Donnerstag, 19. Juni 2008

Nie wieder Sex mit der Ex

Finding Real Love

Die originelle amerikanische Werbekampagne pflasterte Plakatwände, Busse und Haltestellen mit den verschiedensten Beleidigungen gegenüber Sarah Marshall zu. Doch während der Hass auf diese ominöse Sarah Marshall durchaus nachvollziehbar ist, so ist der ihr gewidmete Film wirklich liebenswert.

Nie wieder Sex mit der Ex (Original-Titel: Forgetting Sarah Marshall) wurde von niemand geringerem als Judd Apatow produziert, der sich innerhalb kürzester Zeit einen hervorragenden Ruf in der US-Comedybranche erarbeitet hat. Das Drehbuch dieser charmant-frechen Liebeskomödie stammt von Hauptdarsteller Jason Segel, welcher der Geschichte - ähnlich wie Seth Rogen beim Drehbuch zu Superbad - einige autobiografische Züge verlieh.
Auf dem Regiestuhl nahm der mit ihnen befreundete Nick Stoller Platz und auch in den Nebenrollen gibt es einige bekannte Gesichter aus der "Apatow-Connection" zu sehen, wie etwa Superbad-Star Jonah Hill oder den aus Jungfrau (40), männlich, sucht und Beim ersten Mal bekannten Paul Rudd.

Aber auch "Nicht-Mitglieder" des Künstler-Klümmels rund um Apatow und Co. sind mit von der Partie: Kristen Bell (Veronica Mars) spielt die im Film fast durchgehend nur im Bikini-Oberteil und sommerlichem Röckchen herumspatzierende Titelfigur, während der britische Comedian und Kolumnist Russel Brand ihren Lover, den immer etwas neben sich stehenden Rockstar, Aldous Snow verkörpert. Mila Kunis (Baywatch, Family Guy) übernimmt die Rolle der charmanten Hotelbediensteten Rachel.

In der Kinogeschichte hat sich Nie wieder Sex mit der Ex bereits einen Platz als "Der Film, der die Wiederbelebung der Muppets lostreten sollte" erarbeitet, da Jason Segel und Nick Stoller aufgrund des Films Kontakt mit den Muppet-Machern herstellten und bei dieser Gelegenheit gleich auch vorschlugen den nächsten Muppet-Film zu drehen.

Aber schön der Reihe nach...

Da zieht's mir glatt die Klamotten aus!

Seit fünf Jahren ist Komponist Peter Bretter (Jason Segel, siehe oben) mit der beliebten TV-Darstellerin Sarah Marshall zusammen. Das Promi-Pärchen ist frei von Skandalen und für Bretter läuft in der Liebe alles recht zufrieden stellend. Nur im Beruf hat er mit kleineren Widrigkeiten zu tun, da von ihm bei der Arbeit an der Serie Crime Scene: Scene of the Crime (einer herrlich überzogenen CSI-Parodie) stets die selben uninspirierten Melodien gefordert werden, während er lieber weiter an seinem Puppen-Rock-Musical über Dracula werkeln möchte.
Wie aus dem nichts kommt seine Freundin auf ihn zu und verlangt eine Trennung, was der völlig überraschte (und in diesem Moment nackte) Peter allerdings nicht zulassen möchte. Doch Sarah lässt sich nicht umstimmen und lässt Peter mit gebrochenem Herzen zurück.

Peter "verarbeitet" die Trennung zunächst indem er bei der Arbeit ausflippt und seine Wohnung in eine Schutthalde verwandelt. Das nehmen seine Freunde und seine Familie zum Anlass ihm einige Trennungstipps zu geben - welche allesamt auf eins hinaus laufen: Such dir ein Trostpflaster. Pimper dir die Seele - und sämtliche Erinnerungen an Sarah - aus dem Leib. Bis es wieder gut ist.

Von diesen Tipps hält Peter allerdings nicht viel und so entscheidet er sich für einen Tapetenwechsel: Auf der schönen Insel Hawaii sucht er nach Ablenkung und hofft Sarah endlich vergessen zu kommen. Doch während er versucht einzuchecken trifft er nicht nur auf Sarah, sondern auch auf ihren neuen Lover: Rockstar Aldous Snow.

Ab diesem Punkt sollte dem erfahrenen Kinogänger die Geschichte klar sein: Der weiterhin schwer verletzte Peter bleibt in Hawaii und immer und immer wieder kommt es zu unangenehmen Begegnungen zwischen ihm, seiner Ex und ihrem Neuen. Und wer Judd Apatow (und seine Kumpanen) kennt, sollte auch wissen, dass auf Hawaii hinter jeder Ecke charismatische Nebenfiguren darauf warten sich mit Peter anzufreunden.

Fehlt eigentlich nur noch, dass McLovin Taxi fährt...

In einer RomCom kann man nunmal schwer das Rad neu erfinden, schließlich geht es in einer Komödie über Liebe handlungsbedingt um die Liebe, und somit notgedrungen auch um (sich anbahnende) Pärchen. Apatow bewies jedoch schon in seinen zwei Regiearbeiten Jungfrau (40), männlich, sucht und Beim ersten Mal, dass man mittels erfrischenden Nebenfiguren und Subplots etwas erfrischenden Wind in das Getriebe bringen kann.
Glücklicherweise scheint das auf seine Freunde Jason Segel und Nick Stoller abgefärbt zu haben: Der Film ist angenehm subtil auf die Beziehungen fokussiert und gibt auch kleineren Stories um die Hotel-Belegschaft, Urlaubs-Feeling und Hollywood-Seitenhieben Platz. Somit wird der Film zu einem richtigen Feel-Good-Movie, wozu auch die lockeren (und teils derben) Dialoge beitragen. Dennoch ist Nie wieder Sex mit der Ex bei weitem nicht so platt, wie sein deutscher Titel suggeriert: Jason Segels (bzw. Peters) Gefühls- und Lebenssituation wird mit Feingefühl nachgezeichnet und die Figuren sind zwar keineswegs Oscar-Material, aber bei weitem mehrdimensionaler als ihre zahlreichen Pendants aus anderen Liebeskomödien.

Weder Sarah Marshall noch ihr Lover verkommen unter der Regie Stollers zu unsympatischen Hassobjekten - und das, obwohl es eine so naheliegende Entscheidung wäre die Ex und ihren Neuen so abzustempeln. Hier übertrifft Stoller sogar den letztes Jahr so viel gelobten Beim ersten Mal, der zugunsten von Seth Rogens Charakter die eine oder andere (vornehmend weibliche) Figur ein bisschen zu sehr in die zickige Ecke drängte.

Meine Ex, ihr neuer Lover und... ich nicht

Dank dieser feinfühligeren Charakterzeichnung mag Nie wieder Sex mit der Ex auf der Figurenebene voll zu überzeugen, und auch die Gags (zwischen heiteren Schmunzlern und derben Schenkelklopfern) lassen kaum Wünsche übrige, allerdings wird die Handlung paradoxerweise vorhersagbarer als noch bei Beim ersten Mal.
Während dort eben jene fast schon kritische Bissigkeit einiger weiblicher Charaktere neue Spannung in die Handlung brachte, spielt sich Segels und Stollers Film mehr wie eine klassiche RomCom.
Nur halt mit dem entscheidenden Unterschied, dass dieser Film unterhalb der Gürtellinie deftiger (andere würden sagen ehrlicher) zu Gange geht und dass der Film aus der männlichen Sichtweise erzählt wird - und das ohne jegliche Macho-Klischees auf's Tableaut zu bringen.

Segel zeichnet eine moderne Welt, mit unabhängigen Frauen und einfühlsamen Männern. Das sollte im 21. Jahrhundert eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, doch wie die Erfahrung zeigt, ist dies in dieser Schublade der Kinowelt leider nicht der Fall.

Kurschatten oder mehr?

Erwähnenswert an Nie wieder Sex mit der Ex sind zudem die kurzen ironischen Brechungen. Neben den bereits genannten Parodien auf CSI werden hier im Vorbeigehen auch Genrekonventionen zitiert, ohne jedoch den Film in einen postmodernen Referenzen-Marathonlauf abdriften zu lassen. Als Peter zu Beginn des Films den Höhepunkt seines Trennungsschmerzes erreicht hat, und kurz davor steht sich endgültig lächerlich zu machen, läuft ausgerechnet Nothing Compares 2U von Sinead O'Connor. Und anstatt auf Hawaii auf ein junges Pärchen zu treffen, dass Peter entweder vormacht wie es richtig geht oder ihn noch weiter in seine Trauer stürzt, begegnet ihm ein eher problematisches Ehepaar, welches uns und Peter gar nichts lehrt.

Die ironischen Brechungen gehen im Mittelteil etwas zurück und machen Platz für die Hotelbedienstete Rachel. Somit geht die Handlung erst richtig los, verliert allerdings wie oben angedeutet an Einmaligkeit. Das ist dank der Dialoge, den Nebenfiguren und dem bezaubernden Hawaii allerdings schnell verziehen. Erfreulich auch das entspannte Spiel zwischen Rachel und Sarah - fern aller Genreklischees (laut denen sie sich ja hassen müssten) sind ihre gemeinsamen Szenen charmant und witzreich.


Don't go breaking my heart

Gegen Ende gewinnt der Film wieder an Einmaligkeit, doch davon sollte sich jeder selbst überzeugen.

Wer mit dem Vorwissen über den neuen Muppet-Film ins Kino geht, wird dabei übrigens noch mehr Spaß haben. Es ist fast so, als sei schon vor dem Dreh beschlossen worden, dass Segel und Stoller den Zuschlag für den neuen Muppet-Film bekommen, so häufig werden die Muppets erwähnt.
Und nach Genuss von Nie wieder Sex mit der Ex kann ich den nächsten Muppet-Film kaum mehr erwarten. Denn Segel und Stoller lieferten einen charmanten, witzigen und gefühlvollen, zugleich frechen Film ab. Mir gefiel er sogar noch besser als Beim ersten Mal, auch wenn dieser ein wenig mehr Biss hatte und auch solidere Darstellungen.

Einen Meilenstein kann man zwar nicht erwarten, aber als herrliche frech-charmante Komödie und als moderne "Männer"-RomCom ist Forgetting Sarah Marshall wirklich überzeugend und sollte so schnell nicht in Vergessenheit geraten.

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