Mittwoch, 27. Mai 2015

Exodus: Götter und Könige


Dass Exodus: Götter und Könige am 25. Dezember, also am 1. Weihnachtstag, in den deutschen Kinos startete, war keine willkürliche Entscheidung. Schließlich handelt es sich bei der 140-Millionen-Dollar-Produktion um eine Bibelverfilmung, die in ihrem Prunk an solche Werke erinnert, wie sie einst in gewisser Regelmäßigkeit die große Leinwand erfüllten. Entgegneten Kinogänger in den 50ern Filmen wie Die zehn Gebote aber noch mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, wurde Ridley Scotts Neuerzählung der Moses-Geschichte von vielen Seiten aus bereits rein prinzipiell als antiquiert bezeichnet. So urteilte mehrere Kritiker, dass es reaktionär oder gar albern sei, heutzutage noch einen Film zu drehen, der sich der Bibel annimmt.

Es sollte angebracht sein, sich zu fragen, ob eben jene Kritiker in wenigen Monaten auch Star Wars – Das Erwachen der Macht allein schon aufgrund ihrer Prinzipien niederschreiben werden. Und ob sie die Der Herr der Ringe-Trilogie verabscheuen (die ja bevrzugt zur Adventszeit auf Zuschauerjagd ging). Auch in diesen Filmen agieren Wesen, die mit ihren Fähigkeiten und ihrem Wissen weit über anderen Figuren stehen. Das gesamte Fantasygenre platzt vor Prophezeiungen und vor Auserwählten. Und immer wieder werden in diesen Geschichten komplexe Mythen ausgebreitet, die von den sie betreffenden Figuren oftmals als heilig aufgefasst werden. Doch bei solchen Werken halten sich die Klagen, Geschichten über Ehrfurcht gebietende Überwesen seien rückwärtsgewandt, in Grenzen. Sie werden zumeist als Eskapismus gesehen, als visuell prächtige Fantastereien. Exodus: Götter und Könige versteht sich ebenfalls als solch ein Geschichtentypus. Scott transportiert sein Publikum in eine andere Zeit und an einen anderen Ort. Und er geht davon aus, dass der Zuschauer für die Dauer des Films bereit ist, zu glauben, dass sich innerhalb dieser Geschichte übernatürliche Ereignisse abspielen können.

Einen missionarischen Gedanken hat Exodus: Götter und Könige indes genauso wenig wie die Mittelerde-Saga oder vergleichbare Werke. Es gibt nicht einen Filmmoment, der überdeutlich darauf abzielt, das Publikum zum Christentum zu konvertieren – oder es in seinem christlichen Glauben zu bestärken. Die emotionalen Intentionen dieser Mammutproduktion beschränken sich stattdessen auf jene Mechanismen, wie sie im Epochalkino alltäglich sind: Es geht darum, Rückschläge zu verkraften, Hindernisse zu überwinden und ein gemeinschaftliches Wohl anzustreben. Zahllose Blockbuster lassen grüßen. Nur, dass sich Scott halt nicht aus einem Fantasy-Bestseller der vergangenen Jahrzehnte bedient, sondern eine Bibel-Erzählung als Inspiration nimmt.

Und nichts daran sollte verwerflich sein. Denn vollkommen unabhängig davon, ob man gläubig ist oder nicht, ob man die Institution Kirche befürwortet oder nicht: In der Bibel stehen einige interessante Geschichten, die sich großartig für pompöse Adaptionen eignen. Geschichten über Verrat, Angst, Selbsterkenntnis und Zusammenhalt. Ob man nun davon ausgeht, dass diese Geschichten auch Geschichte sind, darf auch mal für die Dauer eines Films zweitrangig sein. Religiöse Debatten lassen sich viel eher über Filme wie das seichte Drama Den Himmel gibt’s echt führen, da diese eine klar ausformulierte, klerikale Perspektive haben. Über deren Sinn und Verstand können entsprechend geneigte Zeitgenossen gerne zanken. Exodus: Götter und Könige dagegen ist einfach nur ein Bombastwerk, das unterhalten will.

Die entscheidende Frage, die sich stellt, ist die danach, ob Exodus: Götter und Könige unterhält. Dass sich diese Frage trotz der beeindruckenden Schauwerte nicht mit einem kräftigen „Ja!“ beantworten lässt, liegt vornehmlich daran, dass dieses 150-minütige Abenteuer ein wenig zwischen die Stühle fällt. Was wiederum passiert, weil das von einem vierköpfigen Autorenteam geschriebene Skript keinen klaren Ansatz findet, wie es mit dem Material umgehen soll.

Die Geschichte bietet das Potential, mit einem emotionalen und dramatischen Kern sein Publikum zu bannen: 1.300 Jahre vor unserer Zeitrechnung wachsen Ramses (Joel Edgerton), Sohn des Pharao Seti (John Turturro), und Findelkind Moses (Christian Bale) wie Brüder auf. Sie stehen füreinander ein, beschützen sich gegenseitig und scherzen auch miteinander. Bloß in einem Punkt finden sie keine Übereinkunft: Während Ramses vor Prophezeiungen Respekt hat, hält Moses sie für Humbug. Ebenso wenig Glauben schenkt er der Erzählung des Sklavenältesten Nun (Ben Kingsley). Während Moses ihn verhört, um zu erfahren weshalb die Sklaven neuerdings vermehrt Aufstände anzetteln, erzählt Nun, von Moses wahrer Herkunft zu wissen. Er sei Israelit und dazu geboren, sein Volk aus der Sklaverei zu befreien. Zunächst ignoriert Moses diese Behauptungen, als er aber Opfer einer Intrige wird und das Reich des Pharao verlassen muss, ändert sich alles …

Die Dynamik zwischen Ramses und Moses wird von den Autoren Adam Cooper, Bill Collage, Jeffrey Caine und Steven Zaillian zwar in den ersten Filmminuten ausreichend etabliert, ist aber nicht so zentral, dass sie als Herz des Films taugt. Bale und Edgerton haben in ihrer ersten Handvoll an gemeinsamen Szenen eine freundschaftliche Rivalität miteinander, sobald sich aber erste ernstzunehmende Spannungen zwischen ihren Figuren abzeichnen, wirkt es so, als seien sich Ramses und Moses völlig fremd. Zu keinem Zeitpunkt thematisiert Exodus: Götter und Könige auf textueller Ebene ausreichend, dass sich die zusammen groß gewordenen Männer voneinander verletzt fühlen. Und auch die Darsteller lassen kaum Wehmut in ihren Rollen aufglühen. Dies ist dem DreamWorks-Zeichentrickfilm Der Prinz von Ägypten deutlich besser gelungen – was nicht weiter von Belang wäre, hätte Scotts Langerzählung einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt, der das Geschehen antreibt.

Doch die anderen thematischen Elemente, aus denen sich die biblische Vorlage zusammensetzt, werden in dieser Adaption ebenfalls bloß bruchstückhaft aneinandergereiht. Sei es Moses Auseinandersetzung mit seiner leiblichen Herkunft, seine Entwicklung zum Anführer eines ganzen Menschenstammes oder der nicht unbedeutende Aspekt, dass ein gesamtes Volk generationenlang versklavt wurde und dann endlich Freiheit erlangt. All diese Facetten der biblischen Geschichte dienen in Exodus: Götter und Könige primär dazu, von einer Monumentalsequenz zur nächsten überzuleiten. Solch ein erzählerisches Vorgehen ist keineswegs zu verachten – es gibt zahlreiche gute Leinwandspektakel, bei denen die Handlung nur ein Alibi ist, um möglichst imposante Bilder zu zeigen. Für solch ein nährstoffarmes Prunkabenteuer weist Exodus: Götter und Könige obschon ein ernüchternd gemächliches Erzähltempo auf, weshalb der Oscar-nominierte Filmemacher Scott zwar mit all seinem Pomp zu überwältigen weiß, aber nur szenenweise auch wirklich mitzureißen vermag.

Als mit einiger Verzögerung auf die Leinwände dieser Welt gelangtes Prachtwerk in der Tradition von William Wylers Ben Hur, Stanley Kubricks Spartacus oder Mervyn LeRoys Quo vadis? ist Exodus: Götter und Könige auf handwerklicher Ebene trotzdem eine Wucht. Filmliebhaber, die seit längerem den Wunsch hegen, neu produzierte Sensationsunterhaltung in diesem Stil zu sehen, werden aufgrund der riesigen Prachtbauten, blendenden Kostüme und schwelgerischen Setdekorationen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Gerade, weil Scott Erinnerungen an frühere cineastische Zeiten wecken will, empfiehlt es sich auch, Exodus: Götter und Könige nicht in 3D, sondern in 2D zu sehen, um ein möglichst „authentisches“ Retro-Filmerlebnis zu haben.

Die wertvollsten Beiträge zu Exodus: Götter und Könige steuern konsequenterweise nicht etwa Christian Bale (spürbar begeistert, holt trotzdem nur Solides aus dem Material heraus), Joel Edgerton (durchwachsen) oder die zahlreichen Nebendarsteller (durchweg nur schmückendes Beiwerk) bei. Es sind Kameramann Dariusz Wolski (Fluch der Karibik und seine Sequels), Produktionsdesigner Arhtur Max (Königreich der Himmel) sowie Kostümdesignerin Janty Yates (Gladiator), die das Wohl des Projekts auf ihren Schultern tragen. Die verschwenderische Ausstattung Max' und Yates' wird vom polnischen Kameramann hervorragend in Szene gesetzt und verleiht Exodus: Götter und Könige die Qualität eines sich bewegenden Schlachtengemäldes.

Apropos Schlachten: Scott, Wolski und Cutter Billy Rich verstehen es, durch lange Total- und prägnant eingesetzte Nahaufnahmen, sowohl die visuelle Gewalt der großteils praktisch umgesetzten Kämpfe zu unterstreichen, als auch an die faszinierenden Details heranzufahren. Die visuell eindringlichsten Momente von Exodus: Götter und Könige hätten es dann fast schon verdient, als Standbild eingerahmt und ausgestellt zu werden. Wer also eine klassische Materialschlacht im Kino erleben möchte, bekommt mit Scotts Version der zehn Plagen (von denen neun erstaunlich sind und eine grobschlächtig animierte Krokodile heraufbeschwört) und der Flucht durchs Rote Meer genau dies geliefert. Drumherum mangelt es Ridley Scotts Bombastfilm aber so sehr an Fokus, dass er sich als Gesamtwerk nicht gerade für respektable Platzierungen in Genrebestenlisten empfiehlt. Dank der Hingabe zum Dreh mit praktischen Bauten und Heerscharen an Statisten sowie einem Mangel an übereifrig-inkohärenter Exzentrik im Stile von Darren Aronofskys Noah ist Exodus: Götter und Könige jedoch auch weit davon entfernt, ein künstlerischer Totalausfall zu sein.


Fazit: Nach dem künstlerisch gescheiterten Experiment Noah folgt nun ein gewollt altmodischer Bibelfilm. Ridley Scott geht mit Exodus: Götter und Könige keinerlei Risiken ein, setzt dafür umso mehr auf ausschweifende Handwerkskunst. In Zeiten der digitalen Effektgewitter eine willkommene Abwechslung. Das unkonzentrierte Drehbuch und das angesichts der flachen Charakterzeichnung unnötig gelassene Erzähltempo hindern den Bombastfilm aber daran, sich als rundherum imponierender Genrevertreter zu empfehlen.


Podcast: Eurovision 2015


We could be the Podcast of our Time! Woooo-ooooh-ooaaaah!

Aus Zeitgründen kam ich dieses Jahr leider nicht dazu, meine traditionelle ESC-Vorberichterstattung abzuhalten. Doch so ganz ohne Eurovision geht es ja nicht! Daher gibt es nun die kunterbunte Musikshow in der Nachbesprechung. Ich mache endlich wieder bei Coopers Kaffee mit und quatsche mit Antje, Basti und Manuel Nunez über die Höhepunkte und Tiefpunkte des großen Events aus Wien.

Viel Spaß beim Anhören!

Dienstag, 26. Mai 2015

Die Tribute von Panem - Mockingjay: Teil I


Die zweifache Hungerspiel-Überlebende Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) verkriecht sich verzweifelt, verängstigt und verwirrt in einem nicht sonderlich einladend wirkenden Raum. Manisch spricht sie im Flüsterton mit sich selbst, erinnert sich an die wenigen Fakten, an denen sie noch festhalten kann: Sie stammt aus dem ärmlichen Distrikt 12 des diktatorisch geführten Staates Panem, zerstörte bei den letzten Hungerspielen die Arena und wurde daraufhin von den Rebellen gerettet. Doch Katniss' Versuche, sich zu beruhigen, scheitern: Obwohl ihr versprochen wurde, in Sicherheit zu sein, ist sie voll des Misstrauens – schließlich enthüllten die verbissenen Gegner des abscheulichen Präsidenten Snow (Donald Sutherland), sie als unwissende Figur in einem Schachspiel gegen die Regierung verwendet zu haben. Da es ihnen obendrein nicht gelang, Katniss' Leidensgenossen Peeta (Josh Hutcherson) aus der Gladiatorenarena zu befreien, macht sie den Rebellen und sich selbst schwere Vorwürfe.

Die Aufständischen jedoch wollen keine Zeit verlieren und warten daher gar nicht erst, bis Katniss das Geschehen verdaut und sich an ihr neues Zuhause im unterirdischen, lange zerstört geglaubten Distrikt 13 gewöhnt hat. Vor allem Medienstratege Plutarch Heavensbee (Philipp Seymour Hoffman) und Anführerin Alma Coin (Julianne Moore) möchten das Kapitol möglichst zeitnah am schockierenden Ausgang der kürzlich abgehaltenen Hungerspiele stürzen – mit Katniss als personifiziertes Symbol der Rebellion. Ob sie dazu bereit ist, diese schwere und gefährliche Bürde zu tragen, scheint niemanden zu interessieren …

Endlich wieder eine Saga, die mit ihren Aufgaben wächst
Die Tribute von Panem-Filmreihe ist weit mehr als einfach nur eine weitere von vielen Jugendbuchadaptionen. Dies drückt sich bereits darin aus, dass es den Produzenten Nina Jacobson und Jon Kilik gelang, drei Jahre in Folge einen neuen Teil der Saga in die Kinos zu bringen. Und sofern keine unvorhergesehenen Ereignisse die Veröffentlichung des vierten Teils hinauszögern, können sie 2015 von sich behaupten, ein jährliches Filmfranchise beendet zu haben. Trotz dieser beeindruckenden Geschäftigkeit sind die Die Tribute von Panem-Filme deutlich hochwertiger produziert (geschweige denn geschrieben) als die ebenfalls Jahr für Jahr ins Kino geeilten Twilight-Verfilmungen. Eine bedeutsame Gemeinsamkeit existiert trotzdem zwischen diesen beiden Reihen: Frei nach dem Vorbild der Harry Potter-Saga wird die Adaption des finalen Romans in zwei Teile gesplittet. Diese Methode, an der sich auch Die Bestimmung bedient, während Der Hobbit bekanntlich sogar gedrittelt in die Lichtspielhäuser gelangt, ist unter Filmfans, nicht ganz zu unrecht, umstritten.

Die kreativen Köpfe hinter den betroffenen Reihen begründen diesen Schritt stets damit, den Fans der Buchvorlage zum Abschied einen möglichst originalgetreuen und detaillierten Film bieten zu wollen. Jedoch zweifelt wohl niemand daran, dass es den Studiobossen allein um die zusätzliche Gelegenheit geht, das Publikum zur Kasse zu bitten. Hinzu kommt, dass sich einige Bücher schlicht nicht für eine ausführliche Verfilmung eignen, weshalb mehrteilige Romanadaptionen leicht zur Redundanz neigen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, und obwohl Francis Lawrences verklausuliert betitelter Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I nach dem turbulenten Schluss des Vorgängers mehrere Gänge zurückschaltet, zählt der dritte Panem-Teil zu diesen löblichen Fällen.

Hinter den Kulissen einer Rebellion
Das größte Qualitätsmerkmal der neuen filmischen Erlebnisse der kämpferischen Jugendlichen Katniss Everdeen ist zugleich der Aspekt, der unvorbereitete Zuschauer eingangs etwas verwundern könnte. Nach dem leichte Mediensatire und dystopisches Abenteuerfeeling vereinenden ersten Part und dem in seiner Gesellschaftskritik deutlich bissigeren zweiten Teil, der neben seiner Abenteueraction auch eine stärkere Dosis Dramatik bietet, wandelt sich die Die Tribute von Panem-Saga nämlich ein weiteres Mal. Und dies radikaler denn je: Mockingjay: Teil I ist im Grunde genommen ein sehr karges, ernstes Drama über moderne Kriegsführung – bloß im dystopischen Gewand und gerade so jugendgerecht verpackt, dass es die bisherige Tribute von Panem-Zielgruppe weiterhin erreicht.

Mit diesem geänderten thematischen Schwerpunkt kommt auch – schon wieder – eine neue Ästhetik daher: Produktionsgestalter Philip Messina und das Kostümdesigner-Duo Kurt Swanson & Bart Mueller setzen nahezu ausnahmslos auf dunkle Erdtöne und schlichtes Grau. Bei aller Trübseligkeit ist die Ästhetik dieser Lionsgate- und Color-Force-Produktion die bisher eindrücklichste im Franchise, was der dichten Atmosphäre und Weltbildung zugutekommt. Ob der hoch funktionale, beengende Distrikt 13, dessen Gestaltung an das verwinkelte Innere von Atomkraftwerken der 1960er und 1970er erinnert, oder die verwüsteten Überreste anderer Distrikte, die Katniss besucht: Die gesamte Filmwelt wirkt authentisch, verlebt und lässt unentwegt das Gefühl aufkommen, sich als Zuschauer in einem vor dem Umbruch stehenden, zerrütteten Staat zu befinden.

Und vor exakt dieser bedrückenden Kulisse lassen die auf Suzanne Collins' Vorlage aufbauenden Drehbuchautoren Danny Strong und Peter Craig ihre Heldin Katniss Everdeen die unangenehmen Pflichten einer Aufstandsikone durchleiden. So besucht sie ein Feldlazarett, um den Anwesenden trotz ihrer hoffnungslosen Lage Mut zu machen, lässt sich in Strategiegesprächen von Heavensbee und Coin herumschubsen und wird widerwillig zur Protagonistin aufrührerischer, pathetischer Propagandaspots gegen das Kapitol. Auch wenn vereinzelt kurze, aber umso intensivere Sequenzen erste Guerillakämpfe zeigen, liegt das Hauptaugenmerk dieses Films nicht auf Feldeinsätzen, sondern auf den medial-strategischen Aspekten eines Krieges. Und somit trifft Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I den Nerv der Zeit: Politische Kämpfe werden dank der Fortschritte in der Kommunikationstechnik mehr und mehr über die Medien ausgetragen (Stichwort: Arabischer Frühling), und wie wichtig inspirierende Aushängeschilder für solch eine moderne Revolution sind, stellt dieses Jugenddrama erstaunlich treffend dar.

Darüber hinaus setzen die Verantwortlichen den in Catching Fire begonnen Ansatz fort, die zentrale Auseinandersetzung der niederen Distrikte gegen ihre hedonistischen Herrscher differenziert zu betrachten: Da in Mockingjay kein Sieg der Rebellen ohne herbe Verluste geschieht, die Franchis Lawrence auch drastischer zeigt als noch Gary Ross die Hungerspiel-Opfer in Teil eins, und Katniss von den Rebellen allein ob ihrer Funktion respektiert wird, fehlt der Panem-Reihe die in Hollywood sonst so verbreitete Glorifizierung militärischer Gewalt. Zwar lässt der in anspannender Gemächlichkeit erzählte Film keinen Zweifel daran, dass Snows Regentschaft gestürzt werden muss, gleichwohl werden die unschuldigen Opfer des Bürgerkriegs und die steten Gefahren eines blutigen Umsturzes klar. Recht anspruchsvoller Stoff, erst recht für eine primär an Jugendliche gerichtete Filmreihe.

Neue und altbekannte Akteure, die das Geschehen im Kontext der Reihe verankern
Es ist Regisseur Lawrence sowie den Autoren Craig und Strong sehr hoch anzurechnen, dass sie die 123 Minuten Laufzeit dieses „Halbfinals“ nicht nutzten, um stylisch choreografierte Actionpassagen, all zu kitschige Liebesszenen oder gar übermäßig viele Comedysequenzen einzustreuen. Viel mehr verlassen sie sich darauf, dass die treuen Zuschauer den Anspruch des neuen Teils zu schätzen wissen – immerhin stützen sich die Motive auf dem aus den Vorläufern bekannten Material. Und während im ersten Teil das obligatorische Liebesdreieck noch etwas forciert daherkam, dient es in Mockingjay in überschaubaren Dosen vor allem der Charakterisierung unserer Heldin Katniss. Darüber hinaus lenkt es aber auch Aufmerksamkeit auf eine weitere Frage: Ist es allein Katniss Zuneigung zu Peeta, die sie dazu bringt, weiter an seine Integrität zu glauben, obwohl er in Propagandaspots fürs Kapitol auftaucht? Oder ist es auch ohne romantische Bindung in Ordnung, daran zu Zweifeln, dass alle Kollaborateure eines Regimes die Überzeugungen der Täter teilen?

In seinen wenigen Leinwandminuten zeigt Peeta-Darsteller Josh Hutcherson einen graduellen Wandel seiner Figur, was ihm ermöglicht, durch das gebotene Material über sein in den ersten Panem-Teilen geliefertes, bestenfalls annehmbares Niveau hinaus zu reichen. Ähnlich ist es um Sam Claflin bestellt. Der Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten-Mime, der in Catching Fire als Finnick Odair noch schmückendes Beiwerk war, hat in diesem Part zwar erneut wenig zu tun, dafür gehört sein Monolog, in dem er sein ganzes Wissen über das Kapitol preisgibt, zu den Gänsehautmomenten dieser Großproduktion. Liam Hemsworth reicht angesichts seiner weniger dramatischen Szenen als Gale Hawthorne zwar nicht an seine männlichen Jungdarstellerkollegen heran, trotzdem verleiht auch er seiner weiterhin ausbaufähigen Figur mehr Profil als zuvor. Dies gilt auch für Willow Shields als Katniss' Schwester Primrose, die kurz vor dem letzten Akt dieses Teils leider Auslöser der einzigen bemüht wirkenden, das Material unnötig streckenden Spannungsszene ist. Woody Harrelson und Elizabeth Banks werden in ihren wiederkehrenden Rollen vom Geschehen dagegen nahezu völlig an den Rand gedrängt, wobei Banks den Vorteil hat, dass ihre affektierte Effie Trinket einen krassen, plotgestützten Wandel durchmacht und daher eine kleine, aber feine Darbietung geben darf.

Dies scheint das verbindende Element des Ensembles rund um Jennifer Lawrence zu sein: Waren vor allem im Erstling viele der Randfiguren bloße Staffage, können die Nebendarsteller in Mockingjay mit markantem Gestus ihren Figuren ein Eigenleben verleihen, selbst wenn der Zuschauer nur wenig über sie erfährt. Dies gilt etwa für Natalie Dormer als Cressida, die strenge, zynische Regisseurin der Propagandafilmchen mit Spotttölpel Katniss in der Hauptrolle, sowie Julianne Moore und Philip Seymour Hoffman als Strippenzieher der Rebellion. Moore ändert von Szene zu Szene subtil die innere Haltung der eigensinnigen (anfangs fast gelangweilt erscheinenden) Anführerin, Hoffman unterdessen dominiert seine wenigen Sequenzen mit einer prägnanten Mischung aus Abgebrühtheit und trockenem Humor. Es sind – zumindest in diesem Film – äußerst knapp gefasste Rollen, trotzdem spielen die preisgekrönten Akteure sie nicht lustlos herunter, sondern schröpfen das Beste aus dem gegebenen, knappen Stoff.

Die Macht des Spotttölpels
Mimisch gehört Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I eh nahezu allein Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence. Und dies, obwohl die beliebte Schauspielerin in den ersten Filmminuten ein wenig enttäuscht. Katniss' Wut und Verzweiflung brachte die 24-Jährige gegen Ende von Catching Fire deutlich besser zur Geltung als in den anfänglichen Passagen dieses Teils, wo ihr Spiel mehr an die Monotonie erinnert, die sie in The Hunger Games partiell zu Tage legte. Dies ist wohlgemerkt nicht allein Lawrences Schuld, da der Einstieg in das dritte filmische Panem-Kapitel nicht pointiert genug gewählt ist. Nach rund zehn Minuten gewinnen Skript und Regieführung aber an Schärfe, wovon auch Lawrence profitiert, die Katniss je nach Situation als hilflosen Spielball der Mächte oder als zielstrebige Kämpferin skizziert und vor allem die Zwischentöne überzeugend spielt.

Wenn Lawrence die unbeholfene Seite ihrer Figur wieder hervorkehrt und die ersten Propagandaclips der Rebellen verhaut, sorgt sie zudem auch für einige der wenigen, sich natürlich aus der Situation entwickelnden Lacher des Films. Zudem trägt Lawrence mit einem sanft gesäuselten Lied den Höhepunkt von Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I: Eine eindringlich geschnittene Gegenüberstellung der „oberen“ Rebellen und des sich gegen das Regime auflehnenden Volkes. Mit übersichtlicher Kameraarbeit und die Emotionen untermalendem Schnitt (statt des Gewaltspitzen vertuschenden Schnittgewitters aus Teil eins) wächst das Franchise in dieser Szene endgültig über sich hinaus – womit das Warten auf den Abschluss im November 2015 sehr, sehr schwer fällt.


Fazit: Weniger Action, mehr Anspruch: Die Tribute von Panem – Mockingjay: Teil I führt die filmische Gattung der Jugendbuchverfilmungen in ungewohnte, politisch motivierte Sphären. Bravo!