Sonntag, 8. Februar 2009

Der seltsame Fall des Benjamin Button

Wie kann man F. Scott Fitzgeralds nicht einmal 30-seitige Kurzgeschichte Der seltsame Fall des Benjamin Button auf die große Kinoleinwand bringen?

Indem man die kühl erzählte, ungewöhnliche Lebensgeschichte eines Mannes, der als störrischer Greis auf die Welt kommt und sich Stück für Stück in einen 30-jährigen Jungspund und schließlich in ein Kleinkind wandelt in eine malerische und poetische Erzählung über das Vergehen der Zeit, Zufall, Vorhersehung und die ewige Liebe umschreibt und sie mit bedächtig eingesetzten filmischen Mitteln zu einem melancholischen Kunstwerk erhebt.

Ohne Fitzgeralds Kurzgeschichte runterreden zu wollen, erweisen sich die zahlreichen Freiheiten, die sich Regisseur David Fincher und Drehbuchautor Eric Roth namen als wahrer Segen. Fitzgeralds Kurzgeschichte funktioniert bloß als Kurzgeschichte - wie Benjamin Button als Greis-Baby seinen Vater vor die Herausforderung stellt passende Kleidung für sein Kind zu finden, welch ungewöhnliche Schullaufbahn er durchgeht, wie seine Familie ihn als Bruder, Onkel und Sohn deklariert um das Gesicht in der Gesellschaft zu wahren, das alles ergäbe möglicherweise noch einen interessanten, leicht verschrobenen Kurzfilm, doch für große Leinwandzauberei eignet sich eine solche, strigente Behandlung der originellen Grundidee keineswegs.

Die Kinoadaption entfernt sich so weit von der Vorlage, hätten Fincher und Roth ihrer Hauptfigur einen anderen Namen verpasst und sich einen neuen Titel überlegt, ihr Film ginge als eine selbstständige Geschichte durch. Dann aber würde all das Kritikerlob für den neuen David Fincher (The Game, Sieben, Fight Club, Zodiac) von Plagiatsvorwürfen überschattet: Dass Fincher an der Grundidee der Fitzgerald-Geschichte interessiert ist ging nämlich bereits seit 2004 durch die Medien. Zehn Jahre zuvor tauchten die ersten Gerüchte über eine Verfilmung des seltsamen Falls auf, Steven Spielberg sah Tom Cruise als den Protagonisten seiner Version, Ron Howard fand in John Travolta seinen Benjamin Button und auch Spike Jonze (Being John Malkovich) war als Regisseur im Gespräch.

Der seltsame Fall des Benjamin Button lässt unter der Regie Finchers zunächst ein düsteres, zynisches Spiel erwarten, tatsächlich jedoch siedelt sich die Lebensgeschichte von Benjamin Button gefühlvoll auf einer traumartigen Ebene an, beobachtet mit melancholischem Blick die Menschen, statt sie mit schwarzem Humor zu kritisieren.
Zugleich ist diese romantische, schwer wiegende, fiktive Biographie trotz zahlreicher humoriger Einlagen, vor allem zu Beginn mit dem im Körper eines Kauzes gefangenen Kleinkind Benjamin oder in seiner Pubertät, die er als rüstiger Rentner erlebt, bei weitem nicht so optimistisch, leichtherzig und tragikomisch wie die andere große, ungewöhnliche Biographie eines ungewöhnlichen Mannes: Bei all den unterschwelligen Parallelen zu Forrest Gump (ebenfalls von Drehbuchautor Eric Roth) kann man keineswegs von Abschreiben reden. Stimmung und Schwerpunkt beider Geschichten sind völlig anders.

Wie vorhin angedeutet, beginnen die zahlreichen Änderungen gegenüber der Kurzgeschichte bereits bei der Hauptfigur selbst: Während Fitzgeralds Benjamin Button körperlich und geistig rückwärts altert und somit zwar regelmäßig mit seinem Umfeld und der Gesellschaft aneckt, aber mit seiner Selbst in Frieden steht, ist Finchers Button bloß körperlich dazu verdammt rückwärts zu altern, während er im Geiste eine "normale" Entwicklung durchläuft. Dadurch verdammt Fincher seinen Protagonisten zu einer wesentlich tragischeren Figur, die sich ihrer außergewöhnlichen Situation bewusst ist und mit deren Konsequenzen leben muss. Finchers Button wächst in einem Altersheim auf, wo er als Baby von der Heimleiterin Queenie aufgenommen wurde, muss schon in frühen Jahren lernen wie fest Leben und Tod miteinander verbunden sind.

Benjamin Buttons merkwürdigen Alterprozess dahingehend abzuändern, dass er nur physisch immer jünger wird macht diese skurrile Geschichte im Kern nicht nur glaubwürdiger, oder sagen wir lieber plausibler, sondern lässt den Zuschauer auch stärker mitleiden. Der Schimmer einer in seiner Seele normal ablaufenden Entwicklung macht die durch Benjamins äußerer Erscheinung ausgelösten Folgen tragischer, was zusammen mit den restlichen fast ausschließlich von den Filmschaffenden erdachten Anekdoten und beispielhaften Begebenheiten aus Benjamins Leben eine starke Parabel über die Diskrepanz zwischen äußerer und inneren Reife schafft und dazu anregt über die Definition von Alter und den Kreislauf des Lebens zu reflektieren. Denn obwohl Benjamin Button "verkehrt herum" altert, so beginnt es genauso wie unseres in Windeln und bedarf gutherziger Pflege und Fürsorge.

Als - geistiger - Fünfjähriger begegnet Benjamin Button der Enkelin einer seiner Mitbewohnerinnen. Dieses Mädchen, Daisy, sieht in Benjamin etwas besonderes, erkennt, dass er anders als alle anderen ist und in ihm ein liebenswürdiger, Gleichaltriger steckt. Eine junge, unschuldige Liebe beginnt und die beiden versuchen das Beste aus der von den besonderen Umständen erdrückten Beziehung zu machen.

Die Liebesgeschichte zwischen Benjamin und Daisy stellt in allen Belangen das Zentrum des Films dar: Der ewige Tanz umher und das Hoffen auf einen Moment der Gleichaltrigkeit ist der inhaltliche Schwerpunkt, die trotz aller alltäglichen Probleme wie schlechtes Timing, missverstandene Andeutungen des Anderen und räumliche Trennung sowie aller durch Benjamins Erscheinung und Entwicklung zusätzlich aufgestellten Hürden blühende, innige Liebe dieses Paares bildet die emotional wichtigste Komponente und prägt den Film sogar auf der erzählerischen Ebene. Dies ist vielleicht auch der bedeutendste Faktor, da er die gesamte Darstellungsweise von Der seltsame Fall des Benjamin Button beeinflusst.

Obwohl David Finchers Ausstattungscrew sich sichtbare Mühe gab die im Film geschilderten Epochen detailliert und stimmig nachzubilden wirkt dieses zugleich bedrückende und den Zuschauer behutsam im Arm wiegende Märchen für Erwachsene völlig zeitlos. Wo sich Forrest Gump unwissentlich, ja, sogar ein wenig genervt ("Ich treffe den Präsidenten der Vereinigten Staaten... schon wieder!") auf eine Reise durch Amerikas Historie begibt und ein fiktives, überspitztes Stimmungsbild ganzer Generationen widergibt, schneidet Benjamin Button die "wahre Welt" bloß an. War Forrest Gump ein gefeierter Vietnam-Veteran, schipperte Benjamin Button am Rand des Zweiten Weltkrieges vorbei. Während Gump mit Elvis Presley abhing, laufen die Beatles bei Button nur im Hintergrund über die Flimmerkiste. Wo sich Der seltsame Fall des Benjamin Button am stärksten mit der wahren Geschichte verknüpft, sind es nur kuriose Begebenheiten wie die eines im Zoo angestellten Pygmäen. [Spoiler] Oder sie fungieren als Buchenden für Benjamin Buttons Leben. Er wird am Tage geboren, an dem der Erste Weltkrieg zu Ende ging, kurz vor dem Einbruch des Hurrikan Katrina auf New Orleans liest eine Tochter ihrer im Sterbebett liegenden Mutter Benjamins Lebensgeschichte vor.[/Spoiler]

Und diese Zeitlosigkeit, ja, Allgemeingültigkeit für das Publikum, benötigt Fincher auf der inhaltlichen Ebene, um inszenatorisch ein solch brillantes Feuerwerk zünden zu können, welches trotz aller Spezialeffekte und filmtechnischen Kniffe subtil und unaufdringlich bleibt.
Die Spezialeffekte und Maskenarbeit, die für die Alterungs- und Verjüngungsprozesse verwendet werden sind atemberaubend, stehen allerdings niemals im Vordergrund und reißen nicht aus dem Filmgeschehen heraus. Die Kamera ist sehr ruhig und fängt prachtvolle Bilder ein, die mit Alexandre Desplats leisem, magischen Score untermalt wird. Die Erzählstimme ist sehr ruhig und besonnen, lässt die Worte und die gezigten Bilder für sich sprechen, mit Ausnahme von ein paar Rückblicken ist die Farbqualität völlig makellos, wenn auch ein wenig abgedunkelt.

All das würde eine modernere und zeitgenössischere Erzählung fremdartig und deplatziert, womöglich auch verkünstelt und langweilig wirken. In dieser zeitlosen und märchenhaften Erzählweise dagegen entfaltet sich die volle Wirkung von Benjamin Buttons Geschichte. Paradoxerweise wirkt sie durch die ungewöhnliche Atmosphäre zugleich natürlicher, als sie es bei einer konventionelleren Romatikdrama-Epik-Inszenierung würde, und mystischer, so als sei es eine behutsam modernisierte, Jahrhunderte alte Erzählung über Liebe, das Leben und das Alter.


Besonders herausgestellt werden müssen noch die Darsteller, die bis in die Nebenrollen großartig besetzt wurden. Vor allem Taraji P. Henson, die Benjamins tiefgläubige und liebevolle Ziehmutter spielt und zu Recht für den Oscar nominiert wurde und Tilda Swinton in einer ihrer wenigen ganz und gar sympatischen Rollen als Ehefrau eines Spions, mit der Benjamin Button schlaflose, eiskalte Nächte in Moskau zu Tode quatscht, stehen für den großartigen Cast an Nebendarstellern. Und auch an den Hauptdarstellern kann man nicht mäkeln: Cate Blanchett, die ich zwar für eine extrem gute Schauspielerin halte aber nie so wirklich mochte, ist absolut großartig und ist fast nicht mehr wiederzuerkennen, während man Brad Pitt all die in Benjamin Button liegende Herzenslast ansieht und ihm ebenso sehr die herrlichen spaßigen Einlagen gelingen.

An Benjamin und Daisy lässt sich jedoch kritisieren, dass sie fast nur aus ihren Emotionen bestehen, vor allem in der Mitte des Films geraten die Charaktere zunehmend konturlos. Dies könnte man zwar sicherlich der vorhin erwähnten Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit der Erzählung zuschreiben, ist aber mit Blick auf den kauzigen Anfang dennoch ein klein wenig enttäuschend. Wenn sich dann mit großen Schritten das Finale nähert, nimmt Der seltsame Fall des Benjamin Button aber wieder Fahrt auf und schließt wieder an die großen Stunden der jüngeren Filmgeschichte an.

Ein unfehlbares Meisterwerk ist Der seltsame Fall des Benjamin Button trotzdem nicht. Trotz aller Emotionalität und des keinesfalls zu unterschätzenden künstlerischen Anspruchs strecken sich die genialen Momente zu sehr aus, vor allem jedoch mogelt sich der Autor Eric Roth mittels seiner Erzählstruktur besonders in der zweiten Hälfte zu gerne aus kritischen, schwer zu vermittelnden Phasen heraus. Hier lässt er der gefühlvollen Seite zu oft den Vortritt, und während die Prämisse von Fitzgeralds Kurzgeschichte "unrealistischer" ist, so redet sie sich nicht so häufig heraus und verfolgt ihre eigene Agenda etwas konsequenter.

Wirklich problematisch ist für mich auch die Rahmenhandlung des Films, da er mit ihr nur verliert. Egal ob man sie rausschneidet und somit die Atmosphäre der Kerngeschichte bewahrt und ihre bedächtige Eigendynamik nicht unterbricht, oder ob man sie wegen einiger gelungener emotionaler Momente und Veranschaulichungen innerhalb dieses Rahmens drinlässt, in beiden Fällen erreicht man nicht das Optimum.

Vor allem stellt sich mir aber die Frage, ob Der seltsame Fall des Benjamin Button bei wiederholtem Sehen gewinnt oder verliert. Aus dem Stand heraus vermag ich nicht, das wirklich einzuschätzen, dabei wird dies der entscheidende Faktor sein, ob Der seltsame Fall des Benjamin Button ein die Widrigkeiten der Zeit überstehendes, gleichermaßen intelligentes und rührendes Meisterwerk ist, oder eher eine gelungene, überlange märchenhafte Erzählung voller poetischer Bilder, die man sich sehr gerne ansieht, allerdings nicht für immer im Herzen tragen wird.

Bedenkt man, dass letzteres wohl der "schlimmst mögliche Fall" ist, darf sich jeder an diesem Film beteiligte glücklich schätzen. Und wenn nicht schon der ganze Film unvergessen bleibt, so werden es zumindest die bestechendsten Momentaufnahmen vom Anfang und Ende.

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