Samstag, 23. Juli 2016

13 Hours – The Secret Soldiers of Benghazi


Krawallregisseur Michael Bay hat in seiner elf Langfilme umfassenden Regiekarriere bereits zwei Mal eine wahre Geschichte adaptiert. Bei seinem ersten Versuch lieferte er das pathetisch-patriotische Schmacht-Kriegsepos Pearl Harbor ab. Bays zweiter Film auf Basis realer Begebenheiten hört auf den Titel Pain & Gain und ist eine raue, schwarzhumorige Dekonstruktion des amerikanischen Traums. Mit seinem zwölften Spielfilm begibt sich Bay ein drittes Mal aufs Parkett der dramatisierten Leinwand-Nacherzählung verbürgter Geschehnisse – und diese fällt tonal ganz anders aus als Pearl Harbor sowie Pain & Gain. Da behaupte nochmal jemand, der Transformers-Regisseur sei nicht vielseitig!

Hohe filmische Qualität geht damit jedoch nicht sogleich einher: Das von Chuck Hogan (The Strain) verfasste Action-Drama druckst auf politischer Ebene herum und markiert sich dem thematischen Überbau zum Trotz über weite Strecken schlicht als harte Thrillerkost. Diese bleibt aufgrund von dramaturgischen Mängeln und einer im ausgedehnten Finale sehr monotonen Inszenierung allerdings hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Geschichte spielt 2012 in Bengasi: Die libysche Stadt ist längst zum politischen Brennpunkt verkommen, weshalb viele Nationen ihre diplomatischen und militärischen Vertreter zurückgezogen haben. Die CIA unterhält allerdings weiterhin einen Stützpunkt, der auf die Hilfe privater Sicherheitskräfte zählt.

Als in der Nacht des 11. Septembers 2012 das US-General-Konsulat in Bengasi mit schwerem Geschütz angegriffen wird, wollen der ehemalige Soldat Jack (John Krasinski) und seine Kollegen sofort eingreifen. Doch Jack, Rone (James Badge Dale), Tanto (Pablo Schreiber), Boon (David Denman), Oz (Max Martini) sowie Glen (Toby Stephens) wird es von ihrem Vorgesetzten strengstens untersagt, zu handeln. Als sich die Lage in der Botschaft zunehmend verschlechtert und es auch so aussieht, als wäre der CIA-Stützpunkt in Gefahr, beginnt für die knallharten Männer ein 13 Stunden andauernder Einsatz gegen die undurchschaubaren Milizen und die eigenen Schwächen …

Die rund 145-minütige Hollywood-Produktion eröffnet mit einem hochspannenden Einstieg: Jacks Eintreffen in Bengasi und der erste Einsatz seines Teams als Bewacher der Undercover-Agentin Sona Jillani (Alexia Barlier, Fast Track: No Limits) wecken Erinnerungen an den frühen Michael Bay. Rau, mit treibendem Erzähltempo und rasanten, doch nie frenetischen Schnitten hat der erste Akt von 13 Hours das Feeling eines „Bad Boys in Libyen“. Inhaltlich bringt dieser Prolog die Geschichte wohlgemerkt kaum voran, da Hogans Skript mit Informationen über die Motivation der jeweiligen Milizen spart und auch bei der Charakterzeichnung von Jack und Konsorten nur auf die üblichen Abkürzungen zurückgreift: Sie sind taffe Kerle mit großem Herzen für ihre Familie und verspieltem Humor. Allerdings ist der Anfang des Films zügig erzählt und abwechslungsreich in Szene gesetzt. Sobald die eigentliche Handlung beginnt, ändert sich dies jedoch.

Hogan tritt bei der Skizzierung der Ereignisse vom 11. September 2012 zunächst auf der Stelle, wendet viel Zeit dafür auf, die flache, kitschige Charakterzeichnung seiner Helden auszubreiten – inklusive pathetischer Erinnerungssequenzen an schöne Familienstunden. Sobald die Nacht hereinbricht und in Bengasi alles drunter und drüber geht, fasst 13 Hours zwischenzeitlich wieder Fuß: Bay fängt mit trockenem Witz und solider Dramatik ein, welch eigenartiger Mikrokosmos ein solcher Brennpunkt wie die lybische Hafenstadt sein kann. Während die US-Einsatzkräfte um ihr Leben bangen und unentwegt rätseln, wer auf ihrer Seite ist und wer ihnen nach dem Leben trachtet, schauen Anwohner unter dem Sternenhimmel Fußball. Die Actioneinlagen fängt Bay derweil mit angemessener Härte ein: Er zeigt, dass jeder Schuss tödlich enden kann und begeht einen diffizilen Balanceakt zwischen kinotauglichem Style und strikter Verweigerung einer voyeuristischen Haltung. Wenn dann aber der Ami-Stützpunkt vor Angreifern verteidigt werden muss, wird 13 Hours zu einem monotonen Bleihagel: Bay inszeniert die Schusswechsel zwischen den auf Dächern stationierten Amerikanern und den vom Boden aus angreifenden Terrormilizen genauso ausführlich wie einseitig.

Von Minute zu Minute sinkt die Spanungskurve ins Bodenlose, weil die bedrohlich geschilderte Action wie ein Presslufthammer auf den Betrachter einhämmert: Laut, hart, ohne jegliche Abwechslung. Lorne Balfes Musikuntermalung ist ähnlich einseitig: Effiziente, atmosphärisch-kühle Sounds wummern vor sich hin, ohne je neue Akzente zu setzen. Die größte Stärke von 13 Hours ist derweil die imposante Kameraarbeit des Oscar-Preisträgers Dion Beebe (Die Geisha). Unter der Verwendung hochmoderner, technisch herausragender Digitalkameras präsentiert sich der actionreiche Thriller in gestochen scharfen, kontrastreichen Bildern, die jeden einzelnen Tropfen Schweiß der Hauptfiguren sichtbar machen. Dass Beebe und Bay in zahlreichen Szenen auf den im modernen Actionkino überreizten Blau/Orange-Kontrast setzen, zeugt zwar nicht von großem Einfallsreichtum. Handwerklich ist die Kameraführung und Lichtsetzung in 13 Hours dennoch makellos. Ganz gleich, ob die „Secret Soldiers“ am helllichten Tag heimlich ihre Waffen zücken, oder es bei Nacht gilt, die Schatten lebloser Gegenstände von denen sich versteckender Feinde zu unterscheiden: Durch den präzise gesetzten Fokus und die dynamische Farbästhetik stellt Bays zwölfte Regiearbeit ein optisch eindrucksvolles Werk dar – selbst wenn Bay den ausgedehnten Höhepunkt erschreckend monoton abfilmt.

In der Schilderung des politischen Konflikts versucht sich 13 Hours derweil darin, nicht stur patriotische Lobeshymnen anzustimmen. Feinfühligkeit geht dem Drehbuch trotzdem abhanden: Auch wenn beiläufig der Sinn des US-Einsatzes hinterfragt wird und die Figuren auf libyscher Seite vergleichsweise abwechslungsreich gezeichnet werden, erlaubt sich das Dialogbuch lächerliche Plattitüden. Darüber hinaus feiert es Hogan völlig ohne kritische Nachfragen, wenn Amerikaner ihr Leben für ihr Heimatland aufs Spiel setzen, und vertritt eine widerliche anti-intellektuelle Haltung: Studierte Vorgesetzte, die erstmal abwarten, die Lage einschätzen und Strategien schmieden wollen, sind in der Weltsicht dieses Action-Dramas nutzlose Waschlappen. Der handelnde Soldat mit dem Finger am Abzug ist mehr wert als der grübelnde Stratege. Traurig, dass Bay ausgerechnet bei solch einem ernsten Film zu einer ungewollten Selbstparodie verkommt. Mit Pain & Gain bewies er doch noch, dass er anders kann …

Fazit: Durchwachsen angefangen, im Finale geht es steil bergab: Mit 13 Hours: The Secret Soldiers Of Benghazi erschafft Michael Bay ein hohles, gut aussehendes Action-Drama, dessen spannender Einstieg durch einen monotonen Abschluss niedergeprügelt wird.

Donnerstag, 21. Juli 2016

Star Trek Beyond


Auf dem Papier sahen die Startvoraussetzungen für Star Trek Beyond denkbar schlecht aus. Zumindest, was die Frage angeht, wie sehr er mir gefallen könnte. Nachdem ich J. J. Abrams' Star Trek unterhaltsam fand, mir die Neuinterpretation der Enterprise-Crewmitglieder aber etwas zu zickig ausfiel, fuhr Star Trek Into Darkness das frisch rebootete Franchise direkt wieder gegen eine Wand. Angestrengt-düstere Stimmung, ohne dass diese inhaltlich gerechtfertigt wäre. Der nunmehr berühmt-berüchtigte "Twist" mit Benedict Cumberbatch. Und derartig viele, die neuen Elemente erdrückende Referenzen auf die Vorlage, dass im direkten Vergleich Creed und Star Wars: Das Erwachen der Macht wie Filme wirken, die vollkommen neue Stoffe darstellen.

Dass Abrams bei Star Trek Beyond die Regiepflichten wieder abgibt, stimmte mich auch nicht optimistischer, wurde er doch von Justin Lin beerbt, dem Macher zahlreicher Fast & Furious-Filme, also einer Reihe, mit der ich nie wirklich warm geworden bin. Und deren für mich annehmbarster Teil nicht von Lin stammt. Am ehesten klang der Austausch der Autoren vielversprechend, übernahmen nun doch Star Trek-Fan Simon Pegg und Confidence-Autor Doug Jung den Job. Frisches Blut im Autorenzimmer des etablierten Sci-Fi-Franchises konnten nach Star Trek Into Darkness wahrlich nicht schaden.

Angesichts der in meinen Augen angestrengt wirkenden Trailer bin ich dennoch mit sehr niedrigen Erwartungen in die Pressevorführung gegangen. Doch bereits nach wenigen Minuten wurden diese hinfort geblasen: Allein in der ersten Sequenz hat Chris Pine alias James T. Kirk mehr Spaß vor der Kamera als im gesamten Star Trek Into Darkness-Abenteuer. Und das wohlgemerkt, ohne das ursprüngliche Star Trek-Feeling aufzugeben. Die von den Trailern losgetretenen Befürchtungen vieler Filmfreunde, Justin Lin könnte aus der traditionsreichen Reihe ein "Guardians of the Galaxy light" formen, waren unbegründet. Wobei gesagt werden muss: Was nach Kirks sehr komisch entgleisenden Friedensgesprächen mit einer visuell interessant gestalteten Alienrasse losgetreten wird, ist bei weitem nicht der smarteste, nachdenklichste Teil der Kinoreihe. Da er seine Figuren aber mehr respektiert und ihnen mehr Raum für kleine, leichtfüßige, aber in sich schlüssige Miniplots gibt, als ähnlich actionreiche Teile wie Star Trek Into Darkness und Star Trek Nemesis, darf man ihn aber wenigstens sorglos als "Star Trek nach einer Adrenalinspritze" bezeichnen.

Die ihrer Mission langsam müde werdende Crew Enterprise möchte ein anderes, in Not geratenes Raumschiff aus seiner misslichen Lage befreien, wird dabei aber von einer feindlich gesinnten Flotte angegriffen. Die Enterprise landet auf einem nahezu unbevölkerten Planeten Bruch und wird dabei getrennt. Währens Spock (Zachery Quinto) schwer verletzt wird und Pille (Karl Urban) vom Vulkanier rasch die Schnauze voll hat, macht Scotty (Simon Pegg) die Bekanntschaft mit einer kämpferischen Einzelgängerin namens Jaylah (Sofia Boutella), die über Kenntnisse bezüglich der Flotte verfügt, die die Enterprise erfolgreich niedergeschossen hat. Nun gilt es für das Team der Enterprise, wieder zusammenzufinden und die über eine mächtige Waffe verfügenden Gegner unschädlich zu machen, ehe sie ihre Gerätschaft an größeren Zielen ausprobiert ...

Für größere Emotionen ist in der temporeichen, stets vorantreibenden Geschichte kaum Zeit: Spock und Uhura (Zoe Saldana) haben ihr Techtelmechtel wieder beendet, was Pegg und Jung jedoch primär als Antriebsfeder eines narrativen Nebenstrangs nutzen (sowie als aufgeweckten "Komm aus dieser Sackgasse wieder raus"-Joker für ein Problemchen, dass sich den Protagonisten in der zweiten Filmhälfte stellt). Kirk wiederum hinterfragt seinen Dienst als Kapitän, was jedoch in nur wenigen, etwas längeren Dialogszenen zum Ausdruck kommt. Allein die Verneigung vor Leonard Nimoy wird ruhig und ehrfürchtig abgewickelt, was für einen Augenblick der Besinnlichkeit sorgt. Generell läuft die "Erst sich selbst wieder aufsammeln und dann die Schurken stoppen"-Handlung eher unter dem Motto: "Wie können wir diese Figuren in eine Actionhandlung schubsen, ohne dass sie sich dabei untreu werden?"

Diese Mission erfüllt Star Trek Beyond allerdings sehr erfolgreich: Die Helden denken mehr (und schlüssiger) darüber nach, wie sie ihre Herausforderungen meistern könnten, als noch im Vorgänger, und die Peggs Handschrift aufweisenden Frotzeleien zwischen den Enterprise-Mitgliedern sind nicht nur pointiert und werden praktisch durchgehend spritzig von ihren Darstellern dargeboten, sondern sind auch stets "in character". Zudem kommen sie ohne das ständige "Wir sind eine Familie"-Gelaber aus, das die meisten Skripts aufweisen, mit denen Justin Lin sonst arbeitet.

Der Action wiederum ist deutlich anzumerken, welchen Hintergrund der Regisseur mitbringt. Die Kamera wirbelt viel herum (und auch abseits der Actionszenen arbeitet sie viel unter der Prämisse "viel Bewegung hält das Adrenalin oben"), doch da Lin nicht zu sehr auf Nahaufnahmen setzt und trotz zügiger Schnittarbeit auch das Tempo variiert und zwischendurch auf längere Kamerafahrten setzt, ist eine Übersicht auf das Geschehen gewährleistet. Gadgets und weitere Kniffe werden vorab etabliert, vor allem im Finale sorgt eine kraftvolle Abstimmung zwischen Bild und Musik für Pepp und von zwei oder drei Fällen, in denen die Komposition mehrerer CG-Effekte nicht ganz ausgereift ist, stimmt auch der Look. Vor allem die zahlreichen praktischen Effekte und Make-up-Leistungen sind löblich - sowie die Abkehr von Abrams' Lens-Flare-Sucht.

Der Plot ist zwar alltäglich und wenig ideenreich, und bis der Schurke an Charakter gewinnt, lässt sich Star Trek Beyond viel Zeit. Doch für einen dynamischen, humorvollen Sci-Fi-Actionfilm stimmt die Mischung einfach. Für mich Justin Lins bislang bester Film sowie der beste Teil der bisherigen Star Trek-Reboot-Saga.