Samstag, 2. Februar 2008

Welche Spuren hat er an Euch hinterlassen, frag' ich mich

ARRR! Seichtwassermatrosen, geht in Deckung! Wahnwitzige SPOILER über die piratigste Kinotrilogie diesseits des Reiches von Davy Jones in Sicht!


Die Pirates of the Caribbean-Trilogie baut nicht nur auf massenweise Kielladungen voll Abenteuer, Humor und Ka-Wumm, sondern auch auf ihr erstaunlich seetüchtiges Skripting. Entgegen jeglicher Hollywood-Regel meutern, betrügen und mogeln sich die Piraten der Karibik durch die wahnwitzige Handlung, mit voranschreitender Handlung werden dem Zuschauer immer mehr zurückgehaltene Pläne, Ideen und spontane Aktionen offenbart, die die handelnden Figuren jederzeit aus der Hinterhand holen.
Ted Elliott und Terry Rossio arbeiteten bei Pirates of the Caribbean nach einem von Billy Wilder geprägten Mantra: "Das Publikum kann 2 plus 2 selber zusammenzählen. Du musst nicht alles verraten."
So bekommt der Zuschauer an mehrere Stellen der Filmreihe gar keine alles umfassende Erklärung, sondern nur genug Informationen, um sich selber ein Urteil der Fakten bilden zu können.

Hilfreich ist dabei, dass sich unter den Piraten mehrere erfahrene Seebären befinden, die sich gerne auch dazu bereit erklären den umstehenden Charakteren etwas von ihrem Seefahrerwissen zu erzählen. Erscheint das, was Master Gibbs, Captain Hector Barbossa oder auch die Handlanger Pintel und Ragetti manchmal so erzählen zwar zunächst noch als bloßes Seemannsgarn, und scheint die mystische Tia Dalma mit ihren verworrenen Prophezeiungen und leidenschaftlich erzählten Geschichten über den schrecklichen Davy Jones dick aufzutragen, so wird dem Zuschauer schnell klar: In diesen Geschichten stecken mehr Körnchen Wahrheit, als einem vorsichtigen Menschen lieb sein kann.

Doch neben diesen großen Meistern der Exposition in der PotC-Saga wird eine gar wertvolle Figur völlig unterschätzt: Der gute, nicht wirklich alte, mit einer wunderschönen Singstimme ausgestattete "Welpe" William Turner!

Man darf nämlich nicht vergessen, dass Will Turner in jedem der drei bisherigen PotC-Filme im Laufe der Handlung eine außerordentlich wichtige Frage stellt, die nicht nur Will unter den Nägeln brennt, sondern auch dem Zuschauer. Und nur weil Will sofort nachfragt, wird das Fragezeichen, das über dem interessierten Publikum schwebt überhaupt in der Filmwelt behandelt.

Das beste, da erfolgreichste, Beispiel für eine solch typische Will-Turner-Frage findet sich im ersten Teil, als Will und Gibbs hinter Jacks Rücken über dessen Vergangenheit sprechen. Gibbs erzählt dem Waffenschmied aus Port Royal, wie Jack von der Insel fliehen konnte, auf der er von seinem meuternden ersten Maat zurückgelassen wurde.

Als das ehemalige Mitglied der Royal Navy dann plötzlich anfängt zu schildern, wie sich der pfiffige Piratenkapitän aus einem Seil und zwei Schildkröten ein Floß bastelt, fragt sich der aufgeweckte Zuschauer jedoch eins: Woraus hat Jack denn nun bitte das Seil gemacht?

Nun, eben diese Frage stellt sich auch Will Turnern, und das Ergebnis ist eine der besten, witzigsten und vor allem am wenigsten erwarteten Antworten der letzten Kinojahre: Menschenhaar... von Jacks Rücken!

Zwei Filme später erwartet den Zuschauer die obligatorische Will-Turner-Frage bereits in den ersten paar Minuten des Films. Barbossa, Elizabeth, Turner sowie die Black-Pearl-Crew befinden sich in Singapur, genauer gesagt im Badehaus des Piratenfürsten Sao Feng, als dieser mitten in einer angespannten Diskussion einen Spitzel entdeckt. Dieser gehört jedoch, wie Barbossa eindrücklich klar macht, nicht zur Mannschaft rund um den von den Toten auferstandenen, ehemals verfluchten Kapitän. Er gehört aber auch nicht zu Sao Fengs Männern, ansonsten würde dieser ja nicht so lauthals protestieren.
Es liegt also diese Frage in der Luft. Diese unmöglich anhand der bereits bekannten Fakten zu beantwortende Frage. Zu wem gehört dieser Mann?

Während die anderen Figuren es stillschweigend in Kauf nehmen, dass sie es nicht wissen können, muss Turner natürlich fragen.
"Wenn er nicht zu Euch gehört, und auch nicht zu uns... zu wem gehört er dann?"

Die Antwort auf diese mit Sherlock-Holmes-ähnlicher Genialität gestellte Frage bekommt Turner sofort. Die East India Trading Company fällt in das Badehaus ein und sorgt für allerhand Trubel.

Dies sind also zwei Beispiele für eine typische Will-Turner-Frage. Die eine war berechtigt und wurde auch entsprechend gut beantwortet, die andere Frage hätte sich Will sparen können (manche Fragen stellt sich zwar jeder, aber man muss sie doch nicht aussprechen), erst Recht, wenn man bedenkt, dass die Trading Company binnen weniger Sekunden jegliche verbale Antwort unnötig macht.

Doch es gibt da noch so eine Frage... In Dead Man's Chest stellt Will Turner eine überaus berechtigte, kleine Frage. Hier sogar weniger aus kindlicher Neugier oder einem Anflug von Detektiv-Fieber, sondern, und dafür muss man ihm durchaus ein wenig Respekt zollen, aus einer kleinen, schelmischen Laune heraus.

Nachdem Lord Cutler Beckett sich in Port Royal einquartierte und Will Turner zu sich herbeizitierte, erzählt der größenwahnsinnige Lord von seiner Bekanntschaft zum Piraten Jack Sparrow. Um seiner Erzählung weiteres Gewicht zu verleihen, deutet dieser auch an, dass zwischen diesen beiden auch schon einiges vorgefallen sei. Sie hätten beide ihre Spuren an sich hinterlassen, gibt Beckett richtig stolz von sich, als er ein Piraten-Brandzeichen anheizt.
Will erwidert Becketts Gerede mit einem hämischen Grinsen auf den Lippen und fragt, was für Spuren Jack denn an ihm hinterlassen habe.

Eine berechtigte und vor allem auch interessante Frage, die sich sicherlich auch so mancher Zuschauer noch gestellt hätte.
Da sich im Laufe des zweiten Pirates of the Caribbean-Streifens jedoch keine Antwort auf diese Frage finden ließ, warteten die Fans geduldig auf eine Antwort im Laufe des dritten Teils. Doch während auf andere Fragen tatsächlich explizit geantwortet wurde, und andere Fragen sich mit einem Quäntchen Intelligenz beantworten ließen, blieb man Will Turner und auch dem Publikum eine klare Antwort auf diese Frage schuldig.

Aber das PotC-Fandom gehört zu den neugierigsten und kreativsten Fangemeinschaften, die Hollywood derzeit vorfinden kann. Es dürfte also niemanden überraschen, dass sich so mancher auf die Suche nach einer Antwort begeben hat. Ich für meinen Teil habe meine Antwort bereits gefunden. Und die möchte ich euch nicht länger vorenthalten.

Die Non-Kanon-Kinderbuch-Antwort:
Zuvor muss jedoch erstmal geklärt werden, wie diese Frage nicht beantwortet werden kann, obwohl diese theoretische Antwort hartnäckig im Internet kursiert. Diese entstammt wohl einem im Rahmen des Kinostarts von Dead Man's Chest veröffentlichten Kinderbuch über Pirates of the Caribbean. Außerdem soll diese Erklärung längere Zeit auf einer offiziellen Disney-Webseite zum Film (oder zur DVD) online gestanden haben - ich selbst kann mich jedoch nur sehr grob daran erinnern. Jedenfalls soll Jack demnach ein normales Leben geführt haben, und zwar als Handelskapitän für die East India Trading Company. Ca. 12 Jahre vor Beginn des ersten Films soll man ihm aufgetragen haben, eine "spezielle Fracht" nach Afrika zu liefern. Als der Kapitän erfuhr, dass es sich hierbei um Sklaven handelte entließ er sie in die Freiheit. Zur Strafe wurde sein Schiff versenkt und er selbst wurde mit dem "P"-Symbol gebrandmarkt und somit zu einem Piraten.

Diese Antwort ist zugegebenermaßen geschickt: Sie beantwortet nicht nur die Frage, welche Spuren Jack an Beckett hinterließ (einen gewaltigen finanziellen Schaden), sondern auch, wieso Jones für Sparrow die Pearl vom Grund des Meeres holte und wer denn all die weinenden Menschen sind, die am Ende von Dead Man's Chest im Sumpf vor Tia Dalmas Hütte stehen und eine Kerze hochhalten.

Allerdings stößt sie mir sauer auf. Sie ist für PotC-Verhältnisse zu simpel. Sie beantwortet drei Fragen, fügt jedoch sonst nichts zum Mythos hinzu. So erhält man fast schon den Eindruck, als verliefe im PotC-Universum alles völlig harmlos, bis halt der erste Film anfing. Dies widerspricht aber all den Seemannsgeschichten, -mythen und -anekdoten, die im Laufe der Trilogie erzählt werden. Immer und immer wieder passierte irgendetwas seltsames oder beeindruckendes in der Welt der Piraten, nicht erst in den paar Jährchen, die die Trilogie abdeckt.

Zudem widerspricht diese Theorie den im Fandom durchaus akzeptierten Jack-Sparrow-Prequel-Büchern von Rob Kidd, laut denen Sparrow schon als Jugendlicher und junger Erwachsener ein ungezähmter, wild lebender Abenteurer und Pirat war.

Und nicht zuletzt: Ich kann und will mir Jack Sparrow nicht in einem solchen Eiscreme-Outfit vorstellen, wie es James Norrington im ersten und letzten Teil der Trilogie trägt. Das ist ja grausig!

Umso erfreuter war ich, als ich im gemeinsamen Forum von Elliott und Rossio lesen konnte, wie die beiden auf diese Theorie reagierten. Als ein User fragte, ob die Geschichte, Jack Sparrow wäre kein Pirat gewesen sondern stetiger Mitarbeiter der EITC, hätte Sklaven frei gelassen, wäre erst dadurch zum Piraten geworden und der finanzielle Schaden, den Beckett erlangte, sei die Spur, die Jack an ihm hinterließ konnte man den Zündstoff im recht schlicht gehaltenen Forum selbst dann sehen, wenn man sich die Augen zuhält und den Raum abdunkelt. Klipp und klar vermittelten die Autoren, dass dies nicht stimmen würde. Wo der User das her hatte und wie er glauben könnte, dass es so ablief.

Diese Theorie ist also offiziell abgelehnt.

Meine ursprüngliche Theorie:
In meiner ursprünglichen Theorie erklärte sich durch die Geschichte zwischen Jack Sparrow und Beckett ein Running Gag der PotC-Trilogie. Denn Lord Cutler Beckett, so vermutete ich zumindest, ist niemand geringeres als derjenige, dem wir all die Eunuchen-Witze zu verdanken haben. Jack liebt es ja, Erinnerungen aus der Vergangenheit mit sich zu führen. All die kleinen Souvenirs, die in seine Haare geflochten oder um seinen Gürtel gebunden sind, erinnern ihn an vergangene Abenteuer. Ein sicherlich denkwürdiges Abenteuer, jedoch keines, das man wirklich mit sich herumtragen würde, wäre also auch seine Begegnung mit Beckett.
Ja, Beckett hat Jack Sparrow bei einem Akt der Piraterie überführt und gebrandmarkt. Und möglicherweise war es auch Beckett, der den Befehl gab Jacks geliebte Pearl auf den Grund des Meeres zu schicken. Es gibt innerhalb der Trilogie keine Beweise dafür, dass Beckett es war, aber es gibt mehr bejahende Hinweise, als Fakten, die dagegen sprechen. Die Sklaven-Geschichte aber war mir völlig fremd, und auch Jacks Zeit als Mitglied der EITC gehörten nicht zu meiner Theorie.

Entscheidend ist allein, dass Jack durch das Versenken der Pearl auch einen guten Grund für sein Handeln hatte. Denn wenn Beckett wirklich Jacks Pearl versenken ließ, dann wundert es kaum, dass Jack Sparrow irgendwann zurückkehrte und... *schnipp schnapp*

Schließlich möchte Jack Sparrow seinen meuternden ersten Maat Barbossa wegen seinen Handlungen umbringen (anstatt einfach nur die Pearl zurückzuerobern). Warum sollte er also jemanden wie Beckett nicht auch mal so eben kastrieren?

Und Jack Sparrow ist nunmal jemand, der seinen eigenen Mythos stets unterstützen muss. Vielleicht erzählt er all diese Eunuchen-Sprüche nur, damit ihn jemand fragt, wie er darauf kommt. In Folge darauf würde Jack dann eine, möglicherweise ganz und gar der Wahrheit entsprechende, vielleicht aber auch völlig übertriebene, aber definitv schon lange im Vorraus auswendig gelernte Geschichte darüber erzählen, wie er sich nachts in die East India Trading Company eingeschlichen hat und dann in der kompanieeigenen Sauna für höhere Angestellte Lord Cutler Becketts Kronjuwelen... nunja... ihr könnt es such denken.

Bei all den malerischen Namen in der Filmreihe (Elizabeth Swann ist schön wie ein Schwan, Jack Sparrow ist ein freier Spatz unter den Piraten, Gillette bringt die Eisen ...) wäre es sehr passend, wenn jemandem der CUTler heißt tatsächlich etwas abgeschnitten würde.

Natürlich ist die Vermutung, Beckett sei tatsächlich Eunuch sehr gewagt. Aber, wie bereits mehrfach betont, gerade in den Pirates-Filmen muss man nunmal auch des öfteren mit Indizen arbeiten. Und die sind im Falle Beckett erstaunlich.

So erklärt Beckett dem Gefangenen Will Turner im zweiten Teil zum Beispiel, dass sich die Piraten klingenden Schwertern und Kannonaden ausgesetzt sehen werden. Besonders das klirrende Metall wird von ihm hervorgehoben. Angewidert beendet Beckett seine Rede und fügt hinzu, dass er sich die Folgen des Gemetzels nicht vorstellen möchte... Wer schonmal eine unangenehme Begegnung mit einem Schwert hatte, wird sich die Bilder ja auch wohl kaum freiwillig ins Gedächtnis zurückrufen wollen.

Aber besonders sticht das Gespräch zwischen Jack und Beckett im dritten Teil hervor: Jack Sparrow wird von Sao Feng an die East India Trading Company übergeben. An Bord der HMS Endeavour (dem Schiff unter der Leitung Becketts) angekommen, torkelt Jack durch die Kapitänskajüte und schnüffelt zunächst noch etwas herum, bevor Beckett ihn unterbricht.
Es beginnt ein ausführliches "Handelsgespräch" zwischen den beiden, während dem sie unter anderem aushandeln, wer von ihnen denn nun welche Crewmitglieder der Black Pearl bekommt. Nachdem Jack unter anderem klärte, dass Beckett seinetwegen gerne Pintel, Ragetti und Will Turner bekommen kann, steht die Frage im Raum, was mit Elizabeth Swann geschehen soll.

Plötzlich stemmt sich Jack an Becketts Schreibtisch (ein körperliche Geste, die Überlegenheit suggeriert), blickt auf Beckett herab und fragt Beckett mit hinterlistigem Blick und einem hämischen Lächeln, was für eine Verwendung er denn für sie habe.
Beckett blickt daraufhin schwach nach unten - das aggressive Verhandlungsgeschick des egomanischen Lords ist auf einmal wie davongeweht und rasch wechselt Beckett das Thema. Er hat keine Lust mehr auf dieses Aufteilungsgeschwätz und beginnt eine neue Runde. Vom Schreibtisch wieder auferstanden schnappt er sich Jacks Kompass sowie eine Waffe - warum verhandeln, wenn es einem doch eh nichts bringt?

Sicherlich - allein dies mag zwar verdächtig klingen (Jack provoziert, so wie er halt ist, Beckett mit der verlorenen Männlichkeit, Beckett sprach im zweiten Teil von klingenden Metallen und Verletzungen, die er sich nicht vorstellen mag, Beckett wechselt mitten in der Verhandlung mit Jack das Thema, kurz nachdem eine Frau angesprochen wurde). Aber es reicht nicht um diesen Indizenprozess zu gewinnen.

Aber man muss dabei ja noch die restliche Filmreihe in Betracht ziehen. Wenn man dies macht, dann sieht es nämlich wesentlich deutlicher aus.

Denn allein schon der Umstand, das Beckett nicht fordert, dass man ihm Elizabeth an einen Bettpfosten gefesselt und lediglich mit einem Mieder bekleidet ausliefert, spricht Bände. Beckett hat scheinbar keine Verwendung für Miss Swann. Dabei ist eben diese, wenn man die Fakten in den Filmen richtig liest, in der PotC-Welt niemand geringeres als Miss Universe höchstpersönlich.
Nahezu alle männlichen Figuren mit genügend Relevanz für die Geschichte lüstern nach ihr. James Norrington verliebte sich in die holde Maid und wollte sie ehelichen, Will Turner verliebte sich ebenfalls in sie und heiratete sie schließlich sogar (und wurde somit zum Ehepartner des Königs der Piraten... Ist er also die Königin der Piraten? Naja... war nur so ein Gedanke...), Captain Jack Sparrow wusste ganz genau, dass er sie will, war aber nicht willentlich sie als sein eigen anzuerkennen. Und versuchte dann an Bord seines Schiffes sie für sich zu gewinnen. Einige Zeit später waren die Gefühle jedoch wieder erloschen, wer mag schon eine fremdknutschende Mörderin? Erst Recht, wenn es seine EIGENE Mörderin ist?

Dann sind da noch Pintel und Ragetti, die es sehr gerne gesehen hätten, wenn Elizabeth darauf verzichtet hätte, mit dem Kapitän zu speisen. Die Folge dessen wäre nämlich gewesen, dass sie nicht mit Barbossa in seiner Kajüte, sondern nackt mit der Crew das Mahl zu sich nehmen müsste.
Und als sich Barbossa in Teil 1 sicher war, dass Will Turner das zeitliche segnete, forderte er von Elizabeth "Gastfreundschaft" - daraufhin stieß er sie in die Arme der nach dem Fleische einer Frau gierenden Crew.

Auch die Gefangenen von Port Royal machten keinen Hehl daraus, dass Elizabeth ganz nach ihrem Geschmack ist. In "Teil 2" versuchen sie, verzweifelt, die Tochter des Gouverneurs mit einem Knochen näher an ihre Zelle zu locken.
Weniger erniedrigend waren da schon die durchaus schmeichelnden Worte Sao Fengs. Dieser sah in Elizabeth nämlich nichts geringeres als eine anbetungswürdige, stolze, mächtige und vor allem auch begrabschungswürdige Gottheit.

Und Beckett? Dem ist also völlig egal, was mit Elizabeth Swann passiert? Obwohl er gerade mit Jack Sparrow ganz ungestört, allein unter Männern, das Schicksal aller Gefolgsleute Sparrows aushandeln kann? Und Jack Sparrow zudem noch den Anschein erweckt gerade den großen Mannschaftsausverkauf zu veranstalten, ohne jeden Trick, ohne geheimen Plan im Hinterkopf?

Zumindest für mich war dieser Fall abgeschlossen!

Die neue Theorie:

Wenigstens bis jetzt. Denn vor kurzem wurde ich auf eine neue Theorie aufmerksam, die auf dem Weg dazu ist, die semi-offizielle Antwort auf die Frage nach Jacks Spuren an Beckett zu werden.
Sie basiert zum einen auf Disneys "offiziellen" FAQ über die PotC-Trilogie, die im Zusammenhang mit der DVD-Veröffentlichung von Am Ende der Welt veröffentlicht wurden. Zum anderen stützt sich diese von Fans gepushte Erklärung auf eine frühere Skriptfassung des dritten Teils der Trilogie. Dort wurden einige weiteren Fakten über Beckett erklärt, die aber aus Zeitgründen nicht gedreht wurden oder nicht in die Endfassung des Films kamen. Doch im Gegensatz zu anderen Deleted Scenes fielen sie nicht der Schere zum Opfer, weil die Verantwortlichen einsahen, dass diese Fakten den Figuren und ihren Persönlichkeiten schaden. Somit können diese gestrichenen Szenen eher als Kanon betrachtet werden, als manch andere entfallene Sequenz.

Ich selbst kann mich jedenfalls sehr gut mit dieser Theorie anfreunden, vor allem weil sie sehr viel über Becketts Persönlichkeit aussagt. Außerdem passt sie besser ins Pirates-Universum als die anfangs genannte, weit verbreitete Theorie. Zwar erklärt auch sie mehrere ungelöste Fragen aus der Trilogie auf einen Schlag, doch zugleich öffnet sie auch wieder viele weitere Türen, hinter denen sich weitere"Marc-Davis-Vignetten" verstecken, eben jene angedeuteten, der Hauptgeschichte untergeordneten Substorys, die das Universum von Pirates of the Caribbean ausmachen.

Laut dieser Theorie ging Jack Sparrow schon seit frühster Kindheit dem ehrlichen Piratenhandwerk nach. Er ging auf abenteuerliche Erkundungsreisen, suchte mystische Schätze und benahm sich alles in allem sehr piratig. Als sich Jack Sparrow langsam vom wilden Abenteurer zu einem gestandenen Piraten entwickelte, kam eines Tages die East India Trading Company auf ihn hinzu und heuerte ihn als billige Arbeitskraft an.
Jack und andere dem Gesetz eher mäßig treue Seefahrer verschifften für die East India Trading Company Frachtgüter, ohne dabei ihr Dasein als Piraten aufzugeben. Sie sollten lediglich zwischen ihren Raubzügen und Schatzsuchen pünktlich die Fracht an den Zielort bringen, bevor sie wieder davon segeln und ihr eigenes Ding durchziehen. Bis sie wieder einen neuen Auftrag erhielten. Dies brachte Vorteile für die Piraten (sie werden nicht von der East India Trading Company verfolgt), aber auch für die doppelmoralische Gesellschaft. Sie verhasst Gauner, macht aber Geschäfte mit ihnen, da sie zu niedrigeren Preisen ihren Dienst verrichten als richtige Mitglieder der Company.

Dies ist ein kleiner, aber gewichtiger Unterschied gegenüber der zu Dead Man's Chest-Zeiten verbreitete Theorie, Jack wäre Mitglied der EITC gewesen. Jack lief niemals in einem solchen Eiskremkostüm herum und trug eine weiße Puder-Perrücke. Der sagenhafte Pirat hatte keine normale Vergangenheit, die wegen einer einzigen Tat außer Ruder lief. So etwas hat es schon viel zu oft gegeben, und wir können froh sein, dass dies von den Autoren als falsch bezeichnet wurde.

Becketts kleine Deals mit Piraten dagegen sind schon interessanter - machen sie aus dem machthungrigen und größenwahnsinnigen Lord doch sogar einen bigotten Charakter. Dieser Charakterzug von Beckett wird schließlich auch von den bereist angesprochenen, entfallenen Dialogzeilen und Szenen unterstrichen. Denn laut einem früheren Drehbuchentwurf sollte in Am Ende der Welt noch erklärt werden, was Beckett so alles in der Zeit zwischen Teil 2 und Teil 3 getrieben hat. Wie sich nämlich später während des Treffens der Bruderschaft herausstellen sollte, verlor Kapitän Chevalle in einer Partie Poker haushoch gegen Lord Cutler Beckett - wobei Beckett, so behauptet es zumindest Chevalle, geschummelt hat.

Dieses Detail sollte andeuten, dass Beckett regelmäßig mit Piraten verkehrt, etwa um sich bei einer Partie Poker zu erholen, oder aber um sie auszunutzen (wie seinerzeit, als die EITC Piraten als "freie Mitarbeiter" angeheuert hat).

Doch zurück zur Vorgeschichte: Jack arbeitete also angeblich eine Zeit lang als freier Mitarbeiter der EITC, da ihm dieses Angebot gerade gut in den Kram passte. Doch als Jack eines Tages Sklaven nach Afrika liefern sollte verschwand er einfach spurlos mitsamt Schiff und den Sklaven. Schließlich kenne auch ein Pirat seine Grenzen. Hier stimmt die neue Theorie mit der alten überein: Beckett lässt Jack Sparrow wieder einfangen und verpasst ihm das Brandzeichen, nun ist er kein "geduldeter" Pirat mehr, sondern mehr oder weniger zum Abschuss frei gegeben.

Bereits dies ist wieder ein feiner Unterschied: Jacks Brandzeichnung durch Beckett macht aus ihm keinen Piraten. Das war er schon immer. Aber durch das "P"-Symbol verliert er seine "Immunität" gegenüber der EITC.

Doch was ist nun die Spur, die Jack Sparrow an Beckett hinterlassen hat? Nun, im Gegensatz zu der leider noch recht verbreiteten Theorie ist es nicht etwa der finanzielle Schaden, der Beckett so sehr an die Nieren geht. Beckett geht es nicht um schnöden Mammon, erst Recht nicht um den kleinen Verdienst einer einzigen Sklavenhandlung. Stattdessen ist es ein psychologischer Schaden, den Beckett davontrug. Wie wir ja im Laufe der Trilogie eindrucksvoll vorgeführt bekamen ist Beckett begierig, jeden kontrollieren zu können, überall möchte er seine Macht spielen lassen. Und so war Beckett zu Beginn seiner Karriere auch davon überzeugt, bereits außerordentlich mächtig zu sein.
Es ist ihm, so vermutete Beckett zumindest, ein leichtes die angeblich unberechenbaren Piraten in seinen Plan einzuspannen, für seine Sache auszunutzen. Doch diese Naivität Becketts wurde durch Jack Sparrow zerstört. Jack konfrontierte Beckett mit der Realität, bewies ihm eindrucksvoll, dass er bislang bei weitem noch nicht so mächtig und einflussreich ist, wie er sich einbildete. Und einem Pirat könne man niemals trauen.

In diesem Lichte wirkt auch Becketts Erklärung, er und Jack wüssten ja genau, was Verrat und Betrug seien viel stärker. Es ist also kein Verrat unter Männern gewesen, der zwischen ihnen stattfand. Und auch kein simpler Betrug eines ehrenhaften Angestellten gegenüber seinen Arbeitgeber. Viel mehr spricht Beckett hier davon, dass Jack Sparrow Beckett beibrachte was Verrat und Betrug sind. Der kindlich-naive Beckett wurde durch Jack in eine Welt voller Hinterhalt und Verrat gebracht. Dies verletzte seine Psyche. Beckett, der so sehr von der Korrektheit und Genialität seiner Pläne überzeugt ist konnte diesen Schlag ins Wasser nur schwer verarbeiten. Wir sehen ja auch am Ende von PotC - AWE, dass Beckett kaum handlungsfähig ist, wenn seine Pläne und Manipulationsversuche nicht funktionieren. Es muss für ihn also ein ähnlicher Schock gewesen sein, als er erstmals damit konfrontiert wird, dass er die Piraten nicht kontrollieren kann.

Auf dieser Grundlage lässt sich zudem mutmaßen, dass niemand geringeres als Jack Sparrow verantwortlich für einen Großteil der Geschehnisse in Dead Man's Chest und Am Ende der Welt ist. Da Beckett einsehen musste, dass seine Macht nicht so weit reicht, wie er es sich einbildete gierte der Lord nach der ultimativen Macht. Durch seine Kontakte zur Piratenwelt erfuhr er von den Sagen rund um den Rat der Bruderschaft und Davy Jones. Doch waren ihm diese zuvor gleichgültig, so fasste er nach Jacks Handeln den Plan, diesen Sagen nachzugehen und mithilfe derer seine Macht zu zementieren.

Diese leichte Abwandlung der alten Theorie kennzeichnet Beckett als eine labile Persönlichkeit, zugleich unterstreicht sie seinen Größenwahnsinn und fügt seinem Charakter eine weitere Dimension hin.
Des weiteren macht sie Jack Sparrow zu einer noch tragenderen Figur im PotC-Universum, ohne aber diese fiktive Welt unnötig zu vereinfachen. Die alte Theorie verbindet alle ungelösten Rätsel und vereinfacht somit die absichtlich komplex gehaltene Piratenwelt. Doch diese Theorie verbindet lediglich die prominentesten offenen Fragen (woher Jack seinen Eunuchen-Running-Gag hat wissen wir zum Beispiel noch nicht) und gibt mehreren Geschehnissen aus der ersten Trilogie einen gemeinsamen Startpunkt. Das gesamte Universum wird dadurch aber nicht einfacher.

Sollte diese Theorie Kanon sein, so gäbe es trotzdem weiterhin zahlreiche Vignetten im PotC-Universum. Über andere Piraten, die den selben Handel wie Jack mit der EITC eingingen, über Becketts Pokerpartien und über Jacks Vergangenheit als Pirat. All diese Geschichten müssen nicht erzählt werden. Keineswegs. Aber sie müssen vorhanden sein - denn diese Bandbreite hebt das Pirates of the Caribbean von anderen Mehrteilern ab.

Welche Spuren Jack nun wirklich an Beckett hinterlassen hat, bleibt wohl vorerst ungeklärt. Die Autoren ließen lediglich verlauten, dass es mehr um den psychologischen Effekt geht, den Jacks Tat (was auch immer es war) ausgelöst hat. Dies könnte die dritte Theorie, die ich euch vorstellte durchaus bestätigen. Doch das soll niemanden davon abhalten, eigene Überlegungen anzustellen. Vielleicht stimmt ihr auch einfach Terry Rossio zu, der scherzhaft das ganze Rätsel löste: Jack hinterließ eine winzig kleine Narbe hinter Becketts linkem Ohr - und das hat er niemals überwunden.

8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Die erste Theorie - Jack als Mitglied der EITC - war mir ehrlich gesagt gar nicht bekannt. *g*

Mein erster Gedanke, wie bei dir, war, dass Beckett eben der von Jack so oft erwähnte Eunuch ist. Die von dir erwähnten Szenen sind ja hübsche Indizien dafür.

Sicherlich kann das Ganze sogar noch konform gehen mit der letzten Theorie, welche ich auch bevorzuge. Das ist nämlich auch die Version, die ich kannte (und die ja im Script gewesen sein soll - ich müsste die Fassung, die ich hab noch mal durchschauen, ob das da noch vorkam).

Jack als Mitglied der EITC funktioniert nicht, dafür hat er zu große Probleme mit Autoritätsfiguren. *g* Aber sich mal anheuern lassen, um für etwas leicht verdientes Geld Sachen druch die Gegend zu fahren, warum nicht? Beide Seiten haben nur Vorteile davon. Dann kam aber Beckett dummerweise Jacks moralischer Kompass in den Weg - der funktioniert ja ganz gut, wenn auch für Jack meist zum unpassendsten Zeitpunkt.^^

Ich bin ziemlich viel im Fanfiction-Bereich unterwegs, und diese Version scheint von sehr vielen mehr oder weniger als Canon akzeptiert zu sein - dass Beckett dann die Pearl sank (die damals noch einen anderen Namen trug), Jack brandmarkte und Jack seinen Deal mit Jones machte.

Dass Jack mit diesem Verrat Beckett ganz schön eins ausgewischt hat und dessen Ego einen beträchtlichen Schaden zufügte, ist offensichtlich. Und dass Beckett, der wie du schon sagtest, besessen ist von Macht, nun nach einer Möglichkeit suchte, nie mehr so düpiert zu werden, ist auch logisch. Wenn er also durch seine kleinen Abkommen mit Piraten eh schon ein wenig von ihren ganzen Geschichten und Legenden mitbekommt - warum nicht versuchen, das ultimative Mittel zur Macht zu bekommen?

Jack scheint ein Talent dafür zu haben, große Dinge ins Rollen zu bringen. *g*
(So kann man seinen Versuch, zur Isla de Muerta zu segeln, ja auch als seinen ersten Versuch, unsterblich zu werden, interpretieren. Dann hätte er Davy Jones' gegenüber nämlich einen großen Vorteil, wenn dieser nach 13 Jahren zum Einlösen der Schuld vorbeikäme. Lief ja dann auch nicht wie geplant, wie das eben bei Jack so ist. *g*)

Wah, ich lasse mich wieder über PotC aus. Auch nach 2 Jahren kann ich einfach noch nicht still sein. *g*

Anonym hat gesagt…

Die Eunuchentheorie hat mich zunächst sehr skeptisch gemcht und die Indizien fand ich allgemein eher schwach..
Jedoch ist die Verhandlungsszene auf der Endeavour hier wirklich passend.. Anfangs war ich irritiert über eine so unausreichend belegte Theorie, aber diese Stelle ist wirklich glänzend und überzeugend beobachtet und analysiert worden und ich werde mir die entsprechenden Stellen auf jeden Fall heute oder morgen noch einmal ansehen um auf diese Details zu achten.. Sehr spannend!

deranderenilo hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
deranderenilo hat gesagt…

*peinlichen Kommentar löscht*
Mir war nicht klar wie groß meine Bildungslücken bezogen auf den ersten Teil waren. Wie dem auch sei, finde ich die Eunuchentheorie immer noch amüsant und treffend, da das Desinteresse Becketts wirklich auffallend ist.

Anonym hat gesagt…

Hallo!

Ich wollte nur mal drauf hinweisen, dass es keinen "Lefthand" gibt... Nach kurzer Recherche hab ich seinen Namen rausgefunden: Theodore Groves, gespielt von Greg Ellis.

Der Lieutnant wird in der englischen Sprache als "Leftennend" gesprochen. ;-) Also ist es Lieutnant Theodore Groves.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ja, habe ich irgendwann nach dem Artikel auch mal geschnallt und vergessen, das hier mal zu korrigieren. Getan. Thanks!

micah hat gesagt…

Der Wettanbiete

Betty Stevens hat gesagt…

Ich liebe „Pirates Of The Caribbean“– es ist eine tolle Trilogie, wo jeder Film ein Meisterwerk ist! Die Piraten sind interessante Menschen, sogar heutzutage sind sie überall präsent. Sie sind aber nicht mehr den Geldtruhen hinterher, sondern versuchen ihr Glück auf page

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