Sonntag, 21. März 2010

Musikalisches Immergrün - Meine 333 liebsten Disney-Lieder (Teil XXX)

zurück zu Teil XXIX
Platz 155: Das flotte Aufräumlied ("Happy Working Song") aus Verwünscht
Musik von Alan Menken, Text von Stephen Schwartz (dt. Fassung von Fred Novello & Max Maria Snyder)

Das erste Lied in Verwünscht, Der wahren Liebe Kuss (Platz 284), verarbeitete die trällernden Prinzessinnenliedelein aus Walt Disneys Lebzeiten. Körperlich in der realen Welt angekommen, geistig aber noch voll und ganz im Zeichentrickland Andalasien, stimmt die verträumte und überaus naive Giselle als zweite Gesangsnummer des Films Das flotte Aufräumlied an, ein heiterer Motivationsgesang, der ihr und ihren tierischen neuen Freunden (Kakerlaken, Tauben und Ratten) dabei helfen soll mit viel Schwung und einem Lied auf den lippen am frühen Morgen die Wohnung zu säubern. Inhaltlich wird auf diesem Wege die Tradition der disney'schen Aufräum- und Arbeitslieder wie Ein Löffelchen voll Zucker oder Wer bei der Arbeit pfeift Tribut gezollt, musikalisch lehnt sich Alan Menken besonders an den Klang von Disneys 50er- und die von den Sherman Brüdern geprägten 60er-Jahren an. Als Persiflage erkennt man dieses Lied eigentlich nur bei Betrachtung der zugehörigen Filmsequenz, für sich genommen ist Das flotte Aufräumlied nicht gerade heraus als Persiflage aufzunehmen, auch wenn Menken ihn für einen durchgehend ernst gemeinten Film wohl nicht ganz so dicke aufgetragen hätte. Auffällig ist auch, dass Menken und Schwartz sich nicht gänzlich ihren Vorbildern unterordneten, sondern zwischen all dem Gesang über's Putzen auch eine kurze, romantische Zäsur einbauten, in der Giselle ihren Traumprinzen herbeisehnt. Weil sie allerdings zugleich den Drang verspürt, etwas neues erleben zu wollen, wendet sie sich rasch wieder ihren kleinen Helfern zu und fragt nach dem Staubwedel um weiter aufzuräumen. Tjaha, Mädchen wie Giselle putzen Staub, wenn sie etwas aufregendes unternehmen wollen.
Zum Glück für sämtliche Verteidiger eines aufgeschlossenen Fraubildes entwickelt sich Giselle in Verwünscht stetig weiter und wird später zu einer unabhängigen und modernen Frau, die ihr Leben in die eigenen Hände nimmt - und Aufräumen wohl kaum als eine anregende Unternehmung bezeichnen würde.

Platz 154: Wenn hoch ein Drachen fliegt ("Let’s Go Fly a Kite") aus Mary Poppins
Musik & Text von Robert B. & Richard M. Sherman (dt. Fassung von Eberhard Cronshagen)

Der Finalsong in Mary Poppins ist sicherlich einer der weniger ikonischen aus diesem fantasiereichen und liebevollen Musical. Trotzdem kann ich mir nicht helfen, und diesen frohgemuten Abschluss von Walt Disneys beliebtesten Realfilm vergleichsweise hoch in meiner Hitliste zu platzieren. Einfach so als Lied für sich genommen ist Wenn hoch ein Drachen fliegt einfach nur ein heiteres kleines Stück, aber im Gesamtkontext des Films bildet der Song für mich ein wahrlich befriedigendes Ende. Mr. Banks ist endlich unbeschwert und nimmt sich Zeit, mit seinen Kindern Drachen steigen zu lassen. Der Einsatz des Chores am Schluss des Songs lässt nach den über zwei Stunden mit Mary Poppins Gänsehaut aufsteigen und hinterlässt einen mit zufriedenem Lächeln und dem Bedauern, dass jetzt Schluss ist. Ein vergnügtes Ende für Mary Poppins, das muss in dieser Hitliste einfach entlohnt werden.

Platz 153: Es ist nicht einfach ("It's not Easy") aus Elliot, das Schmunzelmonster
Music & Text von Al Kasha & Joel Hirschhorn (dt. Fassung von Heinrich Riethmüller)

Der kleine Waise Pete wird von der freundlichen Tochter eines Leuchtturmwärters aufgenommen. Als sie sich vor der Nachtruhe miteinander austauschen, erwähnt Pete, dass er einen Drachenfreund namens Elliot hat. Pete stößt selbstverständlich auf ungläubige Ohren, jedoch lässt sich seine neugewonnene Ziehmutter in spe nichts dergleichen anmerken und bemüht sich Pete gegenüber mitzuspielen und behandelt den ihrer Meinung nach imaginären Elliot wie ein real existierendes Wesen. Dem Zuschauer ist währenddessen allerdings offensichtlich, dass sie sich um Pete kümmert und es bedauert, dass er bislang so einsam war, dass er sich einen treuen Begleiter einbilden musste. Wie sie Pete seine angeblichen Hirngespinste lässt und unterschwellig versucht, sie dadurch zu verdrängen, dass Pete jetzt wieder jemand echtes an seiner Seite hat ist wirklich rührend und zeugt von einem sehr guten doppelbödigem Liedtext und gelungener Schauspielleistung. Hinzukommt, dass dieses zuckrig-ergreifende Lied einfach nur schön ist.

Platz 152: Ob die Sonne je wieder scheint? ("Will The Sun Ever Shine Again") aus Die Kühe sind los!
Musik von Alan Menken, Text von Glenn Slater (dt. Fassung von Frank Lenart)

Das mit meilenweitem Abstand beste am katastrophalen Disney-Machwerk Die Kühe sind los! ist zweifelsohne Alan Menkens bewegende Westernballade Ob die Sonne je wieder scheint?. Die Qualitäten dieses Stücks lassen sich jedoch nur schwerlich erkennen, wenn man es bloß aus dem Film kennt, denn unter all dem armseligen Kuhdung funktioniert dieses emotionale Beispiel für rührende Country-Musik äußerst schlecht. Die Charaktere lassen einen kalt, die dazugehörige Sequenz ist vollkommen uninspiriert und so versinkt diese vor die Rindviecher geworfene Perle hilflos im Matsch der Filmhandlung. Möchte man diesem Kleinod gerecht werden, so kommt man nicht umher, es sich vom Film Massaker am Erbe der Walt Disney Zeichenstudios losgelöst anzuhören. Erst dann, wenn man sämtliche Assoziationen mit Die Kühe sind los! tilgt kann die zarte Ballade ihre intendierte Wirkung entfalten. Es ist Alan Menkens wohl resignierendste Komposition, die Melodie allein vermag es bereits die einen umgebende, absolute Ohnmächtigkeit, wenn sich wirklich alles gegen sein Vorhaben wendet, einzufangen. Die Texte von Glenn Slater verstärken die Gefühle dieses Liedes und stellen für mich sogar Slaters bisherige Bestleistung dar. Slater ist für mich Menkens bislang schlechtester Partner, er bleibt weit hinter den begnadeten Howard Ashman, Tim Rice und Stephen Schwartz zurück. Aber wenigstens Ob die Sonne je wieder scheint? kann textlich mit den Leistungen Slaters Vorgänger locker mithalten. Das Besondere an diesem Stück ist, dass es trotz der deprimierenden Gefühle, die es beschreibt, diese emotionale Lage nicht etwa wie viele andere Balladen an den Zuhörer weitergibt, sondern ihn aus dieser Wehmütigkeit befreit. Paradoxerweise ist Ob die Sonne je wieder scheint? ein ermutigendes Lied, dessen Schluss wieder den Glauben an einen Silberstreifen am Horizont zu erwecken mag.
Die atmosphärische und emotionale Komplexizität und Eindringlichkeit dieses Liedes erklärt sich möglicherweise durch seine Entstehungsgeschichte. Man mag es ja kaum glauben, dass beim kreativen Prozess für eine dermaßen gräußliche Wildwest-Blödelkomödie ein solch gefühlvoller Song entstehen kann. Was soll Manken bitte inspiriert haben, etwa die ausweglose Situation, in die sich die Protagonistinnen von Die Kühe sind los! manövrierten?
Die tragische Wahrheit ist, dass Menken Ob die Sonne je wieder scheint? komponierte, um mit diesem Lied seine Erschütterung über die Terroranschläge des 11. Septembers zu verarbeiten.

Ob die Sonne je wieder scheint? gefällt mir in der von Bonnie Raitt gesungenen Originalaufnahme am besten, da sie vor allem am Schluss die aufschimmernde Hoffnung unaufdringlich, doch sehr spürbar zu erwecken weiß. Außerdem funktioniert Country in seiner "Muttersprache" halt besonders gut. Die deutsche Version von Corinna May kann sich allerdings überraschend gut schlagen. Auf die Ironie, dass Disney ausgerechnet die blinde Schlagersängerin über das entschwindende Sonnenlicht singen lässt, möchte ich an dieser Stelle besser nicht hinweisen.

Platz 151: Sehr seltsame Dinge ("Strange Things") aus Toy Story
Musik und Text von Randy Newman (dt. Fassung von Pierre Peters-Arnolds)

Früher, vor langer Zeit, als Pixarfilme noch etwas neues waren, standardgemäß unter der Regie von John Lasseter entstanden und Randy Newman am Band die Musik dazu beisteuerte, dachte ich, dass Randy Newman ein Songwriter ist, der an meinem Geschmack vorbeisegelt. Seine Lieder wollten mich selbst bei bestem Willen nicht begeistern, viel eher langweilten sie mich. Time of your Life (Platz 218) bildete anfangs die Ausnahme und wuchs mir zudem mit der Zeit immer mehr ans Herz. Du hast'n Freund in mir wurde durch Toy Story 2 in meiner Gunst nach vorne katapultiert. Auch die Musik in Die Monster AG begeisterte mich. Und irgendwann las ich mir zusätzliches Wissen über den Herren Newman an, wodurch ich erfuhr, dass er beispielsweise auch solche Lieder wie You Can Leave Your Hat On schrieb. Spätestens in diesem Moment wurde mir bewusst, dass Randy Newman kein schlechter Songschreiber ist, nichtmal einer, der mit meinem Geschmack unkompatibel ist. Nein. Ich kann einfach nichts, wirklich überhaupt nichts mit seiner Stimme anfangen. Seine selbstgesungenen Lieder bringen mich beinahe zum Einschlafen, Coverversionen seiner Lieder sowie für andere geschriebene Newman-Songs hingegen kommen bei mir üblicherweise besser an. Das zeigte sich spätestens bei Küss den Frosch, dessen Lieder mich insgesamt zwar etwas distanzierter zurückließen als die eines Spitzen-Soundtracks von Alan Menken, aber es waren auch ein paar Kracher dabei.

Sehr seltsame Dinge, unbeabsichtigt wohl Disneys ideale musikalische Begleitung durch die Pubertät (*Scherz*), gefällt mir in den internationalen Filmfassungen wegen der auf mich anästhesierend wirkenden Stimme Newmans deutlich besser als in der englischen Originalfassung. Da sich die lokalisierten Versionen allerdings am Tonfall und der Klangfarbe von Newmans Aufnahme orientieren, könnte nicht einmal ein Klaus Lage Sehr seltsame Dinge über das untere Viertel dieser Hitliste hinaushelfen. Als Katapult für dieses Lied diente viel mehr ein weiteres Mal das Disneyland Paris, in diesem Falle der Walt Disney Studios Park. Die mittlerweile eingemottete Disney Cinema Parade stellte das übliche musikalische Konzept der Pariser Paraden auf den Kopf, indem der eigentliche Paradensong (Platz 196) ausschließlich während der Stopps zu hören war. Die laufende Parade wurde von einem Medley aus umarrangierten Disneyliedern und einem von J. Barr extra für die Parade geschriebenen Leitmotiv begleitet. Während des Pinocchio-Wagens, der die Filmklappe und somit den Drehstart repräsentierte, war etwa Wenn ein Stern in finst'rer Nacht zu hören, wenn der Toy Story-Wagen vorbeizog, der einen fertigen Streifen Zelluloid darstellte, konnte man Du hast'n Freund in mir, Sehr seltsame Dinge und Woody's Round-Up vernehmen. Anders als sonst bei Disneyparaden üblich wurden während der Disney Cinema Parade keine Instrumentalfassungen verwendet, sondern neu aufgenommene Kurzfassungen der ausgewählten Songs. Und Sehr seltsame Dinge klingt in dieser kurzen, verspielten Fassung überraschenderweise genau so verwundert und vom Geschehen überfordert, wie es meiner Meinung nach immer hätte klingen müssen. Eine mehrfach gedoppelte und verzerrte, geisterhafte Frauenstimme zehrt während des knapp 30-sekündigen Musikschnipsels nach Luft - wie ich finde die perfekte musikalische Untermalung für den baffen Woody, der mitansehen muss, wie Buzz Lightyear ihn in Andys Gunst überflügelt.

Platz 150: Uns're Weihnacht ("Making Christmas") aus Nightmare before Christmas
Musik und Text von Danny Elfman (dt. Fassung von Frank Lenart)

Nachdem er das Dorf des Weihnachtsmannes sah, nimmt sich Kürbiskönig Jack Skellington vor, nicht nur Halloween in die Menschenwelt zu bringen, sondern dieses Jahr auch das Weihnachtsfest zu übernehmen. Seine Gefolgschaft, die aus Monstern, Vampiren, Geistern und allerhand grotesken Kreaturen bestehende Bürgerschaft von Halloween Town, schließt sich diesem Vorhaben an und bereitet somit sehr engagiert das Weihnachtsfest vor. In ihrer Natur als Schreckgestalten bereiten sie unwissentlich jedoch die reinste Weihanchtstatastophe vor, indem sie beispielsweise aus überfahrenen Tieren Hüte basteln.
Uns're Weihnacht besticht mit so herrlich makaber-schwarzhumorigen Texten wie "Snakes and mice get wrapped up so nice/ With spiders legs and pretty bows" im Original oder "Die Kinder freuen sich halbtot" in der deutschen Übersetzung und einer wunderbar grotesk-spielerischen Musik. Aufrund des Arrangements von Danny Elfman ziehe ich die Filmversion auch ohne Frage dem hämmernden Cover von Rise Against für das Album Nightmare Revisited vor.

5 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Der "Happy Working Song" dann doch so niedrig, hmm... Langsam aber sicher ist man wirklich verdammt gespannt, was sich denn dann auf den vorderen Rängen so tummelt.

Randy Newman als Sänger geht auch ziemlich an mir vorbei, obwohl mir die Lieder an sich häufig ganz gut gefallen. Dass "You can leave your hat on" von ihm ist, wusste ich gar nicht; wieder was dazugelernt. *g*

"Nightmare before Christmas", juhu! :)

Anonym hat gesagt…

Die Top 50 werden eh irgenwelche Disneylandparaden Hardcorealternativlieder sein mit denen wir niemals gereächnet hätten oder sie gar nicht erst kennen xD

Anonym hat gesagt…

Geht mir wie Sunshine, kann mit Newmans Stimme auch nicht viel anfangen, aber einige seiner Songs gefallen mir (z.B. der Titelsong von Monk).

Hier übrigens eine etwas andere Version von "Making Christmas" :P
http://www.youtube.com/watch?v=I8oygS8mE08

Sir Donnerbold hat gesagt…

Der Monk-Titelsong hat mich noch nie vom Hocker gehauen. Reizt mich irgendwie nichts dran.

Und den letzten Satz des Beitrags hast du wohl nicht gelesen, oder? *g* Aber gut, jetzt können sich ja alle selbst ein Bild von dieser Version machen.

Anonym hat gesagt…

Oh! Hab tatsächlich nur den Artikel überflogen und den letzten Absatz gar nicht erst wahrgenommen *g* fand die Filmversion aber immer ein wenig zu lahm.

Kommentar veröffentlichen