Freitag, 6. August 2010

Musikalisches Immergrün - Meine 333 liebsten Disney-Lieder (Teil LV)

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Platz 19: Die Glocken Notre Dames ("The Bells of Notre Dame") aus Der Glöckner von Notre Dame
Musik von Alan Menken, Text von Stephen Schwartz (dt. Fassung von Frank Lenart)

Paris ist eine der schönsten Städte dieser Welt. Und ein hervorragender Schauplatz für Animationsfilme. Die einmalige Architektur der Stadt der Liebe, das in den Straßen schwebende, künstlerische Flair, die kulturelle Ausstrahlung, die Verschmelzung von pittoresken Bauten und beeindruckender Größe - es sollten mehr Trickfilme im Herzen Frankreichs spielen. Auch Der Glöckner von Notre Dame, eines der reifsten und dunkleren Disney-Meisterwerke, profitiert von seinem Schauplatz. Die detaillierten, realitätsnahen Hintergründe verleihen dem Film von Gary Trousdale und Kirk Wise eine epochale Ausstrahlung und eine schwere Tragweite. Dies ist bereits in der gewaltigen Eröffnungssequenz zu spüren, die von einem Wolkenhimmel in die verschlungenen Straßen Paris' hinunterfährt und an einem Puppentheater-Wagen anhält, wo der Narr Clopin Kindern eine Geschichte erzählt, die erklärt wieso die herrlichen und mächtigen Glocken Notre Dames läuten. Zugleich ist es die Geschichte von einem Mann und einem Monstrum: In einer Rückblende erzählt Clopin von einer schwarzen Nacht, in der drei Zigeuner auf der Sein nach Paris überfahren und dort in eine Falle des gefürchteten Richters Claude Frollo tappen, ein Despot der einen tief verwurzelten Hass gegenüber Zigeuner pflegt, die in seinen Augen räudige Sünder sind. Als die unter den drei Zigeunern befindliche junge Mutter zu fliehen versucht, verfolgt sie der mit Zorn erfüllte Richter die Zigeunerin auf seinem dämonischen Pferd. Während es langsam zu schneien beginnt, stößt Frollo die um Asyl hinter den Pforten Notre Dames bettelnde Frau verabscheut von sich ab, so dass sie sich an den zur Kirche führenden Stufen das Genick bricht. Als Frollo den bislang als Diebesgut vermuteteten, in Tuch gehüllten entstellten Säugling der Zigeunerin erblickt, möchte er es in einem nahe gelegenen Brunnen ersäufen, bevor ihn der Erzdiakon davon abbringen kann. Erstmals in seinem Leben verspürt Frollo mit den steinernen Blicken der grimmen Statuen Notre Dames im Nacken ein beißendes Gewissen, eine Angst um das Wohl seiner Seele im Leben nach dem Tod. Die grimmen Bilder wechseln kurz zu einem simplen Schattenspiel, bevor eine atemberaubende Kamerafahrt durch den detaillierten, fotorealistisch eingefangenen Glockenturm den erwachsenen Quasimodo bei seiner tagtäglichen Aufgabe zeigt und ein Crescendo an Glockenklängen und markerschütternden Chorgesängen dieses Mammutwerk aus Menkens und Schwartz' Schaffen beendet. Die harsche Geschichte und die rauen, realistischen Bilder werden von Menkens finsterer und immer nahtlos von dramatischer Subtilität und epischer Größe wechselnder Musik perfekt unterstützt. Allein schon die Entwicklung, die der musikalische Stil in diesem fast sechseinhalb Minuten andauerndem Song durchmacht, haut mich ein ums andere Mal um. Es beginnt mit einem monotonen gregorianischen Chor, der die Melodie des aus dem Film geschnittenen Liedes Someday nachahmt, gefolgt von dunklem Glockenspiel und einem dramatischeren Chor und verspielter mittelalterlicher Folklore, die später im Stück vereinzelt kurz erneut anklingt. Daraufhin mündet Die Glocken Notre Dames in einen besonders tragischen und finsteren Szenensong mit pointiertem Orchester- und Choreinsatz, der während der Flucht von Quasimodos Mutter beeindruckend panisch Spannung erzeugt. Wenn Frollo befehligt, dass Quasimodo niemals den Turm Notre Dames verlassen darf, webt Menken sogar ganz subtil Einmal (Platz 73) in die Partitur ein. Die beste Stelle bleibt für mich aber das gigantische, Gänsehaut erzeugende Finale, das die Bedeutsamkeit und Größe der folgenden Geschichte lautstark betont.

Platz 18: Die Schöne und das Biest ("Beauty and the Beast") aus Die Schöne und das Biest
Musik von Alan Menken, Text von Howard Ashman (dt. Fassung von Lutz Riedel)

Howard Ashman und Alan Menken wollten in all ihren Projekten eine Ballade verfassen, die außerhalb des Kontexts genauso gut funktioniert, wie innerhalb des Werkes, für das sie geschaffen wurde. Mit Die Schöne und das Biest wollten sie ihr Ziel endlich erreichen - und dies gelang ihnen mit Bravour. Das Herzstück des gleichnamigen Disneyfilms von 1991 ist eine feinfühlige, unaufdringliche und dennoch bewegende Liebesballade, die die zarte und zeitlose Romantik in diesem herausragenden Stück der Animationsgeschichte mit den exakt richtigen Tönen einfängt. Dabei wäre die Originalfassung mit Angela Lansbury in der Rolle von Madame Pottine als Sängerin kaum zu Stande gekommen. Obwohl Menken und Ashman das Stück mit Lansbury als Interpretin im Kopf komponierten, weigerte sie sich am Aufnahmetag standfest hinter das Mikrofon zu gehen. Wie sich herausstellte, erhielt sie das falsche Demoband, nämlich das von Menken eingesungene poppigere, statt Ashmans sanft gesprochene Aufnahme, die als Vorlage für die Filmversion dienen sollte. Nachdem sie dieses Demo hörte, versuchte sie sich am Lied. Und nahm es in einem durchgehenden Take auf.
Da Die Schöne und das Biest bei Testaufführungen besonders gut beim Publikum ankam, forderte Jeffrey Katzenberg eine zusätzliche Strophe. Seine Vermutung war, dass das Lied doppelt so ergreifend wäre, hätte es die doppelte Laufzeit. Howard Ashman aber antwortete Katzenberg, der bei der Produktion von Arielle, die Meerjungfrau noch erbittert gegen die zentrale Ballade kämpfte, kühl, dass dies nicht möglich sei, weil ihm keine Reime auf "Biest" mehr einfielen. So blieb der Song der Vision Menkens und Ashmans treu.
Die behutsame Romantik von Die Schöne und das Biest, die pompöseren und heroischeren Balladen der Zeit gegenüberstand, wurde mit einem Oscar und einem Golden Globe belohnt, sowie mit gleich zwei Grammys ("Bester für einen Film, eine TV-Serie oder ein sonstiges visuelles Medium geschriebener Song" und "Beste Pop-Performance eines Duos oder einer Gruppe mit Text"). Außerdem wurde es für zwei weitere Grammys nominiert ("Platte des Jahres" und "Song des Jahres"). Die Ehrungen für die Abspann-Popversion von Celine Dion und Peabo Bryson finde ich jedoch überhöht, da sie zumindest mir viel zu schmalzig ist. Am liebsten ist mir derweil Ingeborg Wellmanns leicht mütterlicher, märchenhaft-feinfühliger Gesang in der deutschen Filmfassung, den ich knapp besser finde als Lansburys Original. Dieser wurde übrigens, wie auch der Gesang bei den anderen Liedern des Films, parallel zum Orchester aufgenommen, um eine Dynamik wie bei einem "Original Cast Recording"-Album eines Broadwaystücks zu erzielen.

Platz 17: Bella Notte aus Susi und Strolch
Musik & Text von Sonny Burke & Peggy Lee (dt. Fassung von Eva-Maria Brock - 1. Synchro - bzw. Heinrich Riethmüller - 2. Synchro)

Es ist eine der meistzitierten und -parodierten sowie beliebsten Sequenzen der Disney-Filmgeschichte: Der Straßenköter Strolch und die wohlerzogene und verwöhnte Susi statten Strolchs geliebten italienischen Stammrestaurant einen Besuch ab, in der Hoffnung einen Knochen von den gemütlichen und zuvorkommenden Köchen erbetteln zu können. Als der überaus freundliche Restaurantbesitzer Toni die sich hinter einem Fass versteckende Susi entdeckt, zählt er schnell Eins und Eins zusammen und deckt für das junge Pärchen einen hübschen Tisch. Statt ordinärer Knochen kredenzt er ihnen einen großen Teller Spaghetti mit Fleischbällchen und stimmt zusammen mit seinem Kollegen Joe eine kleine, mit italienischem Flair gewürzte Liebesweise an. Eine Nudel leitet Susi und Strolch zu ihrem Kuss und nach dem Essen machen sie einen romantischen Nachtspaziergang durch ihr beschauliches Städtchen, den sie auf einer Anhöhe mit idyllischem Ausblick in einem Park beenden.
Selbstverständlich ist die Ballsaalsequenz aus Die Schöne und das Biest wunderschön und eine technische Glanzleistung, jedoch ist die Bella Notte-Sequenz ungebrochen die für mich romantischste Szene im gesamten Meisterwerkekanon Disneys. Während in der berühmten Tanzszene aus Die Schöne und das Biest eine prinzessinnenhafte, märchenartige Traumromantik zelebriert wird, verkörpert die Spaghettiszene aus Susi und Strolch den romantischen Zauber, der einem im Alltag begegnen kann, völlig ohne prächtige Märchenschlösser und prunkhafte Ballkleider. Susi und Strolch gehen schlicht gemeinsam essen. Ja, dass Toni und Joe ihnen mit viel Leidenschaft ein behagliches Liebeslied vorsingen hebt die Szene filmisch vom Alltag ab, doch es ist das gemeinsame Spaghettiessen, das diese Szene zu einem ikonischen Disneymoment machte. Zu verdanken haben wir diese großartige Leistung Disney-Legende Frank Thomas. Er beobachtete zur Vorbereitung Restaurantbesucher und übertrug das Gesehene so auf die Hundezeichnungen, dass es plausibel und romantisch wirkt, dass diese Hunde so essen. Es ist eine wahre Glanzstunde der Zeichentrickgeschichte und ein fein ausgearbeiteter kurzer Moment, der lange im Gedächtnis haften bleibt.
Was für die Szene gilt, die zum Schluss übrigens sehr deutlich macht was Susi und Strolch im Anschluss an ihr erstes Date noch weiteres unternehmen (was seinerzeit im Disneystudio zu Diskussionen führte, weil man zuvor nie so klar dieses Themen behandelt habe), gilt für mich auch für das Lied: Bella Notte finde ich nochmal einen kleinen Hauch romantischer und erinnerungswürdiger als das bereits wahrlich großartige Titellied aus Die Schöne und das Biest. Viel dieses Zaubers beruht für mich auf das Zusammenspiel aus dem simplen Arrangement und der zarten, nicht zu sehr auftragenden Melodie und dem leidenschaftlichen Gesang Tonis. Der Einsatz von Mandoline und Akkordeon führte heutzutage sicher wieder zu ewigen Diskussionen über stereotype Instrumentenwahl, schließlich könnten zwei Italiener bei einem spontanen Lied ja genauso gut ein Schlagzeug und ein Banjo oder ein Saxofon und ein Xylophon herbeizitieren, jedoch ist die Wahl für diese typischen Instrumente genau richtig, da sie gemeinsam eine ganz eigene Stimmung erzeugen, die einerseits für Film-Liebesballaden nicht so abgenutzt ist und andererseits dennoch bekannt ist. Der anschließende, betörende Gesang aus dem Off, begleitet von gefühlvollen Streichern rundet Bella Notte wunderbar ab und lässt das Lied sehr schön ausklingen.
Kurzum: Die romantischste Filmsequenz aus der Disney-Zeichentrickgeschichte und das romantischste, schönste Liebeslied aus dem großen Disney-Musikfundus. Ich könnte immer wieder während Bella Notte dahinschmelzen und deswegen ist es das bestplatzierte Liebeslied in meiner großen Hitliste meiner favorisierten Disneysongs.

1 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Schöööne Lieder. "Die Glocken Notre Dames" finde ich wunderbar dramatisch - ich liebe große Chorgesänge, weswegen ich ja auch diese Trailermusik von X-Ray Dog & Co. immer so toll finde. Solange es dazu richtig schön dramatisch wird...

Und die anderen beiden Lieder sind einfach nur richtig schön. *seufz*

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