Samstag, 10. Oktober 2009

Verdorbener Zucker

Gefeierter Independentautor und -regisseur, Stimme einer Generation von simpel gestrickten Männern mit großen und kleinen Problemen, Zyniker und Schandmaul. Zugleich auch Held zahlreicher infantiler Geister, die auf Schwanz-, Furz- und Kifferhumor abfahren. Er verärgerte zahllose Katholiken, ließ einen seiner Helden in der Liebe gegen eine Lesbe anlaufen.

Kevin Smith, Hollywoods unerzogener, frecher Vorzeige-Nerd. Comicfan, Star Wars-Fan, dick, bärtig und die Zahl seiner ausführlichen, unverschämten Sexgespräche stellt die Zahl seiner Rendez-Vous mit Sicherheit loooooocker in den Schatten.

Wer sich einen Film von Smith ansieht weiß, was ihn erwartet: Unsentimentaler, ehrlicher Trashtalk und verschrobene Figuren in kultverdächtigen Geschichten, auf die Kommerz-Hollywood sicher nie kommen würde. Wie wäre es mit einem Tag im Leben eines Kleinladen-Angestellten oder der Mission einen Engel zu töten - so ganz ohne Schwarzenegger-Actionpomp?

Ja, Smith ist ein Unikum, ein verdorbener Zyniker, der die Dinge ausspricht, die sich die konservativen in der amerikanischen Bevölkerung nicht zu denken wagen!

Doch dann kam ein Film, der das Image von Kevin Smith in sich zusammenstürzen ließ, wie ein umgepustetes Kartenhäuschen. Ein widerlicher, in den Hintern Hollywoods kriechender Schnulzenkitsch, der unbestätigten Berichten zu Folge mehreren Diabetikern das Leben kostete. Ein Schuss in den Ofen, der von der medienträchtigen Beziehung zwischen Schleimbacke Ben Affleck und Zimtzicke Jennifer Lopez profitieren wollte und zu Recht katastrophal scheiterte.
Oder stimmt das alles, was man sich sagt etwa gar nicht?

Meine Damen und Herren, ich erbitte mir mehr Respekt für...

Jersey Girl

Jersey Girl ist für unglaublich viele Fans von Smith und zahlreiche Kinokritiker das schwarze Schaf der Smith-Filmografie. Oder sollte ich besser sagen, Jersey Girl gilt als "das weiße Schaf"?
Denn was die meisten Feinde von Jersey Girl so sehr von diesem Film abstößt ist seine vermeintliche Süßlichkeit, die große Untreue gegenüber seinem eigenen Stil, die Smith hier aufzeigt.
Allerdings sehe ich das etwas anders. Smith wurde sich mit Jersey Girl nicht untreu, und einige der Kritiker von Jersey Girl ließen sich zu Zeiten des Kinostarts von äußeren Umständen blenden, statt der romantischen Komödie mit deutlicher Smith-Handschrift eine faire Chance zu geben.
So beschweren sich einige über das Casting von Ben Affleck in der Hauptrolle. Haben diese Kritiker überhaupt je einen anderen Film von Kevin Smith gesehen? Clerks ist der einzige Film von Smith, der vor Jersey Girl erschienen ist und ohne Affleck auskommt. Wer vor Jersey Girl kein Problem mit Affleck hatte, der sollte auch dort keins mit ihm haben.
Klar, nun könnte man sagen "Nur weil er in Mallrats nicht störte, muss Affleck in Jersey Girl nicht gleich gut sein.", jedoch gehen viele Kritiker gar nicht erst auf Afflecks Spiel in Jersey Girl ein. Sie sehen Affleck, und kriegen die Krächze. Dass Affleck unter Kevin Smith aber beweist, dass er ein guter Schauspieler ist und in Chasing Amy und Jersey Girl die mit Abstand besten Leistungen seiner Karriere abliefert, das interessiert wohl niemanden.
In Jersey Girl gibt Affleck eine fantastische Figur als in New Jersey lebender, alleinerziehender Vater ab, der sein Leben als erfolgreicher PR-Manager in New York vermisst und sich in eine sexuell sehr offene Videothekarin verliebt. Wieso also meckern?

Vielleicht sind die vielen Attacken gegen Jersey Girl ein Produkt ihrer Zeit: Als der Film herauskam waren Affleck und Lopez in allen Klatschspalten und verpesteten obendrein die Kinos Amerikas mit ihrem Schrottfilm Gigli. Durchaus verständlich, dass einige damals einfach genug von Affleck und Lopez (die im Prolog Afflecks Ehefrau spielt) hatten. Allerdings sollte man die Größe haben, Jersey Girl neu zu betrachten, wenn man seine Affleck-Überstättigung irgendwann bekämpft hat.

Mich verwundert auch der Vorwurf, Kevin Smith verrate mit Jersey Girl seine Ideale und seinen eigenen Stil. Sofern man von Kevin Smith mehr gesehen hat als nur Jay und Silent Bob schlagen zurück, sollte man eigentlich wissen dass Smith nicht bloß ein Blödelregisseur ist, der zwei kultige Kifferkumpane erschuf und der in seinen geekigen Geschichten viel persönliches hineinlegt. Dogma (mein Lieblingsfilm von Kevin Smith) behandelt seinen Glauben (zugegebenermaßen auf sehr amüsante Weise), aber seine vorherigen Filme gingen unter ihren genial-komischen Dialogen auch mit Herz und Seele an ihre Themen heran. Erneut sei hier besonders Chasing Amy hervorgehoben, der über weite Strecken auf Lacher verzichtet und sehr ehrlich und gefühlvoll die Liebe aus einem neuen Blickwinkel betrachtet.

Wenn man nun Jay und Silent Bob rausstreicht (Jersey Girl war der erste Film von Kevin Smith, der auf die zwei Charaktere verzichtete und außerhalb des "View Askewniverse" spielte) - wieso sollte man da zwangsweise einen Film erhalten, der absolut untypisch für Smith ist und zu kitschigem Hollywood-Geblubber verkommt?
Jersey Girl mag zwar in den USA eine PG-13-Freigabe erhalten haben (ein Novum für Smith!), jedoch hatte auch er wieder enorm mit dieser Freigabe zu kämpfen (was Smith mittlerweile gewohn ist) und enthält deftige, unbeschönigten Gedankenaustausch über Enthaltsamkeit, Pornos und Masturbation. Kevin Smiths Spezialität ist es diese Themen geschmackvoll und (für manche schockierend) ehrlich anzupacken und mit ihnen eine gefühlvolle Geschichte über Treue, ewige Liebe und das Erwachsenwerden / das Vatersein zu erzählen.

Sicherlich ist Jersey Girl nicht makellos, und je nach meiner Stimmung ist er in meinen Augen der schwächste Film von Kevin Smith. Wenn meine Gefühlslage ein wenig anders ist, dann kommt diese "Ehre" Mallrats zu, das Ganze hängt auch ein wenig davon ab, welchen der Filme ich zuletzt sah.
Jersey Girl
ist manchmal etwas "unfair" zu seinem Hauptcharakter und forciert die Handlung gegen Schluss ein bisschen (man soll ihn hassen bzw. seine Familie hasst ihn, wenn ein leichter Zwist viel schlüssiger wäre, aber dann käme der nächste Akt nicht in die Pötte) und ein klein wenig unstrukturiert. Ansonsten brilliert er aber mit den hervorragenden Dialogen eines Kevin Smiths, einem alles gebenden Ben Affleck (die Nominierung für die Goldene Himbeere war reinste Gehässigkeit) und der faszinierenden Jungdarstellerin Raquel Castro als Afflecks Tochter, dem titelgebenden Jersey Girl. Liv Tyler als Afflecks neue Flamme ist solide, könnte aber durchaus etwas mehr Funken sprühen lassen.

Dass Jersey Girl, über dessen Scheitern an den Kinokassen Smith wenigstens lachen und scherzen kann, kein Welterfolg wurde, ist für mich ja angesichts seiner Unauffälligkeit ja noch ganz gut erklärlich, der Hass dagegen ist vollkommen irrational. Jersey Girl ist eine sentimental-amüsante Feel-Good-Romanze, die mit einigen frischen Ideen wie den Sweeney Todd-Szenen und großartigen Gastauftritten aufwarten kann. Und wäre die allergische Reaktion auf Ben Affleck und Jennifer Lopez nicht gewesen, hätte Smith vielleicht sogar ein beeindruckendes, kleines Epos schaffen können: Eigentlich sollte der Film eine ganz andere Struktur aufzeigen und rund drei Stunden dauern. Diese Version hätte mehr Szenen mit Jennifer Lopez enthalten und hätte, so Smith, einen anderen emotionalen Schwerpunkt gehabt, da man mehr vom früheren Leben Trinkés (Ben Afflecks Figur) gesehen hätte.

Aber auch in der Kinofassung ist Jersey Girl ein charmanter, cleverer und rührender kleiner Film, der zeigt, wie vielfältig Kevin Smith ist, ohne dass er sich selbst untreu werden muss. Er ist süß und frecherweise ehrlich zugleich.

Und deshalb hat Jersey Girl mehr Respekt verdient.

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2 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Ich habe außer Dogma bisher noch keinen Film von Kevin Smith gesehen (ich weiß, Schande über mein Haupt!). Dieser lief dafür aber damals, als ich endlich das Video mein Eigen nennen durfte (denn um ihn im Kino zu sehen, war ich ja noch zu jung... und fürs Video eigentlich auch. Aber wofür hat man liebe Opas.^^), in Dauerschleife. Witzig und böse, wunderbar! :)

Jersey Girl ging natürlich auch total an mir vorbei (allerdings nicht wegen des Affleck/Lopz-Hypes, sondern weil es mich einfach so nicht angesprochen hat). Aber wenn ein Film, der - zumindest von außen betrachtet - alle Klichees einer seichten Romanze erfüllt, auf einmal mit "God, that's good!" aus Sweeney Todd ankommt (gesungen von einem süßen kleinen Mädchen!), dann ist klar, dass der Film doch etwas mehr zu bieten hat. ;)

Vielleicht guck ich den ja irgendwann mal. Jetzt hab ich erstmal Garden State erstanden. *g*

symBadisch hat gesagt…

Das kann ich unterschreiben: Jersey Girl ist kein schlechter Film!

Ich bin zwar sonst nicht unbedingt der Smith-Kenner und habe von seinen sonstigen Filmen bisher auch nur Dogma gesehen, aber ich habe auf jeden Fall vor, auch noch ein paar mehr seiner Filme anzuschauen.

Jersey Girl ist mit Sicherheit kein Hit, aber der Film hat durchaus seine Momente ...

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