Freitag, 24. März 2017

Freitag der Karibik #35

Das Teaser-Plakat zum fünften Pirates of the Caribbean kennen wir alle ja schon, nicht zuletzt, da Disney es in den Trailern zum Film sehr prominent benutzt. Die Hauptplakate wiederum sind noch relativ frisch - und segeln alles andere als einen geordneten Kurs.


Charakterposter? Auf die Johnny-Depp-Fans zugeschnittenes Plakatmotiv? Selbstbewusste Fokussierung des Marketingteams auf einen der Hauptverkaufsgründe der bisherigen Filmreihe? Das Foto ist ja schon saucool und die kleine Schriftgröße des Originaltitels in güldenen, geschwungenen Lettern hat auch was. Sehr piratig ist das alles nicht, hat aber eine kernig-rockige Attitüde. Könnte auch das Cover eines Tribute-Albums mit Piraten-Rocksongs sein.

 
Bunt. Sehr bunt. Die Farbästhetik gefällt mir, dass es so eindeutig erkennbar ist, dass die Figuren eilig an ihre Position gephotoshopt wurden, macht diese eigentlich gelungene Plakatidee aber wieder total kaputt.


Solide. Die Geisterhaie sind stylisch und per se passt dieses Motiv gut in die bisherige Pirates-Posterreihe. Aber die Umsetzung ist halt so beschämend halbgar.


Irgendwer bei Disney erinnerte sich daran, dass der finale Harry Potter-Film erfolgreich lief und dachte sich: Jo, können wir auch. Nur, dass Disney eigentlich Trendsetter sein sollte, statt jemand, der mit großem Abstand hinterherrennt. Und dass Harry vs. Voldemort über acht Filme hinweg aufgebaut wurde. Salazar hingegen lernt das Publikum jetzt erst kennen.

Auf viele weitere Poster. Es wird schon ein geniales dabei sein. Sonst hänge ich mir halt das Teasermotiv an die Wand.

Elliot, der Drache


Die Remake-Maschinerie läuft und läuft und läuft – und spuckt dabei Filme höchst unterschiedlicher Qualität heraus. Weshalb auch nicht? Ob Originalstoffe, Romanadaptionen oder Neuverfilmungen, letztlich ist die Quelle der Inspiration bei Filmen nur der Stein des Anstoßes. Was zählt, ist was am Ende auf die Leinwand gelangt. Beim Disney-Konzern, der sich derzeit in einem wahren Remake-Fieber befindet, lässt sich aktuell keine klare Linie hinsichtlich der oft zu Unrecht geschundenen Filmgattung 'Neuauflage' feststellen.

Während etwa The Jungle Book aus dem locker-lässigen Zeichentrickfilm Das Dschungelbuch ein abenteuerliches Spektakel formt, stellt Disneys Realfilm-Cinderella wie schon die gezeichnete Variante eine klassische Märchengeschichte dar. Mit Elliot, der Drache schlägt Disney schon wieder eine neue Richtung ein: Weder „größer, actionreicher und finsterer“ noch „neu, aber familiär“. Stattdessen wird aus einem kindlich-optimistischen, zuckrigen Realfilmmusical mit Zeichentrick-Schmunzelmonster nun eine bezaubernde, ruhige Familiengeschichte mit Indie-Feeling.

Im verschlafenen, an einen traumhaften Wald grenzenden Städtchen Millhaven begeistert Holzschnitzer Mr. Meacham (Robert Redford) seit Jahrzehnten Kinder mit fesselnden Geschichten darüber, wie er einst einem wilden Drachen gegenübergetreten ist. Seine Tochter Grace (Bryce Dallas Howard) kann über diese Erzählungen nur müde schmunzeln – kennt sie als Försterin die weitläufige Natur vor der eigenen Haustür doch so gut wie ihre Westentasche und weiß genau: Hier verbirgt sich kein riesiges Ungetüm. Denkt sie zumindest. Denn als sie eines Tages den Waisenjungen Pete (Oakes Fegley) ausfindig macht, behauptet dieser Wildfang, gemeinsam mit einem freundlichen Drachen namens Elliot in den Wäldern zu leben. Nach anfänglichem Misstrauen fängt Grace an, dem Jungen Glauben zu schenken. Ihr Partner Jack (Wes Bentley) hingegen zögert, während dessen Bruder Gavin (Karl Urban) beschließt, auf Drachenjagd zu gehen …

Die ersten Minuten dieses Elliot, das Schmunzelmonster-Remakes wecken einen irreführenden Eindruck: The Saints – Sie kannten kein Gesetz-Regisseur David Lowery eröffnet seinen Film mit einem Übermaß an dramatisch-sentimentalen Vorzeichen. Der kleine Pete sitzt auf der Rückbank eines Autos, während er ein Kinderbuch liest, das davon handelt, dass Abenteuer gelegentlich schaurig sein können, aber schlussendlich eine erfreuliche Wende annehmen. Parallel dazu unterhält er sich mit seinen Eltern, die im fahrenden Wagen nicht auf den Verkehr achten. Selbst für Disney, wo die Eltern der Hauptfiguren eine auffällige Tendenz dazu haben, frühzeitig ins Gras zu beißen, ist dies ein äußerst aggressives Damoklesschwert, das über dem elterlichen Wagen schwebt. Nach dem unvermeidlichen Unfall begrüßt zudem ein unecht aussehendes Digitalreh das frisch gewordene Waisenkind – kein optimistisch stimmender Start.

Direkt danach bricht jedoch ein wundervoller Moment der Situationskomik das sprichwörtliche Eis, das sich in den ersten Filmminuten gebildet hat: Pete steht dem riesigen Elliot gegenüber und fragt ihn mit großen Augen sowie im herzlichsten Tonfall, den ein Kindergartenkind anschlagen kann, ob er ihn nun fressen wird. Elliot blickt entgeistert drein und setzt ein schlaksiges Lächeln auf – so führt Lowery effizient und plausibel die Dynamik zwischen seinen ungleichen Protagonisten ein und kehrt schlagartig dem bisherigen pappsüß-melodramatischen Tonfall den Rücken zu, um daraufhin auch nie wieder zu ihm zurückzukehren.

Inhaltlich hangelt sich Elliot, der Drache zwar an den archetypischen narrativen Wendepunkten solcher Kindergeschichten entlang: Ein Kind mit einem andersweltlichen Geheimnis findet in einem zweifelnden, doch vertrauensvollen Erwachsenen einen Verbündeten, aber dann droht aufgrund anderer Erwachsener, alles aus den Fugen zu geraten. Was das von Lowery und Toby Halbrooks verfasste Skript von vergleichbaren Storys allerdings abhebt, ist der Schwerpunkt ihrer Erzählung. Weder geht es um ein sich entfaltendes Pointengewitter, noch darum, naiv-kinderfreundliche Spannung aus der Frage „Wird für die Helden alles gut gehen?“ zu ziehen.

Stattdessen liegt der Fokus in dieser sich ruhig und bodenständig entwickelnden Handlung darauf, die Freundschaft zwischen Pete und Elliot detailliert zu skizzieren und die Frage zu stellen, wie sie sich fühlen, sobald sie voneinander getrennt werden. Dabei verlässt sich Lowery intensiv auf das Schauspiel seines Hauptdarstellers Oakes Fegley (Sieben verdammt lange Tage). Dieser zieht im studiointernen Wettkampf der Jungmimen, die in der Wildnis aufgewachsene Buben mit tierischen Freunden spielen, mühelos an seinem The Jungle Book-Kollegen Neel Sethi vorbei. Dieser gibt in Jon Favreaus Abenteuerfilm zwar eine gute Performance, doch Fegley verschwindet vollkommen in seiner überraschend komplexen Rolle: Mit wenigen Worten gibt er ein aufgewecktes Kind, dem man ohne jeden Zweifel glaubt, dass es nur mit Hilfe eines verspielten Drachen jahrelang im Wald überleben konnte, und das die wiederentdeckte Zivilisation zwiegespalten aufnimmt.

Wenn Fegley alias Pete aus Gewohnheit durch Graces Wohnung turnt, als befände er sich im rauen Waldgelände, und dennoch klaren Anpassungswillen zeigt, dann aber mit wehmütigem Blick an Elliot denkt, entwickeln sich umfangreichere Emotionen als in ähnlich gelagerten Geschichten üblich. Ebenso ist die Charakteranimation Elliots äußerst aussagekräftig: Der mächtige Flauschedrache ist mit seiner tollpatschigen Art zugleich Petes großer Beschützer sowie sein liebenswertes, gelegentlich etwas dümmlich wirkendes Haustier. Umso berührender ist es, wenn der dankbare Welpenblick in Elliots Augen einem verletzten, bekümmerten Gesichtsausdruck weicht. Eben diese glaubwürdige Mimik und Gestik Elliots trügt auch über die raren Momente hinweg, in denen die sich gemeinhin nahtlos in die realen Aufnahmen fügenden Effekte dann doch nicht ganz rund sind.

Generell lebt Elliot, der Drache vom ästhetischen Empfinden Lowerys, der seinen Film in den frühen 80ern ansiedelt, ohne die überdeutliche Nostalgie eines Stranger Things zu verwenden. Die Inneneinrichtung der gezeigten Häuser hat rustikalen Charme, die Kostüme sind aus unserer Zeit gefallen und passen zu den Figuren wie die Faust aufs Auge, wirken dabei aber auch abgenutzt – es ist eine Indie-Bilderbuchwelt: Malerisch, aber gebraucht. Begleitet durch verspielte, aber unaufdringliche Originalmusik des Komponisten Daniel Hart (Return to Sender) und kernig-optimistische Folkrock und Countrysongs erhält diese leicht magische Filmwelt auch ein passendes Klangbett. Während Lowery und Cutterin Lisa Zeno Churgin (Gottes Werk & Teufels Beitrag) das Gute-Nacht-Geschichte-Flair dadurch verstärken, dass sie die narrativen Abschnitte durch längere Schwarzblenden (also: Atempausen) markieren, hüllt Kameramann Bojan Bazelli (Lone Ranger) das Geschehen in ein sanftes, magisches Licht, ohne dabei einen so starken Weichzeichnereffekt zu erzielen, dass das Gezeigte glattgebügelt rüberkommt.

Begleitet von zwar klar auf wenige Charakterzüge zugespitzte, aber nie lustlos wirkende Darbietungen der markigen Nebendarsteller (vom planlos-gemeinen Karl Urban über die sympathische Bryce Dallas Howard hin zum großväterlichen Robert Redford) entsteht so ein Film, der sich wie eine glückliche Ehe zwischen erdig-verträumten Indie-Filmemachen und dem großen, magischen Disney-Erbe anfühlt.

Angesichts der Produktionsgeschichte (Lowery behauptet, von Disney freies Geleit erhalten zu haben, sofern er einen Film für die ganze Familie abliefert), verwundert das kaum – und weckt den Wunsch nach mehr Remakes dieser Kajüte. Gewiss ein naiver Wunsch. Allein angesichts der Flut an angekündigten Disney-Neuverfilmungen wird es über kurz oder lang wieder einen forcierten, unrunden Ansatz geben, bei dem Effekthascherei über nachvollziehbarer Emotionalität steht. Aber so lange es dann und wann wieder bezaubernde Filme wie Elliot, der Drache gibt, die so verträumte Fragen wecken wie „Ich frage mich, wie es sich anfühlt, Elliot zu streicheln?“, so lange darf man an kleine Kinowunder glauben.

Fazit: Kleiner und zarter, statt größer und spektakulärer – ein Disney-Remake wie Elliot, der Drache hat die Welt noch nicht gesehen.

Diese Kritik erschien zuerst bei Quotenmeter.de