Samstag, 22. April 2017

Fast & Furious 8


Ganz, ganz langsam mausert sie sich, die Reihe. Aber dort, wo sie andere in ihrer filmischen Rangliste sehen, ist sie in meiner Gunst noch lange nicht angekommen: Fast & Furious ließ mich sechs Filme lang kalt und war mit Teil sieben für mich dann auf leicht frustrierende Weise annehmbar. Die Actioneinlagen sind kreativ, und in Fast & Furious 7 übertönten zahlreiche spaßige Figuren die drögen, langweiligen Figuren, die so lange im Herzen des Franchises standen. Jedoch plagt den siebten Fast & Furious-Film, dass er sich immer und immer wieder auf einen Trick verlässt: Wenn die Figuren in Not sind, gehen sie den denkbar dümmsten Weg mit den niedrigsten Überlebenschancen, um aus ihrer kniffligen Lage zu entkommen. Und stets ist ihnen Fortuna hold.

Der mit massivem Erfolg gestartete, achte Part der Autoactionreihe beendet diesen Glücksreigen der "Familie": Dominic Toretto (Vin Diesel) bekommt während seiner Flitterwochen auf Kuba unerwarteten Besuch von einer mysteriösen Blondine (Charlize Theron). Sie hat etwas in der Hinterhand, das Dom die Sprache verschlägt. Beugt er sich ihrem Willen und verschweigt dies Aussenstehenden, sei alles in Ordnung. Anderweitig werde sie Unaussprechliches anstellen. Und so macht Dom mit ihr gemeinsame Sache. Er sabotiert einen Einsatz, zu dem ihn der befreundete Agent Hobbs (Dwayne Johnson) bittet, und stiehlt eine EMP-Waffe. Hobbs landet aufgrund dessen, dass sein unter der Hand übermittelter Einsatz schief lief, im Gefängnis. Doms Gattin Letty (Michelle Rodriguez) ist baff, aber sicher, dass Dom einen Grund für sein Handeln hatte. Und der Rest von Doms "Familie" genannter Crew halbverbrecherischer Technik- und Auto-Freaks? Der knirscht mit den Zähnen. Können sie dem Wunsch des gutherzigen, aber extrem geheimnisvollen Mr. Nobody (Kurt Russell) nachkommen und Dom aufhalten, dessen jüngstes Handeln die gesamte Welt bedroht?

Aus der (sich trotz dünner Charakterzeichnung sehr ernst nehmenden) Filmreihe über illegale Autorennen wurde sukzessive ein Franchise, das sich als Antwort auf die Frage versteht: "Was wäre, wenn im Mittelpunkt von Mission: Impossible keine sportlichen, gerissenen Agenten stünden, sondern autoversessene, muskulöse Spinner?" Und während Teil sechs sowie sieben mit geradlinigen Subplots über zwischenmenschliche Dynamiken innerhalb der "Familie" einen Hauch von Bodenhaltung aufgewiesen haben, wirft Fast & Furious 8 diesen Gedanken endgültig aus dem Fenster. Angesichts dessen, dass Drehbuchautor Chris Morgan bei diesen Filmen keinerlei Fingerspitzengefühl für kleine, ernste Charaktermomente beweist, ist dies eine sehr willkommene Entwicklung. Und noch eine schlechte Angewohnheit hat sich endlich erledigt. In eine Ecke gedrängt denken sich die Helden nicht mehr so wie in Teil sieben: "Okay, ich stürze mich einfach aus zig Metern gen Boden und hoffe, keinen tödlichen Aufprall zu erleiden."

Ja, die Action in Fast & Furious 8 ist verrückter, unrealistischer und durchgeknallter als in den sieben vorhergegangenen Filmen. Aber sie hat eine höhere innere Plausibilität, weil sich jede noch so hanebüchene Aktion der Protagonisten aus dem Können der Figuren nährt, das sie lachhaft hoch, aber korrekt einschätzen - und nicht aus der Hoffnung, dass die Gravitation gnädig sein wird. Wenn Muskelprotz Hobbs einen Torpedo mit bloßen Händen umlenkt, ist das nach Hollywood-Actionpomp-Wahnsinnslogik schlüssig. Wenn Ex-Fiesling Deckhard Shaw (Jaston Statham) als extrem agil sowie durchtrainiert gezeigt wird, dann kauft man ihm auch ab, bei einem Gefängnisausbruch Dutzende von Wärtern und Polizisten niederzuringen. Und wenn die "Familie" angeblich aus den besten Autofahrern der Welt besteht, dann können die halt mit den besten Autos, die ihnen die US-Geheimbehörden zur Verfügung stellen, auf dem Eis halt Raketen und Schneefahrzeugen ausweichen.

So sehr die Neufokussierung von "Ach, wird schon klappen" zu "Diese Figuren beherrschen X und Y, also machen sie das abartig gut" Fast & Furious 8 davor bewahrt, dass im ganzen Actionbombast zwischendurch die Monotonie aus Teil sieben entsteht: Der Bombastfilm bleibt weiter hinter Genrekollegen wie den besseren der Mission: Impossible-Filme oder dem Gros der 90er-Jahre-Jerry-Bruckheimer-Produktionen zurück. Der Hauptgrund dafür ist die fehlende erzählerische Fallhöhe. Wie diverse schlechte Superhelden- und Agentenfilme schon bewiesen haben: Nur weil die ganze Welt auf dem Spiel steht, ist nicht automatisch Spannung angesagt. In Fast & Furious 8 müssen zwar die Guten gelegentliche Rückschläge hinnehmen, was schon im Alleingang für eine reizvollere Erzähldynamik sorgt als in den meisten Filmen dieser Reihe, dennoch lässt Regisseur F. Gary Gray nie die Befürchtung aufkommen, dass Dom ein Mitglied seiner "Familie" ernsthaft verletzt. Zudem enthüllt Drehbuchautor Chris Morgan sehr zeitig den Grund für Doms Wechsel auf die Seite der Bösen - und eben dieser Grund fällt in die Kategorie "Ein Held wird erpresst, Böses zu tun, aber da alle Welt andauernd betont, wie gerissen und toll und talentiert der Held ist, können wir uns entspannt zurücklehnen und darauf warten, dass er einen Ausweg findet."


Was den zentralen Plotfaden um Dominic Toretto weiter belastet, ist der zähflüssige Ablauf der gemeinsamen Szenen von Vin Diesel und Charlize Theron. Nicht nur, dass Theron ungewöhnlich desinteressiert wirkt und Diesels "dramatisches Schauspiel" als in die Fieslingsecke gedrängter Dom noch weniger überzeugt als die physikalischen Gesetze in dieser Filmreihe: Die Dialogpassagen in Therons Schaltzentrale sind nahezu ausnahmslos zu lang, da sie bereits deutlich vermittelte Dinge mit Umformulierungen wiederholen. Fast jede der Theron/Diesel-Sequenzen hätte um die Hälfte gekürzt werden können, und selbst dann wäre die Story noch sehr leicht verständlich.


Die vier wichtigsten Karten in diesem Auto-Quartettspiel sind unterdessen Dwayne Johnson, Jason Statham, Kurt Russell und Tyrese Gibson. Während Gibson mehrere lässig-alberne Sprüche vom Stapel lässt, punktet Russell als wandelnder Metakommentar. Fast & Furious 8 eröffnet mit einer nicht sonderlich aufregenden Rennsequenz auf Kuba (inklusive miesem CG-Effekt eines sich überschlagenden Autos) und einer visuell desaströsen Actionpassage in Berlin - dazwischen gibt es eine solide, aber etwas zu lange witzige Passage mit Dwayne Johnson als Fußballtrainer sowie träge Dominic-Toretto-Momente. Dann taucht plötzlich Kurt Russell auf und sagt (vermeintlich zu Scott Eastwood in seiner Rolle als strenger Jungagent, in Wahrheit aber zum Film), dass man ja immer sein Publikum kennen sollte. Und man habe es verloren. Also würden die Dinge nun vorerst nach seiner Masche laufen. Und, tada: Plötzlich gibt es ein Wiedersehen mit Jason Statham, der sich ein von Hassliebe erfülltes Wortgefecht mit Dwayne Johnson liefert, einen der wenigen pointierten Theron-Diesel-Momente und einen rasanten Gefängnisausbruch, in dem Johnson und Statham ihre Power als Actionmimen vorführen dürfen. Danach behält Fast & Furious 8 weitestgehend dieses Tempo und die Spritzigkeit in den augenzwinkernden Dialogen bei.

Kaum geht dieser Schwung verloren, schlägt Russell vor, dass wir doch mal viel Spaß im Big Apple haben. Es folgt: Eine irrwitzige Actionszene in New York City, in der ferngesteuerte Autos zombiegleich die Straßen terrorisieren, Vin Diesel zwischenzeitlich ein Outfit anzieht, das einem Horrorfilmschurken passen würde und unsere Helden mit launigen Kommentaren auf den Lippen von ihren Rennschlitten aus versuchen, ihren Kumpel aufzuhalten. Wenn nach der New-York-Szene wieder ein dramaturgischer Durchhänger folgt, ist klar, wer das XXL-Irrsinnsfinale des Films ankündigen darf: Kurt Russell, der seine Kollegen (sinngemäß) daran erinnert: "Ich sagte ja: Ich schau regelmäßig vorbei, um zu gucken, wie ihr euch so schlägt. Gerade läuft's ja so gar nicht, ich schlage Folgendes vor ..."

Für Teil neun schlage ich unterdessen vor: Wie wäre es, sich die Metakritik von Kurt Russells Figur noch in der Drehbuchphase zu Herzen zu nehmen und die Drehbuchmängel noch in der Skriptphase auszubügeln?

Freitag, 21. April 2017

Freitag der Karibik #39


Die Pirates of the Caribbean-Filme sind im Pantheon jener Filme, die von Walt Disney Pictures in die Kinos entlassen werden, eine Rarität. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Intensität, die ihnen bislang durchweg hohe Jugendfreigaben einbrachten. In den USA ernteten sämtliche Langfilme rund um Käpt'n Jack Sparrow vom dortigen FSK-Pendant, der MPAA, ein PG-13, was jüngeren Kindern den Zutritt ohne elterliche Begleitung verweigert. Diese Freigabe ging 2003 mit dem ersten PotC-Film, Fluch der Karibik, erstmals an einen Disney-Film und seither sind nur wenige, wenige Filme gefolgt.

Die Freigabebegründungen waren bislang auch nicht ohne. Es ging mit actionhaltiger Abenteuergewalt los, wurde dann erschreckend und letztlich sogar sinnlich und doppeldeutig:
  • Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl (2003): Rated PG-13 for action/adventure violence
  • Pirates of the Caribbean: Dead Man's Chest (2006): Rated PG-13 for intense sequences of adventure violence, including frightening images
  • Pirates of the Caribbean: At World's End (2007):  Rated PG-13 for intense sequences of action/adventure violence and some frightening images
  • Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides (2011): Rated PG-13 for intense sequences of action/adventure violence, some frightening images, sensuality and innuendo
Zum Vergleich, hier die wenigen anderen Disney-Filme mit diesem Rating:
  • Prince of Persia: The Sands of Time (2010): Rated PG-13 for intense sequences of violence and action
  • John Carter (2012): Rated PG-13 for intense sequences of violence and action
  • The Lone Ranger (2013): Rated PG-13 for sequences of intense action and violence, and some suggestive material
  • Saving Mr. Banks (2013): Rated PG-13 for thematic elements including some unsettling images
  • The Finest Hours (2016): Rated PG-13 for intense sequences of peril
Mittlerweile steht auch das MPAA-Rating für Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales alias Pirates of the Caribbean: Salazars Rache fest. Und neben den bisherigen Filmen der Reihe sowie Lone Ranger liest es sich ziemlich harmlos:
  • Rated PG-13 for sequences of adventure violence, and some suggestive content
Allerdings ist die MPAA auch (zumindest in Sachen Blockbustertrubel) über die Jahre milde geworden. Ende Mai können wir alle selber entscheiden: Ist es der Härteste der Disney-Piratenfilme, der Mildeste oder irgendwas dazwischen?