Donnerstag, 20. November 2014

Oscar 2015: Erste Prognose in der Sparte "Bester Kurzfilm"


In einer der schwierigsten Oscar-Kategorien hat sich der Nebel ein Stück weit gelichtet: Die Academy of Motion Picture Arts & Sciences gab heute die zehn Filme umfassende Shortlist an möglichen Nominierungen in der Kategorie "Bester Kurzfilm" bekannt. Somit ist es zwar weiterhin möglich, nicht eine einzige Nominierung richtig zu tippen, jedoch wurden 141 Kurzfilme für die nächste Verleihung des begehrten Goldjungen eingereicht. Aus diesem Pool die korrekten Oscar-Anwärter vorherzusagen, dürfte selbst großen Oscar-Experten viel zu schwer fallen. Insofern sollten wir froh über diese Shortlist sein.

Die zehn möglichen Nominierten sind:

Aya, inszeniert von Oded Binnun und Mihal Brezis: Eine 40-minütige, sehr aufwändige Gemeinschaftsproduktion aus Israel und Frankreich. Das musikalische Romantikdrama handelt von einem Mann, der eine Fremde für seine auf ihn wartende Chauffeurin hält. Sie hält ihr Gegenüber trotz (oder gerade wegen) dieses Missverständnisses für liebenswert und denkt daher nicht dran, die Sache aufzuklären. Prämiert mit dem Preis der israelischen Filmakademie sowie dem Jurypreis für den besten ausländischen Kurzfilm beim Filmfestival Fort Lauderdale.

Baghdad Messi, inszeniert von Sahim Omar Kalifa: 19-minütiger Kurzfilm über einen 10-jährigen Iraker, der vollkommen fußballbesessen ist und sich gewaltig auf das anstehende Champions-League-Finale 2009 freut. Kurz vor der Partie zwischen dem FC Barcelona und Manchester United geht jedoch der Fernseher kaputt ... Preisgekrönt auf den Kurzfilmfestivals in Bermuda und Tampere.

Boogaloo and Graham, inszeniert von Michael Lennox: 14-minütiger, in den 70ern spielender, humoriger Kurzfilm über zwei Jungen, die von ihrem sanftmütigen Vater mit der Betreuung zweier Küken beauftragt werden. Vollmundig versprechen sie einander, Vegetarier zu werden. Wurde unter anderem auf dem Filmfestival TIFF sehr warm aufgenommen.

Ein Bild für die Ewigkeit (Originaltitel: La Lampe Au Beurre De Yak), inszeniert von Hu Wei: 15-minütige Gemeinschaftsproduktion aus China und Frankreich, Unter anderem nominiert für den Europäischen Filmpreis und prämiert mit dem Publikumspreis bei den Festspielen von Glasgow, Hong Kong und Regensburg: Am tibetanischen Neujahrstag machen sich zwei Fotografen auf, um die Bewohner eines abgelegenen Dorfs in Porträts festzuhalten. Währenddessen lernen sie die Menschen, von denen viele noch nie eine Kamera gesehen haben, und ihre Weltsicht kennen.

Carry On, inszeniert von Yatao Li: Auf dem angesehenen Kurzfilmfestival von Palm Springs prämiertes Drama über einen chinesischen Vater, der während des Zweiten Weltkriegs seine Familie vor den brutalen japanischen Besatzern beschützen will. Laufzeit: 16 Minuten.

My Father’s Truck, inszeniert von Maurício Osaki: 15-minütiges Coming-of-Age-Road-Movie über eine 10-Jährige, die die Schule schwänzt, um ihrem Vater bei seinem Taxidienst auszuhelfen. Lief im Wettbewerb der Berlinale, erhielt den Jurypreis beim Bermuda-Filmfest sowie den Preis für den besten Studentenfilm in Palm Springs.

Parvaneh, inszeniert von Talkhon Hamzavi: 25-minütiges Sozialdrama, das die Geschichte einer jungen afghanische Migrantin erzählt, die in der Schweiz auf dem Land lebt. Eines Tages erfährt sie, dass ihr Vater schwer erkrankt ist, weshalb sie sich vornimmt, nach Zürich zu fahren. Dort will sie ihr gesamtes Erspartes an ihren Vater schicken. Dort angekommen wird sie von der Hektik der Großstadt überwältigt und allein eine Punkerin ist bereit, ihr zu helfen. Wenngleich nur für eine Gegenleistung ...

The Phone Call, inszeniert von Mat Kirkby: In Kennerkreisen bereits enorm gefeierter Kurzfilm mit Sally Hawkins und Jim Broadbent. Die ebenso deprimierende wie inspirierende Geschichte handelt von einer Mitarbeiterin der Telefonseelsorge, die den Anruf eines verzweifelten Witwers annimmt, der ohne seine Frau nicht mehr leben will. Da der Film dies schafft, ohne die üblichen Klischees zu bedienen, erhielt er unter anderem den Preis für den besten Kurzfilm beim Tribeca Filmfestival sowie den Silbernen Drachen in Krakau und den Publikumspreis bei den Kurzfilmfestspielen von Aspen.

SLR, inszeniert von Stephen Fingleton: 23-minütiger Thriller rund um einen älteren Herren, dessen große Passion es ist, heimlich pornografische Fotos zu schießen. Der mit den Game of Thrones-Akteuren Liam Cunningham und Richard Dormer besetzte Film orientiert sich an Genreklassikern wie Blow Up und macht seinen moralisch korrumpierten Protagonisten durch eine Kette dunkler Enthüllungen zum Anti-Helden.

Summer Vacation, inszeniert von Tal Granit und Sharon Maymon: Drama aus Israel, das in 22 Minuten die Geschichte eines Familienvaters erzählt, der während eines scheinbar perfekten Urlaubstages am Strand zufällig seinem ehemaligen Lebensgefährten begegnet. Großer Publikumsrenner bei Sundance, ausgezeichnet beim Flickerfest und den Filmfestspielen Rochester ImageOut.

Meine Prognose, wer es in die Endauswahl schafft, lautet:

  • Aya
  • Ein Bild für die Ewigkeit
  • Carry On
  • Parvaneh
  • The Phone Call
Letzterer hat den wie mir scheint größten Buzz sowie Promibonus, bei Aya könnten die Produktionswerte einiges reißen und bei den drei restlichen sprechen die Mixtur aus Thema und bereits gewonnen Preisen für eine Nominierung.

Was glaubt ihr?

Dienstag, 18. November 2014

Oscar 2015: Erste Prognose in der Sparte "Beste Dokumentation"


Sage und schreibe 134 Dokumenationen sind für die nächsten Academy Awards vornominiert und müssen von den Experten der Dokusparte in der Academy of Motion Picture Arts & Sciences beäugt werden. Ich selbst konnte bislang leider nur einen Bruchteil der Filme auf dieser Liste gesehen. Aber basierend auf den Publikums-, Branchen- und Kritikerreaktionen sowie der Themen der Filmen und der generellen "Vorlieben" der Academy wage ich dennoch eine erste Vorhersage.
Ehe ich einen Pool möglicher Nominierten zusammenstelle, sei hier der Vollständigkeit halber aber die komplette Liste der Dokus genannt, die sich für die nächsten Oscars qualifizierten:

  • Afternoon of a Faun: Tanaquil Le Clercq
  • Ai Weiwei: The Fake Case
  • Algorithms
  • Alive Inside
  • All You Need Is Love
  • Altina
  • America: Imagine the World without Her
  • American Revolutionary: The Evolution of Grace Lee Boggs
  • Anita
  • Antarctica: A Year on Ice
  • Art and Craft
  • Awake: The Life of Yogananda
  • The Barefoot Artist
  • The Battered Bastards of Baseball
  • Before You Know It
  • Bitter Honey
  • Born to Fly: Elizabeth Streb vs. Gravity
  • Botso The Teacher from Tbilisi
  • Captivated The Trials of Pamela Smart
  • The Case against 8
  • Cesar’s Last Fast
  • Citizen Koch
  • CitizenFour
  • Code Black
  • Concerning Violence
  • The Culture High
  • Cyber-Seniors
  • DamNation
  • Dancing in Jaffa
  • Death Metal Angola
  • The Decent One
  • Dinosaur 13
  • Do You Know What My Name Is?
  • Documented
  • The Dog
  • E-Team
  • Elaine Stritch: Shoot Me
  • Elena
  • Evolution of a Criminal
  • Fed Up
  • Finding Fela
  • Finding Vivian Maier
  • Food Chains
  • The Galapagos Affair: Satan Came to Eden
  • Getting to the Nutcracker
  • Glen Campbell…I’ll Be Me
  • Gore Vidal: The United States of Amnesia
  • The Great Flood
  • The Great Invisible
  • The Green Prince
  • The Hacker Wars
  • The Hadza: Last of the First
  • Hanna Ranch
  • Happy Valley
  • The Hornet’s Nest
  • I Am Ali
  • If You Build It
  • The Immortalists
  • The Internet’s Own Boy
  • Ivory Tower
  • James Cameron’s Deepsea Challenge
  • Jodorowsky’s Dune
  • Journey of a Female Comic
  • Keep On Keepin’ On
  • Kids for Cash
  • The Kill Team
  • Korengal
  • La Bare
  • Last Days in Vietnam
  • Last Hijack
  • The Last Patrol
  • Levitated Mass
  • Life Itself
  • Little White Lie
  • Llyn Foulkes One Man Band
  • Magician: The Astonishing Life and Work of Orson Welles
  • Manakamana
  • Merchants of Doubt
  • Mission Blue
  • Mistaken for Strangers
  • Mitt
  • Monk with a Camera
  • Nas: Time Is Illmatic
  • National Gallery
  • Next Goal Wins
  • Next Year Jerusalem
  • Night Will Fall
  • No Cameras Allowed
  • Now: In the Wings on a World Stage
  • Occupy the Farm
  • The Only Real Game
  • The Overnighters
  • Particle Fever
  • Pay 2 Play: Democracy’s High Stakes
  • Pelican Dreams
  • The Pleasures of Being Out of Step
  • Plot for Peace
  • Point and Shoot
  • Poverty Inc.
  • Print the Legend
  • Private Violence
  • Pump
  • Rabindranath Tagore – The Poet of Eternity
  • Red Army
  • Remote Area Medical
  • Rich Hill
  • The Rule
  • The Salt of the Earth
  • Shadows from My Past
  • She’s Beautiful When She’s Angry
  • A Small Section of the World
  • Smiling through the Apocalypse – Esquire in the 60s
  • Supermensch: The Legend of Shep Gordon
  • The Supreme Price
  • Tales of the Grim Sleeper
  • Tanzania: A Journey Within
  • This Is Not a Ball
  • Thomas Keating: A Rising Tide of Silence
  • Through a Lens Darkly: Black Photographers and the Emergence of a People
  • True Son
  • 20,000 Days on Earth
  • Unclaimed
  • Under the Electric Sky
  • Underwater Dreams
  • Virunga
  • Waiting for August
  • Walking the Camino: Six Ways to Santiago
  • Warsaw Uprising
  • Watchers of the Sky
  • Watermark
  • We Are the Giant
  • We Could Be King
  • Whitey: United States of America v. James J. Bulger
  • A World Not Ours
Aus diesen 134 Dokus sind, sofern ich es korrekt überblicke, folgende von besonderem Interesse:
Sehr gute Tipps:
Merchants of Doubt: Robert Kenner blickt auf den Beruf "professioneller Skeptiker", die im Namen ihrer Auftraggeber öffentlich den wissenschaftlichen Konsens als unsinnig deklarieren und so das politische Klima ändern. Einer der Favoriten auf dem Filmfest in Toronto, Kritikerliebling und zudem ein Film, der sehr nachhaltige Diskussionen auslöste
Life Itself: Bewegende, intelligente Dokumentation über den passionierten Filmkritiker Roger Ebert und seinen Einfluss auf die Achtung hoher Filmkunst beim breiten Publikum sowie die Wechselwirkung zwischen ihm und Hollywood. Darüber hinaus ist dieser Film ein Loblied auf den Willen, trotz Erkrankung am Leben festzuhalten, so lang es geht
Citizen Four: Viel diskutierte Reportage über Edward Snowden

Weitere nicht zu verachtende Kandidaten:
Finding Vivian Mayer: Erhellende, preisgekrönte Doku des jungen Fotografieinteressierten John Maloof, der auf großartige Schwarzweißfotografien stößt, deren bis dahin unentdeckte und bereits verstorbene Urheberin daraufhin als enormes Talent erachtet wird. Maloof macht es sich also zur Aufgabe, sämtliche Fotografien der rätselhaften Vivan Mayer aufzutun und zugleich das große Rätsel zu knacken, wer diese Frau war. Spannend, clever und teils auch ergreifend.
Red Army: Doku über das Eishockeyteam der Roten Armee, die darauf eingeht, wie sich die Sportwelt und die soziale Situation eines Landes gleichen können. Seit der euphorischen Reaktion auf den Film beim Filmfest in Telluride ein großer Oscarfavorit, es fehlt aber bislang der Rückhalt großer Meinungsträger.
The Overnighters: Mehrfach prämierte, in Sundance umjubelte Dokumentation rund um eine Kleinstadt in North Dakota, in der ein Priester bis zu 1.000 finanziell gebeutelten Menschen gestattet, in der Kirche zu nächtigen, um sich von harter, schlecht bezahlter Arbeit auszuruhen. Inspirierend, relevant für unsere wirtschaftliche Lage, harsch.
Keep On Keepin' On: Kritikerliebling, Debütfilm, vertrieben von der Weinstein Company: Ehrfürchtiges Porträt der lebenden Jazzlegende Clark Terry.
The Case Against 8: Auf Sundance achtvoll gestartete sowie prämierte Doku, die sich mit dem Justizkampf gegenden kalifornischen Volksentscheid 'Proposition 8' (ein Gesetzentwurf gegen die gleichgeschlechtliche Ehe) befasst.
The Salt of Earth: Wim Wenders blickt in starken Bildern auf das Leben und Schaffen des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado.
20,000 Days on Earth: Polarisierende Mischung aus Doku und Fiktion rund um Nick Cave
Fed Up: Filmischer Enthüllungsbericht über den versteckten Zuckeranteil in Lebensmitteln, der schwere Auswirkungen auf die US-Bevölkerung hat
Tales of the Grim Sleeper:  Als berührend und schockierende Reportage beschriebener Tatsachenbericht über den als "Grim Sleeper" in die Medien gelangten Serienmörder, der Los Angeles rund 20 Jahre lang in Atem hielt

Generell lassen erste Stimmen mutmaßen, dass 2014 als sehr gutes Dokujahr in die Filmgeschichte eingeht und auch ich finde allein in dieser Liste zahlreiche Filme, die mich ansprechen. Das macht die Auswahl einer Top Five für die Oscarprognose nicht gerade leichter. Im Dezember kommt eine Shortlist heraus, die vielleicht etwas mehr Übersicht erlaubt, dennoch springe ich schon jetzt ins kalte Wasser und tippe auf:

  • Merchants of Doubt
  • Citizen Four
  • Life Itself
  • Keep On Keepin' On
  • The Overnighters
Es tut mir dabei sehr, sehr leid um Finding Vivan Mayer, den ich wirklich stark finde, aber im Moment erachte ich diese fünf als die durchsetzungsfähigeren Kandidaten. Und ihr?