Samstag, 17. September 2011

Fantasia - Elemente eines Meisterwerks: Toccata und Fuge in d-Moll

Fantasia is timeless. It may run 10, 20 or 30 years. It may run after I'm gone. Fantasia is an idea in itself. I can never build another Fantasia. I can improve. I can elaborate. That's all.“ - „We all make mistakes. Fantasia was one, but it was an honest mistake. I shall now rededicate myself to my old ideals.
- Walt Disney


Ganz im Sinne dieser geradlinigen Beurteilung seines Schöpfers möchte ich in dieser Artikelreihe Im Schatten der Maus Walt Disneys zeitlosen Fehler näher beleuchten:

Fantasia – Die Elemente eines Meisterwerks
Das erste Segment von Fantasia ist eines der berühmtesten Stücke klassischer Musik und das wohl bekannteste Orgelwerk überhaupt: Toccata und Fuge in d-Moll
Nach allgemeiner Annahme stammt das Werk von Johann Sebastian Bach und stellt wohl ein frühes Jugendwerk dar - allerdings kommen seit den 80er Jahren immer wieder Zweifel an der wahren Urheberschaft Bachs auf.
Die Konstruktion der Komposition erscheint, zum Beispiel in vielen Parallelbewegungen und einhändiger Melodieführung, relativ simpel, und der Aufbau der Fuge ist für Bach-Verhältnisse sehr frei gehalten. Insgesamt unterscheidet sich die Toccata und Fuge stilistisch so sehr von vergleichbaren Kompositionen Bachs, dass es Spekulationen gibt, wonach es sich eventuell um eine Abschrift oder Improvisationsarbeit gehandelt haben könnte. Dazu kommt, dass für die Toccata und Fuge, wie bei anderen Werken dieser Zeit auch, kein eigenhändiges Manuskript Bachs vorliegt, sondern nur die Abschrift seines als unzuverlässig geltenden Schülers Johannes Ringk.
Was auch immer Wahres an derartigen Spekulationen ist, es scheint bemerkenswert, dass dieses „untypische“ Werk eines der mit Abstand beliebtesten von Bach ist - nicht zuletzt wohl wegen seiner gefälligen Struktur und einer für den Komponisten ungewöhnlichen Exzentrik.

Obwohl es nicht unwahrscheinlich scheint, dass das Stück ursprünglich für Violine geschrieben wurde, ist die Toccata und Fuge in ihrer überlieferten Form ein reines Orgelwerk und findet als solches in vielen Filmen wie zum Beispiel Sunset Boulevard Verwendung, wo sie mit wenigen Takten sofort eine markante, düstere Stimmung erzeugt.
Auch Disney wusste sich dieser Wirkung der Orgel zu bedienen: In 20.000 Meilen unter dem Meer macht Kapitän Nemo mit der Toccata und Fuge seiner Schwermut auf grandiose Weise Luft, und nicht zuletzt bot Bachs Komposition die Inspiration für das martialische Krakenthema, das Davy Jones‘ Haustier begleitet. Der ikonische Einstieg der Toccata ist wohl nur mit den Anfangstakten von Beethovens Fünfter vergleichbar - passenderweise das erste Segment von Fantasia 2000 ...

In Fantasia dürfen wir dieses Stück in vollem Orchesterklang genießen, in einer wunderbaren Bearbeitung des Dirigenten Leopold Stokowski selbst. Abgesehen davon, dass sich diese Verwendung damit angenehm von dem sonstigen Grusel-Image des Orgelwerks abhebt, eignet sich die Orchesterversion meiner Meinung nach weit besser für das Konzept von Fantasia. Schließlich geht es darum, die Töne und Klänge bildlich zu verarbeiten, und das große Klangspektrum des Orchesters bietet dem Tanz der Farben einfach mehr Raum, als es ein reiner Orgelklang getan hätte.

Die Toccata und Fuge stellt den Einstieg in Fantasia dar und somit kommt ihr die Aufgabe zu, dem ahnungslosen Zuschauer die Idee des Films nahezubringen. Bewerkstelligt wird dies durch ein langsames Hinübergleiten ins Reich der Animationskunst: Während die Toccata noch als halbwegs konventioneller Konzertfilm mit leicht stilisierten Darstellungen der einzelnen Musiker beginnt, richtet die Fuge den Fokus nur noch auf die fließende Bewegung der Instrumente, bis sich die Vorstellung schließlich ganz in therischen Formen und Farben verliert.

Damit ist die Toccata und Fuge der einzige Teil in beiden Fantasia-Filmen, der wirklich auf einer rein abstrakten Ebene funktioniert und dem Zuschauer das Gefühl gibt, die wirkliche Musikwahrnehmung widerzuspiegeln, statt „nur“ eine zu der Musik passende Geschichte zu komponieren.

Dieser ungewöhnliche Stil ist nicht verwunderlich, betrachtet man die Entstehungsgeschichte des Segments.
Die Idee, Stokowskis Bearbeitung der Toccata und Fuge als Grundlage für einen animierten Kurzfilm zu verwenden ist älter, als sämtliche Pläne Walt Disneys für Fantasia.
Schon im Herbst 1936 hatte sich der Zeichner und Animator Oskar Fischinger mit Stokowski in Verbindung gesetzt, und schon erste Pläne für das Projekt beinhalteten einen Einstieg mit Aufnahmen des Dirigenten, die sich nach wenigen Takten von ihm abwenden, um im „endlosen Raum“ den Rest der Bilder zu entfalten.

Allerdings fehlten den beiden Künstlern die nötigen Ressourcen, und als Disney sich im September 1938 mit Stokowski zusammensetzte, um weitere Stücke für seinen „Konzertfilm“ auszuwählen, wurde beschlossen, auch die Toccata und Fuge in den Film zu übernehmen. Stokowski behielt seine maßgebliche Stellung, während Fischinger nur als einfacher Konzept-Zeichner weiteren Einfluss auf den Film hatte.
Obwohl sein abstrakter Stil mit Sicherheit richtungsweisend für das finale Werk war, wurde Fischinger mit der Ohnmacht seiner Stellung und den vielen Revisionen Walt Disneys bald so unzufrieden, dass er die Disney-Studios im Oktober 1939 verließ, und nichts mehr mit „seinem“ Projekt zu tun haben wollte.
(Bildquellen: Fischinger at Disney)

Trotz aller künstlerischer Differenzen handelt es sich bei der Toccata und Fuge wohl unbestritten um ein absolutes Meisterwerk und - auch wenn dieser Ausdruck schon zu abgedroschen klingt - um einen Meilenstein der Filmgeschichte. Dies ist der Teil des Filmes, wegen dem ich bei dem Gedanken aufjubele, Disney könnte irgendwann auch älteren Klassikern eine 3D-Konvertierung spendieren. Ich bin sicher, die Toccata und Fuge würde in 3D atemberaubend aussehen und auch den letzten Skeptiker besänftigen. Viele Szenen scheinen bewusst mit einer dreidimensionalen Ausstrahlung im Hinterkopf konzipiert zu sein, und so hat es mich kaum gewundert, zu erfahren, dass Disney eine Zeit lang wirklich geplant hatte, das Segment in 3D zu veröffentlichen.

Mir ist klar, dass gerade bei diesem effektbeladenen Stück der Aufwand einer Konvertierung geradezu unermesslich sein muss, aber die Toccata und Fuge ist es wert wie kein anderer Film - Fantasia auf der Kinoleinwand in 3D zu erleben, das wäre wirklich ein wahrgewordener Disney-Traum.




Mehr von mir gibt es auf www.AnankeRo.com.

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