Samstag, 5. September 2009

Sounds good! Inglourious Basterds reift und reift und reift...

Alternativversion des abgelehnten Gemälde-Posters für Inglourious Basterds

Ich komme gerade zum wiederholten Male aus einer Vorstellung von Inglourious Basterds (deshalb gab es heute auch so wenige Updates) und was soll ich sagen? Ich bin b-e-g-e-i-s-t-e-r-t! Noch mehr als beim ersten Mal! Nach der ersten Sichtung konnte ich nicht exakt beschwören, ob Inglourious Basterds bereits bei seinem ersten Einsatz am besten zum Zuge kommt, oder ob er von wiederholtem Ansehen profitiert, doch jetzt kann ich besten Gewissens sagen: Oh ja, das ist ein feiner Film, und Mensch, legt der zu, wenn man ihn nochmal sieht!

Das Beste: Dass ich Inglourious Basterds jetzt nochmal wesentlich besser finde, als nach meinem ersten Kinobesuch liegt gar nicht Mal allein daran, dass ich jetzt einiges über den Film gelesen habe und ihn aufgrund meines größeren Hintergrudnwissens mehr zu würdigen weiß. Auch dass ich noch immer von selbst liebevolle Details oder originelle Kunstgriffe zu entdecken vermag ist nicht der Hauptgrund. Inglourious Basterds reift mit seinem Alter. Während der ersten Sichtung überraschen einen Tarantinos unkonventioneller Aufbau und so manche Handlungsentwicklungen, lassen aber auch naturgemäß in manchen Bereichen des Gehirns einen perplexen Eindruck ("Hä, sollte das nicht eigentlich eher so und so und so ablaufen...?"). Es ist ungewohnt, es ist toll, es überrascht, es verwirrt. Mittlerweile jedoch stürze ich mich beim Ansehen begeistert auf diese wagemutigen Regelbrüche, während ich auf einer anderen geistigen Ebene dank des hervorragenden Spiels und der exzellenten Regieführung weiterhin vom Leinwandgeschehen mitgerissen werde, jedes Muskelzucken der Darsteller und jede Silbe des hervorragenden Dialogs aufsauge.

An manchen Stellen nimmt mich der Film mittlerweile sogar mehr ein, als beim ersten Mal. Etwa das Ende des ersten Kapitels - ich war vom Geschehen gebannt, aber Tarantinos theatralischer Aufbau, die Bühnenhaftigkeit der Szene distanzierten mich emotional auch ein wenig. Jetzt, da ich den Film, seine Personen und Orte, kenne, packte mich diese Szene deutlich mehr, riss mich in seinem Spannungsaufbau erheblich stärker mit, jagte mir sogar ein wenig Gänsehaut über den Rücken. Obwohl ich genau wusste, was in den nächsten rund zwei Stunden noch so alles passieren wird.

Eine weitere Szene, die mir während des heutigen Kinobesuches besser gefiel war der Anfang des vierten Kapitels, nennen wir es Mal "die Briten-Szene". Beim ersten Ansehen fand ich sie ganz amüsant, allerdings empfand ich sie auch als dick aufgetragene, verspätete Expositionsmaskerade. Heute jedoch fand ich für mich den wahren Witz hinter der Szene. Unterbewusst amüsierte mich er bereits während meiner Premiere von Inglourious Basterds, aber wie ein guter Wein edler schottischer Scotch muss die Briten-Szene erst reifen, bevor sie ihren einzigartigen Charakteristika und Wirkung entfalten kann. Während Brad Pitts Aldo Raine Kaugummi kauend triefend coole Reden schwingt und sich in simpelstem Englisch verständigt, ist die Syntax der Briten wesentlich elaborierter. Die snobistischen und überheblichen Briten näseln, stehen stocksteif in der Gegend herum, atmen seltsam und bewahren ihren Whiskey in einem Globus auf. Man muss diese dicke, jedoch nicht mit dem Holzhammer transportierte Sterotypisierung zwei oder drei Mal gesehen haben, bevor man über sie urteilt, denn mit jedem Mal wird die Szene komischer, pointierter und geistreicher. Fassbender und Myers geben hier eine richtig tolle, arrogante und hochnäsige Performance ab - was mir erst vorhin so wirklich bewusst wurde.

Was mir auch erst jetzt bewusst wurde, ist wie simpel-genial Tarantino kapitelübergreifend Spannung erzeugt. Ein Beispiel:
[Spoiler]
So wäre die gesamte Tavernenszene trotz großartiger Inszenierung, dem hervorragendem August Diehl und den genialen Dialogen nur halb so spannend, hätte Tarantino Hugo Stiglitz in Kapitel Zwei keine ausführliche, Exploitation artige Vorstellung gegönnt. Denn während des Verhörs durch Diehls Charakter wird immer deutlicher, dass sich der Brite Archie Hicox in eine aussichtslose Situation manövrierte. Sie stehen mit dem Rücken zum Wand, und zu allem Übel befindet sich diese Wand auch noch in einem Keller. Einem Keller voller Deutscher. Eigentlich würde uns früh klar werden, dass die Basterds dem Tod geweiht sind. Und wären nicht Schweiger und Hicox dabei, die zuvor mit ellenlangen Szenen eingeführt wurden, würde der Zuschauer die drei Basterds und von Hammersmarck irgendwann endgültig abschreiben und auf das Ende der Szene warten. Doch Tarantino lässt uns im Glauben, dass es einen Ausweg geben muss! Und dann killt er Schweiger, Burkhard, Diehl, Fassbender und Konsorten trotzdem. Was für ein perfide-genialer Schweinehund, dieser Tarantino. [/Spoiler]

Für die Oscarchancen der Inglourious Basterds könnte der hohe Wiedersehenswert des Films viel gutes bedeuten. Bis zur Nominierungszeit ist es noch weit hin, und wenn Tarantinos Neuster mit der Zeit immer besser wird, bleibt er somit im Gespräch. Und es soll tatsächlich Academy-Mitglieder geben, die sich manche Filme öfters angucken... Jede Stimme zählt, und diese Stimmen könnten Inglourious Basterds in die eine oder andere Kategorie verhelfen...
Ach ja: Meine (mögliche) Lieblingsszene, der Anfang des letzten Kapitels, stieg sich in meinem Ansehen radikal an. Die Bilder sind echt hervorragend zur Musik geschnitten. Für diese beeindruckende Leistung würde ich persönlich schonmal einen Platz auf der Liste der Oscar-Nominierten in der Kategorie "Bester Schnitt" reservieren... Wäre schön, wenn die Academy es ähnlich sieht.

Ansonsten: Ich kann jedem, der Inglourious Basterds bereits sah nur empfehlen ihn sich ein weiteres Mal im Kino anzuschauen. Am besten zusammen mit wem, der den Film bislang noch nicht kennt - das steigert das Kinoerlebnis wirklich um einiges und führt im Anschluss an den Besuch zu angeregten Diskussionen.

Jedem, der Inglourious Basterds noch nicht sah, empfehle ich es so schnell wie möglich nachzuholen.

Für Kenner des Films habe ich außerdem drei neue lesenswerte Artikel rausgesucht: "Some ways to watch Inglourious Basterds", "Real or ficticous, it does'nt matter" und die Produktionsnotizen zum Film.

Weiterführende Artikel:

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Was mir gefehlt hat waren die Tarantino-üblichen catch-phrases. Ansonsten, womit ich nicht gerechnet hatte war, dass ein Großteil des Films beinahe realistisch wirkte, als hätte es sich tatsächlich so ereignen können.

Ach und, ich bin ja eigentlich nicht empfindlich oder so, aber an manchen Stellen hab' ich schon ein flaues Gefühl im Magen bekommen. Siehe Skalpe und die Szene mit dem Bärenjuden, oder auch die Schlussszene.

Anonym hat gesagt…

Ich find "Inglourious Basterds" ziemlich gut rezitierbar. Mit einigen Freunden rede ich nur noch in feinstem Italienisch. :-p

Auch "Aus der Entfernung bin ich ein echter Frederick Zoller" ist gut in den Alltag übernehmbar. Dann wäre da natürlich noch "Das ist ein BINGO!" oder "FUCK A DUCK!" (herrlich untertitelt als "Fick die Henne"... *rofl*).

Arri-wi-dööör-tschi.

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