckskraft der Charakteranimation wuchs mir in der so knackigen Laufzeit das titelgebende Biest ganz eng ans Herz. Hinzu kam ein emotionales Finale, das auch auf der Metaebene als Abschluss dieser Filmreihe funktioniert, und schon starrte ich mit Gänsehaut die Leinwand an, um im Abspann Antworten zu suchen. Die habe ich sogleich erhalten: Zu den Autoren zählten die Kim Possible-Schöpfer Robert Schooley und Mark McCorkle, Regie führte der für die geniale Disney-Trickserie verantwortliche Steve Loter. Klar, dass dieser TinkerBell-Film angesichts solcher Beteiligten über die bisherigen Teile hinauswächst! Und plötzlich bin ich ein wenig traurig, dass die TinkerBell-Reihe vorbei ist. Andererseits: Hey, sie endet auf dem Höhepunkt. Das muss ein Franchise erst einmal schaffen ...

Platz 21: Ant-Man (Regie: Peyton Reed)

Zeitweise sah es so aus, als könnte Ant-Man Marvels erster kreativer Totalrückschlag seit Iron Man 2 werden: Nach jahrelanger Vorproduktion hatte das von Hot Fuzz-Regisseur Edgar Wright erdachte Projekt endlich einen konkreten Dreh- und Kinostarttermin. Und dann macht kurz vor Drehbeginn die Meldung die Runde, dass Wright und Marvel getrennte Wege gehen. Als Ersatz wurde Der Ja-Sager-Filmer Peyton Reed angeheuert, das Drehbuch wurde unter anderem von Adam McKay überarbeitet ... und das Ergebnis? Ein überraschend runder, launiger Film! Die Schrumpffähigkeiten des von Paul Rudd immens charismatisch gespielten Ant-Man werden beeindruckend auf die Leinwand gebracht, die Chemie innerhalb des Casts stimmt einfach (vor allem Michael Douglas ist super!) und dank hoher Gagdichte sowie zügiger Erzählweise ist Ant-Man zudem einer der wenigen modernen Superheldenfilme, die sich richtig schlank und drahtig anfühlen. Eine wunderbare Abwechslung, bei der die frische Art und Weise, wie das Material vermittelt wird, mühelos darüber hinwegtäuscht, dass der Grundplot schon sehr stark an Iron Man erinnert und daher eigentlich gar nicht originell für Marvel ist.

Platz 20: The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben (Regie: Morten Tyldum)

Die Lebensgeschichte von Alan Turing, mit Fokus darauf, wie der Erfinder der Computertechnologie den Zweiten Weltkrieg für die Alliierten entschied, während er vor dem britischen Militär seine Sexualität verstecken musste. Typisches Oscar-Material, doch das feinfühlige, die angerissenen Themen beiläufig und clever verschmelzende Drehbuch sorgt dafür, dass wir es hier nicht mit einem handelsüblichen Oscar-Baiting-Projekt zu tun haben. Hinzu kommen eine unaufdringliche, doch sehr effektive Musikuntermalung aus der Feder des gefeierten Komponisten Alexandre Desplat, starke Performances durch Benedict Cumberbatch und Keira Knightley, die einen kühl-britischen Witz in dieses Drama einweben, sowie eine souveräne Regieführung. Ein schlicht und ergreifend schöner Film.


Platz 19: Sicario (Regie: Denis Villeneuve)

Der kanadische Spitzenregisseur Denis Villeneuve zementiert weiter seinen Platz in der Riege jener Filmschaffender, die man unbedingt im Blick halten sollte: Mit dem Gänsehaut erzeugenden, Nerven zerreibenden, in einem schleichend-bedrohlichen Tempo operierenden Thriller Sicario lieferte Villeneuve seine bislang wohl beste englischsprachige Regiearbeit ab. Umwerfend von Roger Deakins fotografiert, erzählt dieser dreckige, moralisch grau-grau-dunkelgrau gehaltene Film vom Krieg der US-Behörden gegen die Drogenkartelle in Mexiko. Emily Blunt besticht mit einer vielsagenden, doch wortkargen Schauspielleistung als ratlos in diese Welt geschubste Agentin, Josh Brolin und Benicio del Toro punkten als undurchschaubare Strippenzieher dieser deprimierenden Mission. Hinzu kommt noch Komponist Jóhann Jóhannsson, der seine beste Imitation eines düsteren Hans-Zimmer-Scores beisteuert und Sicario so zu einem bleischweren, sonnengegerbten Stück Spannungskino macht. Wow.

Platz 18: Kingsman – The Secret Service (Regie: Matthew Vaughn)

Nachdem Matthew Vaughn mit der Mark-Millar-Comicverfilmung Kick-Ass das Superheldengenre persiflierte, dekonstruierte und rekonstruierte, treibt der Regisseur mit einer weiteren Millar-Adaption dasselbe Spiel für das Genre des Agentenfilms: Kingsman ist ein neckischer Liebesbrief an das alte, campige Agentenkino, wie es Roger Moore als 007 einst aufrecht hielt. Und es ist zugleich eine Modernisierung dieser veralteten Mentalität. Vor allem aber ist es ein mit britischer Eleganz und hochmoderner Rotzigkeit ausgestatteter, gigantischer Popcorn-Filmspaß mit einer großartigen Neuentdeckung in der Hauptrolle (Taron Egerton) und einem ebenso großartig aufgelegten Colin Firth als urenglischer Gentlemanspion. Ultracool und einfallsreich!

Platz 17: Straight Outta Compton (Regie: F. Gary Gray)

Heiliger Quackstrudel: Ich hätte niemals gedacht, dass Straight Outta Compton ein Film wird, der mir persönlich derart gefällt. Nach den sehr positiven US-Kritiken habe ich durchaus erwartet, dass F. Gary Gray aus der Geschichte der Protest-/Skandal-/Gangster-/Hit-Rappertruppe N.W.A. einen qualitativ achtbaren Film geformt hat. Aufgrund meines Desinteresses für Rap glaubte ich jedoch nicht, dass er mich auf einer hochsubjektiven Ebene packen kann. Doch genau das hat er getan: Der Aufstieg, das Taumeln und das Neuerfinden des Anti-Establishment-Hip-Hops wird hier mit Dramatik, Spannung und Witz umgesetzt, die Darsteller sind perfekt gecastet, die Musik wird so eingesetzt, dass sie die Handlung stützt und vorantreibt, statt zu einer bloßen Aneinanderreihung der größten Hits zu verkommen. Und auch wenn die als Produzenten mitwirkenden Mitglieder der Truppe etwas zu gut davonkommen, so werden noch immer alle handelnden Personen mehrdimensional dargestellt und ergeben so Leinwandfiguren, deren Karriereverlauf ich in der fiktionalisierten Version extrem gerne und amüsiert verfolgt habe. Darüber hinaus ist Straight Outta Compton der richtige Film zur richtigen Zeit: Die Szenen, in denen Polizeigewalt und Rassismus schonungslos dargestellt werden, räsonieren erschreckend mit dem, was 2015 in den USA so los war ...

Platz 16: The Voices (Regie: Marjane Satrapi)

Ryan Reynolds in einer Rolle, in die er genauso sehr versinkt wie in Deadpool: Der Beau spielt in der pechschwarzen Psychokomödie The Voices einen unauffälligen Sanitärbedarf-Fabrikarbeiter, der ein bescheidenes Leben in einer recht freudarmen Kleinstadt führt. Doch der scheinbare Niemand hat seinen Kollegen gegenüber ein Geheimnis: Er wird wegen Schizophrenie therapiert: Er glaubt, dass seine Haustiere mit ihm sprechen, wobei sein Hund sein übervorsichtiges, optimistisches Ich repräsentiert und sein Kater seine dunklen Seiten ... Reynolds meistert es, einen Furcht einflößenden, Mitleid erregenden, Lacher erzeugenden, deprimierenden Protagonisten zu spielen, in einem Film, der keine einfachen Antwort liefert, wie man mit geisteskranken Mitmenschen umzugehen hat. Bei The Voices bleibt einem das Lachen im Halse stecken und ebenso weiß die Handlung ein beklommenes Gefühl zu erzeugen sowie mit Exzentrik zu verlocken. Ein einzigartiger Film!

Was kann diese Filme nur überbieten? Die Antworten folgen im nächsten Part!

Sonntag, 17. April 2016

Bridge of Spies – Der Unterhändler


Der Zeitgeist tendiert wieder gen Agentengeschichten: Die zwei vergangenen James-Bond-Filme Skyfall und SPECTRE gehören zu den größten Hits in der über 50 Jahre langen Kino-Historie von 007. Tom Cruise sorgte mit Mission: Impossible – Rogue Nation  dafür, das seinen Kritikern die Spucke wegblieb. Und Spy – Susan Cooper undercover sowie Kingsman: The Secret Service zogen mit gänzlich unterschiedlicher Attitüde das Genre durch den Kakao.

Wo diese Welle an Agentenstoffen in der Popkultur aktuell herrührt? Gewiss spielt es durchaus eine Rolle, dass die NSA-Abhörskandale und Streitigkeiten zwischen verschiedenen Geheimdiensten über Zuständigkeit aus den Nachrichten kaum wegzudenken sind. Und nicht nur diese Themen werden gesellschaftlich heftig diskutiert: Fragen über Sicherheit, Privatsphäre und die unübersichtliche Einordnung weltpolitischer Allianzen gehören längst zum Alltag. Schlagwörter, mit denen in der Welt der Geheimdienste unentwegt umgegangen werden muss.

Steven Spielbergs Bridge of Spies – Der Unterhändler befährt diese thematischen Gewässer gezielter als etwa die ebenfalls 2015 gestartete Spionagestory Codename U.N.C.L.E. oder der dümmliche Actioner Hitman: Agent 47. Da es sich hierbei um einen Geschichtsfilm von Steven Spielberg handelt, stand dies so auch zu erwarten. Ebenso sehr war zu erwarten, dass Bridge of Spies ungeachtet der ernsten Grundlage einen inspirierenden, optimistischen Film darstellt. Den charakteristischen Pathos eines Steven Spielberg dürften vereinzelte Kinogänger wohl als unverhohlenen US-Patriotismus missverstehen, andere werden dem Regieveteranen wohl einmal mehr eine Simplifizierung der Weltgeschichte vorwerfen. Wem jedoch bewusst ist, dass Spielberg eine weitere Heldengeschichte über das Gute im Menschen erzählen will und sich dabei von wahren Begebenheiten inspirieren ließ, darf sich auf rund 140 dramatische, aber auch warmherzige Kinominuten einstellen.

Das Jahr 1957: Auf Höhe des Kalten Krieges wird in Brooklyn Jagd auf sowjetische Spione gemacht. Dabei geht den US-amerikanischen Behörden der Spion Rudolf Abel (Mark Rylance) ins Netz. Da dem mit einer beeindruckenden Gelassenheit auftretenden Agenten vor Gericht per Gesetz eine angemessene Verteidigung zusteht, aber niemand sein Mandat übernehmen möchte, wird diese Aufgabe letztlich dem Versicherungsanwalt James B. Donovan (Tom Hanks) herangetragen. Dieser steigert sich in den Auftrag hinein und rattert seine Pflichten nicht etwa pro forma ab, sondern bemüht sich mit Leib und Seele, um für Abels Rechte einzustehen. Dies bringt Donovan die Verachtung seiner Kollegen und Mitbürger ein. Dennoch steht er weiter dafür ein, seinen Mandanten vor der Todesstrafe zu bewahren. Als der Pilot Francis Gary Powers (Austin Stowell) bei einem Spionageflug über Russland abstürzt und festgenommen wird, macht sich Donovans Strategie bezahlt: CIA-Chef Allen Dulles (Peter McRobbie) bittet ihn, mit den Sowjets über den Austausch von Powers gegen Abel zu verhandeln …

Auf dem Weg zu besagten Verhandlungen ist Bridge of Spies vieles auf einmal: Ein Gerichtsdrama, in dem Spielberg nüchtern aufzeigt, welche Lynchmob-Mentalität der amerikanischen Gesellschaft (und nicht nur der!) innewohnt. Bridge of Spies ist auch eine Historien-Dramödie, die mit sprödem Sarkasmus vorführt, welche Doppelmoral wir Menschen aufweisen. Gerade in den mitunter zynischen Sequenzen, in denen Spielberg etwa auf einen Flaggenschwur einen sehr harten Schnitt auf eine Abfolge von Zerstörung folgen lässt, ist die Feder der am Drehbuch verantwortlichen Coen-Brüder spürbar. Auch, wann immer Tom Hanks mit kesser Gelassenheit seine ihn kritisierenden Gesprächspartner vorführt, werden Erinnerungen an die Skripts der A Serious Man-Macher wach: In den Augen patriotischer Amerikaner ist Donovan ein Vaterlandsverräter, weil er sich an die Verfassung hält und seinem Mandaten einen fairen Prozess verschaffen möchte – galanter kann man das US-Denken nicht vorführen.

Bridge of Spies ist aber auch Politthriller, etwa, wenn Kamera-Legende Janusz Kamiński eine bedrohlich ruhige, lange Kamerafahrt nutzt, um das Getümmel beim Bau der Berliner Mauer festzuhalten. Oder wenn in vermeintlich entspannten Verhandlungen schlagartig doch deutlich wird, wie angespannt die politische Lage zwischen Ost und West ist. Und selbstredend ist Bridge of Spies auch ein Kalter-Krieg-Agentenfilm, selbst wenn hier kein Spion handelt, sondern ein Anwalt zum Schutze seines Mandanten im fremden Land eine knifflige Mission zu lösen versucht.
Dass Bridge of Spies diesen zahlreichen Genrezutaten zum Trotz nicht zusammenbricht, liegt an der erstaunlichen Leichtigkeit, mit der Spielberg den Stoff verarbeitet. Zwar ist Bridge of Spies viel eher ein Drama als eine Komödie, allerdings lässt der Regisseur nie Zweifel daran aufkommen, dass er eine optimistisch stimmende Geschichte erzählt. Daher lässt er in potentiell lebensbedrohlichen Situationen die Zügel etwas locker, hellt die sonst sehr nasskalte Bildsprache auf und fokussiert Tom Hanks' sympathisch-souveränen Gesichtsausdruck. Der Thriller-Anteil fällt deswegen gering aus. Kurzweilig ist Bridge of Spies trotzdem, dank geschliffener Dialoge, einer magnetisch-liebenswerten zentralen Performance und zügig erzählter Etappen.

Spielberg fängt stets so viel Not, Elend und Verständnislosigkeit ein, wie es nötig ist, um den Ernst der Lage zu erfassen – aber zugleich so wenig, wie möglich, so dass mehr Raum ist, den er Donovoans sowie Abels Standfestigkeit widmen kann. Die Werte Anständigkeit und Prinzipientreue werden im Skript und in der souveränen Inszenierung jedoch nicht übertrieben beweihräuchert: Komponist Thomas Newman schafft eine emotional ausgeglichene Atmosphäre, mit sehr trockenem Humor wird Donovans DDR-Trip launig genug dargeboten, um ihn nicht als weltverändernde Heldentat hochzustilisieren. Erst ganz zum Schluss erlaubt sich Spielberg zu viel Symbolhaftigkeit in seiner Bildsprache und feiert den friedlichen, freien Westen – was umso bedauerlicher ist, da Spielberg zuvor angemessen mit den überforderten DDR-Funktionäre (pointiert gespielt von Burghart Klaußner und Max Mauff) sympathisierte. Selbst Sebastian Koch bekommt als selbstgefälliger Verhandlungspartner ein paar Lacher zugeschoben.

Auffälliger als die auf der Zielgeraden Überhand nehmende Prise Pathos sind die zahlreichen losen Fäden: In der ersten Hälfte beginnt Bridge of Spies mehrere Mini-Subplots, etwa über Donovans Kollegen und Familie, die der Film letztlich aus den Augen verliert. Dies ist ein verzichtbarer Schönheitsfehler. Großes Kino ist Spielberg hiermit trotzdem gelungen – das muss man dem Oscar-Preisträger standhaft eingestehen.

Fazit: Bridge of Spies – Der Unterhändler ist ein kurzweiliges, unerwartet aufmunterndes Drama mit schönen Bildern und einem betont freundlichen, magnetischen Tom Hanks in der Hauptrolle.