Donnerstag, 20. Februar 2020

Die Känguru-Chroniken: Satire als Totalausfall



Die beliebten Geschichten von Marc-Uwe Kling eroberten schon die literarischen Bestsellerlisten und gingen als Hörbücher durch die Decke. Nun legt das kommunistische Känguru einen Film nach – einen Film in blamabler Qualität.

Es gibt gute Filme, es gibt schlechte Filme. Filme, die massentauglich sind, und Filme, die ein Nischenpublikum ansprechen. Und es gibt Filme, bei denen man sich fragt: "Wie zum Geier konnte das nur passieren?" Die Känguru-Chroniken ist solch ein Film. Nicht an der Oberfläche betrachtet, wohlgemerkt: Einen Die Känguru-Chroniken-Film musste man kommen sehen. Denn wieso sollten sich die sowohl in gedruckter Form als auch als Hörbücher immens erfolgreichen Känguru-Geschichten des Liedermachers, Kabarettisten und Autoren Marc-Uwe Kling den Sprung auf die große Leinwand entgehen lassen? Sobald man etwas tiefer bohrt, wird aber klar, welch unkoordinierter Sprung das gewesen sein muss. Denn was Inhalt und Umsetzung des Die Känguru-Chroniken-Films angeht, dürfte die neue Regiearbeit von Dani Levy (Alles auf Zucker) eines der rätselhaftesten, wenn nicht gar fragwürdigsten Kinoprojekte sein, die das wiedervereinigte Deutschland hervorgebracht hat.

Schlimmer als jede Hufeisen-Argumentation
Das hier ist nämlich der Plot: Faulenzer Marc-Uwe (Dimitrij Schaad), der behauptet, Künstler zu sein, aber eigentlich den ganzen Tag nur schläft und jammert, macht eines Mittags Bekanntschaft mit einem kleptomanischen, kommunistischen, leerstehende Wohnungen besetzenden Känguru (Stimme: Volker Zack), das nichts zur Gesellschaft beiträgt, außer Stunk zu machen. Sie beide leben in einem ranzigen, baufälligen Gebäude in Berlin und hängen mit weiteren Linken, wie einer veganen Hackerin (die einem befreundeten Späti geschäftsschädigende Streiche spielt) in einer versifften Kneipe ab. Als das Känguru bei einem Besuch im Park einen unschuldigen Hund misshandelt, hat es nicht die Rechnung mit dessen Besitzern gemacht, einer Gruppe Patrioten, die nicht fassen kann, wie diese Linken Spaß daran haben können, einen kleinen Wauwau zu verletzen.

So beginnt ein Kleinkrieg zwischen den Hundebesitzern und den linken Troublemakern, in den durch eine Täuschung des Kängurus und des "Künstlers" auch der Politiker und Geschäftsmann Dwigs (Henry Hübchen) reingezogen wird. Die Hundefreunde werden durch einen Trick nämlich dazu verleitet, das Auto des in dieser Sache unbescholtenen Immobilienbesitzers und Bauunternehmers schwer zu beschädigen. Und da endet das Elend noch nicht: Das Känguru und Marc-Uwe nehmen sich alsbald vor, die Baupläne Dwigs' zu untergraben, der das dringend Wohnraum benötigende Berlin mit einem topmodernen Hochhaus segnen möchte. Mit Diebstahl, Lug und Trug soll dieses Vorhaben zerstört werden, nur weil Dwigs sein Angebot an die Stadt ein bisschen aufgehübscht hat – doch wer tut das nicht? Statt dem freien Markt die Chance zu geben, darauf zu reagieren, beginnen Marc-Uwe und das Beuteltier eine Intrige, in deren Rahmen Panik und Sachbeschädigung erfolgen sollen. Können Dwigs und die sich ihm anschließenden Hundefreunde das verhindern?

Gewiss: Der Filmverleih fasst die Geschichte von Die Känguru-Chroniken anders zusammen und Marc-Uwe Kling, der nicht nur die Vorlage verantwortete, sondern obendrein das Drehbuch zum Film, wird die Handlung zweifelsohne ebenfalls anders nacherzählen. Aber genau hier fangen die vielen Probleme von Die Känguru-Chroniken an: Die Macher dieser Satire lehnen sich faul zurück und verlassen sich darauf, dass allein ihr Zielpublikum den Weg ins Kino finden und es mit vorgefertigter Deutung betreten wird.

Die Fangemeinde der Känguru-Werke ist vornehmlich im links-grünen Studierendenmilieu zu verorten, Kling ist politisch ohne jeden Zweifel links einzuschätzen und der Känguru-Chroniken-Film möchte sicherlich als Satire gegen rechts verstanden werden. Schließlich stellen sich die Hauptfiguren (die im Unterhaltungskino meistens zugleich als die Sympathieträger verstanden werden) gegen eine Gruppe Neo-Nazis und gegen einen Immobilienhai/Politiker, der inszenatorisch überdeutlich als Comic-Abziehbild der AfD positioniert wird. Und dann hämmert der Abspannsong auch noch froh und mit Nachdruck politisch linke Positionen heraus. Dennoch haben sich die Filmschaffenden offensichtlich kaum größere Gedanken, wie sie ihre Kernaussage vermitteln sollten.

Aber sei es aus Nachlässigkeit im Prozess des Drehbuchentwerfens, sei es schluderiges Erzählen, sei es eine unfassbar naive Inszenierung der Grundidee oder gar vollkommene Hybris, dass sich das Publikum ja wohl ungefragt hinter die Protagonisten mehrerer Bestseller stellen wird: Klammert man das Vorwissen, wie Die Känguru-Chroniken angesichts seiner Vorlage und deren Schöpfer gemeint sein muss, sowie sämtliche eventuell erworbenen Vorschuss-Sympathiepunkte für die Hauptfiguren aus, wird aus dieser gedachten Anti-Rechtspopulismus-Satire urplötzlich ein Film, der wie geschaffen ist für den Kemmerich-Flügel der FDP. "Schaut mal, die AfD macht ja wenigstens was für die Wirtschaft, diese widerlichen Linken hingegen sind eine Bedrohung für gute Bürger, brave Hunde, den freien Markt und unschuldige Autos!"

Keine Känguru-Chroniken, sondern ein Satire-Schwanengesang
Im heutigen Klima einen Film zu schreiben, zu drehen und zu veröffentlichen, der nicht nur der AfD-Anhängerschaft in die Karten spielt ("Dwigs hat einen kleinen Formfehler begangen, aber schaut euch mal diese Linken an!"), sondern zugleich jenen vermeintlichen Demokraten, die jedoch keine klare Kante gegen Rechts zeigen, sondern feige herumdrucksen und gar gelegentlich den Steigbügel halten, ist schon fragwürdig genug. Aber wenn das alles nicht aus Überzeugung, sondern aus Inkompetenz geschieht, drängt sich umso mehr die Frage auf: Wie zum Donner ist das passiert, und wie künstlerisch ratlos müssen die Verantwortlichen gewesen sein?

Wir wollen Die Känguru-Chroniken an dieser Stelle nicht zu viel Wirkungskraft unterstellen – der Film wird schon nicht aufgeschlossene, tolerante Menschen versehentlich zu AfD-Wählern machen. Aber er legt auf satirische Weise durchaus den Kemmerichs unter der FDP-Wählerschaft und den geistigen Seehofern in der Union Argumente raus, weshalb sie sich darin bestätigt sehen sollten, lauter vor links die Nase zu rümpfen als vor den Rechten. Angesichts politischer Entwicklungen, die täglich immer klarer unterstreichen, wie wichtig es ist, klare Zeichen gegen Hass und Intoleranz,zu setzen, ist das haarsträubend – und es ist doppelt haarsträubend, wenn all das quasi aus völliger Nachlässigkeit geschieht. Denn um Die Känguru-Chroniken kurz aus rein künstlerischer Sicht zu betrachten, ist es einfach ungeheuerlich peinlich und ärgerlich, wie dieser Film in Ermangelung einer kohärenten Vision und einer satirisch-markanten Umsetzung mehrmals gegen seine eigentliche Essenz ("Ja, wir Linken können chaotisch sein, aber wir sind sympathisch-unkoordiniert, die Rechten müssen dagegen dringend aufgehalten werden!") argumentiert.

Denn das, was Die Känguru-Chroniken treibt, ist keine satirische Unbequemlichkeit. Dieser Film ist nicht wie Sally Potters The Party, das schwarz-weiße Streitkomödien-Kammerspiel, das mehrere linke und grüne Positionen personalisiert darstellt, wie sie sich gegenseitig aufgrund von Nichtigkeiten zerfleischen, statt an einemStrang zu ziehen[/url]. Nichts in Die Känguru-Chroniken skizziert Fehlverhalten innerhalb der Linken nach, um beißend Lösungen aufzuzeigen – aber vieles in dem Film verharmlost Feinde von Demokratie und Frieden. Die Känguru-Chroniken ist ebenso wenig ein Allgemeinumschlagwie Dietrich Brüggemanns Heil, der mit Süffisanz, Fiebrigkeit und Stringenz gegen Medien, Parteien, Organisationen und Einzelpersonen jeglicher politischer Färbung tritt, um konzentriert zu sagen: "Sag mal, merkt ihr nicht, was da am rechten Rand abgeht?!"

Vielleicht glauben Marc-Uwe Kling und Dani Levy, eine Lustspiel-Variante der Er ist wieder da-Herangehensweise zu verfolgen. David Wnendts Bestsellerverfilmung über Hitler, der urplötzliche im Deutschland der Gegenwart auftaucht und Karriere als Komiker und Medienpersönlichkeit macht, gestattet seiner Interpretation des Despoten und Massenmörders mehrmals,richtig zu liegen. Etwa, wenn er sich über schlechtes Fernsehprogramm aufregt, die NPD als einen Haufen verirrter Jammerlappen enhüllt oder schlagfertige Witzlein reißt. Satire darf unbequem sein (oder muss es sogar, je nach Auffassung dieser Kunstform), und Er ist wieder da verfolgt diese Maxime: Der Film nutzt die phasenweise aufgebaute Toleranz gegenüber seiner Hauptfigur, um dem Publikum dramatisch den Boden unter den Füßen wegzuziehen und nachdrücklick aufzuzeigen, dass mit dem Wiederaufbäumen des sprichwörtlichen Hitlers in Deutschland eben [i]nicht[/i] zu spaßen ist.

Darüber, ob diese satirische Narrative in Er ist wieder da durchweg zweckgerichtet ausgeführt ist oder ob es effektiver gewesen, die Tonalität des Films früher zu kippen, lässt sich streiten. Doch die Umsetzung ist dank Wnendts Regieführung und Oliver Masuccis Spiel als Hitler eindrucksvoll, zumal das Ende einem gezielten Tiefschlag gleicht. Ganz anders verhält es sich mit Die Känguru-Chroniken: Die Situationen, in denen Kling und Levy die Neo-Nazis als unverdiente Opfer zeigen oder die Hauptfiguren mit unlauteren Mitteln Dwigs peinigen, verfolgen kein größeres erzählerisches Ziel und der notwendige Schlag in die Magengrube, den Er ist wieder da oderdie quietschig-fröhlich beginnende Faschismus-Satire JojoRabbit verteilen, um ihre Position gegen Hass zu unterstreichen, bleibt völlig aus.

An seiner Stelle tritt ein hastiges, zahnloses Ende, das niemanden, der schon als Känguru-Chroniken-Fan in den Saal gegangen ist, zum Nachdenken anregen wird, wohl aber (entgegen der Kernaussage des Films) der selbsternannten bürgerlichen Mitte sowie Anhänger der unentwegt nach rechts schielenden "Werte-Union" nur weitere Munition gegen liderliche Linke hinterlässt. Denn die "Wer wird uns schon hinterfragen?"-Arroganz, mit der die Hauptfiguren handeln und geschrieben sind, lässt sämtliche potentielle Selbstironie viel mehr als tumbe, versehentliche Selbstenttarnung aussehen. Somit rennt Die Känguru-Chroniken nicht einfach nur sehenden Auges in die Kreissäge, sondern schmeißt hüpfend und debil lachend auch noch Hufeisen um sich, ohne zu wissen, was das überhaupt bedeutet.

Und sonst so ..?
Es ist auch nicht so, als hätte Die Känguru-Chroniken derart viele anderweitige Qualitäten, dass man glauben könnte, das polit-satirische Element wäre halt ein Nebengedanke der Verantwortlichen gewesen und daher dermaßen schiefgelaufen. Unter anderem strecken Levy und Kling Die Känguru-Chroniken mit völlig kopflosen Videospiel- und Filmreferenzen. Popkulturreferenzen sind zwar auch Teil der geschriebenen und gesprochenen Känguru-Kurzgeschichten, doch während sie dort zumeist pointiert sind, wird in der Filmversion beispielsweise die Handlung völlig ausgebremst, um Raum für eine behäbige Imitation einer ikonischen Pulp Fiction-Szene zu schaffen. Weder bereichert sie den Plot oder die Charakterisierungen, noch fügt sich solch eine ausgelutschte Filmparodie in den sonstigen humoristischen Duktus des Films.

Und obwohl Die Känguru-Chroniken einen selbstironischen Erzählerkommentar aufweist, lassen sich die Filmschaffenden die ultra-offensichtliche Chance entgehen, ihre verstaubte und unlustige Pulp Fiction-Parodie letztendlich noch durch einen pfiffigen Meta-Twist zu retten. Mit der Faulheit dieser Filmreferenz werden in Die Känguru-Chroniken auch Videospiele "parodiert": Völlig unmotiviert ploppen in einer Actionszene für wenige Augenblicke Retro-Videospielgrafiken auf – und damit hat es sich auch schon. Levy bemüht sich nicht einmal, die Kampfchoreografie, geschweige denn die Gesamtästhetik der Szene in Richtung Videospiel-Nostalgie zu bewegen und auf eine große Pointe hinzusteuern. "Eine billige Grafik genügt", war wohl der Gedanke – und schon erklärt sich ein Stück weit, mit welcher Haltung wohl der Großteil des Films angepackt wurde.

Was aber sehr wohl funktioniert, sind jene Augenblicke, in denen der völlig krumm geratene Plot über Marc-Uwe, das Känguru und die rechten Verschwörer sowie sämtliche Versuche, sich an der Popkultur abzuarbeiten, fallen gelassen werden. Sketchartige Szenen rund um Dinge wie ein absurdes Aerobicvideo (inklusive unerwartetem Cameo) oder eine automatisierte Notruf-Hotline sind spritzig geschrieben und sehr wohl vergnüglich. Kurzum: Die Känguru-Chroniken funktioniert dann am besten, wenn Drehbuchautor Kling wie bei seinen Kurzgeschichten operieren und zusammenhanglos Albernheiten fabrizieren kann. Auch in den Film eingewobene Klassiker aus besagten Kurzgeschichten sind für sich betrachtet launig realisiert – nur die Art, wie sie in die Handlung integriert werden, holpert und poltert gelegentlich (Stichwort: Gewalt gegen Hunde). Die Hintergrundmusik wiederum ist zwar eingängig, jedoch gelegentlich überbetont-lustig, womit manchmal eine eigentlich solid Pointe erdrückt wird.

Die größte Stärke von Die Känguru-Chroniken ist unterdessen die Animation des Kängurus: Das quasselnde, Chaos stiftende Beuteltier ist detailreich animiert und fügt sich glaubwürdig in die Filmwelt ein – man könnte glatt glauben, es sei eine aufwändige, digital leicht überarbeitete Puppe, so nahtlos zeigt sich das Känguru als Teil seiner Umgebung. Dass das Känguru ab und zu eine schräge Schnute zieht, ist da leicht zu vernachlässigen, zumal das angesichts des kauzigen Spiels des menschlichen Ensembles fast schon wie Absicht wirkt. Sonderlich gefordert wird der menschliche Cast aber nicht: Daniel Zillmann gibt eine verwässerte Variante seiner Rolle in Dietrich Brüggemanns Heil, Bettina Lamprecht tritt quasi als rechtspopulistische Zwillingsschwester der Frau Bruck aus Pastewka auf, Henry Hübchen bekommt als schurkischer Dwigs viel zu wenig denkwürdiges Material, um der Rolle irgendwas abzuringen, und Rosalie Thomass bekommt die Aufgabe, eine blutarme Version des Öko-Trulla-Klischees zu verkörpern.

Nur Dimitrij Schaad, der immerhin die Filmversion der fiktionalisierten Version Marc-Uwe Klings zum Leben erwecken muss, hat die Chance, eine gute Figur abzugeben, da er viele verbale Schlagabtausche mit dem Känguru zu bewältigen hat und sie mit gutem Timing hinter sich bringt. Diese Szenen dürften es auch sein, die Fans der Bücher und Audio-Kurzgeschichten am ehesten noch milde stimmen werden, obwohl der Känguru-Chroniken-Film die Vorlage immer härter mit Füßen tritt, je länger man darüber nachdenkt.

Fazit: Satirisch schwach durchdacht, konzeptionell völlig konfus bis beleidigend-ärgerlich und angesichts des politischen Tagesgeschehens dumm bis leichtsinnig: Die Känguru-Chroniken ist kurz vor unverantwortlich. Das hat die Vorlage nicht verdient.

Die Känguru-Chroniken ist ab dem 5. März 2020 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Sonntag, 9. Februar 2020

Meine Lieblingsfilme 2019 (Teil V)

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Ein letztes Mal durchatmen, und dann haben wir's schon wieder hinter uns! Und dieses Mal habe ich es tatsächlich geschafft, meine Jahrescharts noch vor den Oscars abzuschließen. Das ist ja auch eher selten. Man hat aber auch immer viel zu tun, ihr kennt es ... Was ihr auch kennt: Die Notwendigkeit, euch einmal kurz auf die Folter zu spannen und mit ein paar Ehrennennungen die Top Ten noch ein wenig hinauszuzögern. Und weil die Academy Awards vor der Tür stehen, habe ich mir vier Filme aufgehoben, die mal mehr, mal minder im Oscar-Diskurs mitgemischt haben. Da hätten wir einerseits das Drogensucht-Familiendrama Beautiful Boy, das herzzerreißend gut gespielt ist. Dann wäre da das Historiendrama Maria Stuart, Königin von Schottland, das mir mit seiner Ästhetik, seinem beiläufigen Zurechtrücken gemeinläufiger Irrtümer über die behandelte Epoche und seinen dramatischen Monologen doch ein gutes Stück mehr zugesagt hat als den meisten - der Film ging ja doch eher unter. Ebenso wie Bernadette, Richard Linklaters eloquente Komödie, die ein wenig anmutet wie der Schnelldurchlauf durch eine intellektuelle Sitcom. Und dann hat mich noch das Politdrama Der Spitzenkandidat sehr überzeugt, in dem Jason Reitman mit Hugh Jackman quasi die Wurzel des üblen US-Politjournalismus beleuchtet. 

Aber an diese zehn Filme reichen meine Ehrennennungen partout nicht heran. Das hier sind sie, die zehn Filme 2019, für dich ich mit größter Begeisterung in die Bresche springe, jene, die mein Filmherz am höchsten schlagen lassen!

Platz 10: Spider-Man: Far From Home (Regie: Jon Watts)

Monate, bevor Sony Pictures mit Jumanji: The Next Level eine Popcorn-Actionkomödie herausgebracht hat, die nicht nur temporeich, witzig und überaus gefällig ist, sondern sich unter ihrer äußerst vergnüglichen Oberfläche auch als erstaunlich clever entpuppt, meisterte ein anderer Film diesen Drahtseilakt: Spider-Man: Far From Home führt mit Energie und Drive vor, wie man Inhalt und Form miteinander verschmilzt und sich dabei dennoch das vergnügliche Gewand einer Teenie-Superheldenkomödie überstreift. Die Kollaboration zwischen den Marvel Studios und Sony handelt von einem Jugendlichen, der das Gewicht einer Welt auf seinen Schultern spürt, die sich im Umbruch befindet, der aber mit aller Macht viel lieber einfach nur Ruhe und Zerstreuung haben möchte. Und wie ist Jon Watts' Film gehalten? Wie eine Teenager-Roadtrip-Komödie inklusive greller Archetypen: Amerikanische Junggesellen-Touristen wollen in Europa neue Erfahrungen sammeln, es gibt peinlich-alberne Erwachen mit Fußball-Hooligans und die fehlinformierten, mit der Überwachung ihrer Klasse überforderten Lehrer dürfen auch nicht fehlen.

Spider-Man: Far From Home imitiert, was das filmische Pendant zu Peter Parkers Wünschen wäre, doch wer auch nur einen Hauch des filmischen Scharfblicks hat, muss erkennen, dass sich dahinter mehr verbirgt. Spider-Man: Far From Home zieht nämlich mit genialer Konsequenz seinen Themenkomplex Verdrängung, Verleugnung und Vortäuschung durch. Stilistisch und tonal werden die Konsequenzen der vergangenen paar Marvel-Filme zwecks Teenie-Späße verdrängt (bis die Masche in sich zusammenbricht). Peter selbst muss lernen, seine Verantwortungen nicht zu verleugnen, doch entgegen der Spaßigkeit des Films gibt es dahingehend keine einfachen Antworten. Und dann spiegelt sich der Themenkomplex auch noch in vermeintlich irrelevanten Gagszenen sowie in der Gestaltung der Gegenseite wider: So viele Szenen und Sätze in Spider-Man: Far From Home laufen letztlich auf Verdrängung, Verleugnung und Vortäuschung hinaus und bei aller Stringenz, mit der dieser Film das durchzieht, findet er trotzdem Nuancen. Statt einfach nur auf Fake News zu haken und das Ignorieren einer ernsten Lage anzuklagen, skizziert Spider-Man: Far From Home diverse Zwischentöne. Figuren sagen nicht nur schädliche Lügen und befreiende Wahrheiten, sondern auch schädliche Wahrheiten und notwendige Lügen. Wahre Informationsbröckchen können in diesem Film zuweilen schwereren Schaden anrichten als frei erfundene Schwindeleien, doch auch die sind ein elementarer Bestandteil. Auch die Musik ist eine Wucht, etwa, wenn Komponist Michael Giacchino einer Figur ein Stück auf den Leib schreibt, dass wie ein Riff auf das Avengers-Thema beginnt und dann letztlich in seine Retro-Billig-Synthie-Einzelteile zerfällt (und die sich an einer Stelle zu einem klassischen US-News-Intro aufschwingen).

Hinzu kommen ein den Punkt treffender Tom Holland, Jake Gyllenhaal in genüsslichster Laune und ein eklektischer Cast an Nebenfiguren. Natürlich hat Spider-Man: Far From Home nicht die komplexesten und weltveränderndsten Antworten parat, doch für seine Stringenz und Konsequenz sowie dafür, wie er seine durchdachte Verschränkung von Form und Inhalt trotzdem mit Leichtigkeit präsentiert, hat er vollsten Respekt verdient. Wobei es natürlich schade ist, dass der Film so leichtfüßig ist, dass seine smarten Elemente offenbar an manchen Miesepetern glatt vorbeigerauscht sind. Naja. Deren Verlust.

Platz 9: Porträt einer jungen Frau in Flammen (Regie: Céline Sciamma)

Wo wir gerade beim Thema "Form trifft Inhalt" sind: Mädchenbande-Regisseurin Céline Sciamma erzählt in ihrem bildschönen, berückend-ruhig erzählten Drama Porträt einer jungen Frau in Flammen von einer jungen Malerin, die den Auftrag erhält, heimlich das Porträt einer jungen Adeligen zu malen. Die wehrt sich nämlich gegen jeden Versuch, sie zu porträtieren. Doch ihrer Mutter ist das Porträt von Bedeutung, da es zur Ehevermittlung verwendet werden soll. So beginnt einerseits eine Geschichte über die Dichtomie über aufgezwungene Bildnisse und Selbstbildnisse, aber auch die Differenz zwischen Auftragsarbeiten und passionierter Kunst spielt in diesem zärtlichen, subtilen und sinnlichen Drama eine große Rolle.

Noémie Merlant und Adèle Haenel sind betörend gut als zwei Frauen, zwischen denen schon früh eine Faszination und Anziehung besteht, sich aber nur sehr vorsichtig annähern und einander öffnen. Von Claire Mathon (Mein ein, mein alles) in natürlich beleuchteten Bildern eingefangen, die oftmals selber wie Gemälde aussehen, und nahezu frei von Musik (wodurch die wenigen Einsätze umso berückender sind), ist Porträt einer jungen Frau in Flammen auch eine ästhetische Wucht, und Céline Sciamma eingeflochtene Elemente aus Literatur und Kunsthistorie sind von einer bittersüßen Poesie. Einfach ein wundervoller Film.

Platz 8: Hustlers (Regie: Lorene Scafaria)

Wenn man mich fragt, der mit Abstand beste Gangsterfilm des Jahres: Hustlers ist ein aussagekräftiger Kommentar auf die Folgen der Weltwirtschaftskrise der 2000er-Jahre, ein kerniger und dennoch von den üblichen, forcierten Kabbeleien befreiter Film über Frauenfreundschaften irgendwo zwischen Nutz-Freundschaft und emotionalem Auffangnetz sowie einer der sehr, sehr raren Filme abseits von Magic Mike XXL, der das Gewerbe des Erotiktanzes ernst nimmt, statt es entweder anzugeifern, lächerlich zu machen oder brutal zu dramatisieren. Inszeniert und geschrieben von Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt-Regisseurin Lorene Scafaria, blickt Hustlers aus besonnenen weiblichen Perspektiven auf Stripperinnen in einem angesagten New Yorker Club, in dem es sich vor allem Wall-Street-Macker gut gehen lassen. Als die Betrügereien dieser Bonzen die ganze Weltwirtschaft aus der Bahn geraten lassen, planen die Ladys (aus Eigennutz, aber mit einer Robin-Hood-esken "Wir nehmen jenen, die nicht haben sollten"-Attitüde) einen Rache-Coup, um wieder an Geld zu kommen.

Scafarias minutiös durchdachte Regieführung lenkt unsere Wahrnehmung der Figuren (so wird Jennifer Lopez' Powerfrau von einer Nebenfigur aus den bewundernden Augen von Constance Wus Protagonistin betrachtet etabliert), distanziert uns durch akustische Spielereien von der Geschichte, sobald es nötig ist, lässt uns kritisch beäugend und dennoch fasziniert mitjubeln und gibt den Frauen Würde und Eigenständigkeit, die im Gangsterkino sonst nur das schmückende Beiwerk sind. Und dann macht Hustlers auch noch unverschämt viel Spaß, ist spannend und hat ein Herz für die Bindungen zwischen den zentralen Figuren. Starke Sache.

Platz 7: Rocketman (Regie: Dexter Fletcher)

Das Elton-John-Biopic-Jukebox-Musical Rocketman gehört zu den erlesenen Filmen, die bisher bei wirklich jedem Rewatch in meiner Gunst noch weiter gestiegen sind. Wer weiß also, wo Rocketman in ein paar Jahren in einer großen Retrospektive landen würde. Denn Dexter Fletcher hat hier einen wirklich äußerst dicht verwobenen, bis ins Detail durchdachten und emotionalen Film abgeliefert. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nach Akzeptanz sucht und den Wirren des Musikgeschäfts verfällt. Es ist die Geschichte eines Künstlers, der sich selber nicht liebt und vor der Ignoranz seines Umfelds flüchtet, indem er eine immer und immer exzentrischere Kunstfigur aus sich selber macht, die allen Versuchungen verfällt, die Geld und Ruhm einem verschaffen können. Es geht so weit, dass der als parteiischer, nicht völlig glaubhafter Erzähler fungierende Elton John selbst sein kindliches Ich verfälscht und sich einbildet, schon als kleiner Knirps The Bitch gewesen zu sein und dass er in seinem Viertel als einziger Farbklecks heraus gestochen hat.

Taron Egerton verkörpert Elton John mit immenser Spielfreude und einer beeindruckenden Glaubwürdigkeit in abrupten Stimmungswechseln und die Kostümarbeit sowie das Produktionsdesign sind einfach herrlich. Besonders faszinierend ist aber, mit welch scheinbarer Leichtigkeit Hits aus Elton Johns Schaffen in die Nacherzählung seines Lebens gewoben werden: Wüsste ich's nicht besser, ich würde es sofort glauben, dass die Lieder in Rocketman allesamt für den Film geschrieben wurden, so sehr sprechen die Texte und Melodien den Figuren aus dem Herzen und nie zuvor habe ich ein Jukebox-Musical erlebt, in dem nicht mehrmals mit dem Brecheisen Elemente aus kommenden Liedern etabliert (und gegebenenfalls sofort wieder aufgegeben) werden. Die beruflichen wie privaten Höhen und Tiefen Elton Johns werden hier mit Verve und Symbolkraft nachgezeichnet. Die Sequenz rund um den Song Rocketman gehört für mich zu den unbestrittenen Höhepunkten des Jahres und diverse Kleinigkeiten lassen mich bei jedem Anschauen aufs Neue strahlen, weil sie von der Passion zeugen, mit der dieser Film entstanden ist und bis in die kleinste Dialogzeile hinein ausgeklügelt wurde. Jamie Bells unauffällig-unterstützende Leistung in der Rolle von Elton Johns Texter Bernie Taupin wird viel zu selten positiv hervorgehoben, die Songszenen sind kreativ inszeniert und lebhaft inszeniert und die Arrangements der Pophits sind griffig auf die Filmdramaturgie hingebogen.

Dexter Fletcher hat hier eine sehr rührende, ernste und dramatische Geschichte mit viel Dynamik und Showmanship gedreht - oder aber ein sehr glitzerndes, energievolles Musical mit viel Herz und Seele versehen. Eine Schande, dass Rocketman nicht noch viel mehr Aufmerksamkeit an den Kinokassen und bei den diversen Awards erhalten hat. Aber ich bin mir sicher: Er wird noch lange Zeit neue Fans für sich entdecken.

Platz 6: Booksmart (Regie: Olivia Wilde)

Wo wir gerade bei Filmen sind, die deutlich mehr Erfolg verdient gehabt hätten: Olivia Wildes Regiedebüt Booksmart hinterließ trotz hervorragender Kritiken an den US-Kassen kaum Eindruck und ging im Rest der Welt völlig unter. Welch ein Jammer, denn diese Teenie-Partykomödie ist ein riesiges Vergnügen. Die beiden Hauptfiguren, aufgeweckte, aber auch etwas von sich selbst eingenommene Spitzenschülerinnen und Partymuffel, sind überaus amüsant und liebenswert. Die Chemie zwischen den Darstellerinnen Kaitlyn Dever und Beanie Feldstein ist großartig, das Skript voller eloquenter, beiläufig präsentierter Bonmots und die Nebenfiguren sind dezent bis stark überspitzte, schlussendlich aber sehr wohl mehrdimensionale Vertreter heutiger Jugendgruppen. Die Jugendsprache in Booksmart ist authentisch, aber überhaupt nicht aufgesetzt, Billie Lourd ist genial als rauere Cousine im Geiste der High School Musical-Diva Sharpay und obendrauf ist Booksmart ein wundervolles Beispiel dafür, wie inklusivere Geschichten plattgetretene Genres aufmöbeln können.

Platz 5: The Favourite – Intrigen und Irrsinn (Regie: Giorgos Lanthimos)

Girls Club trifft Historienkino trifft Giorgos Lanthimos, Meister der staubtrocken vermittelten Süffisanz: Fertig ist The Favourite, ein Kostümdrama, in dem die Oneliner fliegen wie die Schießübungstauben, und Emma Stone, Rachel Weisz, Olivia Colman und Nicholas Hoult einfach bombig spielen, die Kostüme prunkvoll und die Kamerawinkel seltsam sind. Hummer werden gejagt, Enten phallisch gestreichelt und Kaninchen müssen als tragisches Symbol herhalten. Ein ebenso gut aussehender wie kluger und witziger Film, der Lanthimos gleichermaßen aus seiner stilistischen Komfortzone rausholt und sein Wesen als Regisseur zur Schau stellt.

Platz 4: Dave Made a Maze (Regie: Bill Watterson)

Der Community-Film ist uns allen bisher verwehrt geblieben, doch Bill Watterson hat mit Dave Made a Maze immerhin schon einen Film abgeliefert, der sich anfühlt wie eine abendfüllende Episode der genialen, höchst einfallsreichen Comedyserie: In Dave Made a Maze baut ein Kreativkopf namens Dave ein gigantisches Pappkarton-Labyrinth. Doch von innen ist es größer als von außen und er hat sich verlaufen ... Mit extrem charmanten, kunstvollen Produktionsdesign im Bastellook (Michel Gondry würde hier ins Schwärmen geraten) und mit herrlich-albernen Nebenfiguren ausgestattet, ist diese Fantasy-Komödie einerseits einfach ein genial-verschrobener, spaßiger Film der ganz anderen Art. Doch obendrein entführt uns Dave Made a Maze auf metaphorische Weise in den Verstand eines Kreativen, der sich in Ideen verrennt, die er nie zu Ende bringt, und dem es an Selbstvertrauen mangelt.

Platz 3: Once Upon a Time in Hollywood (Regie: Quentin Tarantino)

Wenn man mich fragt: Quentin Tarantinos womöglich vorletzte Regiearbeit ist zugleich auch eine seiner besten. Once Upon a Time in Hollywood verkauft sich an der Oberfläche als lockerer, stimmungsvoller Hangout-Movie. Ein abgehalfterter Fernsehstar und sein unterbeschäftigter Stuntman laden uns ein, mit ihnen Zeit zu verbringen. Wir hören ihnen bei ihren gewitzten Gesprächen zu, wir schauen ihnen bei ihrer Arbeit über die Schulter und verfolgen ihre Nachbarin Sharon Tate, wenn sie auf Partys oder ins Kino geht. All das in einem mit nostalgischer Liebe zum Detail rekreierten Los Angeles des Jahres 1969 und bereichert mit urkomischen, sketchhaften (aber narrativ sehr wohl versiert in das Gesamtwerk verwobenen) Momenten wie einem Ausraster im Wohnwagen oder einer tagträumerischen Erinnerung.

Doch Once Upon a Time in Hollywood ist mehr als nur ein Abhängfilm. Es ist eine liebevolle Verneigung vor dem Wendepunkt-Jahr, das Tarantino zum Filmliebhaber gemacht hat, die sich trotzdem mehrmals kritisch mit Verklärung auseinandersetzt. Und es ist die Mär, wie "Das Schöne von früher" und Progression in Amerika Hand in Hand hätten gehen können. Begnadet gespielt von Leonardo DiCaprio, Margot Robbie und Brad Pitt und mit einem frivol-launigen Finale sowie einem schmissigen Soundtrack versehen, ist Once Upon a Time in Hollywood Stimmung und Dialoggenuss in wundervoll-hoher Dosis.

Platz 2: Vivarium (Regie: Lorcan Finnegan)

Ab und zu taucht ein Film auf, den man sich aus Neugier, mit wenig Vorwissen und soliden Erwartungen anschaut und der einen dann damit vollkommen umhaut, dass er sich so anfühlt, als wäre er speziell für einen selber geschaffen worden. Vivarium ist für mich einer dieser Filme. Lorcan Finnegans surreal durchsetzter Mystery-Thriller handelt vom jungen Pärchen Tom und Gemma (spitze: Jesse Eisenberg und Imogen Poots), das sich ein Reihenhaus anschaut. Plötzlich ist der Makler verschwunden, und das ist noch das harmloseste und am wenigsten rätselhafte, das ihnen daraufhin passiert ... Ich habe Vivarium auf dem Fantasy Filmfest 2019 gesehen und ich will für den Fall, dass er doch noch eine weitere Auswertung in Deutschland erhält, noch nicht zu viel verraten. Aber es ist so, als hätte Vivarium tief in meinen Filmgeschmack geblickt und gesagt: "Ah, okay, du willst und brauchst also diesen Film." Ich liebe das reduzierte, bewusst-künstliche Design des Films, ich feiere es, wie Lorcan Finnegan seine thematischen und inhaltlichen Elemente vorbereitet (so viel sei gesagt: Poots beginnt den Film mit dem gesellschaftlich angeseheneren Beruf, doch dann ...) und mehrere Szenen und Bilder haben sich tief, tief, tief in mein Gedächtnis gebrannt.

Mit seiner verqueren Art, Metaphorik auszudrücken und dabei eine stringent-rätselhafte Story zu entwerfen, erinnert mich Vivarium sehr an einen anderen kunstvollen Jesse-Eisenberg-Thriller, nämlich an die andersweltliche angehauchte Neid-Geschichte The Double. Doch zugleich trieft Vivarium vor dem staubtrockenen Sarkasmus und die Verachtung für Smalltalk sowie gesellschaftliche Beziehungsanforderungen, womit sich die meisten von Giorgos Lanthimos' Filmen auszeichnen. Es ist quasi so, als hätte Giorgos Lanthimos The Double gesehen, sich dazu entschieden, dessen Stil und Erzählweise zu adaptieren, jedoch zugleich seiner eigenen Handschrift treu bleiben zu wollen und dann einen Film darüber gedreht, wie verstörend-banal das Leben als Vorstadtfamilie sein kann.

Platz 1: Avengers || Endgame (Regie: Joe & Anthony Russo)

Ich muss es noch einmal betonen: 2019 war für mich einfach ein bombenstarkes Filmjahr. Das zeigte sich mir daran, wie sehr es mir in den Fingern gejuckt hat, meine Jahrescharts sogar auf über 50 Filme zu strecken. Und Vivarium hätte sich in vielen meiner vergangenen Jahresbestenlisten mühelos die Spitzenposition geholt. Aber ich muss einfach den Marvel Studios erstmals in der Geschichte des Marvel Cinematic Universe die Spitzenposition in meinem Jahresranking bescheren: Avengers || Endgame ist eine monumentale filmschöpferische Leistung, die mich in der Pressevorführung völlig aus den Socken gehauen hat - und das ist allein schon deshalb eine herausragende Leistung, da der vierte Avengers-Film nüchtern betrachtet auf dem Papier so einige Dinge tut, die sich mit meinen erzählerischen Vorlieben beißen. Doch in der Umsetzung haben mich die Entscheidungen der Autoren Christopher Markus & Stephen McFeely und der Regisseure Joe & Anthony Russo überzeugt. Avengers || Endgame ackert und ackert, um sich seine narrativen Beschlüsse zu verdienen, und das muss ich einfach entlohnen - zumal es jedenfalls in meinen Augen bei aller kreativer und handwerklicher Anstrengung mit vermeintlicher Selbstverständlichkeit, Unvermeidlichkeit und Leichtigkeit präsentiert wird. Das bestätigte sich bei meinen diversen wiederholten Sichtungen des Films, bei denen Avengers || Endgame die beim ersten Anschauen erzielte Wirkung problemlos wiederholen konnte: Ich spüre nicht, wie dauernd die erzählerischen und inszenatorischen Rädchen rattern und ineinander greifen, stattdessen fühlt sich der Film so an, als müsste er exakt so sein, wie er ist.

Es beginnt schon beim gestaffelten Anfang der Erzählung mit einem Cold Open, einem dramatischen Wiedersehen und letztlich einem sanften und ernüchternd verlöschendem Hoffnungsschimmer, ehe der Hauptstrang aufgenommen und die Zukunftperspektive unserer Helden schrittweise wieder aufgebaut wird. Und es endet mit dem mit Charaktermomenten bespickten, mit einer perfekt sitzenden inneren Dramaturgie versehenen Actionfinale (dem ich somit das etwas matschige Farbdesign sofort verzeihe), auf das konsequente, figurenbasierte und rührende Epiloge folgen. Sollen die Stänkerer doch stänkern, welcher monumentale Teil einer hauptsächlich mit seiner Komik und seinem Spektakel werbenden Filmreihe würde so ein intimes, romantisches und bodenständiges Schlussbild wählen wie Avengers || Endgame? Das gigantische Ensemble ist in Topform, sei es etwa Robert Downey Junior als emotionales Rückgrat, Chris Evans als optimistisches Gewissen, Scarlett Johansson in ihrer besten Popcornkino-Darbietung, Chris Hemsworth als "Ich bin deprimiert und will es nicht wahrhaben"-Thor oder Karen Gillan als zynische, aber neue Seiten an sich entdeckende Nebula. Avengers || Endgame verschaffte mir Dutzende an Kinomomente, die ich nie vergessen werde, von gerührt (das Wiedersehen zwischen Scott und Cassie ist bei mir dank Inszenierung, Struktur und Schauspiel ein Kehlenzuschnürer) hin zu "über die Kreativität und das Kunsthandwerk staunen" (beispielsweise darüber, wie zum zweiten Akt hingeleitet und er eröffnet wird) bis zu nerdig (Startwochenende, voller Saal, Hammer - genug gesagt).

Avengers || Endgame ist, kurz gesagt, eine spektakuläre Feier all dessen, was ich an Kino liebe. Es ist ein gezielt-widersprüchlicher Film (ein rund 350 Millionen Dollar teures Trauerverarbeitungsdrama, das kontinuierlich zum bombastischen Trauerüberwältigungseskapismus wird), der Millionen und Abermillionen von Popcornkino-Fans dazu einlädt, ihren Helden dabei zuzugucken, wie sie erst einmal ganz lange nichts machen. Es ist ein Film, der Alan Silvestri zu seiner besten, größten, flexibelsten Leistung mindestens seit der Jahrhundertwende antreibt. Es ist einerseits figurenzentrisches Kino, als dass eine tragende Säule des Films die Figureninteraktionen und beiläufig skizzierten Figurenentwicklungen darstellt. Andererseits ist es aber auch unverlogen-megalomanisches Spektakel. Der Film ist urkomisch, und dennoch mit einem eher gesitteten Grundtonfall versehen. Avengers || Endgame ist einer dieser Rundumschläge wie Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt, Gone Girl oder Anna und die Apokalypse, als dass dieser Film in sich völlig stimmig einfach mal eben ein halbes Dutzend meiner Filmgeschmackfacetten abdeckt, ohne auch nur ein winzig kleines Bisschen fahrig zu wirken oder zu zerfasern. Ich kann den ganzen Tag so weiter machen ...

Tja, das sind sie also. Meine Lieblingsfilme 2019. Wird 2020 ein ähnlich gutes Jahr? Bisher sieht es absolut danach aus, als dass die ersten Wochen 2020 einen meiner Ansicht nach absurd hohen Qualitätsdurchschnitt mit sich gebracht haben. Hoffen wir, dass das so weiter geht. Und dann sehen wir uns Anfang 2021 bei der nächsten Hitliste wieder!