Dienstag, 26. Februar 2019

Meine 50 Lieblingsfilme des Jahres 2018 (Teil V)

Vier hin, ein finaler Teil noch im Sinn: Lang habe ich euch warten lassen, aber nun sind wir endlich angekommen, in den Top Ten meiner Lieblingsfilme aus dem Jahr 2018. Aber ehe ich euch sage, welche Produktionen mein Filmfanherzen am meisten haben springen lassen spann ich euch noch ein letztes Mal mit Ehrennennungen auf die Folter: Da wäre der schön gespielte Die Farbe des Horizonts, in dem Sam Claflin und Shailene Woodley einen Mix aus realem Survivalabenteuer und Romanze erleben, die sehr knuffige übernatürliche Jugendromanze Letztendlich sind wir dem Universum egal, der unerwartet geradlinig ausgespielte Weltkriegs-Zombie-Actionhorror Operation Overlord, der gewitzte Streitfilm Der Vorname, das vielschichtige Gruseldrama Suspiria und der visuell beeindruckende, mit Metawitz aufwartende und inklusive, in der Action jedoch ermüdende und strukturell teilweise dann eben doch ins klischeehafte Schema F fallende und daher in meinen Augen nicht an den Hype heranreichende Spider-Man - A New Universe, der trotzdem mein liebster Animationsfilm 2018 ist. Tja. Eine Jahreslieblingsliste von mir, ganz ohne Animationsfilm. Schade. Aber 2018 hat mich kein Animationsfilm so richtig bezirzt. Umso mehr haben mich aber diese Filme in Verzückung versetzt:

Platz 10: Greatest Showman (Regie: Michael Gracey)

Greatest Showman fühlt sich an wie die zusammengestutzte, keinerlei Ruhe findende, auf die Höhepunkte reduzierte Videofassung eines Roadshow-Musicalfilms der 60er- oder 70er-Jahre an, die aus einem ausschweifenden Drei-Stunden-Klopper eine knackige 95-minütigen Wucht aus Musik und Kostümen formt. Eine sonderbare Feststellung, aber sie ist in diesem sehr spezifischen Fall vollauf aus Kompliment gemeint: Hugh Jackmans Passionsprojekt besteht allein aus Hits, aus Wendemomenten und aus ansteckender Spielfreude. Füllmaterial blieb durch und durch auf der Strecke, und wie der Film seine Stellung zur problematischen realen Person P.T. Barnum in einem Rausch aus Klang und Farbe zirkusmäßig und mit Showmanship verdreht, finde ich auf einer Metaebene sehr pfiffig. Der Film kommentiert diese Wendehalsmentalität ja sogar - und so bleibt geballtes Entertainment über.

Platz 9: Schneeflöckchen (Regie: Adolfo J. Kolmerer und William James)

Deutsches Kino, mal ganz anders: Schneeflöckchen ist ein dystopisch angehauchtes, pulpiges Rache-Metamärchen mit einer Geschichte in der Geschichte, einem poetischen Blutbad, albernem Humor, geistreichem Witz, flotter Situationskomik, durchgeknallten Situationen und dreckiger Action. Ein Film, wie es ihn im deutschen Filmbetrieb eigentlich nicht geben könnte, doch wundervoller und wundersamer Weise gibt es ihn! Geile Sache!

Platz 8: Zombies - Das Musical (Regie: Paul Hoen)

Ganz egal, ob man den Film nun als Disney Zombies, Z-O-M-B-I-E-S oder Zombies - Das Musical kennt: Dieser irre pastellfarbene, Retro-Ästhetik mit Industrial Chic und Dubstep-Elementen vereinende Fiebertraum von einem Disney Channel Original Movie ist der (vorläufige?) Höhepunkt in einer über ein Jahrzehnt andauernden Mutation der Disney-Fernsehfilmware. Seit High School Musical wird die Tonalität der Disney-Channel-Exklusivfilme campiger und campiger, und Zombies - Das Musical ist der denkwürdigste Beweis dafür, dass die Leute im Disney Channel anderes Wasser trinken als der Rest des Disney-Konzerns. Freundliche, aber von Vorurteilen und institutionalisierten Ungerechtigkeiten unterdrückte Zombies und gleichgeschaltete Heile-Welt-Grinsebacken gehen erstmals gemeinsam auf die selbe Schule, wo sich eine Standesgrenzen übergreifende Liebe anbahnt. Mit feistem, ironischem Lächeln im Gesicht, wonnig-amüsierten, campigen Songs, einer goldigen Meg Donnelly als Cheerleader mit Geheimnis und einem schlacksig-charmanten Milo Manheim als Zombie, der mit kleinen Schritten einen gesellschaftlichen Wandel voranbringen will, ist diese Disney-Fernsehproduktion wissentlich-albern, und dennoch ist sie mit respektabler Überzeugung umgesetzt. Schräg, niedlich, sonderbar, wunderbar!



Poppige Klänge treffen Old-School-Musical-Naivität, Paul Hoen inszeniert wie ein Kenny Ortega, dem keinerlei Grenzen gesetzt werden, und es ist alles einfach so entzückend-zuckersüß-durchgeknallt! Ich liebe es und komm beim Gucken aus dem glücklichen Grinsen nicht mehr raus! Wenn ihr mich fragt: Das hier ist ein Glanzstück im modernen Disney-Schaffen, und das kann mir niemand ausreden!

Platz 7: BlacKkKlansman (Regie: Spike Lee)

Kommen wir von einem Film, in dem eine Rassenunruhe zu Gunsten eines feierlichen Tanzwettbewerbs mit aussöhnender Botschaft ausgesetzt wird, zu einem Film, den ich liebend gern auf einem Filmfestival im Double Feature mit Zombies - Das Musical programmieren würde, einfach nur, um meinen Schabernack mit dem Verstand des Publikums zu treiben. Denn was im Disney Channel noch putzig und mit gemäßigten Gefühlen sowie verqueren Analogien abläuft, gestaltet sich bei Spike Lee schon erschreckender, wirklichkeitsnaher, verständnisloser und zorniger: Regie- und Autoren-Legende Spike Lee haut mit dieser satirischen Kriminal-Thrillerdramödie ihren besten Film seit vielen Jahren raus und zeigt in BlacKkKlansman auf, wie tief verwurzelt Hass und Intoleranz in der US-Gesellschaft sind, wie schwer sie zu besiegen sind und dass sich in intoleranten Mobs noch so viele Dorftölpel befinden können: Sie bestehen auch aus verbitterten, stoischen Kämpfern und eiskalt berechnenden Demagogen sowie Populisten, was eine abartig gefährliche Mischung ergibt. Lee packt dieses Thema über die unglaubliche, irrwitzige Geschichte eines Schwarzen und eines Juden an, die den Ku Klux Klan unterwandern, würzt sie mit Situationskomik, Absurdität und satirischen Biss, mischt cineastische Kunstgriffe und Filmhistorienkritik darunter und verpasst dem ganzen dann noch ein Finale, bei dem es einem die Kehle zuschnürt. Sensationell.

Platz 6: 303 (Regie: Hans Weingartner)

Innerhalb weniger Minuten nachdem in der Pressevorführung das Licht aus- und der Projektor anging, habe ich gemerkt, dass ich mich in diesen Film verlieben werde. Und dieses Gefühl sollte sich nicht trügen: Regisseur/Autor Hans Weingartner und seine Ko-Autorin Silke Eggert haben in diesem Gesprächsfilm zwei sympathische, redselige Figuren erschaffen, denen wir während einer in dieser Form nicht geplanten Europareise zuschauen dürfen. 145 Minuten lang lernen wir Jule und Jan kennen, während sie diskutieren, zanken, sich necken, sich trösten und der Studierendenphilosophie frönen. Mit unwiderstehlichem Charisma und feinen mimischen Nuancen tragen Mala Emde und Anton Spieker diesen Film auf ihren Schultern und lassen uns an ihren Lippen kleben, während sie Weingartners und Eggerts ausgefeilte Dialoge von sich geben - und ich muss sagen: Ich hätte ihnen nochmal 145 Minuten lang zuhören können.

Platz 5: I, Tonya (Regie: Craig Gillespie)

Einmal Biopic in die Fresse, bitte! Craig Gillespie leiht sich ein paar Seiten aus dem The Big Short/American Animals-Regelbuch für Verfilmungen wahrer Begebenheiten und pfeffert uns eine laute, knallige, wütende, ratlose und bei all dem in ihren Zwischentönen noch immer sensible Auseinandersetzung mit der berühmten, der berüchtigten Eiskunstläuferin Tonya Harding um die Ohren. Die asthmatische, unangepasste, verbissen kämpfende, aus sozialschwachen Verhältnissen kommende Rockerin in ihrem Metier erfüllte alle Bedingungen für eine Aschenputtel-Geschichte - nur, dass sie den eingeschworenen Entscheidungsträgern im Eiskunstlauf zu unelegant, zu sorgenbelastet war. Allen Hindernissen zum Trotz kämpfte sie sich zu einigen Ehren im Sport ihrer Wahl durch - und doch ist sie für alle Zeiten vor allem für die Brecheisenattacke auf ihre Mitbewerberin Nancy Kerrigan bekannt. Wie widersprüchlich die Berichte über diesen Vorfall (und Hardings Leben generell) sind, führen Gillespie und Drehbuchautor Steven Rogers mit rotziger Attitüde vor, sie bürsten den Film so, dass er zu Hardings Persona passt. Und dennoch lassen sie Raum für Einfühlungsvermögen, geben der von Margot Robbie mit immenser Leinwandpräsenz und emotionaler Komplexität gespielten Harding die Chance, in einem stillen, nachhallenden Moment, den Medien einen Spiegel vorzuhalten. Spaßig, knallig und mit satirisch-dramatischer Raffinesse - I, Tonya rockt!

Platz 4: Climax (Regie: Gaspar Noé)

Mehr als 20 Menschen. Eine Turnhalle. Die letzte Probe vor der großen Tanztournee. Eine ausgelassene Feier. Sangria. LSD. Chaos bricht aus. Flackernde Lichter. Elektrisierende Musik. Streit. Panik. Eine Filmerfahrung mit immenser Sogkraft. Ein farbintensiver Rausch aus Klang und Bewegung, aus Elan, Wut und Furcht. Climax ist ein drogeninduzierter, zerstörerisch-vitaler Tanz hinein in tiefe Seelenabgründe. Ein diabolisch-sündhaftes Sehvergnügen.

Platz 3: Assassination Nation (Regie: Sam Levinson)

Wenige Augenblicke nach Beginn von Assassination Nation spricht Protagonistin Lily mehrere Trigger-Warnungen aus. Die Tonspur piepst und pfeift. In riesigen Lettern pfeffert uns Regisseur Sam Levinson in rapider Abfolge entgegen, was in den kommenden Filmminuten auf uns zukommt. Frauenhass. Mord. Versuchter Mord. Versuchte Vergewaltigung. Transphobie. Mickrige Männeregos. In Supernahaufnahmen zeigt Levinson, wovor er uns warnt. All dies eingebettet in einen rotzigen, genervten, aber kernig-charmanten Erzählkommentar. Von diesem Moment an wusste ich, dass Assassination Nation das Zeug dazu hat, ganz, ganz weit vorne in meinen Jahrescharts mitzuspielen. Und er hat abgeliefert: In stylischen Bildern und von markiger Musik begleitet, erzählt Assassination Nation von vier jugendlichen Freundinnen, die ein typisches Millennialleben leben. Sie werden von bigotten Vorstellungen ihrer Elterngeneration ausgebremst. Sie chatten, texten, sexten und streamen. Sie hinterfragen. Sie werden vorverurteilt, am laufenden Band. Aber sie machen sich ihr Leben schon schön. Jedenfalls, bis eine Welle an brisanten Leaks ihr Heimatdorf zum Kochen bringt. Assassination Nation ist ein messerscharf beobachtetes Porträt einer Teilgeneration, das sich ihr stilistisch vollauf hingibt – und nach und nach zu einer zornigen Satire wird, die oberflächlich die gefährlichen Tendenzen der sozialen Netzwerke auseinandernimmt. Aber das wahre Ziel dieser Satire ist die Doppelmoral der Vorgängergenerationen. Dieser filmische Ritt argumentiert komplex sowie intensiv – und stellt seinem jungen Publikum den Benzinkanister sowie eine Packung Streichhölzer hin. Doppelzünger des Westens, fürchtet euch!

Platz 2: Avengers | Infinity War (Regie: Anthony & Joe Russo)

Marvel Studios, die ewige Brautjungfer in meinen Jahrescharts. 2014 war ich nach der Sichtung von The Return of the First Avenger sicher, dass es mein Lieblingsfilm des Jahres sein wird. Dann kam Gone Girl und zog am Actionthriller der Russo-Brüder vorbei. 2016 legten die Russos den nicht minder gelungenen The First Avenger: Civil War nach, erneut war ich felsenfest davon überzeugt, dass es mein Favorit des Jahres ist und bleiben wird. Aber dann sah ich Ghostbusters - Answer the Call und war hin und weg. 2018 veröffentlichte Marvel Avengers | Infinity War, seinen bis dato monumentalsten Film. Ein Glanzstück des fesselnden Pacings, der minutiös strukturierten Actionnarrative, die starre Grundregeln aushebelt und andere Konventionen andeutet, um die Erwartungshaltung des Publikums listig zu lenken. Avengers | Infinity War ist zu gleichen Teilen ein bombastischer Katastrophenfilm im Comicgewand und ein filmgewordenes Rockkonzert der Superheldenaction. Ein gigantisches Figurenensemble spielt die Hits - und gleichwohl sehen wir eine diverse, eklektische Heldensammlung, wie sie mit aller Macht ein drohendes Unheil abzuwenden versucht. Das Ergebnis: Ein atemberaubendes Filmevent, dessen filmschaffendes Geschick deutlich größer ist, als es viele einem solchen Effektspektakel anzuerkennen gewillt sind. Und ich frage mich: Wenn schon Avengers | Infinity War nicht Gold für Marvel holt, werde ich jemals einen Marvel-Film bis zur Eins durchwinken - oder haben wir den Zenit erreicht?

Platz 1: Anna und die Apokalypse (Regie: John McPhail)

Wunderschöne Lieder. Liebenswerte Figuren. Fesches Augenzwinkern. Emotionale Ehrlichkeit. Rohe, sinnlose, cartoonig-überzogene Gewalt. Anna und die Apokalypse ist ein bloody good musical, wie für mich geschaffen! Dieser schottische Genremischmasch hat Herz und eine feine Einfachheit an sich. Es macht derbe viel Spaß. Und es ist dennoch kein ironischer Trash, sondern ein vollauf passioniertes, vergnügtes High-School-Weihnachtsmusical. Das halt während der Zombieapokalypse spielt und seine vielfältige Auswahl an eingängigen Songs zwischen Teenagersorgen und Zombiespaßsplatter parkt. Irre, individuell, genau mein Ding.

Sonntag, 24. Februar 2019

Meine 50 Lieblingsfilme des Jahres 2018 (Teil IV)

Teil drei liegt hinter uns, doch diese Hitliste ist, wie ihr schon gemerkt habt, mehr als eine Trilogie: Willkommen zum nächsten Eintrag meiner Favoriten des Filmjahres 2018, ein Jahr, zu dessen Ehrennennungen unter anderem das High-School-Drama Blame zählt, ein prickelnd gefilmtes, sensibel erzähltes Tabudrama über eine Außenseiterin, die ihren Theaterlehrer zu verführen versucht und das mit nuancierten Darbietungen seiner Darstellerinnen aufwartet. Ebenfalls sehr gelungen: Der dänische Kammerspielthriller The Guilty, der komplett in der Notrufzentrale einer Polizei spielt und viel Spannung aus seinem Minimalismus zieht, sowie Eli Roths burtonesker Familienfilm Das Haus der geheimnisvollen Uhren. Auch der Kritiker spaltende, satirische Mysterythriller Under the Silver Lake hat mir gefallen, genauso wie der rätselhafte Gruselthriller/Drama-Mischmasch Marrowbone mit Mia Goth und Anya Taylor-Joy und die böshumorige Zombiefilmhommage Dementia: Part II. Aber genug der Vorrede. Ihr wollt die nächsten zehn Plätze sehen - und hier sind sie!

Platz 20: Das schönste Mädchen der Welt (Regie: Aron Lehmann)

Rücksturz in die Teeniefilmära während der unter anderem 10 Dinge, die ich an dir hasse entstanden ist: Das schönste Mädchen der Welt nimmt Elemente aus der Weltliteratur (namentlich Cyrano de Bergerac) und modernisiert sie charmant, leicht augenzwinkernd und mit einem goldigen Mix aus Frechheit und Herzlichkeit. Nach der räudigen, rüpelnden, Gemeinheiten glorifizierten Fack Ju Göhte-Trilogie hebt hier endlich wieder ein deutscher Jugendfilm Freundlichkeit und Belesenheit empor und distanziert sich von den "Tzäck zis auhs"-Kids, die die Fack Ju Göhte-Helden unironisch verehren. Prägnante Raps sowie die tolle Chemie zwischen Aaron Hilmer und Luna Wedler machen Das schönste Mädchen der Welt dem etwas staubigen Titel zum Trotz zu einem Glanzlicht im Jugendkino dieses Jahrzehnts. Holt diesen Film nach! Bitte!

Platz 19: A Star Is Born (Regie: Bradley Cooper)

Bradley Coopers Regiedebüt deutet an, dass der beliebte Schauspieler hinter der Kamera noch allerhand Gutes abliefern könnte: Die neuste Nacherzählung des A Star Is Born-Stoffs besticht mit einer trunken-hypnotischen Kameraarbeit, rau-atemberaubenden Darbietungen und natürlich mit den wuchtigen Songs von Lady Gaga und Bradley Cooper. Dieses Musik-Liebes-Drama über Ruhm, Passion und selbstzerstörerische Tendenzen ist ein kleiner filmischer Rausch, der Erfolgsgeschichtenpathos und kritische Drastik gekonnt vereint.

Platz 18: Destination Wedding (Regie: Victor Levin)

Ich liebe Streitkomödien. Ich liebe keckes Geplänkel zwischen Stars mit umfänglicher Chemie zwischen ihnen. Destination Wedding ist also wie gemacht für mich: Winona Ryder und Keanu Reeves spielen in diesem sehr zurückhaltend inszenierten, kleinen Film zwei Einzelgänger und unangepasste Liebesuntaugliche, die aus reinem Pflichtbewusstsein des werdenden Ehepaares auf eine dekadente Hochzeit auf einem Weingut eingeladen wurden. Schon bei der Anreise reiben sie sich, gleichzeitig entsteht eine zweckgebundene Sympathie zwischen ihnen, sind sie doch in ihren Augen die einzigen normalen Menschen auf dieser Feier, die den ganzen Kitsch hinterfragen. Genialer Dialoghumor voraus!

Platz 17: Der Hauptmann (Regie: Robert Schwentke)

Vom Tatort nach Hollywood und zurück nach Deutschland: Regisseur Robert Schwentke liefert mit seinem ersten deutschsprachigen Film nach rund eineinhalb Karrieredekaden ab - und direkt einmal seinen wohl bislang stärksten Film. Unbequem, aber nicht frei von raren, schwarzhumorig-satirischen Augenblicken, skizziert Der Hauptmann, wie sich im Faschismus die Gewaltspirale hochdreht: Die eine Seite redet sich raus, sie hätte ja Befehle befolgen müssen, die andere Seite redet sich raus, sie hätte die Befehle erteilt, zu denen sie gedrängt wurde. In kaltem Schwarz-Weiß gehalten, frei von Empathie gespielt und in widerlicher emotionaler Drastik ist Der Hauptmann frei von der versöhnlichen Didaktik vieler deutscher NS-Verarbeitungsfilme - und genau so muss es sein (mehr dazu auch in meinem Interview mit Schwentke)!

Platz 16: The Rider (Regie: Chloé Zhao)

Regisseurin Chloé Zhao inszenierte mit diesem (wortwörtlich) aus dem Leben gegriffenen Drama einen der sensibelsten, feinfühligsten und nachdenklichsten Filme des Jahres: In The Rider spielt Rodeoreiter Brady Jandreau quasi sich selbst, nur wenige, winzige Details im Schicksal seiner Figur Brady Blackburn sind anders. Nach einem schweren Unfall muss er sich entscheiden: Verfolgt er nach seiner Genesung weiter diese gefährliche Profession, die jedoch bislang sein ganzes Sein ausgemacht hat? Oder gibt er das auf, was ihn so lange erfüllt und nun beinahe zerstört hat, und sucht sich eine neue Identität? Mit authentischen, berührenden Darbietungen von Laiendarstellern aus Bradys Leben und dokumentarischer Kameraarbeit ist The Rider ein sehr ruhiger Film über Maskulinität, Identitätssuche und der Liebe zu Dingen, die andere Menschen nicht nachvollziehen können.

Platz 15: The House That Jack Built (Regie: Lars von Trier)

Einer der lustigsten Filme des Jahres ist zugleich auch ein Film, der in Cannes für Unverständnis und Massenflucht gesorgt hat. Tja. So unterschiedlich können Filme wirken. In meinen Augen ist Lars von Triers ausuferndes filmisches Getrolle ein verboten gutes Vergnügen: Von Trier zieht über seine Kritiker her, die ihn auf die Gewalt und das Trübsal in seinen Geschichten beschränken, macht sich über seine fehlgeleiteten Fans lustig, über Feuilletonisten, die in jeden Pups in seinen Filmen etwas hineindeuten und über Männer, die denken, ihnen allein gehöre die Welt. Mit bitteren Pointen und trockener Selbstironie versehen, mit herrlich-albernen Ausschweifungen auf themenfremde Sujets und mit einem gleichermaßen intensiven wie witzig-planlosen Matt Dillon in der Hauptrolle hat mir The House That Jack Built bei meinen beiden Kinobesuchen einige der launigsten Kinostunden 2019 beschert. Und die FSK-Freigabe ab 18 Jahren? Übertrieben!

Platz 14: Sibel (Regie: Guillaume Giovanetti und Çağla Zencirci)

Es ist eine Schande, dass dieser türkische Film in Deutschland brutal unterging, denn diese Mischung aus Soziogramm und Charaktergeschichte hat sich mit ihrer Geschichte, ihren Schauspielleistungen und ihren Bildern in mein Gedächtnis gebrannt. Damla Sönmez spielt die Titelfigur, eine junge Frau, die nicht sprechen kann und sich daher allein mit einer in ihrer Region verbreiteten, aber auch langsam aussterbenden Pfeifsprache verständigt. Als Sprachbehinderte wird sie in ihrem Dorf nicht für voll genommen, gleichzeitig erlaubt ihr ihre Situation eine teils befreiende Sonderbehandlung: Sie muss sich als "Freak" einigen gesellschaftlichen Regeln nicht unterwerfen. Diese mit einem großen "Aber" versehene Freiheit stellt Sibel zunehmend in Frage, als sie im Wald einen Deserteur kennenlernt, der sie vorurteilsfrei behandelt. Eindringlich gespielt, mit sanftem Nachdruck erzählt und ausdrucksstark, hat sich Sibel ein viel größeres Publikum verdient!

Platz 13: Mission: Impossible - Fallout (Regie: Christopher McQuarrie)

Atemberaubende Stunts, ein pressender Score, hypnotische Kameraarbeit und reduzierter, doch präzise gesetzter Humor: Die Mission: Impossible-Actionsaga geht weiter, und Christopher McQuarrie legt nach seinem tollen fünften Teil einen umwerfenden sechsten Eintrag in die turbulenten Agentengeschichten der Impossible Mission Force nach. Henry Cavill hat eine imposante Leinwandpräsenz, Rebecca Ferguson bleibt so magnetisch wie im Vorläufer und Tom Cruise beweist einmal mehr, welche wahnsinnige Arbeitsmoral er als Schauspieler und Teufelskerl hat. Saustark.

Platz 12: Keep An Eye Out (Regie: Quentin Dupieux)

Quentin Dupieux, mal zugänglich - und das, ohne sich selber zu verraten: Ein Mann, der eine Leiche gefunden hat, wird von einem spitzfindigen, misstrauischen Polizisten verhört, da dieser das Gefühl hat, dass hier jemand seine mörderische Tat vertuschen will, indem er sich als Passant ausgibt, der schlicht zu spät kam, um einen Toten zu retten. So beginnt ein verworrenes Netz aus Aussagen, Hinterfragungen, Erinnerungen und Suggestionen, pointiert gespielt und mit dezenter Surrealität auf die Leinwand gebracht. Ein großer, kreativer Spaß.

Platz 11: Game Night (Regie: John Francis Daley und Jonathan M. Goldstein)

Man nehme eine Komödie mit bestens aufgelegten Darstellern und tauche sie in eisig-schneidende Thrillerästhetik: Game Night ist eine der am besten aussehenden Mainstreamkomödien dieses Jahrzehnts und holt das Optimum aus ihrer Prämisse "Was, wenn ein Spieleabend durch eine gefährliche Verwechslung zu einem Leben um Spiel und Tod wird?" Jason Bateman ist toll, Kyle Chandler gibt einen tollen Mistkerl ab, Jesse Plemons ist sensationell als verrückter Nachbar, Billy Magnussen ist goldig-witzig und Rachel McAdams ist einfach fantastisch und hat die wohl lustigste Zeile des Filmjahres 2019. Stylisch, temporeich und durch und durch unterhaltsam: Game Night hat's mir angetan und zählt zu den raren Komödien, die auch beim wiederholten Anschauen lustig bleiben.

Fortsetzung folgt ...