Dienstag, 23. August 2011

D23: Videospiele, Märchen, Burton-Horror - Disneys Trickfilmwelt abseits von Pixar

Wreck-it Ralph, ehemals Reboot Ralph, ehemals Joe Jump, hat bereits eine turbulente Produktionsgeschichte hinter sich, aber die Storyfindungsprobleme sind nunmehr gelöst und das Kino-Regiedebüt von Rich Moore steuert einen Kinostart Ende 2012 an. Der Regisseur einiger der besten Simpsons- und Futurama-Episoden wird Disney-Fans das 52. Meisterwerk im offiziellen Disney-Kanon bescheren, und damit Fans ein besseres Gefühl für den Ton dieses Films bekommen, wurde er auf der D23-Expo recht umfangreich repräsentiert.

So gab es eine auf der Ausstellung eine Ecke, in der eine Retro-Arcade aufgebaut wurde, deren Zentrum der Fake-Spieleautomat zu Fix-it Felix, jr. bildete. Diese liebevolle Verneigung vor dem waschechten 80er-Arcadefeeling bildete das Videospiel nach, welches die "Heimat" des Film-Titelhelden darstellt. Der bullige Ralph ist der Schurke in einem an Donkey Kong jr. und Rampage erinnert. Seit nunmehr 30 Jahren tut er brav seinen Job und mach dem optimistischen Handwerker Fix-it Felix, jr. das Leben schwer. Doch das ständige Randalieren erfüllt Ralph nicht mehr, was ihn in eine Identitätskrise stürzt. Auf der Suche nach Anerkennung reist er, sobald niemand mehr da ist, durch die gesamte Arcade. Wie John Lasseter erklärte, wird Wreck-it Ralph für Videospiele das tun, was Falsches Spiel mit Roger Rabbit für klassischen Zeichentrick tat und die neuen Figuren im Laufe ihres Abenteuers mit zahlreichen alteingesessenen Videospielcharakteren zusammenführen.

Dies wird bereits in der Eröffnungsszene bewiesen, die (größtenteils in Storyboardform) auf der Expo aufgeführt wurde: Ralph ist Mitglied einer Schurken-Selbsttherapiegruppe namens Bad-Anon: One Game At A Time, der auch unter anderem einer der Geister aus Pac-Man, die Schlange aus Q*bert, ein anonymer, Axt-schwingender Zombie (Kanonenfutter zahlreicher Horrorgames und Shooter), Kano aus Mortal Kombat und Bowser angehörig sind. Aber Ralph versucht letztlich, sich auf anderem Weg zu helfen: Er lässt die Gruppensitzungen sausen und geht auf die Suche nach einem Spiel, indem er nicht weiter der geborene Schurke ist.

Überraschenderweise sollen wohl auch schon die ersten vier Minuten sehr viel mehr als solide Charakterisierung beinhalten: Der Film beginnt mit einem von John C. Reilly (Ralphs Originalsprecher) gesprochenen, an Film noirs angelehnten Off-Kommentar, in welchem Ralph erklärt, wieso er so ist, wie er ist: "Wo ich herkomme, gibt es nur zwei Arten von Typen: Gute Jungs und böse Jungs. Ich bin 9 Fuß groß, wiege 643 Pfund und ich kann nicht die Straße entlanglaufen, ohne gigantischen Schaden anzurichten." Ralph erklärt auch, wie sich die Zeiten für ihn und Felix änderten. Hatten sie früher noch viele ähnliche Kollegen, sind sie nun einsame Vertreter ihrer Zunft in der Arcade.

Reillys Darbietung wird gemeinhin als sehr beseelt beschrieben, Gerade die Szenen, die zeigen, was mit Ralph passiert, sobald das Spiel zu Ende ist und er auf der anderen Seite des Bildschirms ganz allein auf der Schutthalde zurückzieht, während Felix jr. umfeiert wird, soll wohl recht anrührend sein.

Links: Felix, Rechts: Vanellope (Bildquelle: ComingSoon)
Regisseur Rich Moore erklärte während der Präsentation seines Films, dass Ralph auf seiner Reise durch die Spielewelt unter anderem in dem Science-Fiction-Egoshooter Hero's Duty landet, wo er "nicht deplatzierter sein könnte". Dieses klar von Halo inspirierte Spiel beinhaltet auch den toughen weiblichen Sgt. Calhoun (Jane Lynch), die Ralph schnell völlig überfordert, weshalb er sich in das Fun-Rennspiel Sugar Rush flüchtet. Dies ist die Heimat von Vanellope von Schweet (Sarah Silverman "Ich führe eine Hassliebe zu Disney, weil sie mich fühlen lassen. Das ist hart, denn ich habe ein sehr kleines Herz"), und dort scheint der sanfte Riese Ralph endlich als Held akzeptiert. Aber wie auch im echten Leben, so beinhalten auch in der Filmwelt von Wreck-it Ralph einige der am kindischsten gestalteten Spiele die größten und gefährlichsten Herausforderungen...

Für mich klingen die bisher veröffentlichten Informationen so, als hätte Wreck-it Ralph den quirligen, nerdigen Humor und die knallige Fantasie von Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt, gekreut mit der Emotionalität einiger früherer Pixar-Filme (ich spüre einen Toy Story 2/Monster AG-Vibe). Sollte dem so sein, kann ich den Walt Disney Animation Studios nur gratulieren: An das 50. Meisterwerk wird Wreck-it Ralph wohl in meiner Rangliste nicht heranreichen, sollte der Film so werden, wie ich erwarte, aber es dürfte ein sehr humorvoller und dennoch herzlicher Animationsfilm sein, der hilft, Disneys Meisterwerk-Kanon vielfältig zu halten und der Dreamworks zeigt, wie man ihre popkulturell angehauchten Komödien richtig umsetzt.

Mehr bei: Total Film, io9, Entertaiment Weekly, Cinema Blend, FirstShowing


Im April wurde öffentlich, dass die Rapunzel-Regisseure Nathan Greno und Byron Howard in die Märchenwelt zurückkehren und einen Kurzfilm über Disneys sympathischste Prinzessin nachliefern werden. Damals war weder das Thema des Kurzfilms, noch dessen Veröffentlichungsformat bekannt, was sich mittlerweile geändert hat: Der Kurzfilm wird auf dem US-Disney Channel seine Premiere feiern (weshalb Disney ihn mittlerweile als TV-Special bezeichnet) und von Rapunzels Hochzeit handeln.

Viel mehr gibt es eigentlich nicht, außer... eines der schlechtesten Disney-Poster aller Zeiten! Achja, und den Filmtitel... Tangled Ever After ist nun kein sonderlich origineller Filmtitel, aber dieses Poster ist einfach grauenhaft. Also, was ist alles mies an diesem Poster? Zunächst einmal war man tatsächlich so faul und dreist, einfach altes Clip-Art zu nehmen und Rapunzel sowie Flynn neu einzukleiden (und eine neue Frisur zu verpassen). Pascal und Maximus wurden 1:1 aus altem Bildmaterial übernommen und weil das Poster ja noch nicht blöd genug ist, wird es mit zahllosen anderen Figuren, darunter den Stabbington-Brüdern und der Kneipen-Schlägerbande, vollgestopft.

Aber wenigstens können wir uns zwei Dingen versichern: Der Kurzfilm hält die Filmkontinuität aufrecht und mit Howard und Greno auf dem Regiestuhl kann ja eigentlich nichts schiefgehen. In der Disney-Trickfilmwelt sind Fortsetzungen, die den Regisseur des Originals beibehalten, eine absolute Rarität. Also kann man ja eigentlich nur erwarten, dass sich die Geschichte wiederholt: Grauenhaftes Marketing - fantastisches Ergebnis?

In den Kommentaren der letzten Tage hoffte ja der geschätzte Disney-Blogger und treue Stammleser Jaguar D Sauro, dass ich das TV-Special verreiße. Wieso denn? Als es noch offiziell als Kurzfilm bezeichnet wurde, waren alle enthusiastisch, und ich weiß nicht, was sich seither geändert hat. Ja, bei anderen Projekten würde ich wegen des Posters Panik bekommen, aber dass Rapunzel nicht an solchen Dingen bemessen werden darf, ist ja bereits etabliert. Ein Cash-In ist es meiner Ansicht nach auch nicht, jedenfalls längst nicht so sehr wie Arielle 2 & 3 oder ähnliche DTV-Produktionen. Die Original-Künstler sind daran beteiligt, während Genies wie Ron Clements & John Musker die Hände gefesselt waren und ihnen nichts anderes blieb, als die Prinzessin-Fortsetzungen zu hassen. Und... es ist Rapunzel! *schmacht*

(PS: Bitte nicht als Zickerei unter Bloggern verstehen, sondern schlicht als prominent veröffentlichte Antwort auf einen interessante Diskussionen ermöglichenden Kommentar)


Mit einem ungewöhnlich knappen Abstand kommt nächstes Jahr vor Wreck-it Ralph auch Tim Burtons jüngstes Projekt in die Kinos: Der seit einiger Zeit in der mühseligen Produktion befindliche Stop-Motion-Film Frankenweenie. "Der Regisseur von Alice im Wunderland" (hoffentlich muss sich Tim Burton diese Betitelung nicht all zu häufig gefallen lassen) bringt damit seinen zweiten 3D-Film heraus, der übrigens zugleich seine Rückkehr zum Schwarz-Weiß-Film markiert. Die ihre Vorlage, den gleichnamigen Kurzfilm von anno 1984, enorm erweiternde Adaption wird von Don Hahn (Der König der Löwen, Atlantis) produziert und trumpft im Original mit den Stimmen von Martin Landau, Winona Ryder, Martin Short, und Catherine O'Hara. Die Musik stammt natürlich von Danny Elfman.

Tim Burton mag zwar in den frühen 80ern aus dem Disney-Konzern geflogen sein, weil seine Nischen-Kurzfilme Vincent und Frankenweenie als eine Verschwendung der Sturio-Ressourcen betrachtet wurden, aber seit der von Burton verfasste und produzierte Nightmare before Christmas Kultstatus innehält, hat sich das Verhältnis zwischen Disney und Burton bekanntlich gebessert. Einen zweiten Milliardenerfolg wird man wohl dennoch nicht erwarten - hoffentlich, denn sonst wird Disney nur enttäuscht, und dann ist Frankenweenie ein zweites Mal schuld, dass Burton und Disney giftig auseinander gehen.

Da Tim Burton nicht anwesend war, sprachen stattdessen die Produzenten Don Hahn und Allison Abbate auf der Expo über Frankenweenie. Neben Konzeptzeichnungen wurden auch erste Filmszenen gezeigt, die angeblich die burton'esqueste Mischung aus grotesk und liebenswürdig sein sollen, die man je zu sehen bekam. Laut Don Hahn sei es ein sehr persönliches Projekt für Tim Burton, der auch von Beginn an darauf bestand, es in schwarz-weiß zu verwirklichen, weil dies die Emotionalität der Figuren in den Vordergrund rücke. Außerdem sind so viel stärkere Einflüsse des deutschen Filmexpressionismus möglich.

Der Film spielt in der fiktiven Stadt "New Holland", einer absurden Mischung aus dem Burbank der frühen 70er Jahre und Transylvanien. Wie auch im Kurzfilm verliert ein kleiner Junge, der sich nebenher als verrückter Wissenschaftler betätigt, durch einen Unfall seinen getreuen Hund Sparky. Also beschließt er, ihn wieder zum Leben zu erwecken, was jedoch schnell für Aufruhr in dem Städtchen sorgt. Dabei sind monströse Haustiere keine Seltenheit in New Holland, schließlich gibt es dort weitere schräge Haustiere wie einen Mumien-Hamster.

Allein schon solche Randnotizen stimmen mich vertrauensselig in diesen Film, denn es scheint, dass Burton nach Alice im Wunderland wieder stärker auf sein Herz hört, statt allein seinem Streben nach schrägen (visuellen) Ideen nachzugeben. Richtig angepackt könnte dieser groteske Familiengrusel als Satire auf die Doppelmoralität des Kleinstadtleben funktionieren. Diese Hoffnung wird durch eine Aussage von Allison Abbate zementiert: Tim Burton hebe sich Stop-Motion für wahre Herzensangelegenheiten auf, da es eine Dummheit wäre, die für dieses Medium benötigte Zeit in eine Idee zu stecken, an der man nicht mit Leib und Seele hängt. Burton habe auch das Design jeder einzelnen Figur selbst entworfen und der Film habe insgesamt 35 äußerst detaillierte Sets.

Die "Dreharbeiten" zu Frankenweenie sind noch im vollen Gange, man hofft aber, an Thanksgiving fertig zu sein. Danny Elfman begann kürzlich damit, die Filmmusik zu schreiben, die übrigens im Gegensatz zu Burtons vorherigen Stop-Motion-Projekten rein instrumental bleiben wird. Die Öffentlichkeit soll im kommenden Oktober erstmals einen Blick auf den Film werfen können.

Mehr bei: io9, Collider, ShockTillYouDrop

Und, worauf freue ich mich am meisten?
Ich würde glatt sagen "Alle drei zusammen!" Mein innerer Nerd freut sich gewaltig auf die verrücktere Seite von Wreck-it Ralph, während ich von Frankenweenie etwas viel kunstvolleres erhoffe, was meinen inneren Cineasten entzückt. Und der Rapunzel-Kurzfilm, tja, der könnte im schlimmsten Film nur ein Schulterzucken hervorlocken (während Kinoenttäuschungen schon deprimierender wären), aber im besten Falle wird es ein warmherziger, wunderbar animierter Spaß. *Haaaach!* Ein wahres "Oh, wow, meine Güte, ich will den Film sofort sehen!"-Projekt ist in dieser Liste zwar nicht dabei, aber dafür haben wir ja noch immer Pixar... Und die etwas "geheimeren" Disney-Projekte.

4 Kommentare:

Jaguar D Sauro hat gesagt…

Für mich klingt es einfach seltsam und schnell hingeklatsch, ein 7 Minuten Short hätte vollkommen gereicht, so hingegen erwarte ich halbherzige Disney Channel Animation und dümmliche Witze. Dass es auf den Disney Channel läuft weckt auch nicht grade meine Vorfreude, da der Kanal das letzte mal zu zeiten von Ducktales gut war (US Version mit eingerechnet). Aber gut: Originalregisseure - vielleicht wird es ja mal was.

Dafür allerdings bin ich nun was besser auf den Film Wrack-it-Ralph zu sprechen, der jetzt viel besser klingt als in den ersten Synopsen, vielleicht wird es ja doch was...

Sir Donnerbold hat gesagt…

Als Howard & Greno erstmals über den Kurzfilm sprachen, sagten sie, dass die Arbeit weit vorangeschritten ist, zuvor nichts verraten durften und dass das Management noch rumrätselt, wie sie den Film der Welt präsentieren sollten.

Wenn also nicht der Disney Channel auf die Trickstudios zukam, und meinte "Hey, macht mal was für unser Publikum, das wir während einer Hannah-Montana-Wiederholung zeigen können", sondern Disney schlicht zu unkreativ ist, für den Rapunzel-Film was besseres als den Disney Channel zu finden... (*einatmen*), inwiefern lässt das auf die Qualität des Films schließen? ;-)

Anonym hat gesagt…

Frankenweenie interessiert mich herzlich wenig und über wirkliche Animationsprojekte erfuhr man auch kaum was...
Was kommt nach Reboot Ralph?
Wie steht es wirklich um die Snowqueen?

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ich denke mal, dass Disney bei der Expo vorerst nur noch Filme vorstellen wird, bei denen man sich sicher ist, dass sie auch umgesetzt werden. Schließlich kündigte man schonmal "The Lone Ranger" an, der derzeit auf der Kippe steht, sowie "Newt" (ein totes Projekt).

Die Schneekönigin ist derzeit in der Vorbereitungsphase, das hört man immer wieder beim Animation Guild Blog raus, aber offenbar war man bei Disney noch zu unsicher / zu faul, den Film auch wirklich anzukündigen.

Deshalb bleibt der aktuelle Stand bei Disney so, wie hier zusammengefasst:

http://sirdonnerboldsbagatellen.blogspot.com/2011/07/maus-im-umbruch.html

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