Montag, 27. September 2010

Camp Rock

Wir schreiben das Jahr 2008 in Disneys Fernsehwelt: Das High School Musical-Franchise spülte Unsummen in Disneys Kassen. Und Hannah Montana läuft in Mädchenkinderzimmern rauf und runter. Vor einigen Jahren lebte der Disney Channel noch von verspielt-naiven Komödien und überraschend rührenden Familiendramen, aber jetzt sind singende Teenager am Drücker. In der Schule wurde gesungen, ein Popstar führte ein Doppelleben, mit Camp Rock wurde eine weitere Lücke geschlossen: Die Sommercamps.

Camp Rock handelt von der unauffälligen Mitchie (Demi Lovato), die sich nichts sehnlicher wünscht, als während der Sommerferien zum Camp Rock zu fahren, einem Sommercamp/Workshop für angehende Musiker. Da es ihrer Familie jedoch an Geld mangelt, muss Mitchie von ihren Eltern eine Absage hinnehmen. Doch keine Sorge, wenige Stunden nach der letzten Unterhaltung über Mitchies Sommerpläne überrascht sie ihre Mutter damit, dass sie das Catering im Camp Rock übernimmt und Mitchie deswegen vergünstigt mitfahren darf, sofern sie in der Küche aushilft. So konnte der Film seine Laufzeit mit einem unnützen, sofort gelösten Konflikt ausdehnen - und Mitchie sich ihren Traum erfüllen.
Im Camp Rock angekommen, freundet sich Mitchie schnell mit Caitlyn Geller (Alyson Stoner) an, die ein großes Talent dafür hat, flotte Beats und Rhythmen an ihrem Keyboard oder Laptop zusammenzuzimmern und gerne Musikproduzentin werden würde. Es muss ja nicht jeder Rocksänger werden.
Als Mitchie aber der blonden Schnepfe Tess Tyler (Meaghan Jette Martin) begegnet, die überall mit ihrer mehrfach mit dem Grammy ausgezeichneten Mutter angibt, kommt Mitchie aus unerklärlichen Gründen auf die strunzdämliche Schnapsidee, sich bei Tyler zu profilieren und zu behaupten, auch sie stamme aus einer reichen Musiker-Familie. Mitchie wird von Tess in ihre Clique eingeladen, darf nun als Arschkriecherin tätig sein und Tess bei ihren Auftritten auf den Camp-Bühnen als Background-Sängerin begleiten. Außerdem ist sie nun gezwungen, die Wahrheit zu vertuschen - und Außenseiterin Caitlyn wiederholt vor den Kopf zu stoßen.
Derweil erfahren wir auch, dass der Rockstar Shane Gray (Joe Jonas) wegen pöbelhaften Verhaltens vom Management und seinen Bandmitgliedern ins Camp Rock gesteckt wird, um dort wieder auf den Boden zu kommen. Tess ist selbstverständlich sofort rollig wie eine Spitzmaus und bemüht sich um Shanes Aufmerksamkeit. Der möchte allerdings lieber seine Ruhe haben - bloß diese eine Stimme, die er an einem Tag im Camp Rock gehört hat, die hat es ihm angetan. Das dazugehörige Gesicht (Mitchies, wessen sonst?) hat er zu seinem Ärger nicht gesehen. Dennoch nähern sich Shane und Mitchie nach einigen Tagen an, da Shane in der für eine schwerreiche Businesstochter gehaltenen Mitchie eine Vertrauenspartnerin sieht. Komplikationen entstehen, dauern an, und (Achtung, nahe liegender Spoiler!) irgendwann sind alle urplötzlich glücklich, weil überraschenderweise das Ende naht und die Autoren bis dahin ja das Happy End zusammenzimmern müssen. Und auch das Publikum ist froh, wenn das Ende erreicht ist, aber aus anderen Gründen.

Viele ältere Disney-Fans beklagen sich ja kollektiv über aufgerollte Zehennägeln, denken sie an das derzeitige Programm des Disney Channels. Ich stimme dieser Reaktion teilweise zu. Auf jeden Fall ist es ärgerlich, dass sich der Disney Channel mit einer derartigen Wucht hinter quietschig-bunte "Tweens" stellt und darüber andere Facetten des Disney-Schaffens vergisst. Allerdings möchte ich nicht alles, was momentan aus dem Disney Channel kommt, mit einem gewaltigen Schlag aus dem Äther hauen. Meine Zuneigung für die High School Musical-Reihe ist ja nicht gerade ein Geheimnis, und so trat ich seinerzeit auch Camp Rock erstmal offen gegenüber. Um mir dann verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen - und panisch das Weite zu suchen. Komplett am Stück habe ich Camp Rock nicht ausgehalten, nicht einmal beim zweiten Versuch im Fahrwasser von Camp Rock 2.

Camp Rock ist übermoralisierend, und in seiner Ausführung der elendigen Moralkeule noch dazu penetrant und langwierig. Dass seine Lektion nicht einmal schlüssig aufgeht, macht den belehrenden Zeigefinger von Camp Rock nur noch enervierender. Wenn man ernsthaft an die Aussage des Films herangeht und ihn ein wenig stur für bare Münze nimmt, dann sagt er eigentlich aus: "Du sollst nicht lügen... aber wenn du gut singen kannst, wird dir verziehen!"
Das Dilemma, in dem sich Mitchie befindet ist aufgesetzt dramatisch und kein bisschen nachvollziehbar. Es ist nicht so wie in Aladdin, wo es von Aladdin zwar ehrlicher und Jasmin gegenüber fair gewesen, die Wahrheit zu sagen, er allerdings guten Grund hat, seine Lüge durchzuziehen, schließlich dürfte er sich als "Straßenköter" nicht in ihrer Nähe aufhalten, geschweige denn eine Romanze mit ihr führen. Mitchie dagegen lernt Caitlyn als sympatischen, bodenständigen Menschen kennen, Tess dagegen als unausstehliche Zicke. Wieso bitteschön heftet sie sich aber an ihre Versen? Und weshalb scheint der ganze Kladderradatsch mehrmals gelöst, nur um danach einige Minuten weiterzulaufen?
Tess ist übrigens eine ganz schwache Kopie von Sharpay aus High School Musical, bloß dass ihr ohne Adley Tisdales Selbsterkenntnis und erfrischend ironischem Spiel jeglicher Charme, ja sogar jegliche Erträglichkeit abhanden kommt.

Vor allem aber ist Camp Rock blass, blass, blass! Die Figuren hinterlassen, von der nervigen Tess und Mitchies Dummheit (im Bezug auf soziale Interaktion), keinerlei Eindruck und die Handlung ist vollkommen lasch. Das resultiert in Szenen, die im besten Falle öde, im schlimmsten Falle anstrengend sind. Das quirlig-naiven Flaire des ersten High School Musicals oder die selbstironisch-zelebratorische Wucht seiner Fortsetzungen sind in Camp Rock nie auch nur ansatzweise zu spüren. Der Film ist zum Glück auch nie so nervig und Hirnmembranen kneifend wie Hannah Montana, aber es fehlt auch die "So schlecht, dass man hinschauen muss"-Aura von Miley Cyrus' ehemaligem Starvehikel.
Überhaupt, so luschig die Jonas Brothers auch sein mögen, so ist mir das Camp Rock-Talentaufgebot wesentlich lieber als Miley Cyrus. Vor allem Demi Lovato ist an sich ganz in Ordnung. Okay, sie spielt nicht sonderlich überzeugend, aber auch nicht vollkommen schlecht und vor allem ist sie in ihrer Funktion als von Disney den kleinen Mädchen dieser welt aufgedrängtes Idol wesentlich besser zu erdulden. Sie gibt sich reifer, ruhiger und nicht wie eine in den Farbtopf gefallene Pop-Lolita. Lovato ist "erdiger" - das ist gut.

Dennoch ist Camp Rock eine gewaltige Mogelpackung. Klar, harte Riffs erwarte ich ja gar nicht erst, aber Unterricht im Hip-Hop-Dance? Ein Jonas Brother als Rockrüpel, der genug vom Plastikpop hat, den ihm die Plattenfirma vordiktiert und der "echte" Musik wiederentdeckt (die sich als Plastikrock herausstellt)? Tess ist eine glitzernde Pop-Diva? Bei der Begrüßung der Camper wird die Camp-Mutti von zwei afro-amerikanischen Kids gestört, die einen flotten Rap vom Stapel lassen, und die einzige Schwarze im Publikum geht dazu total ab (äh, Stereotypisierung, hallo?)?! Die Songs in Camp Rock sind vollkommen konturlos, sobald eine Dialogszene beginnt, habe ich die vorhergegangene Nummer wieder vergessen. Okay, das ist besser, als nervige Ohrwürmer zu haben, das muss ich zugeben. Aber es spricht dennoch nicht für den Film, wenn er als Musikfilm es nicht einmal schafft, auch nur eine denkwürdige Melodie zu produzieren.

Kurzum: Camp Rock ist ein unmotiviert geschriebenes, ausdrucksloses Massenprodukt vom Disney-Fernsehfließband, das als Lückenbüßer auf der Suche nach dem nächsten Super-Mega-Franchise auf die Bildschirme gschmissen wurde und gehörigen Anklang bei der nach solchem Sound angefixten Zielgruppe fand. Es ist kein Nervengift, aber doch schwer auszustehen. Und zum Glück schnell vergessen.

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