Mittwoch, 12. Dezember 2018

Mary Poppins' Rückkehr


Der 1964 auf die Leinwand gezauberte Musicalfilm Mary Poppins ist einer der größten Klassiker im Disney-Pantheon. Die zeitlose, magische Geschichte eines fliegenden Kindermädchens wurde nicht nur vom Publikum geliebt, sondern stellte zudem mit 13 Oscar-Nominierungen den bis dato ungebrochenen Rekord für die meisten Academy-Award-Nennungen eines Disney-Films auf. Letztlich konnte sich der mit Zeichentrickelementen durchsetzte Realfilm fünf der begehrten Statuetten sichern. Eine Fortsetzung wurde noch unter der Aufsicht des Sequels gegenüber skeptischen Walt Disney angedacht, damals jedoch noch von Buchautorin P. L. Travers ausgebremst.

In der Ära nach Walt Disney wurde die Idee wiederholt zur Sprache gebracht, im September 2015 nahm das Vorhaben Mary Poppins' Rückkehr dank des Segens der Travers-Erben Gestalt an: Rob Marshall, John DeLuca und Marc E. Platt, das Produktionsteam hinter Into the Woods nahm sich der Herausforderung an, den filmischen Evergreen fortzuführen. Wenige Monate später erhielt Into the Woods-Hauptdarstellerin Emily Blunt den Zuschlag für die Titelrolle. Diese Castingentscheidung wusste viele bis dahin skeptische Liebhaberinnen und Liebhaber des Erstlings zu beruhigen. Aus gutem Grund, wie sich herausstellt. Denn Emily Blunt ist das wandelnde Glanzlicht dieses 130 Millionen Dollar teuren Disney-Unterfangens.

Was passiert?
London in den von der Wirtschaftskrise gerüttelten 1930er-Jahren: Michael (Ben Whishaw) und Jane Banks (Emily Mortimer) sind längst erwachsen geworden und Michael lebt gemeinsam mit seinen eigenen drei Kindern (Pixie Davies, Nathanael Saleh und Joel Dawson) in seinem alten Elternhaus. Seine Schwester sowie die Haushälterin Ellen (Julie Walters) helfen dem kürzlich verwitweten Bruder dabei, sich um die Kinder zu kümmern und das knappe Haushaltsgeld im Auge zu behalten. Und dennoch hält es Familie Banks nur schlecht als recht zusammen. Als eines Tages die Bank mit zerrüttenden Nachrichten auf die Familie zukommt, dauert es nicht lange, bis Janes und Michaels früheres Kindermädchen Mary Poppins vom Himmel hinabfliegt und ihre Hilfe anbietet. Zusammen mit dem freundlichen Laternenanzünder Jack (Lin-Manuel Miranda) führt Mary Poppins die besorgten Banks-Sprösslinge in magische Abenteuer und greift der Familie auf ihre ganz eigene Art auch in größeren Angelegenheiten unter die Arme …


Was habe ich erwartet?
Ich war hinsichtlich Mary Poppins' Rückkehr in einer gleichermaßen skeptischen wie aufgeschlossenen Verfassung: Ich halte späte Fortsetzungen großer Kinomeilensteine nicht aus Prinzip für einen Affront und anders als bei diversen Kritikerkollegen hat Regisseur Rob Marshall bei mir einen Stein im Brett. Seine Annie-Verfilmung ist mir die liebste Version des Stoffs und Chicago liebe ich abgöttisch. Nine wirkt auf mich so, als schielten die Verantwortlichen etwas zu gezwungen auf die Möglichkeit, Preise zu gewinnen, und dennoch gefällt er mir sehr, Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten finde ich toll und Into the Woods ebenfalls.

Ihm habe ich also Vertrauen geschenkt, ich hätte mir viele wesentlich schlechtere Namen für den Regieposten einer neuen Mary Poppins-Filmgeschichte vorstellen können, und durch die Ankündigung, dass Emily Blunt in Julie Andrews' Fußstapfen treten wird, war ich prompt sehr neugierig gestimmt. Und dennoch haben mich sämtliche Trailer und Szenenbilder weitestgehend kalt gelassen. Also bin ich in meine Pressevorführung mit folgender Einstellung reingegangen: "Ich will ihn einfach nicht schlecht finden, und wenn er es unter meine Lieblinge des Jahres schafft, bin ich schon froh. Und für alles, was darüber hinausgeht, bin ich dankbar."


Wie hat er auf mich gewirkt?
Kurz gesagt: Frustrierend. Um das auszuführen: Nach einem verhaltenen Prolog hat sich Mary Poppins' Rückkehr zunächst für mich gesteigert und gesteigert, zwischendurch hatte mich der Film völlig um den Finger gewickelt. Ich dachte, er habe die Ehre sicher, mit riesigem Abstand meine liebste Disney-Produktion des Jahres zu werden, sofern er sich keine Fehltritte mehr leistet. Aber die Fehltritte sind eingetreten. Es kam zu einem radikalen Bruch und ich war zunehmend von Mary Poppins' Rückkehr enttäuscht, teils sogar genervt, so dass wir sogar einen Punkt erreicht hatten, an dem ich nur noch wollte, dass er möglichst bald vorbeigeht.

Wie es zu diesem rapiden Absturz in meiner Gunst kommen kann? Nun: Mary Poppins' Rückkehr beginnt wie eine bezaubernde Weitererzählung des unvergesslichen Walt-Disney-Klassikers. Die Fortsetzung findet einen tonal und inhaltlich stimmigen Anknüpfungspunkt, der gleichzeitig inhaltlich einen respektvollen Abstand zum Erstling sucht. Und inszenatorisch gelingt es Rob Marshall eingangs, sich so sehr an Robert Stevensons bezaubernd-studiohafte Bildsprache anzulehnen, dass sich Mary Poppins' Rückkehr visuell wirklich wie ein direkter Verwandter anfühlt, ohne dabei in banales Mimikry zu verfallen.

Aber dann verliert David Magees Drehbuch (dessen Story der Wenn Träume fliegen lernen-Autor gemeinsam mit Marshall und DeLuca verfasst hat) seine originäre Handlung aus den Augen und verrennt sich in eine sehr lose verknüpfte Abfolge von Humor-, Musik- sowie Tanzeinlagen, die kaum mehr sind als uninspirierte Nachahmungen ähnlicher Momente aus dem Originalfilm. Erst gegen Schluss besinnt sich Mary Poppins' Rückkehr erzählerisch wieder auf seine eigene Geschichte, die er nach dem zurückhaltend-nostalgischen, melancholisch-magischen Einstieg allerdings nach dem alten Sequel-Mantra "Größer, höher, lauter" beendet.

Oder um es bildlicher auszudrücken: Mary Poppins' Rückkehr ist der Comebackauftritt einer wundervollen Musikkombo, bei dem sie mit neuen Nummern verzaubert. Doch dann fallen alle Bandmitglieder von der Bühne, stürzen dabei auf den Kopf, vergessen, wer sie sind, bilden sich ein, sie wären eine schlechte Tribute-Band, schrammeln und trällern sich desorientiert ein paar müde Cover-Arrangements ihrer alten Hits zusammen und erst kurz vor Ende des Konzerts fällt ihnen ein, wer sie eigentlich sind. Doof nur, dass die Leute in der Pyrotechnik das nicht rechtzeitig schnallen und beschließen, das zwischendurch so abgeschmierte Konzert durch ein Übermaß an Rummel und Trubel in der Finalnummer "aufzuhübschen", so dass der letzte Eindruck eine Mischung aus Verzweiflung und Überkompensation ist.


Was hat mir gefallen?
An allererster Stelle: Emily Blunt, die als Mary Poppins einfach sensationell ist. Blunt ahmt nicht einfach Julie Andrews' Darbietung nach, sondern adaptiert den stolzen, eleganten Gestus, den Andrews dieser Rolle mitgegeben hat, mit ihren eigenen Mitteln. Blunt ist als Mary Poppins eine kleine Spur strenger, sie verteilt kühlere Blicke und hält im alltäglichen Umgang mit der Familie Banks länger die Mundwinkel steif. Doch dafür bezaubert es umso mehr, wenn ihre Augen vor Freude funkeln, etwa, wenn sich Mary Poppins rückwärts in eine Badewanne voller Abenteuer stürzt. Blunts Spiel ist zurückhaltend, und dennoch vibriert es vor Spielfreude und Magie – sie hätte jeden Preis verdient, den sie für Mary Poppins' Rückkehr in ihre Finger kriegen kann.

Außerdem mag ich die Story-Grundidee: Mary Poppins' Rückkehr verfolgt eine grundlegend reizvolle "Etwas Ähnliches passiert unter ganz anderen Umständen"-Sequelkonstellation, von der ausgehend Neues entstehen könnte. Im Erstling durften die Banks-Kinder ihre Kindheit nicht ausleben, weil ihr Vater zu streng mit ihnen war, da dieser vergessen hat, was Freude ist. Michael Banks ist derweil ein verständnisvollerer, warmherzigerer Vater, aber einer, der unter einer persönlichen sowie einer weltwirtschaftlichen Krise zu leiden hat, weswegen sich seine Kinder gezwungen fühlen, vorzeitig erwachsen zu werden. Eingangs sieht es auch so aus, als fände David Magee einen Weg, so das wohlige, familiäre Mary Poppins-Gefühl zu erwecken und seiner neuen Geschichte trotzdem eigene Impulse und Schwerpunkte zu verleihen.

Darüber hinaus ist, so lange die Geschichte in diesen Bahnen bleibt, Rob Marshalls Regieführung auf eine bezirzende Weise altmodisch, ohne je verstaubt zu wirken. Anders als in Chicago und Nine verzichtet er auf musikvideoartigen Schnitt, gleichwohl baut er Szenen nicht derart bühnenhaft wie in Into the Woods auf – Marshall schenkt den wundervollen, ausstaffierten Sets John Myhres großes Augenmerk und lässt mit seiner Bildsprache den Kostümen der lebenden Legende Sandy Powell (Cinderella) Raum, zu atmen und Wirkung zu entfalten. Dessen ungeachtet ist Mary Poppins' Rückkehr keine überfrachtete Ausstattungsschwelgerei, der Fokus der Szenerie liegt auf dem Zusammenspiel der Figuren. Und ich als alter Disney-Zeichentrick-Liebhaber genieße es natürlich riesig, wieder einen Disney-Film mit Zeichentrickpassagen auf der Leinwand sehen zu können. Statt einfach Mary Poppins zu kopieren, setzen die Hauptverantwortlichen (Ken Duncan und James Baxter) auf eine stärkere Stilisierung, die zudem inhaltlich gerechtfertigt wird. (Schade nur, dass zumindest ein paar Leute aus dem Hause Disney nicht angemessen über das Studio denken, das die Animation beigesteuert hat.)

In der Mischfilmsequenz, die Zeichentrick und Realfilmelemente vereint, lässt sich Mary Poppins zu einer Vaudeville-Nummer überreden, und die ist nicht nur sehr witzig: Während ihr tauscht Mary ihre klassische Frisur gegen einen Velma-Kelley-Bob ein und legt zudem einen, nennen wir es, disneyfizierten Chicago-Tanzstil hin. Es ist riskant, es ist gewagt, es ist eine kleine Anmaßung an das Disney-Heligtum Mary Poppins, es ist eine wissentlich-alberne Nummer, es ist eine Spur frivol und … ich liebe es. An dieser Stelle lehnt sich Mary Poppins' Rückkehr so weit aus dem Fenster heraus, dass ich vor Achtung, vor Respekt hinsichtlich dieses halsbrecherischen Balanceakts, so eine Richtung einzuschlagen und dennoch kindlich-magisch zu bleiben, vor Freude und vor Verwunderung bis über beide Ohren gegrinst habe. Und ich kann mir vorstellen, dass es der unter Disney-Fans aus genau diesem Grund polarisierendste Augenblick des Films sein wird.

Auch jene Teile des Scores aus der Feder Marc Shaiman, die behände alte und neue Lieder vereinen, haben mich angesprochen. Ansonsten sticht noch eines der ersten Lieder aus Mary Poppins' Rückkehr für mich positiv hervor: Can You Imagine That?, eine Nummer mit moderatem Tempo, die (vor allem aufgrund der sie begleitenden Szene) wie aus einem Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett-Remake entsprungen scheint, und in der Emily Blunt mit ihrem wundervollen Gesang ganz dezent gute Stimmung verbreitet. Doch selbst bei dieser Sequenz gibt es ein gigantisches "Aber ..."


Was hat mir missfallen?
Und nun: Tief einatmen.

Das Lied im Prolog, (Underneath the) Lovely London Sky, ist in meinen Ohren ein bisschen lahm, hat jedoch auch Charme, nicht zuletzt dank Lin-Manuel Mirandas freundlich-bengelhafte Darbietung. Dass er den Film erzählerisch nicht wirklich bereichert, wollte ich ihm eingangs noch verzeihen, allerdings zeigt sich nach und nach, wie wenig Interesse der Film generell daran hat, seine im ersten Akt etablierte Geschichte auszuarbeiten, so dass ich rückwirkend dem Song gegenüber kritischer eingestellt bin. Dann ließ mich Can You Imagine That? seufzen, weil diese Szene ein Schaulaufen mieser Computereffekte ist.

In diesem bis dahin so charmanten, adrett gestalteten Film tauchen wir plötzlich ab in eine wilde Attacke schlechten Compositings und halbgaren Shadings: Mary Poppins und die Banks-Kinder schwimmen und tauchen durch eine See wundersamer Eindrücke, die fast durchweg aus dem Computer stammen und kein Stück weit überzeugend zusammengefügt sind. Darüber hinaus sind die Trickelemente, wie etwa ein belebtes, gesunkenes Piratenschiff, in einem soften Fokus und weichen Licht gehalten, das so unwirklich wirkt, dass ich mir beim Anschauen unsicher war: "Ist diese Szene jetzt stilisiert oder ist es der völlig gescheiterte Versuch, das alles real wirken zu lassen?" Denn für eine stilisierte Sequenz haben die einzelnen Elemente einfach zu wenig künstlerische Kniffe aufzuweisen, gleichwohl ist die Sequenz für eine, die sich an magischem Realismus versucht, viel zu künstlich geraten. Aufgrund des Songs, Blunts Performance und die Fülle an bunt gemischten Eindrücken, an denen wir hier vorbei schippern, habe ich hier aber noch ein Auge zugedrückt.

Ernsthafte Risse machen sich Mary Poppins' Rückkehr dann aber in der großen Tricksequenz bemerkbar: Förmlich aus dem Nichts stürzt sich der Film in eine dramaturgisch forcierte Actionsequenz, in der wir einem lächerlich motivierten Überraschungsschurken hinterherjagen, der eine fadenscheinige Trickwelt-Kopie einer Figur aus den London-Sequenzen darstellt. Es passt tonal nicht, es übersimplifiziert für die Dauer eine Szene, welche originellen, magisch-pädagogischen Kniffe Mary Poppins bei den Kindern anwendet (es sei denn, man liest die Szene als großes Missgeschick, was wiederum dem Drehbuch grobschlächtige Züge verleiht) und leider finde ich die Actionpassage auch nicht mitreißend inszeniert, da sich Marshall hier sehr auf Schuss-Gegenschuss-Konstruktionen verlässt.

Ein sehr einfühlsames, ruhiges Lied, emotional quasi das Feed the Birds (Tuppence a Bag) dieses Films, selbst wenn es inhaltlich eine andere Funktion hat, bringt Mary Poppins' Rückkehr noch einmal zurück in die Spur. Die Melodie ist mir zwar nicht in Erinnerung geblieben, die Szene selbst ist jedoch mit Feingefühl gespielt und inszeniert. Und leider ist sie das vorerst letzte Lebenszeichen von Mary Poppins' Rückkehr, der bezaubernden Fortsetzung des Disney-Meilensteins aus dem Jahr 1964. Denn von da an befinden wir uns plötzlich in einem unbeseelten Mary Poppins-Remake, das maschinenhaft Beats und Setpieces aus dem Original kopiert, doch ohne deren Zauber.

Blunt bleibt weiterhin überragend, aber dadurch, wie ideenlos bis verzweifelt das Drehbuch die bisher eingeschlagene, neue Geschichte in alte Bahnen lenkt, wird die Ambition des restlichen Films massiv gedrosselt. Einzelne Dialogzeilen lassen die anfänglichen Konflikte und Themen zwar wieder aufleben, in der Umsetzung geht deren Wirkung jedoch völlig verloren, so dass Emily Mortimer und Ben Whishaw aus dem charmanten Anfang kaum noch schröpfen können und letztlich völlig verblassen, während sich die neuen Banks-Kinder zunehmen wie Kopien ihres Vaters und ihrer Tante zu Mary Poppins-Zeiten verhalten.

Ohne den narrativen Zusammenhalt, ganz egal wie unterschwellig er schon im Erstling gewesen sein mag, wird der Rest des Films zur Nummernrevue. Und deren Elemente lassen den ungezwungenen Zauber des ersten Films missen: Lin-Manuel Miranda, dessen Jack schon von Beginn an rein funktional ein auffälliger Ersatz für den Pflastermaler, Musiker und Schornsteinfeger Bert ist, verhält sich nun auch zunehmend wie Bert, weswegen Mirandas Darbietung den Funken Eigenständigkeit verliert, den sie zu Filmbeginn noch hatte. Das äußert sich insbesondere während der völlig unbeseelten Musiknummer Trip a Little Light Fantastic, die nichts weiteres ist als eine überflüssige Step in Time-Kopie inklusive starrer Bildsprache und einigen Fahrradstunts, die eher in einen augenzwinkernd-überdrehten Kenny-Ortega-Film passen würden als in diesen.

Richtig dreist und seelenlos ist jedoch die zuvor abgehaltene Musicaleinlage Turning Turtle geraten. Nach dem Motto "In Mary Poppins haben wir einen seltsamen Verwandten getroffen, der beim Lachen an die Decke steigt, also müssen wir erneut seltsame Verwandtschaft treffen, bei der sich eigenartige Dinge abspielen" forcieren die Filmemacher einen Gastauftritt der begnadeten Meryl Streep. Sie spielt mit gigantischem, anstrengenden osteuropäischen Akzent und so dick chargierend, wie Streep es nie zuvor getan hat, Mary Poppins' Cousine, deren Welt sich an bestimmten Tagen auf den Kopf stellt. Streep ist anstrengend und das Lied völlig witzlos, weil es uns über vier Minuten lang die immergleiche Feststellung entgegen lärmt. Das Pendant aus dem ersten Teil dagegen hat auch Wert darauf gelegt, mit Eigenheiten der Figuren zu bezirzen. Und dann ist die Szene zudem viel steifer gefilmt, als es der Songtext suggerieren würde. Es ist so, als würde sich Marshall in diesem durch und durch uneigenständigen Teil des Films von Skript und Story in seiner Kreativität drosseln lassen. Die Haltung "Bloß nicht zu sehr von Mary Poppins entfernen" legt ihn in stilistische Fesseln, die er zuvor nicht hatte - zuvor hatte er schlicht das Original im Hintersinn, während er etwas ähnliches, aber eigenes versucht hat.

Wenn sich Mary Poppins' Rückkehr auf die eigentliche Geschichte zurückbesinnt, bleibt dennoch dieser bittere Nachgeschmack, dass aus einer Fortsetzung mit eigener Identität ein schaler Neuaufguss geworden ist. Die inneren Konflikte der Banks-Familie münden in einen äußeren Konflikt, der den Film wieder eng an den Vorgänger drängt. Gemeint ist ein Handlungsfaden rund um einen amüsierten, aber weit über Gebühr cartoonigen Colin Firth als früheren Arbeitskollegen von George Banks verliert von Szene zu Szene an originärer Dynamik. Die für mich schlechteste Szene ist allerdings der Song Nowhere To Go But Up, die eine süße, wenngleich verkrampft den ersten Film kopierende Grundidee nimmt und so lange noch einen drauf setzt, bis es die Grenze zur ungewollten Persiflage überschritten hat. Es ist für mich das Anti-Let It Go: Während Elsas Powersong im Alleingang Die Eiskönigin – Völlig unverfroren aufwertet, degradiert Nowhere To Go But Up als Song und vor allem als Szene den gesamten Film in meinen Augen massiv und hat mich erst so richtig auf störende Faktoren in vorherigen Momenten hingewiesen.


Was nun?
Emily Blunt sollte für Mary Poppins' Rückkehr mit Schauspielpreisen überschüttet werden, auch Kostümdesignerin Sandy Powell hat für ihre Leistung Auszeichnungen verdient. Eine Academy-Award-Nominierung für John Myhre würde mich nicht stören, und hätte Disney Can You Imagine That? zur Nominierung eingereicht, würde ich dem Lied eine Nennung im Oscar-Rennen gönnen. Mit diesen großen Pluspunkten für Mary Poppins' Rückkehr tu ich mich schwer, Disney-, Musical- und Emily-Blunt-Fans von einem Kinobesuch abzuraten: So sehr mich der Film auch frustriert und geärgert hat, bin ich froh, Powells Kostüme und Blunts Darbietung auf der großen Leinwand gesehen zu haben.

Aber ich bin generell ein Vertreter der "Im Zweifel: Lieber selber im Kino vom Film überzeugen"-Fraktion. Nur sagt mir danach nicht, ich hätte euch nicht gewarnt. Denn Mary Poppins' Rückkehr ist abseits seiner unerwarteten, kurzen Nummer im Chicago-Stil dermaßen darauf bedacht, nichts zu tun, das sich mit der Tonalität des Originalfilms beißen könnte, dass er seine anfänglichen, nostalgisch-bittersüßen Anklänge auf enervierende Weise mit abgestumpfter Imitation des Erstlings hinfort spült. Traurig.

Mary Poppins' Rückkehr ist ab dem 20. Dezember 2018 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Freitag, 23. November 2018

Hell or High Water


Taylor Sheridan ist ein Name, den sich Filmliebhaber merken sollten. Nach einer TV-Schauspielkarriere, die unter anderem Veronica Mars und Sons of Anarchy umfasst, startete Sheridan als Drehbuchautor durch – und lieferte mit dem nach intensiver Recherche entstandenen Sicario prompt einen Kracher ab. Der von Denis Villeneuve inszenierte Thriller nutzte eine unter die Haut gehende, schleichend intensiver werdende Geschichte über den Kampf gegen die mexikanischen Drogenkartelle, um ein doppelbödiges moralisches Bild zu skizzieren.

Mit Hell or High Water, dem mehrfach für wichtige Filmpreise nominierten, zweiten Film nach einem Sheridan-Skript, erwartet das geneigte Publikum eine Story mit nicht ganz so stark reduzierten Dialogen und subtil brodelnder Suspense. Stattdessen ist dieser Neo-Western-Krimi mit seinem pechschwarzen, staubtrockenen Humor eine Art "No Country for Old Men light". Die von David Mackenzie (Perfect Sense) in Szene gesetzte Story ist nicht ganz so abstrus, nicht ganz so grimmig, nicht ganz so kryptisch wie der Coen-Brüder-Geniestreich aus dem Jahr 2007. Dafür ist Hell or High Water einen Hauch zugänglicher und geradliniger. Nicht zuletzt deshalb, weil die ihn an No Country for Old Men erinnern lassenden Beobachtungen über texanische Eigenheiten, das dort schleichende Eintreffen der Moderne und den Überlebenskampf der alten Garde hier nur als kleine, pointierte Randbemerkungen daherkommen.

Hauptsächlich ist Hell or High Water schlicht die Geschichte zweier Brüder (Chris Pine und Ben Foster), die eine Bank nach der anderen ausrauben, und des gemächlichen Texas-Ranger-Duos (Jeff Bridges & Gil Birmingham), das ihnen nachjagt. Der zentrale Part kommt dabei dem Bankräuber-Brüdergespann zu. Zwar ist es ungeheuerlich ermüdend, wie oft in den Dialogen zwischen ihnen betont wird, dass sie ja Brüder sind (als würden Sheridan und Mackenzie dem Zuschauer nicht zutrauen, das nach der zwölften Erwähnung endlich verinnerlicht zu haben), dennoch ist die Leinwandchemie zwischen Foster und Pine bestechend: Durch Blicke, Gesten und ihre Stimmlage suggerieren sie eine komplexe, emotional widersprüchliche Vergangenheit zwischen ihren Rollen, ohne dass diese explizit ausgesprochen werden muss.

Es wird früh deutlich, dass sie gänzlich unterschiedliche Menschen sind, die daher auch öfters Meinungsdifferenzen gehabt haben müssen, die nun aber aus einem wehmütigen Grund gemeinsam einen Rachefeldzug gegen eine raffgierige Bankengruppe durchziehen. Pine ist dabei der besonnenere Part, während Foster als zuweilen unberechenbarer Adrenalinjunkie mimisch auf die Kacke haut – gerade noch so sehr, dass es in diese sonnengegerbte, staubig-raue Filmwelt passt und nicht in cartoonige Gefilde umkippt. Jeff Bridges wiederum nuschelt sich mit gewaltiger "Mir doch alles scheißegal"-Haltung durch seine Szenen, die in der ersten Hälfte zu den weniger interessanten Aspekten der Handlung zählen.

Als kurz vor der Rente stehender Texas Ranger, der streng nach alter Schule vorgeht und die Ermittlungen behutsam ausbremst, um seinen Ruhestand hinauszuzögern, wirkt Bridges‘ Rolle am Reißbrett entworfen. Das trockene Geplänkel mit seinem Partner und die gewitzt texanisches Lokalkolorit zeigenden Zwischenstationen bei dieser Bankräubersuche machen diese Szenen dennoch amüsant genug, um nicht als Bremsklötze dieses Neo-Westerns daherzukommen. Trotzdem sind es erst spätere Szenen, in denen die dramaturgische Fallhöhe steigt, die diesem Handlungsfaden den nötigen Schuss zu geben, um mit Pine/Foster mitzuhalten.

Von Giles Nuttgens (Dom Hemingway) in routinierten Landschaftspanoramen des weitläufigen US-Bundesstaates eingefangen und mit einem schneidenden, krachenden Soundmix versehen, ist Hell or High Water schlussendlich ein handwerklich bemerkenswerter, dennoch wenig spektakulärer Genrevertreter. Als leicht verdaulicher, jüngerer No County for Old Men-Bruder im Geiste und Wegzehrung bis zur Sicario-Fortsetzung wird die dramatische sowie schwarzhumorige Gangsterposse Genrefans zufriedenstellen – doch Gelegenheitskinogänger sollten der zahlreichen Awards-Nominierungen zum Trotz nicht denken, dass hier ein Ausnahmefilm auf sie wartet.