Donnerstag, 26. Mai 2016

Meine Top 5 der Videospielfilme

Videospielverfilmungen sind wieder in aller Munde. Oder zumindest innerhalb der Filmfancommunity wieder ein heißes Gesprächsthema: Aktuell kämpft Warcraft: The Beginning darum, ein großes Publikum in die Säle zu locken und so das Stigma floppender Videospieladaptionen in alle Winde zu zerstreuen. Zudem ging erst kürzlich der Trailer zu Assasin's Creed online, der (trotz diskutabler Musikuntermalung) durchaus Hoffnungen auf eine ansprechende Action-Agenteuergeschichte mit guten Darstellern macht. Und dann ist da ja noch Angry Birds - Der Film, der zwar nicht den gewaltigen finanziellen Überknaller darstellt, den sich Sony einst bei der Ankündigung gewiss ausgemalt hat, der aber sehr wohl beachtliche Zahlen schreibt.

Grund genug, mir eine ruhige Minute zu nehmen und aus der großen Auswahl an Videospielverfilmungen meine fünf Favoriten zu küren. Dabei habe ich mir als Regel gesetzt, pro Franchise nur einen Film auszuwählen. Und Filme über Videospiele gelten nicht, also leider kein Tron oder Tron: Legacy in denen neue Spiele erschaffen, statt bereits erschienene adaptiert werden. Es müssen schon real existierende Videospiele zu cineastischem Leben erweckt werden. Nun dann ... los geht's!

Platz 5: Angry Birds - Der Film (Regie: Clay Kaytis & Fergal Reilly)

Die Verfilmung der Spiele-App Angry Birds ist schwach. Sie hat so ihre ulkigen Momente, insbesondere in der dank Christoph Maria Herbst mit trockenem Sarkasmus aufwartenden deutschen Synchronfassung. Dennoch gibt es viel Leerlauf zu erdulden, während das Chaosfinale irgendwann seinen Reiz zu sehr in die Länge zieht und der Mittelteil dann und wann seine innere Logik auf Standby schaltet. Dennoch: Die Animation ist solide und manch absurder Gag trifft. Angesichts der bislang noch sehr wackligen Lage, in der sich Videospieladaptionen befinden, reicht das für Rang fünf.

Platz 4: Resident Evil: Retribution (Regie: Paul W.S. Anderson)

Ich sehe vor meinem inneren Auge schon die fauligen Tomaten, die ihr gerade gen Monitor, Tablet oder Smartphone schmeißt. Und während ich mich wundere, wo ihr die so plötzlich her habt, zucke ich mit den Schultern und sage: Anderson mag (von Film zu Film immer mehr) die Vorlage mit Füßen treten. Doch seine stylischen, mit toll choreografierten Kämpfen und (später) mit tollem 3D aufwartenden, kleinen, bescheuerten Zombie-Actioner sind nicht nur total Banane, sondern zumeist auch sehr unterhaltsam. Und somit haben sie dem Großteil der bisherigen Videospielverfilmungen einen bis drei Schritte voraus. Der bislang jüngste und (voraussichtlich/angeblich) vorletzte Teil der Reihe gefällt mir am meisten: Er wirft die Alibihandlung über Bord und konzentriert sich allein auf Look, Sound und Action. Darüber hinaus mag er eine dürftige Umsetzung des Resident Evil-Spielemythos sein, als Videospielfilm trumpft er dennoch auf, denn mit seinen Settingsprüngen imitiert Resident Evil: Retribution wunderbar die Level-Logik vieler Games. Hier ist das Lava-Level. Das Großstadt-Level. Das Vorstadt-Level. Das kühle Sci-Fi-Basis-Level. Das Finale!

Platz 3: Need for Speed (Regie: Scott Waugh)

Nach dem großen Qualitätssprung zwischen Platz fünf und Platz vier folgt hier ein noch deutlicher Hopser: Scott Waughs benzingetränkte Blechschadensause Need for Speed mag an den Kinokassen untergegangen sein und wurde zudem von Kritikern verlacht. Aber ihr habt doch alle keine Ahnung! Der auf haptische, turbulente Autostunts setzende Regisseur nimmt die "Glaubwürdiger als Mario Kart, aber mit nachgiebigerer Physik als Gran Turismo"-Logik des Arcade-Style-Rennfranchises und zelebriert eine altmodische, manchmal pathetische, zumeist aber extrem launige Autorennaction, die zumindest in meinen Augen die gesamte Fast & Furious-Saga Staub schlucken lässt. Darauf erstmal ein Bier, und zwar ein gutes!

Platz 2: Prince of Persia: Der Sand der Zeit (Regie: Mike Newell)

Verdammt noch eins, was habe ich diesen Film lieb! Gewiss, dieser klar unter den Erwartungen laufende, nie die geplante Fortsetzung erhaltende Jerry-Bruckheimer-Abenteuerspaß könnte zwischendurch einen Hauch zügiger voranschreiten und das Finale verlässt sich etwas zu stark auf reines Effektgewitter. Aber mit einem charismatischen, augenzwinkernden Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle, einer kessen Gemma Arterton in der weiblichen Hauptrolle und einem immens amüsanten Alfred Molina als Tagelöhner mit gutem Herzen sowie mit tollen Kampfsequenzen rund um Steve Toussaint hat diese Kreuzung aus Abenteuerromantik-Nostalgie und modernem, ironisch gewürztem Blockbuster-Pomp allerhand zu bieten. Eine tolle Kameraarbeit, ein schwelgerischer Score und kecker Dialogwitz sind ebenfalls Teil dieses unterschätzten Gesamtpakets. Aber nein, die Welt wollte den Film ja unbedingt ignorieren, also gibt es halt kein Sequel. Tzzz ...

Platz 1: Ralph reicht's (Regie: Rich Moore)

"Du mogelst!", wird nun sicher mancher von euch in den Raum brüllen. Aber was kann ich dafür, wenn der beste Film, in dem Videospielschöpfungen zu den handelnden Figuren gehören, ein Disney-Animationsmeisterwerk ist, in dem die zentralen Rollen an neu geschaffene Persönlichkeiten gingen? Ralph reicht's ist eine wunderschöne Geschichte darüber, wie sehr unsere Tätigkeit unsere Position in der Gesellschaft und unser Selbstwertgefühl beeinflussen kann, und obendrein eine äußerst spaßige Buddy-Komödie, in der halt auch diverse Videospiel-Kultfiguren zu sehen sind. Schade, dass Ralph reicht's (gefühlt) nur eine kleine Disney-Fandom-Halbwertszeit hatte. Aber vielleicht wird der solide Hit irgendwann wiederentdeckt und bleibt dann länger im gemeinschaftlichen Gedächtnis haften?

Samstag, 21. Mai 2016

The Hateful Eight


Die Uhr tickt: Auf einer Konferenz im Rahmen des American Film Market kündigte Quentin Tarantino während der Vorbereitungen zu The Hateful Eight an, damit zu liebäugeln, „eine 10-Filme-Filmografie“ zu hinterlassen. Somit befinden wir uns bereits auf dem Zielgeraden von Tarantinos cineastischen Schaffen – denn wie eine Titeleinblendung im Vorspann dieses winterlichen Western-Rachekammerspiels (vor diesem Hintergrund sehr bedrohlich) festhält, ist The Hateful Eight bereits sein achter Film. Ein Silbertreifen am Horizont bleibt allerdings: Tarantino ist bekanntlich ein Künstler, der häufig seine Meinung ändert – ein Blick auf die lange Liste von ihm angekündigter Projekte, die er letztlich hat fallen lassen, genügt als Beweis. Daher dürfen Cineasten hoffen, dass sich der frühere Videothekar noch, ganz typisch für ihn, umentscheidet. Sollte sich Tarantino aber in die Vorstellung verbeißen, nach zehn Kino-Regiearbeiten in den Ruhestand zu gehen, so beginnt der Kultfilmer seinen Endspurt wenigstens mit einem wahrlich denkwürdigen, ungewöhnlichen Kleinod:

Wenige Jahre nach dem US-Bürgerkrieg begibt sich der Kopfgeldjäger Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) auf den Weg nach Red Rock. Da sein Pferd dem unwirschen Winterwetter nicht gewachsen war, will sich Warren bei einer Kutschfahrt einklinken, die sein legendärer Mitbewerber John Ruth (Kurt Russell) nur für sich und seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) gebucht hat. Ruth misstraut Warren zunächst, bis er sich an ein gemeinsames Abendessen erinnert, und genehmigt ihm daher, mitzufahren. Unterwegs treffen die Kopfgeldjäger und ihre rotzfreche, unfreiwillige Begleitung auf den früheren Tunichtgut Chris Mannix (Walton Goggins), der behauptet, der neue Sherriff von Red Rock zu sein. Ruth und Warren zweifeln dies an, sehen sich aber gezwungen, ihn ebenfalls mitfahren zu lassen. Da ein Schneesturm aufzieht, endet die Kutschfahrt in „Minnies Miederwarenladen“, wo sie vom wortkargen Mexikaner Bob (Demián Bichir), dem stets amüsierten Briten Oswaldo Mobray (Tim Roth), dem genervt dreinblickenden Cowboy Joe Gage (Michael Madsen) und dem ehemaligen Konföderiertengeneral Sanford Smithers (Bruce Dern) begrüßt werden. Eine explosive Gesellschaft …

Abgesehen von Quentin Tarantino wäre wohl kaum ein heutiger Regisseur auf die Idee gekommen, diese Story nicht in einem normalen, schmalen Bildformat und der Einfachheit halber mit digitalen Kameras zu drehen, sondern im extrabreiten Ultra-Panavision-Format und auf analogem 65mm-Filmmaterial. Letzteres stellt für ein dialoglastiges Kammerspiel eine große Herausforderung dar, der heutzutage viele Filmemacher aus dem Weg gehen: Digitalkameras können sehr viel mehr Material am Stück aufnehmen als analoge Kameras, welche mit schweren Filmrollen bestückt werden müssen und so zwangsweise an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Nicht zuletzt bei Filmen, in denen redselige Figuren ellenlange Monologe von sich geben, bevorzugen daher mehr und mehr Kinoschaffende den digitalen Weg.

Nicht aber der Nostalgiker Quentin Tarantino: Dank spezieller, 600 Meter Film fassender Rollen konnte er bei The Hateful Eight auch im Ultrabreitbildformat lange Szenen von bis zu sieben Minuten Laufzeit am Stück drehen. Dies erforderte zwar noch immer höhere Konzentration und akkuratere Planung als unter Verwendung der unkomplizierteren Digitaltechnik, aber für den Pulp Fiction-Regisseur ist dies ein bezahlbarer Preis, um der klassischen Filmkunst auch heute noch Tribut zu zollen. Zumal Tarantinos Begeisterung für 70mm-Bilder keine alleinige Prinzipienfrage ist: 70mm-Film erlaubt eine vergleichbare Bildschärfe wie Spitzen-Digitalkameras, gibt Tiefe, Farbe und Licht jedoch ganz anders wieder, so dass sich eine mittlerweile ungewohnte (fast schon expressionistische) Ästhetik ergibt.

Gerade, weil zu den wenigen Ultra-Panavision-Veröffentlichungen solche Epen wie Meuterei auf der Bounty und die verwegene Freiluft-Slapstickkomödie Eine total, total verrückte Welt zählen, besteht die Vorstellung, das Breitwandformat von 1:2,76 sei nur bei spektakulären Landschaftsbildern sinnig. Aber The Hateful Eight straft dies als Irrtum ab: Selbstredend weisen die unter freiem Himmel spielenden Szenen die Bildgewalt auf, die aufgrund der verwendeten Technologie zu erwarten steht. Allerdings zeigt das äußerst breite Bildformat in den zahlreichen Momenten, die in geschlossenen Räumen spielen, sogar noch mehr Wirkung.

Ob in einer Kutsche im rustikalen Edel-Look oder später in Minnies Miederwarenladen: Sehr häufig nimmt die von Robert Richardson (JFK – Tatort Dallas) geführte Kamera nicht nur die gerade verbal ausschweifende Figur in den Fokus, sondern gleichzeitig noch einen oder gar mehrere Zuhörer. Dass sogleich mehrere der Darsteller in all der ihnen gebührenden Größe nebeneinander zu sehen sind, erlaubt es dem Zuschauer, nicht nur auf den Sprecher zu achten, sondern auch auf die Reaktionen, die er provoziert. Angesichts dessen, dass The Hateful Eight ein harsche Dramatik und bitterbösen Humor mischendes Kammerspiel über die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und wahren Absichten und über korrumpierte Moralvorstellungen ist, erweist sich diese inszenatorische Ausrichtung als überaus ergiebig: Wie im Theater lassen sich gleichzeitig mehrere Performances bis ins kleinste Detail begutachten, was die Spannung ungemein erhöht – stets stellt sich die Frage: Wann entlädt sich die in dieser Gruppe anstauende Wut? Gerade aufgrund der Doppelbödigkeit der von Tarantino erdachten Persönlichkeiten lädt dies zudem zu wiederholten Sichtungen dieses Films ein, um beim ständigen Aktion-Reaktion-Wechselspiel nach Nuancen Ausschau zu halten, die einem zuvor entgangen sind.

Des Weiteren gestattet es das ultrabreite Bild dem liebevoll sowie abwechslungsreich ausgestatteten Laden, in dem die titelgebenden acht hasserfüllten Personen unterkommen, zu einem weiteren Charakter dieser Produktion aufzusteigen: Im Hintergrund gibt es stets etwas zu entdecken, und oft wissen diese Randdetails die Stimmung der jeweiligen Szene unterstreicht. Da in einigen Einstellungen (anders als in vielen Filmen mit „normalem“ Format) mehrere Wände auf einmal zu sehen sind, erzeugen Tarantino und Richardson ganz beiläufig das Gefühl des Eingeschlossenseins. Durch die noch obendrauf kommende, lange Laufzeit von The Hateful Eight ist es fast so, als wäre man wirklich stundenlang mit den ikonisch eingekleideten, imposante Manierismen an den Tag legenden, hundsgemeinen Figuren in einem Raum gefangen.


Anders als in Tarantinos Debüt Reservoir Dogs ist dies aber keine kultig-lässige Erfahrung. Denn obwohl es das gesamte Ensemble sichtbar genießt, die einprägsamen Textzeilen aufzusagen und überlebensgroße, getragene Rollen zu spielen, ist The Hateful Eight kein derart vor Coolness und Style triefender Film wie von Tarantino gewohnt. Nicht missverstehen: Tarantino ohne seinen lockeren Style gibt es nicht, im Gegensatz zu den bisherigen Werken des Oscar-Preisträgers suhlt sich dessen Regiearbeit Nummer Acht allerdings in einer durch und durch garstigen Weltsicht. Reservoir Dogs hat augenzwinkernde Dialoge, Pulp Fiction eine comichafte Gelassenheit, Jackie Brown eine relativ klare Moral, Kill Bill illusorische Qualitäten, Death Proof einen triumphalen Powerfrauen-Aspekt und Inglourious Basterds sowie Django Unchained pfuschen als Rachefantasien sogar in der Geschichtsschreibung herum, um für freudig grinsende Gesichter im Kinosaal zu sorgen. The Hateful Eight verfügt ebenfalls über herrlich freche Sprüche und Vulgaritätsspitzen, wie sie Tarantino liebt – unterm Strich bleibt trotzdem die Erkenntnis: Was leben wir nur in einer garstigen Welt!

Frauenhasser, Gewaltfetischisten, Lügner, Rassisten und Gesetzesfreunde, die ihre Heldenhaftigkeit durch abartiges Benehmen untergraben: Bei den Figuren, die Tarantino auf sein Publikum loslässt, war niemals zuvor der Filmtitel so programmatisch wie bei The Hateful Eight. Ähnlich tickende Rollen gab es bei Tarantino schon immer. Doch verzeihliche Qualitäten sind im Figurenrepertorie dieses winterlich-harschen Westerns rar gesät – anders als bislang gewohnt. Daher kommt es nicht all zu überraschend, dass nach den wirtschaftlichen Höhenflügen der beiden vorhergegangenen Tarantino-Filme in den USA wieder kleinere Einnahmen zu Buche stehen. Sympathieträger sucht man vergebens – wer Identifikationsfiguren benötigt, um mitfiebern zu können, wird von The Hateful Eight sicherlich enttäuscht sein. Die magnetischen Darbietungen der Schauspielrunde (vor allem Samuel L. Jackson, Jennifer Jason Leigh, Kurt Russell, Tim Roth und Walton Goggins stechen hervor) und die berechtigt-selbstverliebten Dialoge sollten alle anderen Filmliebhaber unterdessen in ihren Bann ziehen.

Hinzu kommen eine Musikzusammenstellung, die wie die Faust aufs Auge passt (inklusive neu für den Film geschriebener, psychotischer Melodien aus der Feder von Komponistenlegende Ennio Morricone) und wunderbar fiese Gewaltspitzen, die diesem Mammut von einem Westerndrama zusätzlich Energie verleihen. Es mag nicht Tarantinos größer Hit sein – dennoch werden gewiss noch Generationen von Filmliebhabern diese gemeine, auf derber Weise unterhaltsame, raffinierte Studie charakterlicher Untiefen rauf und runter analysieren. Und das völlig zu recht, denn The Hateful Eight ist ebenso tiefgreifend und kess, wie sein Bildformat altmodisch und breit ist.

Fazit: The Hateful Eight ist ein waschechter Quentin Tarantino – nur besonders lang und besonders harsch: Kunstvolle, stilisierte Dialoge, überlebensgroße Figuren und verquere, durchdachte Beobachtungen über die menschliche Moral. Das ist ebenso kultig wie böse!