Donnerstag, 9. Juli 2009

Brüno


Sacha Baron Cohen ist einer der radikalsten und schonungslosesten Komiker, die derzeit Erfolge feiern dürfen. Der subversive und entlarvende Humor des keinerlei Schamgefühl kennenden Cohens hält seinen Opfern einen Spiegel vor's Gesicht und seine Rollen sind absurde Horrorgestalten aus der Klischeehölle. Damit so eine kompromisslose Vereinigung von Satire, Schockhumor, beleidigenden Vorurteilen und kindischen Blödeleien tatsächlich funktioniert erfordert es eines komödiantischen Feinsinns der seinesgleichen sucht. Cohen möchte niemanden verletzen - außer diejenigen, die es verdient haben. Ist doch eigentlich ganz einfach...

Wirklich verständlich ist Cohens Humor dennoch nicht jedem.
Als noch Ali G. seine Paraderolle war, gab es wirklich genügend "oberkrasse Gangstaz", die in dem frauenfeindlichen, sexbesessenen Hip Hopper ein Idol gesehen haben. Zu viele fanden es "voll cool", wie der "den spießigen Politikerbacken" mal gezeigt hat "wo der kiffende Frosch die Locken hat, yo" und übersahen, wie er mit einem Schlag Politiker oder Kirchenvertreter verwirrte und die Rolle des coolen Gangsters durch seine Karikaturenhaftigkeit ad absurdum führte. Der Ali G-Film war bei der Aufklärung keine große Hilfe - ein Teil der Zuschauer feierte den "voll fetten", Weiber abschleppenden Macho, der andere suchte in der etwas platten Komödie die wenigen parodistischen und sarkastischen Elemente und freute sich über diese wenigen Goldnuggets im Matsch.

Als Cohen einen weiteren Charakter aus der Ali G Show ins Kino brachte und dieses Mal das eigentliche Konzept seiner erfolgreichen Fernsehsendung ebenfalls auf die Leinwand übertrug, erreichte er seinen bisherigen Popularitätshöhepunkt. Sofern man denn hinter Borat auch den eigentlichen Künstler erkannte bzw. erkennen wollte.
Der Film Borat entpuppte sich schließlich als ein wahres Phänomen: Baron Cohens provokantes und originelles Werk wurde in den Medien heiß diskutiert, die Kritiker feierten es aufgrund seiner aggressiven und kontroversen Natur und das Publikum strömte in die Kinos.

Borat: Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen war radikal, eklig, schockierend und bei allem auch noch intelligent. Statt dass die Leute, wie noch bei Ali G, den sexistischen, antisemitischen und Manieren losen (und unerklärlicherweise mit verstecktem Charisma ausgestatteten) Borat als Idol feierten, erkannten sie seine Aussagen als beleidigend und vorurteilsbelastet. Allerdings zogen die intoleranten Reaktionen von Borats Umgebung wesentlich mehr Interesse auf sich: Wenn eine feine, gehobene Gesellschaft Borat geduldig erklärt, dass man einen Beutel voll mit seinem eigenen Geschäft nicht zurück an die Tafel bringt, sondern die Toilette benutzt, ihn dann aber hochkantig rauswirft, wenn er eine afro-amerikanische Prostituierte einlädt, muss man schon mit der Stirn runzeln. Und die legendären Standing Ovations für Borat, als er die Amis wegen ihres "Terrorkrieg" lobt, sprechen wohl Bände.

Gemäß seiner Natur zog Borat jedoch zahlreiche Kritik und Klagen nach sich. Seine Opfer verklagten Baron Cohen, weil er ihnen im Vorfeld nicht gesagt habe, wofür das gefilmte Material verwendet wird (natürlich hat er es nicht, sonst wäre das ganze völlig sinnlos), die von der Figur Borat beleidigten Gruppen stellten den Mann hinter der Figur an den Pranger und warfen ihm vor Gedankengut mit seiner Karikatur zu teilen.
Aber wie Baron Cohen später korrekterweise sagte, definiert sich der Erfolg eines solchen Unterfangens in der Menge der Klagen. Borat musste so unempfindlich und kontrovers sein, um zu funktionieren.

Das war sooo 2006

Aufrgund des außerordentlichen Kritikerlobs, dem für einen solchen Film extrem hohen Einspielergebnisses und des großen Hypes um Borat sind die Erwartungen an den Nachfolger Brüno entsprechend riesig. Von Brüno wird erwartet, dass er beleidigender, frecher, provokativer und witziger ist, außerdem muss er noch mehr schockierende Reaktionen von Passanten und Interviewpartnern auf Film bannen, mehr Geld einspielen und, je nach Humorvorlieben des Kinogängers, auch noch mehr derben inszenierten Humor wie die Nacktwrestlingszene aus Borat enthalten.

Dass Brüno mit einer FSK-Freigabe ab 16 Jahren versehen wurde, während Borat "bloß" eine (durchaus nicht unumstrittene) Fraigabe ab 12 erhielt, ließ dahingehend schon ein wenig Hoffnung aufkeimen. Tatsächlich könnte Brüno noch schonungsloser geraten sein. Allerdings sollte man sich dafür hüten eine FSK-Freigabe als Gütesiegel zu betrachten, zumal sie genauso gut auch nur eine gesteigerte Direktheit des derben Schock- und Ekelhumors bedeuten könnte, während der Rest des Films harmloser geraten ist.
Selbiges gilt auch für die ursprüngliche US-Freigabe: Die erste Schnittfassung des Films, die der MPAA vorgelegt wurde erhielt ein NC-17, woraufhin der Film auf ein R-Rating runtergeschnitten wurde. Ganz davon abgesehen, dass mittlerweile Gerüchte die Runde machen, dass man absichtlich eine Version einreichte, von der man überzeugt war, dass sie ein NC-17 erhielte, welches man mittels Kürzungen wieder revidieren wollte, war man sich uneinig, ob man jetzt mit schonungslosem Humor oder noch mehr von bei den Amerikanern so verhasstne Sexspäßen rechnen müsste. Oder beidem.

Als dann bekannt wurde, dass Baron Cohen auf Anraten der "Gay-Community" Hollywoods seinem Streifen noch ein Finetuning verpasste, machten sich schon erste Zweifel breit, dass der Komiker seine Bissigkeit verloren habe.
Erwartet uns mit Brüno am Ende etwa doch ein zahmes Kätzchen mit gestutzten Krallen anstelle der erhofften, erbarmungslosen Wildkatze?

Wild und fesch

Glücklicherweise stellen sich sämtliche Bedanken als unnötig heraus. Brüno legt noch während des Studiologos den mit Techno und Trance angetriebenen Turbo ein und gönnt einem nur höchst selten eine kurze Atempause. Zu Scooters "Nessaja" eröffnet uns der homosexuelle, aus Österreich stammende, extrovertierte Mode- und Trendjournalist seine Heimat und sein Ziel. Genauso wie Borat mit einigen inszenierten Sketchen und Witzchen begann, um den roten Faden für diese Dokusatiromödie mit Mockumentary-Elementen (oder ist es letztlich eine Mockusatiromödie mit dokumentarischen Elementen?) zu präsentieren, sehen wir zu Beginn von Brüno den stylischen, hippen und in seiner Heimat natürlich unheimlich populären und bedeutenden Titelcharakter in allerlei absurden, provokanten und das Publikum schnell in "für den Film geeignet" und "ungeeignet" aufteilt. Wer die drastische Schilderung von Brünos ausschweifendem Sexualleben abstoßend findet und dem übertriebenen, sarkastischen Bild, dass der Film von der oberflächlichen "In-Szene" und der Modewelt nichtmal ein Schmunzeln abgewinnen kann, der wird auch bei den späteren, realen Interaktionen zwischen Brüno und der "echten Welt" eher mit der Schulter zucken.

Wer niveaulosem Humor gar nichts abgewinnen kann, muss allerdings nicht schon nach diesem Absatz das Handtuch werfen: Die Charakterisierung Brünos zu Beginn verläuft mit dem selben comichaften Witz und der ironischen Note wie der Anfang von Borat. Die in aller Seelenruhe ausgespielten, sich immer weiter steigenden Schwulenklischees und Sexwitzchen befinden sich auf einer vergleichbaren Ebene wie Borats Antisemitismus und die überzeichnete Armut seines Kasachstans (und die ganzen anderen Behauptungen, wie das Land denn so sei). Es ist nicht beleidigend gemeint und der Witz resultiert aus der Übertreibung. Einen Film, in dem ein Schwuler auf Homophobie trifft, mit einer fast schon grotesken Darstellung dessen zu eröffnen, welche Bilder von Homosexualität in den Köpfen von genügend Menschen herumschwebt ist naheliegend, und gerade bei einem so waghalsigen Unterfangen wie Brüno sogar nahezu notwendig. Selbst wenn es in der radikalen Ausführung, die Baron Cohen wählte sicherlich so manchen potentiellen Zuschauer abschrecken wird.

Ich selbst finde den aberwitzigen Einstieg in Brüno jedenfalls rasanter und besser durchdacht als die Eröffnung von Borat. Diese hatte zwar einige großartige Sprüche von Borat zu bieten, jedoch auch unnötigen Leerlauf und Momente ohne jeden "Payoff". Brüno kommt dagegen schneller zur Sache und liefert gleichbleibend gute Gags in einer viel schnelleren Zeit. Und schon bald ist der rote Faden etabliert: Brüno möchte die Medienwelt erobern und ein weltweiter Star werden. Um sein Ziel zu erlangen, versucht er sich an allerlei verschiedenen Unterfangen. Er pilotiert eine US-Fernsehshow, versucht sich an einem Fotoshooting oder begibt sich ins Charitybusiness, oder, oder, oder...

Da ich nicht mit einer Stoppuhr bewaffnet im Kino saß, kann ich über die Zeit, die der erzählerische Rahmen einnimmt keine faktenbasierte Aussage tätigen, aber gefühlsmäßig ist der rote Faden in Brüno weniger aufdringlich als noch bei Borat, wo die "Handlungselemente" gerade bei wiederholten Sichtungen das Tempo leider ziemlich ausbremsten.

Wie wehrt man sich gegen einen Mann mit zwei Dildos?

Anders als die Trailer suggerieren besteht nur ein kleiner Teil des Humors in Brüno aus Situationen, in denen der Titelcharakter seine Umgebung gezielt provoziert oder beleidigt. Solche Momente, die es ebenfalls in Borat zu sehen gab (etwa sein Gespräch mit einer Feministinnengruppe), dürfen in Brüno zwar nicht fehlen und unterhalten superb mit Baron Cohens Dreistigkeit und seinem Mut, doch die gezielte Provokation spielt insgesamt eine kleinere Rolle als etwa noch in Borat. Berechtigte Reaktionen auf berechnete Affronts beschränken sich auf solch herrlich absurde Momente, wie Brünos aus dem Trailer bekannten Talkshowauftritt, in dem er vor einem afro-amerikanischen Studiopublikum behauptet sein schwarzes Adoptivkind "OJ" genannt zu haben und sich ähnliche Dreistigkeiten erlaubt. Hier amüsieren eher Baron Cohens Schauspiel und seine schwarzhumorigen Einfälle, als die (durchaus ebenfalls unterhaltsame) entstehende Randale im Studio. Wie Baron Cohen ohne mit der Wimper zu zucken in seiner Rolle bleibt und ungeniert die Provokationsschraube weiterzieht ist einfach köstlich.

Der Hauptgrund, sich Brüno im Kino anzusehen, sollte für die meisten allerdings der entlarvende Humor sein, die dokumentarischen Begegnungen zwischen einem aufgedrehten, österreichischen Homosexuellen mit Starambitionen und angeblich normalen Menschen. Der Sexismus, Fremdenhass und ähnliche Missstände, auf die Baron Cohen in Borat kühl draufhielt waren das große Verkaufsargument dieser Komödie, und erfreulicherweise spielen diese Momente im Brüno-Humorcocktail die übergeordnete Rolle.
Dabei konzentriert sich Brüno nicht bloß auf Homophobie, die uns im Laufe des Films selbstverständlich und erwartungsgemäß mehrfach begegnet, sondern lenkt seinen Blick auch auf die rücksichtslose Suche nach Ruhm, die viele Leute antreibt. Wenn beispielsweise Eltern bei Brünos Fotoshootingcasting ohne den leisesten Anflug von Zweifel jede noch so absurde, beleidigende oder den gesunden Beschützerinstinkt weckende Anforderung Brünos abnicken und fröhlich lächelnd bereit sind ihr Kind diesem unverantwortlichen Kerl zu überlassen kann man einfach nicht mehr anders, als vor lauter Schock lauthals aufzulachen.

Die inszenierten bzw. geskripteten Stellen in Brüno sind quantitativ mit denen von Borat vergleichbar, vielleicht sind es jetzt dank des lockereren roten Fadens sogar etwas weniger. Dafür haben sie in Brüno allerdings einen größeren Anteil an den Glanzstellen des Films. Das Finale von Brüno trieb mir die Lachttränen in die Augen und sollte bei den Oscars geehrt werden (was leider eher unwahrscheinlich ist).

Neu in diesem Cocktail sind gelegentliche Momente, in denen Brüno weder beleidigend wird, noch Intoleranzen oder erschreckende Meinungen entlarvt, sondern wie die Versteckte Kamera anmutet, nur in mutig, originell und witzig. Menschen werden in eine absurde Situation gebracht und man darf gespannt sein, wie sie reagieren. In einem der absoluten Highlights von Brüno, welches aufgrund seiner... naja... sagen wir mal "Fleischigkeit" zweifelsohne auch Mitschuld an der FSK-Freigabe haben wird, wird sogar die Geduld des eigenen Kinopublikums getestet, welches allerdings dank der ersten paar Szenen zumindest ansatzweise vorbereitet ist.

Überhaupt ist die FSK-Freigabe völlig berechtigt und lässt die Zweifel an Borats Freigabe ab 12 Jahren im Nachhinein verschwinden. Brüno ist als Film offensiver, dreister und direkter als sein indirekter Vorläufer. Obwohl die Figur Brüno weniger beleidigend ist und eigentlich nur ein naiver, oberflächlicher, aber ungefährlicher Kerl mit weniger radikalen Ansichten als etwas Borat ist, ist der Film wohl weniger massentauglich, was zusammen mit dem verlorenen Neuheitsfaktor (ein völlig neues Genre ist halt nur einmal völlig neu) höchst wahrscheinlich leider ein niedrigeres Einspielergebnis nach sich ziehen wird.

Und Schluss

Da in meiner nähren Umgebung keine Originalversion von Brüno läuft, musste ich der Synchronfassung eine Chance geben, die sich dann als überraschend gelungen und einfallsreich entpuppte. Brünos Sprecher Markus Pfeiffer klingt im endgültigen Film bei weitem nicht so gekünstelt und übertrieben wie noch im Trailer, außerdem verlieh man Brüno eine charmante und ordentliche Portion Wiener Schmäh.

Fazit: Brüno hat einen besseren Produktionsstandard als Borat, verläuft viel rasanter, ist pointierter, offensiver und vielfältiger. Ob man Borat oder Brüno bevorzugt, liegt wohl im eigenen Ermessen.
Die Figur des Borats hat mehr Wortwitz, Brüno ist wesentlich schräger und manchmal auch absurd. Ich selbst finde das Gesamtpaket in Brüno besser - der entlarvende Humor und die total schrägen, Momente ergänzen sich perfekt, Baron Cohen zeigt sich noch mutiger, er geht mit sich selbst viel erbarmungsloser um und die Grenze zwischen naivem und bitterbösem Humor, der Vorführung anderer Leute und absurden Streichen verschwimmt zu einem großen Lachmarathon.

Bloß eins stört mich an Brüno: Seine Länge. Der Film könnte locker noch einige Minuten mehr vertragen. Ich hoffe auf eine Unrated-Director's-Cut-Edition mit extra vielen Deleted Scenes!

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

ich will die dvd!!!

Anonym hat gesagt…

Das klingt trotzdem irgendwie interessant, ich dachte Borat wäre nicht mehr zu überbieten, das war einfach genial wie er Pamela Anderson verfolgt hat. Und jetzt sagst du der neue Film sei um klassen besser. Na dann können wir noch einiges in der Richtung erwarten, oder?

Borat 2, Das Wunder von Brüno oder Wiener Geschichten mit Brüno?

Sir Donnerbold hat gesagt…

Das Problem ist ja, dass nun genug Leute wissen, dass man einem schnauzbärtigen Kasachen im grauen Anzug und einem schwulen Österreicher mit auffälligem Modegeschmack nicht unbedingt trauen kann.

Baron Cohen hat Bruno ja schon ein Umstyling verpasst. In der TV-Show sah der noch anders aus. Eine weitere Umgestaltung wird allerdings trotzdem nicht reichen um genug Leute zu veräppeln.

Für einen weiteren Film in dem Stil bräuchte es schon eine neue Figur.

Wenn Baron Cohen als Frau auftritt und so viele Leute foppt wie als Borat und Bruno, dann wäre das mal ne Riesenleistung.

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