Sonntag, 28. Juni 2015

Inherent Vice – Natürliche Mängel


Schall und grüner Rauch: Joaquin Phoenix ist auf Droge und ermittelt während der 70er als Privatdetektiv in einem undurchschaubaren (und streng genommen unbedeutenden) Kriminalfall.

Thomas Pynchon ist im deutschen Sprachraum nicht der geläufigste Name, doch in den USA gilt der Schriftsteller als bedeutender Vertreter der literarischen Postmoderne. Seine weitestgehend von Paranoia handelnden Romane legen mehr Wert auf einen komplexen sprachlichen Stil und eine dichte Erzählweise als auf einen klar ersichtlichen Inhalt. Und dies mit Intention: Die 2009 veröffentlichte Detektivgeschichte Natürliche Mängel versetzt den Leser mit ihren Aus- und Abschweifungen, subtilen Skurrilitäten sowie wirren Wendungen in den Bewusstseinszustand eines dauerbekifften Möchtegernermittlers. Als komplexe, äußerst gemächliche und verkopfte Erzählung ist dieses Buch quasi unverfilmbar – oder alternativ geradezu wie geschaffen für eine Filmadaption durch den Regievirtuosen Paul Thomas Anderson. Oder, um eine dritte Option zu nennen, eine knifflige Aufgabe für stringent handelnde Regisseure und zugleich regelrechtes Gift für das Schaffen des Kaliforniers. Denn durch solch eine Vorlage angetrieben droht der minutiös schildernde, intellektuelle Filmschaffende erstmals übers Ziel hinauszuschießen.

Los Angeles. Es ist das Jahr 1970: Der ständig bekiffte (Möchtegern-)Privatdetektiv Larry 'Doc' Sportello (Joaquin Phoenix) lebt unbekümmert in den Tag hinein, lediglich von den gelegentlichen Überraschungsbesuchen des manischen Cops Christian 'Bigfoot' Bjornson (Josh Brolin) in seiner Ruhe gestört. Dann aber platzt seine Ex-Freundin Shasta Fay (Katherine Waterston) in seine heruntergekommene Strandwohnung und überhäuft ihn mit verwirrenden sowie beunruhigenden Informationen. Demnach soll ihr neuer Lover, der Immobilienhai Mickey Wolfmann (Eric Roberts), entführt und in eine Irrenanstalt eingewiesen werden. Doc bekommt den Auftrag, dies zu verhindern, aber im Laufe seiner Ermittlungen manövriert er sich bloß von einer Sackgasse zur nächsten. Alsbald ist auch Shasta wie vom Erdboden verschluckt. Doc weiß nicht wie ihm geschieht, er weiß nicht, ob er in Bigfoot einen Vertrauten oder einen Widersacher hat und eigentlich weiß eh niemand, was genau sich abspielt …

Kurz hat sich Paul Thomas Anderson selten gefasst. Vier seiner sechs vor Inherent Vice – Natürliche Mängel veröffentlichten Regiearbeiten weisen eine Laufzeit von mindestens 144 Minuten auf, und auch sein Rücksturz ins (späte) Hippie-Zeitalter macht keinerlei Anstalten, zügig voranzuschreiten. Zumindest lässt sich der Arthaus-Favorit nicht vorwerfen, die Langsamkeit zum Selbstzweck ernannt zu haben. Sein Ensembledrama Magnolia hat mehr als genug Plot für drei Stunden Spielzeit zu bieten, Boogie Nights widmet sich haarklein dem schillernden, geschäftigen und abgründigen Pornogeschäft und There Will Be Blood sowie The Master sind intensive, atmosphärische Porträts komplexer Persönlichkeiten. Kinogänger, die ausreichendes Interesse für Andersons Themen mitbringen, werden in diesen Werken daher mit einem außergewöhnlichen, geistreichen Seherlebnis belohnt.

Inherent Vice hat zwar mit den genannten cineastischen Errungenschaften gemeinsam, dass das gemäßigte narrative Tempo Methode hat, jedoch unterscheidet sich der Neo-noir-Kifferkrimi darin frappierend von Andersons vorherigen Filmen, welche Methode er genau verfolgt. Das Slacker-Tempo dient vornehmlich dazu, den Zuschauer in einen ähnlichen Geisteszustand zu versetzen wie die von Phoenix mit Behäbigkeit und kühlem Witz gespielte Hauptfigur. Um Doc herum geschehen wahnsinnig viele und teils auch im wortwörtlichen Sinne wahnsinnige Dinge, jedoch er reagiert darauf fast ausschließlich mit der Brisanz einer Schnecke, die sich durch Molasse kämpft. Einzelne Sequenzen spielen sich in aller Ausführlichkeit ab, zwischen ihnen kann der Plot aber zuweilen abrupte Richtungswechsel begehen, ohne dass es Doc (oder auch das Publikum) auf Anhieb registriert. Das ist zweifelsohne eine interessante Herangehensweise, zumal sie der Vorlage gerecht wird und im Setting verwurzelt ist. Dessen ungeachtet ist sie für eine noch enger gesteckte Zielgruppe geschaffen als Andersons übliches Œuvre.

Der Zugang zu Docs an abwechslungsreich abgehalfterten Schauplätzen stattfindende Odyssee wird wenigstens durch einen stimmigen Soundtrack erleichtert. Dieser setzt sich aus groovigen Songs und effektiven, aber nicht lang haften bleibenden Instrumentalstücken Johnny Greenwoods zusammen. Besondere Nennung haben sich jene berauschende Momente verdient, in denen minutenlang Lieder mit prägnanten Drums der von ihnen untermalten Szenen spürbar den Takt vorgeben. Auch Mark Bridges' ausdrucksstarkes, sich nie in den Vordergrund schiebendes Kostümdesign stärkt die Wirkung von Inherent Vice, während die diversen Gastauftritte großer Hollywood-Schauspieler oftmals die ihrige Verfehlen. Von den Randdarstellern hinterlässt allein ein (wie so oft) aufgedrehter Martin Short (Vater der Braut) einen nennenswerten Eindruck.

Generell ist Inherent Vice in seinen eigenwillig-humorigen oder staubtrocken-grotesken Phasen überzeugender, als in jenen, die sich hintersinnig mit dem Absterben der Hippie-Kultur und den zerstörerischen Zyklen der (US-)Gesellschaft befassen. Daher ist Josh Brolin der wertvollste Player dieser 20-Millionen-Dollar-Produktion, darf er doch am meisten chargieren und so nicht nur die vielfältigste Figur erschaffen, sondern auch als wandelnde Stütze der unberechenbaren Filmstimmung dienen.

Mit überhöhten Figuren und Dialogen, die mehr wie gedruckt, denn wie gesprochen sind, sowie einer ultrapessimistischen Weltsicht einerseits, Kifferlogik, einem Lahmarsch-Helden und exzentrischem Witz ist Inherent Vice letztlich eine ganz seltsame Mixtur: Ein Teil Ridley Scotts Hochglanz-Noir The Counselor, ein Teil Coen-Brüder-Kultkomödie The Big Lebowski, ein Teil Andersons sinnierendes Sektendrama The Master. Manchen wird beim Versprechen solch einer Hausmischung das Wasser im Munde zusammenlaufen. Andere dürften schon anhand dieser Beschreibung erahnen, dass sie lieber abstinent bleiben.

Fazit: Eine kryptische Story, die ins Nirvana verdampft, und eine unerklärliche Figurenbrigade treffen auf bewusstseinserweiternde (oder eher bewusstseinserweichende) Poesie sowie schrägen Humor. Einzigartig. Und wahrlich kein Filmstoff für jedermann!

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)


Dies ist nicht gerade die Kritik, die Birdman verdient hat, aber die Kritik, die Birdman braucht. Oder so etwas in der Art.

Birdman ist einer dieser Filme, die mit der finalen Schwarzblende dafür sorgen, dass dem Betrachter Fragen auf der Zunge brennen. Wo endet die reine, eskapistische Narrative und wo beginnt die philosophische Analogie? Was ist verbitterte Abrechnung mit dem Showbusiness und was liebevoller Seitenhieb? Was ist real, was ist nur Einbildung der Figuren? Tja, eins kann ich festhalten, Leute: Birdman ist viel, viel realistischer, als es auf dem ersten Blick scheint …

Es ist Vormittag in der Bundesrepublik. Bereits Monate vor Kinostart läuft in einer deutschen Großstadt die rabenschwarze Showbusinesskomödie Birdman – exklusiv für die Presse. Nach einiger Zeit steht einer der anwesenden Kritiker auf und verschwindet kopfschüttelnd aus dem Saal. Nach etwas mehr als einer Viertelstunde betritt er erneut den Saal. In der Zwischenzeit gab es eine Szene zu sehen, die sich mir besonders einprägte: Die frühere Blockbuster-Ikone Riggan Thomson (Michael Keaton) begegnet einer einflussreichen Kritikerin (Lindsay Duncan), die ihn ohne jeden erkenntlichen Anlass anschnauzt. Sie habe genug von dieser Hollywood-Prominenz, die meint, nach Jahren im lächerlichen Superheldenkostüm plötzlich so tun zu müssen, als könne sie wirklich schauspielern. Diese Hampelmänner seien eh alle gleich. Daher müsse sie sich Riggans demnächst stattfindendes Stück gar nicht erst gucken, um zu wissen, dass es einen niederschmetternden Verriss verdient hat.

Ich dagegen muss wohl nicht anmerken, dass besagtem Kollegen Birdman nicht gefallen hat. Er sei wie erwartet nur der lahme Versuch, einen Superheldenfilm zu machen, der sich als Schauspielübung ausgibt. Aber ich komme nicht umher, mich immer, wenn ich an Birdman denke, zu fragen, wie mies der nette Herr wohl Alejandro González Iñárritus Geniestreich erst finden würde, wenn er sich alles angeschaut hätte. Wahrscheinlich würde er Gift und Galle speiend klagen, dass Birdman ein unverschämtes, falsches Bild von Kritikern zeichne.

Diese Feststellung kratzt allerdings nur an der Oberfläche. Die Resonanz zwischen unserer Wirklichkeit und der Fiktion von Birdman umfasst weit mehr als die Macken mancher Kritiker. Als soghafter Ausflug in die Gedanken- und Arbeitswelt der Schauspielerzunft sagt Birdman selbstredend viel mehr über Mimen aus als über jene, die sich über sie die Mäuler zerreißen. Und zahllose eben dieser Kommentare erfolgen auf der Meta-Ebene.

Beispiel: Edward Norton, der eine beachtliche Fanbase hat und zudem für nahezu all seine Performances mit Kritikerlob überschüttet wird, glänzt als Kritikerliebling und Kassenmagnet Mike Shiner. Dieser gerät mit seinem Kollegen und Regisseur Riggan regelmäßig in verbale sowie schlagkräftige Auseinandersetzungen über das Skript seines Broadway-Stücks. Was freilich keinerlei Erinnerungen an die Filme The Score, Frida und Der unglaubliche Hulk weckt, an deren Drehbuch der ursprünglich bloß als Akteur gecastete Norton mitwirkte. Oder an American History X, jenen in der Filmbranche legendär gewordenen Fall, in dem sich Regisseur Tony Kaye eine mediale Schlammschlacht mit dem Studio leistete, weil es Nortons eigenmächtig erstellte Schnittfassung des Dramas bevorzugte.

Und welche Worte könnte ich an dieser Stelle noch über Michael Keatons Leistung verlieren, die nicht bereits tausendfach gewählt wurden? Der Hauptdarsteller aus Tim Burtons Batman-Filmen ist es, der Birdman überhaupt erst Flügel verleiht. Sein Spiel ist nuanciert, ein Triumph des mimischen Naturalismus – und gerade dadurch schwingt sich Iñárritus Blick hinter die Kulissen des Schauspielfachs auf ein so hohes Niveau. Keatons Darbietung ist heldenhaft unmittelbar, selbst in durchgebrannten Momenten wirkt alles, was er den gefallenen Stern Riggan Thompson tun lässt, als sei es die ungeschönte Wahrheit.

]Allerdings möchte ich mich nicht völlig in diesen Aspekt des doppelbödigen, kunstvollen Filmspaßes verrennen. Denn es ist ja bei weitem nicht alles aus dem wahren Leben gegriffen, was Iñárritu mit seinem kleinen Heer von Ko-Autoren zusammengestellt hat. Die sich im Kritikerdasein verkriechende Giftnudel, mit der Riggan es zu tun bekommt, steht nicht stellvertretend für ihre Zunft. Ja, es lassen sich solche Exemplare finden, und alle, die Filme weiterhin verehren, verdammen jene raren Begegnungen mit diesem Kritikertypus. Und, ja: In einem großen Ensemble kann es vorkommen, dass sich so gänzlich unterschiedliche Typen von Schauspielern begegnen, wie in Riggans Theateradaption von What We Talk About When We Talk About Love. Menschen, die den Wert ihres Berufs völlig anders definieren als ihr Gegenüber – und somit auch ihre Aufgaben als Künstler. Äh, als Entertainer. Äh, als Geschichtenerzähler. Äh, als Vermittler der Wahrheit. Äh, als Selbstverwirklicher. Doch Birdman hat nicht nur originell dargebotene Anekdoten aus dem Showbusiness aufzuweisen. Dieser flotte Dreier aus amüsantem Arthaus-Experiment, nachdenklicher Comicfranchise-Dekonstruktion und satirischer Theaterfarce hat auch einen gewaltigen Vogel.

Richtig gelesen. Ich finde Birdman nicht nur wahnsinnig, Birdman ist Wahnsinn! Die Kamera verfolgt das Geschehen in und um das von Riggan gebuchte New Yorker Theater über weite, weite Strecken ohne erkennbaren Schnitt. Kamera-Maestro Emmanuel Lubezki und die Cutter Douglas Crise & Stephen Mirrione vollführen einen komplexen, visuellen Tanz, der dem Zuschauer das Zeitgefühl raubt, seine Orientierung einschränkt, ihn geradezu aufsaugt. Ihn als stilles, alles heimlich beobachtendes Mäuschen ins Geschehen versetzt. Wenn er nicht gerade einen von Riggans psychischen Höhen- oder Stürzflügen vor Augen geführt bekommt – dann ist der Betrachter auf einmal mitten im Oberstübchen eines einstigen Superhelden-Darstellers. Doch so oder so ist die visuelle Komponente von Birdman berauschend – und erschwert es gekonnt, die eh verschwimmenden Ebenen des Drehbuchs zu trennen. Ist Riggan wahnsinnig, sind manche (alle?!) seiner vermeintlichen Halluzinationen real? Oder visualisiert Iñárritu bloß die Gedankenwelt des unter immensem Druck stehenden, zwischen künstlerischem Begehren, Geltungsdrang und Verleugnung der eigenen Karriere hin und her gerissenen Mimen? Würde letzteres bedeuten, dass Riggan in „Wirklichkeit“ völlig normal ist (so weit man normal sein kann, wenn man schauspielert) und er einfach nur verworrene Gedankegänge hat? Ist Birdman sein gutes oder sein schlechtes Alter Ego?

Fragen überschlagen sich in meinem Kopf, vorangetrieben von den jazzigen, hämmernden, dynamischen, gelegentlich dissonanten Schlagzeug-Klängen des Musikers Antonio Sánchez. Gags rauschen an mir vorbei, sei es in Form feister Seitenhiebe auf die Geldmaschinerie Hollywoods und auf das hochnäsige Theatergehabe oder im Kleide kerniger Situationskomik. Die Figuren handeln von Minute zu Minute ikonischer, obschon ihre Darsteller nie die Bodenhaftung verlieren. Die Akteure sagen symbolbehaftete Monologe auf, gleichwohl bleiben die Beziehungen zwischen ihren Rollen glaubwürdig. Wie virtuos dieser Spagat doch ist, wie packend Emma Stones weitäugige, innerlich zerrissene, hingebungsvolle Leistung als Riggans manische, nein, erschütternd hellsichtige, nee, innerlich kaputte Tochter!

Stone verausgabt sich, die Kamera irrt im Theater umher, Riggan verliert sich immer tiefer im Kampf mit sich und seinem Stück und ich ringe mit mir. Bin ich weiterhin Filmkritiker, oder bloß noch staunender Betrachter?! Mein hyperkritischer, distanzierter „Kollege“ würde mir wohl etwas geigen, würde ich dies hier als Kritik bezeichnen. Jedoch: „A thing is a thing, not what is said of that thing!“. So steht es auf dem Spiegel in Riggans Garderobe gekritzelt. Und das hier ist eine Auseinandersetzung mit den Leistungen von Birdman. Eine Wiedergabe, wie in diesem cineastischen Glanzstück Wahrheit und Wahn zusammenspielen, Kunst und Kappes, Hommage und kritische Betrachtung. Und das habe ich nunmehr geleistet, oder?! Oder habe ich vielleicht mehr getan? In dem Fall habe ich es nicht mitbekommen.

Aber ist nicht gerade das die Macht der Ahnunglosigkeit?! Kra-Krah!


Dienstag, 16. Juni 2015

Coopers Kaffee: House of Cards


Die Tücken der Technik haben mich anfangs mundtot gemacht, aber nach einigen Minuten konnte ich dann doch mitmischen: Antje, Julian und Jan haben bei Coopers Kaffee über House of Cards diskutiert. Wieso die so oft gefeierte Polit-Dramaserie zurecht gefeiert wird, erfahrt ihr ... naja, praktisch überall. Aber auch in