Montag, 19. September 2016

Ein deutscher Folterhorror

Ein abgewrackter Zeitgenosse mit schiefen Zähnen und ohne jegliches Vermögen, sich in einen ihm ungewohnten sozialen Rahmen einzugliedern, hängt sich an die Fersen einer ihm nahestehenden Karriereperson. Mit schlechten Witzen und polterndem Verhalten blamiert der ungepflegte Mister Krummzahn sein Gegenüber bis auf die Knochen – doch am Ende dieses Kinofilms lernen wir die Lektion: Wenn du gaga bist und unfähig, dich dir fremden Gefügen anzupassen, dann lass dich nicht beirren. Die, die dich nicht mit offenen Armen empfangen, die sind unsensibel! Insbesondere, wenn du ein einfacher Typ aus der Mitte des Volkes bist und deine Gegenüber aus einer finanzstarken Geschäftswelt stammen.

Die Rede ist von Cars 2, dem meines Empfindens nach schlechtesten Pixar-Film in der bisherigen Geschichte der kalifornischen Animationsschmiede. Die Lektion, dass der lärmende Bauerntölpel Hook (ein verrostender Abschleppwagen), der keine Rücksicht auf die Wünsche seines Freundes Lightning McQueen (ein erfolgreicher Rennwagen) zu nehmen gewillt ist, letztlich im Recht liegt und ein Vorbild darstellt, lässt mir die Nackenhaare zu Berge stehen. Doch die obige Beschreibung trifft nicht bloß auf den albernen Animationsfilm zu, der sich obendrein auch als Agentenfilmperiflage verdingt, sondern auch auf den deutschen Kritikerliebling des Jahres 2016: Maren Ades Toni Erdmann.

Diese Dramödie ist im Grunde genommen nichts weiteres als eine fast dreistündige Spielvariante dessen, was in Cars 2 passiert, wenn nicht gerade Agentenfilme aufs Korn genommen werden – bereichert durch ein bisschen Nacktheit: Der pensionierte Musiklehrer Winfried Conradi (Peter Simonischek) folgt seiner geschäftstüchtigen Tochter Ines (Sandra Hüller) nach Bukarest, wo sie einen wichtigen Businessauftrag abwickeln will. Winfried, der glaubt, dass Ines zu wenig Spaß im Leben hat, heftet sich an die Fersen der emsigen Unternehmensberaterin, und erstickt sie in einer Welle aus schalen Witzlein. Zumeist schiebt er sich dabei ein krummes Gebiss in den Mund und bringt jegliches Gespräch zum Entgleisen. Am Ende des Films lässt sich Ines von der Albernheit ihres Vaters und dessen Alter Ego Toni Erdmann anstecken.

Der international gefeierte Programmkinohit Toni Erdmann erinnert mich allerdings nicht bloß an John Lasseters mit einer verkorksten Moral versehene Digitaltrickkomödie, sondern auch an einen gänzlich anderen Film: Den berühmt-berüchtigten A Serbian Film. Genauer gesagt: Für mich ist Toni Erdmann die Antithese zu Srdjan Spasojevićs Skandalwerk. Während A Serbian Film gemeinhin als reines Werk der Provokation, als sinnloser Folterhorror rezipiert wird, er sich jedoch sehr wohl als kritische, schwarzhumorige sowie mutige Auseinandersetzung mit seinem Heimatland betrachten lässt, so versteht die überwältigende Mehrheit des Publikums Maren Ades erschöpfenden Cannes-Beitrag als aussagekräftige Dramödie. Für mich hingegen ist er die reinste Folter. Bitte, zündet mich nicht an, reibt mir keinen Käse ins Haar, sondern lasst mich erklären …

Wider dem Erdmann
Toni Erdmann eröffnet damit, wie Winfried einem Paketlieferanten einen Scherz spielt – und schon in dieser Szene entwickle ich eine Antipathie für den von Theaterveteran Simonischek verkörperten Unruhestifter. Dass ich seinen Streich verflucht unlustig finde, laste ich in diesen frühen Momenten dem Film aber noch nicht an: Ade verfolgt einen pseudodokumentarischen Ansatz, inszeniert die Sequenz, als wäre Kameramann Patrick Orth ein unbeteiligter Zuschauer. Weder inszenatorisch noch narrativ suggeriert Ade eingangs, welche Position zu Winfrieds Albernheiten zu beziehen ist. Diesem filmischen Realismus geht Ade jedoch nur halbherzig nach, und mit der pseudo-authentischen Darstellung der folgenden über 160 Minuten geht auch eine parteiische Erzählweise einher: Ines wird später als dauertelefonierende, ihrem Vater gegenüber kurz angebundene Arbeitswütige eingeführt, die sich aus dem Bildhintergrund in die Nähe Winfrieds verirrt.

Während Winfried durch den Verlust seines geliebten Hundes, den Ade in einer der wenigen einfühlsam-wortlosen Szenen abwickelt, ein halbseidenes Motiv für sein weiteres Handeln erhält, bekommt Ines trotz der langen Filmlaufzeit keinen entschuldigenden Hintergrund verpasst, der ihr ablehnendes Verhalten auch jenseits seiner Scherzkeksanflüge erläutert. Wenn Ines sich bei Bekannten zurecht auskotzt, dass sie von ihrem Vater humorterrorisiert wird, nur weil sich ihr Vater wegen des Todes seines Hundes in die Hosen macht, wird sie sofort dadurch bestraft, dass dieser das mitbekommt – und auch wenn Ade die pseudodokumentarische Bildsprache beibehält, so fokussiert sie klar stärker die Reaktionen auf Windrieds triumphale Retourkutsche. Und in den sogleich zwei Versöhnungsszenen im letzten Akt behält ebenfalls die Perspektive des Vaters die Oberhand – der oberflächlichen Neutralität zum Trotz untermauert Ade also deutlich stärker die missratene Seniorenulknudel als Protagonisten, von dem es zu lernen gilt.

Diese Inkonsequenz, mit der Ade Toni Erdmann aufzieht, finde ich bedauerlich. Es ist ein auf mich halbseiden wirkender Beinaherealismus: Ja, es wird mit Handkamera gearbeitet und es fehlt das Omnipräsente in der Bildsprache. Sie ist immer nah an den beiden Hauptfiguren, so als würden zwei Dokumentarteams sie verfolgen, und es gibt praktisch keine Eröffnungseinstellungen oder Totalen. Gleichwohl scheut Ade davor zurück, die Kamera wirklich mitten in der Szene zu platzieren: Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, in denen Objekte das Blickfeld einschränken (der intime Augenblick, in dem Winfried seinen Hund betrauert, gehört dazu), ist die Bildeinteilung sehr klar und aufgeräumt, sie fokussiert die Darsteller – wodurch das Wirklichkeitsgefühl gehemmt wird und sich eher die Stimmung aufbaut, ein kaum instruiertes Kamerateam sei beauftragt worden, ein halb-improvisiertes Schauspielevent einzufangen, mit dem irgendein irrer Geschäftsmann seine Belegschaft auf mehreren Firmenpartys belustigen will. Verstärkt wird dieses 'Weder-realistisch-noch-stilisiert'-Gefühl dadurch, dass ein Großteil der Dialogpassagen durch einen sauberen Schuss-Gegenschuss-Schnitt strukturiert wird: Simonischek darf seinen Part sagen, Sandra Hüller darf antworten, Simonischek darf von seiner Filmtochter enttäuscht dreinblicken und gegebenenfalls mit einer weiteren Unfugsaktion kontern – manchmal grinsen im Bildrand die Kollegen der frustrierten Ines.

Eine das unbequeme Chaos dieser Aufeinandertreffen bestärkende bildästhetische Unübersichtlichkeit bleibt aus – womit Ade es erschwert, wenigstens zwischendurch völlig in Ines‘ Blickwinkel einzutauchen, die vom unangemeldeten Eintreffen ihres Vaters aus dem Konzept gebracht wird und darum bangen muss, die schwierige Businesssituation irgendwie noch zu meistern. Es ist eine sehr vorsichtige, gar bequeme inszenatorische Wahl: Als Übersicht bewahrender Möchtegernbeobachter kann das Publikum aus sicherer perspektivischer Distanz Winfrieds respektive Tonis Späße verfolgen und leicht augenrollend kichern. Hach, was lässt sich dieser Mann nur alles einfallen! Warum lacht die Tochter denn nicht mit? Spießerin!

Dadurch lässt Toni Erdmann Ambivalenz missen: Der humorvolle Vater, der weiß, dass es im Leben mehr gibt als nur Arbeit, seinen Lebensinhalt verliert und daher die Beziehung zu seiner kühlen Tochter flicken will gegen die arbeitswütige Kapitalistin, die eine Ölfirma beraten soll, wie sehr sich Outsourcing (böses Schlagwort!) lohnt. In meinem Fall kommt erschwerend hinzu: Ich stehe durchweg konträr zu der Botschaft, von der ich das Gefühl habe, dass Ade sie mir nahezu drei Stunden lang eintrichtern will. Ich finde Winfried nicht lustig und auch, wenn Ines auf dem Papier ein Workaholic ist und Rettung benötigt, so sehe ich die Umsetzung und denke: Ines ist eine aufgeweckte, je nach Situation unsichere (wann immer ihr Vater sie überrumpelt) oder schlagfertige Frau (etwa, wenn sie mit ironischem Lippenzucken einem Chauvi-Kollegen antwortet: „Wenn ich Feministin wäre, würde ich nicht mit so einem wie dir zusammenarbeiten!“). Sie hat allem Arbeitsstress zum Trotz noch ein Sexualleben (auch wenn sie vom Psychoterror ihres Vaters zu geschlaucht ist, um die Affäre mit einem Mitarbeiter ganz konventionell fortzuführen). Ines scheint obendrein ihren Job zu lieben – selbst alberne Aufgaben wie „Der Frau eines wichtigen Geschäftskontakts Shoppingtipps geben“ begrüßt sie mit weniger Augenrollen als ihren Vater.

Der Film setzt schlichtweg an, als sie gerade einen extrem wichtigen Auftrag abwickeln will – wenn mir dann stundenlang gesagt wird, sie müsse mit Käsereibensprüchen, Demütigungen durch ihren sie als Sekretärin abstempelnden Vater sowie schiefen Zähnen ins Leben zurückgeholt werden, dann feuere ich Winfried nicht an und verzeihe ihm so manches Missgeschick. Stattdessen leide ich unter jedem einzelnen seiner abgedroschenen Witzlein, stöhne ob seiner notorischen Lügen und frage mich: Wieso holt Ines nicht einfach die Polizei, die Jungs mit der Zwangsjacke oder einen Exorzisten, um diesen abgeranzten Rostabschleppwagen in Menschengestalt loszuwerden?

Ist der Film nicht das Gegenteil dessen, was der Konsens besagt?
Häufig kann ich Lobeshymnen auch nachvollziehen, wenn ich sie nicht teile. Ich finde etwa Fast & Furious 7 einen durchwachsenen Actionfilm, weil sich die Figuren für meinen Geschmack zu sehr vom Glücksfaktor abhängig machen. Dennoch kann ich verstehen, wenn jemand die spektakuläre Action lobt. Unter den jüngeren Terence-Malick-Filmen ist Knight of Cups für mich der schwächste, da zu ziellos in seinen Inhalten, doch aufgrund der Bildästhetik und geschliffenen Off-Kommentare glaube ich jedem, der sagt, dass er von ihm abgeholt wurde. Toni Erdmann indes ist zwar kein Film, bei dem ich behaupten würde, dass ihn niemand mögen kann oder dass es ein schlechter Film sei, auf den alle aus einer Laune reinfallen. Trotzdem stehe ich ratlos da, wenn ich die Intensität der lauten, begeisterten Rezeption dieses Films bei zahlendem Publikum und der schreibenden Zunft betrachte.

Ich habe Berge von Kritiken durchforstet, um mir die Faszination Toni Erdmann zu erklären. Allerdings scheint die überlange Dramödie auf die überwältigende Mehrheit ihres Publikums einen unerklärlichen Reiz auszuüben – denn fast alle Kritiken, die mir untergekommen sind, bestehen fast ausschließlich aus Lob. Eine Herleitung, weshalb dieser innige Applaus erfolgt, ist schwer zu finden. Was nun keine Degradierung des Toni Erdmann-Erfolges sein soll, manchmal ist es schwer, zu erklären, weshalb man etwas mag. Nur hilft mir dies in meiner Suche nach Ansätzen, wo die Begeisterung herrührt, nicht weiter.

Wenn es mal nicht heißt, dass alles so toll sei weil es so lustig und dramatisch ist, sondern auch weitergehende Argumente gegeben werden, dann fällt zumeist ein Stichsatz: Toni Erdmann ist gut, weil er anders ist. Es sei endlich mal ein deutscher Film, der ganz und gar undeutsch sei. Das sehe ich allerdings nicht so. Für mich ist der Film nicht undeutsch, er ist für mich sogar ganz und gar urdeutsch – was ich an dieser Stelle nicht einmal geringschätzig meine, bloß um den Film fertig zu machen. Diese Feststellung markiert durchaus ein dickes Fragezeichen hinter die Begründungen für den Hype, ist vielleicht auch ein Signal, dass ich ihn überbewertet finde. Dem Film gegenüber ist es derweil neutral gemeint.

Sicherlich: Toni Erdmann verzichtet auf einzelne Elemente, die in den jüngeren deutschen Komödienerfolgen präsent waren. Er hat weder das hohe Tempo eines Bully- oder Bora-Dagtekin-Films, noch die Aufbackbrötchenwerbespot-Ästhetik und die Popsongs eines Schweiger- oder Schweighöfer-Films. Der Humor Winfrieds, der lange Strecken des Films dominiert, ist hingegen einem Leitfaden für deutsche Stereotype entflohen. Wir Deutsche gelten als unlustig, Meister des schlechten Timings und Fans eines extrem simplen Humors. Und an welchen Stellen wurde in meiner Kinovorführung am meisten gelacht? Winfried blamiert seine Tochter auf einem wichtigen Termin. Winfried schiebt sich krumme Zähne ins Gesicht. Winfried setzt sich auf ein Pupskissen. Haha, der sieht aber lustig aus. Hihi, nun angekettet zu sein ist aber unpraktisch! Hoho, „Miss Schnuk“ ist aber ein alberner Fakename für die eigene Tochter. Hinzu kommen weitere staubige Klischees über uns Deutsche: Eine schlichte, schwarzweiße Weltsicht (entweder blödelst du ununterbrochen rum und verstehst Spaß, oder du bist ein lebloses Arbeitstier), ein kleinbürgerlich-abfälliges Bild von der großen Businesswelt sowie lapidarer Alltagsrassismus (eine Randfigur bezeichnet Chinesen als Leute, die schnell besoffen sind, Winfried spricht von Harry-Belafonte-Liedern als Negermusik). Fehlen nur noch Lederhosen und eine penetrante Liebe zum Fußball – Brezeln kommen in Toni Erdmann praktischerweise schon vor. Sollte ich jemandem, der nicht aus Westeuropa stammt, erklären, wie wir Deutschen ticken – ich würde ihm Toni Erdmann zeigen.

Die Stellen, die ich fein beobachtet finde und die mich leise zum Schmunzeln gebracht haben, die gingen im Kino derweil baden. Etwa die mit präzisem Timing ablaufende Stelle, in der Ines vor Beginn ihrer Geburtstagsfeier beschließt, ihr Kleid zu wechseln – und dabei von der Türklingel unterbrochen wird, woraufhin sie wortlos, aber spürbar, damit hadert, was nun schneller ginge: Weiter ausziehen, um in ein neues Kleid zu schlüpfen, oder das halb ausgezogene Kleid wieder anziehen? Hüller stellt hier einen sehr naturalistischen Slapstick zur Schau – der zumindest für mein Kinopublikum wohl zu feingliedrig war. Und, um hier leicht zu polemisieren zu wollen, aus dieser Passage sowie den Reaktionen auf ähnlich gelagerte Szenen ziehe ich meine These: Wenn ich Toni Erdmann, so wie ich ihn erlebt habe, einordnen müsste, so wäre dies konträr zum generellen Konsens. Es ist kein undeutscher, dramatisch-urkomischer Film über eine Vater-Tochter-Beziehung. Sondern eine Kapsel urdeutscher, schlimmer Eigenschaften, die Ade treffgenau einfängt. Bloß, dass sie für meinen Begriff zu wenig aus diesen Feststellungen macht.
Ein kleines Assoziationsspiel
Aufgrund der obig geschilderten Pro-Winfried-Haltung und des trockenen Pseudorealismus, der einen die Narrative kommentierenden roten Faden für eine beobachtende Experimentaltheaterstimmung opfert, ist Toni Erdmann für mich kein klug konstruiertes Spiegelbild Deutschlands – sondern eine Alltagsbeobachtung, die mir annähernd drei Stunden lang zuflüstert, ich solle doch mal was mehr lachen. Und da der vorgeführte Humor schlicht nicht meiner ist, es mir zugleich nicht möglich scheint, mich auf eine Metaebene zu flüchten („Ist es nicht lustig, wie unlustig Winfried ist?“), habe ich nur wenige Rettungsinseln in Toni Erdmann.

Da wäre Sandra Hüllers facettenreiches Spiel, das von überarbeitet, doch engagiert, zu völlig matt reicht. Mit einem verfinsternden Blick kann sie, ohne dabei den gestischen Holzhammer auszupacken, vermitteln, dass durch den zuvor getätigten Spruch ihres Vaters nun Ines‘ Haltung von „Das ist nicht lustig!“ zu „Ich töte dich gleich!“ schwankt. Wenn ihre Affäre mit einem Arbeitskollegen auf Basis ihrer ausgelaugten Energiereserven zu einem kleinen, abgeschmackten Sexspielchen ohne Penetration wird, macht Hüller die gedanklichen Schritte Ines‘ durch das Verziehen eines Mundwinkels deutlich. Überhaupt funktioniert der Film für mich, so lange er sich nur um Ines dreht und ein 'Slice of Life'-Satiredrama über die heutige Geschäftswelt ist, in der die protzige Firmenparty ebenso wichtig ist wie das strunzlangweilige Meeting. Winfried crasht in diesen weniger originellen, doch für mich funktionierenden Film, wie Hook aus der durchwachsenen Agentenkomödie Cars 2 einen Problemfilm darüber macht, dass der lauteste, irrsinnigste Typ im Raum immer Recht hat.

Des Weiteren finde ich die Nacktparty gegen Schluss zumindest humorvoll in Szene gesetzt – die innere Struktur der Sequenz stimmt, nur passt sie für mich nicht zum Vorlauf, da ich es Ines nach den ersten zwei Filmstunden weiterhin nicht abkaufe, nun so auf Konventionen zu pfeifen. Als alleinstehender Sketch hingegen ist die Sequenz für mich gelungen, ebenso wie der einzige Moment, in dem Winfried mal Repressionen zu spüren bekommt und wegen eines dummen Spruchs aus seinem Munde ein Ölfabrikarbeiter gefeuert wird – ein Brotkrumen von Ambivalenz in einem beinahedokumentarisch inszenierten Lobgesang auf einfallslosen Stehgreifhumor, der mich an die Decke bringt.

Entsprechend qualvoll empfand ich weite Strecken von Toni Erdmann. Unentwegt wünschte ich mir, dass der uneingeladen bei Ines reinplatzende Vater wieder verschwindet und seine Tochter in Frieden lässt. Und da kommt das zweite Proargument für den Film ins Spiel, das ich ausgraben konnte: In vielen Rezensionen ist davon die Rede, dass sich die Verfasserin/der Verfasser wiedererkannt hat. Das Widerspiegeln scheint ein großer Reizpunkt dieses Arthouse-Kassenschlagers zu sein, und ich könnte mir glatt vorstellen, dass etwa Regisseurin Maren Ade meine Reaktion auf ihren Film nichtmal übelnehmen würde. Wenn er mich aufgrund dessen, was ich in ihm wiedererkenne, wütend werde, hätte sie ihren Job ja richtig gemacht.

Partiell würde ich ihr sogar beipflichten. Ade will in ihrem Film zweifelsfrei Reizpunkte treffen – die Vater-Tochter-Beziehung in ihrem Film ist, ebenso wie Ines‘ Arbeitsumfeld, in einer Grauzone zwischen spezifisch und allgemein verankert. Wiederkehrende Referenzpunkte wie Winfrieds geliebte Käsereibe sind sehr speziell, lassen diese Figuren besonders erscheinen, dadurch, dass die Unterfütterung solcher herausstechender Merkmale ausbleibt, kann jedoch jeder im Publikum diese Aspekte beliebig und frei nach eigener Erfahrung umdeuten. Ähnlich, wie Ines‘ Beruf zwar als Unternehmensberaterin konkretisiert wird, wir sie aber selten bei der Ausübung sehen, sondern zumeist auf Allgemeinplätzen (nerviger Chef, es gibt viel zu tun, Gerede am Arbeitsplatz, …) verharren. Die Nerven, die Ade somit gewollt bei mir attackiert, führen bei mir halt auf einen Menschenschlag zurück, der mir genauso während Cars 2 in den Sinn kommt: Leute, die störrisch jederzeit nur ein Ich ausleben, statt es zu vermögen, sich treu zu bleiben, während sie sich einem gesellschaftlichem, situationsbedingten Frame unterzuordnen. Ob Hook oder Winfried: Sie repräsentieren einen stets gleichbleibenden, ungepflegten, auffälligen, simplen Kerl, der keine Gesprächsthemen mitbringt, sondern mit seinem Wesen alles übertönt – und der sich nicht an eine besondere gesellschaftliche Situation anpassen würde, selbst wenn sein Leben davon abhinge.

Da Toni Erdmann als Assoziationsfilm für mich hauptsächlich daraus besteht, mir weißzumachen, wir alle sollten ein bisschen mehr wie diese Leute sein, kommen wir auch zurück zu A Serbian Film. Beide Filme provozieren. Doch A Serbian Film ist eine makabere, bitterböse Provokation, die auf den maroden Stand einer Gesellschaft zeigt und ihn mittels perverse Überhöhung auf seine profundesten Schwachstellen untersucht – was in rabenschwarzen Humor und fiese Dramatik mündet. A Serbian Film hat ein Folterfilm-Gewand und einen Beobachtungen kommentierenden Kern. Toni Erdmann hat das Erscheinungsbild einer authentischen Bestandsaufnahme und scheint bei vielen dringende Reaktionen zu wecken. Ich derweil finde für mich keine komplexen Aussagen, keine unerwarteten Feststellungen, keine Lösungsansätze. Ich sehe nur, wie mir über 160 Minuten lang die grässlichsten Verhaltensweisen den Schlund runtergedrückt werden, man verfrachtet mich in eine auf mich zugeschnittene Hölle. Toni Erdmann ist, so wie er für mich funktioniert, der wahre Folterhorror – und ein zugegebenermaßen äußerst effektiver.

Bloß eines, das will ich Ade trotz dieses skurrilen Kompliments nicht lassen. Genauso wenig wie all den Toni Erdmann-Anhängern, die nun womöglich aufschreien, der Film hätte mir vorgeführt, ich sei vielleicht zu verbiestert, zu engstirnig oder hätte eine traumatisch verwurzelte Phobie vor ungepflegten, älteren Herren mit schiefen Zähnen, die doch nur lustig sein wollen: Ihr müsst mir nicht einreden, ich bräuchte einen Hook oder Toni Erdmann in meinem Leben, der mein Lachen wieder zu Tage fördert. Ich bin wahrlich kein Spießer, Langeweiler oder Arbeitstier. Ich kann sehr wohl rumblödeln, Unsinn verzapfen und eine trocken gewordene Situation wieder ins Spritzige verkehren. Aber ich kenne Variationsgrade.

In der Weltsicht von Toni Erdmann (oder der Weltsicht, die dieser filmische Spiegel in meine Richtung reflektiert) ist man entweder spaßbefreit oder rennt auch in den unangebrachtesten Momenten herum wie der letzte Vollpfosten. Meiner Auffassung nach gibt es hingegen Augenblicke, in denen es angebracht ist, albern zu sein, Situationen, die nach Angepasstheit verlangen, und diverse Grauzonen. Etwas, das viele der durchgeknalltesten Leinwandhelden verstehen, etwas, das ich mir selber wenigstens meistens zutraue. Toni Erdmann allerdings weiß es mir nicht zu vermitteln.

Ich bin mir sicher: Die Mehrheit derjenigen, die Ades Kritikerliebling beklatschen und sich auf die Seite der Titelfigur schlagen, indem sie mehr Leben und Unberechenbarkeit verlangen, würden durchdrehen, käme ich Scherze reißend und unangemeldet zu deren Geschäftsmeetings oder würde sie zu einer Nacktparty einladen. Vielleicht sollen wir das auch gar nicht aus dem Film ziehen, ich will nichts beschwören. Aber das, was viele aus ihm ziehen – Rührung und Freude – ziehe ich definitiv nicht aus ihm. Entgegen der Filmhandlung würde ich aber sagen: Leben und leben lassen, liebes Filmdeutschland. Ich werde nicht kostümiert vor euren Türen stehen und euch so lange behelligen, bis ihr mir zustimmt. Das wäre ja wahnsinnig.

Samstag, 17. September 2016

Monsieur Chocolat


Man kann Monsieur Chocolat simpel zusammenfassen: Es ist ein biografisches Drama über den ersten schwarzen Zirkusclown in Europa. Eine treffendere, genauer hinschauende Zusammenfassung würde aber lauten: „Rafael Padilla und der trügerische Schein der gesellschaftlichen Progression“. Denn das auf historischen Begebenheiten beruhende, französische Filmdrama zeichnet eine vermeintliche Erfolgsgeschichte, die sich wegen der zermürbenden Wirklichkeit zur Tragödie wandelt.

Frankreich auf der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert: Der einst gefeierte Clown George Footit (James Thiérrée) ist auf der Suche nach einem neuen Engagement – und nach dem Ansatz für eine neue Nummer, die ihn wieder erstrahlen lässt. Eines Abends begegnet Footit in einem kleinen Wanderzirkus einem geborenen Performer, der jedoch in der Rolle des ungezähmten, gefährlichen Kannibalenkönigs verschenkt wird. Footit tritt nach der Vorstellung auf ihn zu und erfährt, dass es sich bei ihm um einen geflohenen Sklaven (Omar Sy) handelt. Footit schlägt vor, dass sie als Clown-Duo die Zirkuswelt revolutionieren. Footit spielt die typische Rolle des gescheiten, etwas verärgerten weißen Clowns. Und aus dem ehemaligen Sklaven wird kurzerhand Chocolat, der erste schwarze Darsteller der archetypischen Clownsfigur des „Dummen August“.

Das ungewöhnliche Gespann sorgt für Aufsehen und wird sogar in den womöglich angesehensten Zirkus Frankreichs geladen, wo es sich alsbald zur Star-Attraktion entwickelt. Doch so viele Lacher sie in der Manege auch einsacken mögen: Hinter den Kulissen haben sich Footit und „Chocolat“ nur wenig zu sagen. Aus den befreundeten Kollegen ihrer Anfangstage werden zwei Menschen, die halt eine arbeitstechnische Zweckgemeinschaft eingehen. „Chocolat“ entscheidet sich für ein Leben in Saus und Braus, während Footit grantig daneben steht und ihn dafür beneidet, dass ihm ein Hauch mehr Aufmerksamkeit zuteil wird …

Eben diese Aufmerksamkeit kommt jedoch zu einem großen Preis. Denn alles, was „Chocolat“ vorgaukelt, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden, kommt mit einer bitteren Kehrseite. Immer wieder lassen die Dialogwechsel und (die historischen Fakten teils vereinfachenden oder überspitzenden) Entwicklungen des Geschehens das Lächeln über „Chocolats“ Aufstieg entschwinden. Das für das Skript zuständige Autorenquartett führt wiederholt vor, dass die Fortschritte des Clown-Darstellers praktisch unbedeutend sind: Vom Kannibalenkönig zum Dummen August, denn der Gedanke, dass ein Schwarzer vielleicht die „ernstere“ Clownsrolle übernimmt, der ist ja unmöglich. Das Duo bekommt Werbeverträge, womit „Chocolat“ gewissermaßen zum ersten schwarzen Superstar Europas wird – wenngleich er nur als Lachfigur Wertschätzung erhält. Footit nimmt ihm seinen aggressiven Namen aus seinem ersten Zirkus weg – um ihn Chocolat zu taufen, als wäre das eine nennenswerte Besserung.

Dass „Chocolat“ eigentlich Rafael Padilla heißt, will in dieser von Roschdy Zem routiniert inszenierten Geschichte kaum jemand wissen. Die wenigsten Figuren fragen den von Omar Sy mit Feingespür und Melancholie gespielten Komiker, was er sich wünscht. Doch während über Padilla kaum jemand seiner Zeitgenossen etwa erfahren will, bleibt in diesem Film sein Bühnenpartner außen vor: Zwar wird es thematisiert, dass Footit unglücklich ist und keinen nennenswerten Lebensinhalt hat, erörtert wird dies – abgesehen von einer flüchtigen Andeutung unterdrückter Homosexualität – indes nicht. Somit sind die Szenen, die sich näher mit Footit beschäftigen, dabei aber störrisch an der Oberfläche bleiben, narrativer Ballast. Erst recht, wenn man bedenkt, dass Padilla rund charakterisiert wird: Sy spielt nicht etwa nur die bloße Opferrolle, sondern darf auch selbstzerstörerische Tendenzen seiner Figur zeigen.

Umso bedauerlicher, dass der wegen der Rückständigkeit der Gesellschaft unvermeidbare, tiefe Fall, der erfolgt, sobald sich Padilla den nötigen Respekt verschaffen will, von Regisseur/Autor Zem und seinen Ko-Autoren praktisch übersprungen wird. Während Monsieur Chocolat vor allem zu Beginn viel Laufzeit auf die schlichten, fast schon aggressiv-dummen Clownsnummern jener Zeit aufwendet, hetzt das Drama nach Chocolats großer Stunde zum Ende hin. Der Weg vom Höhe- zum absoluten Tiefpunkt wird ausgelassen und das Publikum schlicht mit dem Resultat konfrontiert. Das hat zwar den leider auch heutzutage noch immer nötigen „Der Gesellschaft aufzeigen, wie intolerant sie ist“-Effekt, beraubt der Titelfigur aber ein gutes Stück des ihr gebührenden Mitleids. Denn zum Schluss bleiben eher Fragen des „Und wie konnte das nun passieren?“ über – anstelle der wichtigeren Frage: „Wo sind Fehler geschehen, aus denen wir lernen können?“

Fazit: Monsieur Chocolat ist eine stark gespielte, traurige wahre Geschichte, die leider anfangs zu detailliert und gen Ende zu rasch erzählt wird. Trotzdem schrammt das Drama dank Omar Sys Performance und des hier dargelegten, zweischneidigen Aufstiegs einer historischen Persönlichkeit eher daran vorbei, ein Top zu sein, als daran, ein Flop zu sein.