Samstag, 4. Dezember 2010

Tatsächlich... Liebe

Alle Jahre wieder kommt ein Film zum Thema Liebe in die Kinos, der sich für etwas anderes hält. Statt einfach ein simples Liebesdrama oder eine alltägliche RomCom zu sein, erzählt er mehrere Kurzgeschichte über die Liebe, die allesamt im Lauf der rund zwei Stunden Filmdauer miteinander verflochten werden.

Einen Episodenfilm zu finden, der nicht von der Liebe handelt, ist zwar keine unmögliche Aufgabe, doch ganz klar eine Mission, während der man ungezählte Liebes-Episodenfilme bei Seite schieben muss. Scheinbar ist die Idee, mehrere Liebesgeschichten unterschiedlichster Natur in einem Film zu bündeln, viel zu naheligend oder reizvoll, als dass Filmemacher selbst nach der xten Produktion dieser Art auf ihren eigenen Beitrag zu diesem Subgenre verzichten könnten. Valentinstag, Leben und Lieben in L.A., zu gewissem Grade auch Voll Frontal sowie Was sie schon immer über Sex wissenwollten, aber bisher nicht zu fragen wagten..., und zahlreiche andere Episodenfilme kamen, ungezählte werden noch folgen.

Der möglicherweise bekannteste unter ihnen ist Tatsächlich... Liebe, der sich heimlich, still und leise zu einer Weihnachtstradition vieler Leute hocharbeitet. Die britische Starparade mit Alan Rickman, Bill Nighy, Emma Thompson, Hugh Grant, Liam Neeson, Colin Firth, Keira Knightley, Martine McCutcheon, Heika Makatsch und zahlreichen anderen erzählt von mehreren Liebesgeschichten und wie sie sich in den fünf Wochen vor Weihnachten entfalten. Dadurch zielt Tatsächlich... Liebe (der zwar kein Anthologiefilm im ursprünglichen Sinne ist, aber ich nehme mir die Freihheit raus die etwas lässigere Publikumsdefinition zu verfolen) von Richard Curtis genau auf die zur Weihnachtszeit gerne offen liegende sentimentale Seite des Publikums. Weihnachten, Kitsch, Romantik, passt doch perfekt.

"Weihnachten ist eine Zeit für Menschen, die jemanden haben, den sie lieben"

Der Autor von Vier Hochzeiten und ein Todesfall und Notting Hill gab mit Tatsächlich... Liebe sein Regiedebüt. Die Umsetzung seines eigenen Drehbuchs wurde in Großbritannien sehr gut aufgenommen, während die US-Kritiker keine einstimmigen Lobeshymnen von sich gaben. Trotzdem wurde die zwischenzeitig melancholische Töne anstimmende Liebeskomödie mehr gelobt als kritisiert - und das Publikum belohnte sie mit einem weltweiten Einspielergebnis von knapp 250 Millionen Dollar. Es ist nicht schwer zu sehen, wo der Publikumserfolg herrührt: Tatsächlich... Liebe verbindet ein großartiges Ensemble an Darstellern, Liebes- und Weihnachtskitsch zu einem leicht zu präsentierenden Festtagsereignis. In Curtis' Adentskalender der Romantik findet sich für jeden archetypischen Moment der Romantikkomödie ein Plätzchen, und dadurch, dass sich im weihnachtlichen Finale nicht ein, nicht zwei, sondern über ein halbes Dutzend Liebesgeschichten auflösen, potentiert sich die herzerwärmende Wirkung um ein vielfaches.

Tatsächlich... Liebe öffnet lässt somit allerdings auch sehr viel Fläche für harsche Kritik. Wer sich in den ersten zehn Minuten von der rapide auf's Publikum abgefeuerte Aneinanderreihung verschiedenster Liebesgeschichten einlullen lässt, der wird in den restlichen zwei Stunden mit der britischen Ensemblearbeit damit verbringen, sie auseinanderzupflücken. Unter diesen, von Verteidigern des Films sicherlich schnell als unromantische Zyniker bezeichneten, kritischen Betrachtern gehöre ich. Vor ein paar Jahren sah ich mir Tatsächlich... Liebe auf DVD an, da mit Keira Knightley und Bill Nighy zwei mir sehr sympatische Schauspieler mitwirken und ich wissen wollte, was es denn nun mit diesem von einigen hochgelobten Film auf sich hat. Ich fand ihn schwach. Kürzlich gab ich Tatsächlich... Liebe eine zweite Chance, und ich sah mein Urteil weitestgehend bestätigt. Der Film mag als einem hübsche Bilder entgegenwerfende Geräuschkulisse für einen zusammengekuschelten Winterabend im abgedunkelten, mollig warm beheizten Zimmer (mit optionalem Kaminfeuer und Glühwein) vielleicht recht nett sein, das gestehe ich ihm zu. Sofern die eigene bessere Hälfte aber nicht mit aller Macht auf gerade diesen Film besteht und man sich gerade zu schwach für Protest fühlt, gibt es deutlich bessere filmische Alternativen.

Bei solchen Filmen liegt es natürlich nahe, seine liebsten Episoden gegen die schwächeren aufzuwiegen. In Tatsächlich... Liebe werden konventionellere und schnulzigere Geschichten, die klar den größeren Anteil an der Laufzeit erhalten, durch eingestreute ironischere und originellere Episoden aufgewogen. Diese sind dann auch klar meine Favoriten: Ganz vorne steht für mich Bill Nighy als gealterter Rockstar Billy Mack, der den Popklassiker Love is All Around als Weihnachtslied covert, um die in Großbritannien so begehrte Heiligabend-Spitzenposition in den Charts zu ergattern. Billy (von Nighy mit jeder Menge Leichtigkeit dargestellt und Rentnerrocker-Macken ausgestattet) hat eigentlich gar keinen Bock auf diese Kommerzanbiederung und lässt sich auch dementsprechend selbstkritisch in Radiointerviews über das miese Cover Christmas is All Around aus. Die Sequenzen mit Nighy sind erfrischend und gehen sarkastisch mit Weihnachtskommerz ins Gericht - was an doppelte Ironie grenzt, bedenkt man die Natur dieses Films.

Meine zweitliebste Geschichte in Tatsächlich... Liebe dreht sich um die Körperdoubles John und Judy, die sich beim Dreh einiger Sexszenen kennenlernen. Zwei nackte Menschen während des Nachahmens von verschiedenen Sexualpraktiken anfangs gelangweilt, später schüchternd annähernden Smalltalk betreiben zu sehen vereint stilvoll umgesetzten Pennälerhumor mit subtiler Skizzierung der Trivialisierung von Erotik sowie des Unterschieds zwischen Sex und wahren Gefühlen. Diese Sequenzen sind also witziger und gleichzeitig smarter als große Teile des restlichen Films. John und Judy werden auch genau richtig eingesetzt - es wäre schade, weniger Szenen mit ihnen zu sehen, noch mehr Szenen würden die Idee aber überstrapazieren. Von Bill Nighys Rockveteranen hätte ich dagegen gerne mehr gesehen. Selbiges gilt für die Geschichte von Juliet (Keira Knightley), Peter (Chiwetel Ejiofor) und Mark (Andrew Lincoln): Juliet und Peter heiraten und werden in der Kirche von einer absolut kitschig-albernen Aktion überrascht (nach der Marke peinlicher Liebesgeständnisaktionen, wie sie in solchen Filmen halt vorkommt, bloß dass diese Szene weiß, wie sie wirkt). Mark, Peters bester Freund, hält die Hochzeitsfeierlichkeiten auf Video fest, als Juliet jedoch um eine Kopie bittet, stellt sich Mark plötzlich quer. Die Episode ist zwar vollkommen vorhersagbar, aber unbeschreiblich süß und von Knightley sowie Lincoln sehr herzlich und feinfühlig gespielt, weshalb über diesen Makel hinweggesehen werden kann. Ganz kurzweilig, aber schnell vergessen, ist noch die Geschichte von Colin (Kris Marshall), der von den britischen Frauen enttäuscht einen US-Trip unternehmen möchte, um sich endlich mal um den Verstand zu vögeln.

Das war's dann allerdings auch schon mit den für mich größtenteil gelungenen Geschichten in Tatsächlich... Liebe. Hugh Grant als Premierminister, der sich in seine Kantinenchefin verguckt, ist beispielsweise zwischenzeitlich recht amüsant, doch diese vom Autor recht aufgebauschte Story will auf romantischer Ebene nicht wirklich funktionieren. Colin Firths Episode, in der er sich in seiner Ferienwohnung als nach Inspiration suchender Autor in sein portugiesisches Hausmädchen verliebt, funktioniert für mich ebenfalls deutlich stärker in seinen komödiantischen Momenten. Die melodramatischeren Phasen werden dagegen von Richard Curtis viel zu schwerfällig und selbstbedauerlich inszeniert. Erschwerend kommt die orchestrale Musik von Komponist Craig Armstrong, der den gesamten Film, aber insbesondere in dieser Episode viel zu dick aufträgt und stillere Momente in todernsten Kompositionen ersäuft. Bei seinen musikalischen Leitthemen erwartet man die ganze Zeit, dass jeden Moment jemand tragisch sterben müsse, so bitter und traurig ist die Original-Filmmusik zu Tatsächlich... Liebe.

Am schwächsten sind für mich aber die Geschichten um Alan Rickman als von seiner Sektretärin (Heike Makatsch) umgarnter Ehemann und Liam Neeson als verwitweter, alleinerziehender Stiefvater. Die Story um Rickman ist einfach nur langweiliger Ballast und die um Neeson und seinen Stiefsohn ist sehr hölzern erzählt. Dazwischen wurde noch eine weitere Geschichte um die Kollegen Sarah (Laura Linney) und Karl (Rodrigo Santoro) gequetscht, die sich als unerwartet realitätsnah und dadurch bittersüß entpuppen möchte, aber im Storymix völlig untergeht.

"Schlimmer als die unsäglichen Qualen des Verliebtseins?"

Sind wir doch mal erbarmungslos ehrlich: Filme wie Valentinstag oder Tatsächlich... Liebe haben doch alle diesen Verdacht an sich haften, sie seien einzig und allein Resteverwertungen von Plotideen, die nicht genug Stoff für eigenständige Romantic-Comedys hergaben. Gerade die zentraleren romantischen Geschichten in Tatsächlich... Liebe erwecken den Anschein, dass Richard Curtis nach einer Auseinandersetzung mit Julia Roberts einfach sämtliche für sie geplanten Filmkonzepte in einem eiligen Racheakt in einer einzigen Produktion verbraten hätte. Das hat natürlich den Vorteil, dass wir uns beim Ansehen von Tatsächlich... Liebe einiges an Zeit sparen können, weil wir uns die Einzelfilme "Der knackige Premierminister", "Die Sekretärinnen-Affäre", "Stiefvater weiß Bescheid" und "Der verplante Krimiautor und der Fall der portugiesischen Dame" zu einem noch recht temporeichen Episodenfilm heruntergekocht ansehen können. Bloß offenbaren sich durch diesen RomCom-Crashkurs einige dramaturgische Probleme: Überzeugende Charakterentwicklung ist Fehlanzeige und die einzelnen Episoden werden auf Handlungs-Wendepunkte reduziert, wodurch der ganze Fluff und das spielerische Füllmaterial, das überhaupt erst romantische Stimmung aufkommen lässt, wegfällt. Insbesondere die Hugh-Grant-Story hält einer kritischen Betrachtung kein Stück weit stand.

Tatsächlich... Liebe ist in seiner Gesamtheit recht gut darin, dem willigen Zuschauer weihnachtlich-wollige Gefühle zu vermitteln und mit seinem wunderbaren Cast ganz oberflächlich Drehbuchprobleme zu vertuschen (so muss ich zu meiner Schande gestehen den Dackelblickmeister Hugh Grant richtig gerne zu sehen), letztlich ist er aber einfach nur ein halbgares RomCom-Buffet, garniert mit wenigen Ausnahmeepisoden, die den Film vor der absoluten Beliebigkeit bewahren.

4 Kommentare:

Cooper hat gesagt…

@Sir D.:
Du hast hier im Blogeintrag "Blogparade: Meine 5 liebsten Weihnachts-Filme" vom 1.Dez.2010 etwas interessantes getippt.
"Alternativen für diese Liste gibt es in den verschiedensten Kitsch- und Güteklassen, und einige darunter (wie Tatsächlich... Liebe) sind auch richtig gute Filme."
Ich war demnach beim erblicken dieses Beitrags gespannt auf deine Haltung en details...

Ich muss sagen, ich hätte eine etwas positivere Kritik erwartet - deine Begründungen lassen dies aber nachvollziehbar nicht zu.

In oben genanntem Blogeintrag hab ich auch mal ne kleine Liste eingeworfen und da steht 'Tatsächlich Liebe...' an erster Stelle. Ich will garnicht andere Erklärungen hervorkramen, da du meine schon im ersten Teil des letzten Absatzes ziemlich gut triffst.^^

Dir zu Morgen einen schönen 2.Advent und ich wünsche dir angenehme Gesellschaft. ^_^

Sir Donnerbold hat gesagt…

Yikes, da hat der Satzbau den Sinn ja völlig verhauen. *duck* Danke für den Fund - ist nun editiert und so niedergeschrieben, wie es geplant war. Da muss mir mein Adventskalender die Sinne vernebelt haben oder sonstwas. :-p

Die netten Adventsgrüße wünsche ich natürlich zurück!

Dickling hat gesagt…

Ich fordere an dieser Stelle eine zweite Hitliste ala Mode !

jaleaz hat gesagt…

Also ich finde "Tatsächlich Liebe" super. Klar, die Stories haben jetzt nicht den absoluten Tiefgang, aber ich find sie schön erzählt und die einzelnen Episoden greifen schön ineinander. Ein anderer guter Epiosdenfilm ist auch "Noel", der ist allerdings wesentlich ernster.

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