Samstag, 29. Oktober 2011

Albert Hurter

Another Nine widmet sich, in Anlehnung an Walt Disneys Nine Old Men, den über viele Jahrzehnte prägenden Trickfilmern des Studios, neun großartigen Künstlern, deren Einfluss bisher nur unzureichend erkannt und gewürdigt wurde. Vorgestellt werden Menschen, die ihre kreative Arbeit in völlig verschiedenen Bereichen verrichtet haben – Im Schatten der Maus.


Der dritte Teil dieser Serie berichtet von einem alten Mann, dem es mit noch weitaus älteren Mitteln gelang, eine neue Form der Kunst mit zu erschaffen: Albert Hurter



Albert Hurter, Mitte der 1930er Jahre (Quelle: Disney)

Die künstlerische Entwicklung der Walt Disney Studios binnen weniger Jahre ist allenfalls vergleichbar mit dem raschen Wandel in der Computerindustrie des letzten Jahrzehnts. Der Fortschritt, der im Verlauf eines Jahrzehnts bis zur Veröffentlichtung von Pinocchio und Fantasia, aber auch schon Schneewittchen und die sieben Zwerge gelang, ist erstaunlich. Die Perfektion der Farbe und der Wechsel von Stumm- zu Tonfilm gelang mit solcher Bravour, dass außerhalb von Fankreisen kaum ein Zuschauer die Entstehungszeit des Märchens um Gepetto und seinen Sohn auf die späten 1930er Jahre datieren würde (gerne werden Arielle, die Meerjungfrau und Der König der Löwen als die „alten“ Filme Disneys bezeichnet). Viel bedeutender als das Hinzukommen von Ton und Farbe (die Musik soll bei dieser Beurteilung mit Nachdruck außenvorbleiben) ist aber die Entwicklung und Verfeinerung der eingesetzten Zeichentechnik, die bis Ende der 1920er Jahre über Slapstick nicht hinauskam – zumindest dann, wenn ein Zeichentrickstudio wirtschaftlich arbeiten musste und nicht die Möglichkeiten eines Winsor McCay besaß. Bezeichnend ist der bekannte Umstand, dass Schnellzeichner Ub Iwerks selbst die frühen Micky-Maus-Filme noch in wenigen Wochen aus dem Ärmel schütteln konnte. Die Filme mussten vor allem eine Voraussetzung erfüllen: man musste die Charaktere in möglichst kurzer Zeit auf Papier bringen können.

Die Weiterentwicklung des Zeichentrickfilms wurde von Walt Disneys visionären Ideen angestoßen. Die Umsetzung erwies sich zunächst als unmöglich, da Walt Disney niemand zur Verfügung stand, der eine künstlerische Ausbildung vorweisen konnte und bereits zuvor im Trickfilm gearbeitet hatte. Ersteres erwies sich als besonders schwer, letzteres half Disney als „Einzelleistung“ nur wenig weiter. Zu denjenigen, die bereits zuvor lange Jahre im Zeichentrickfilm aktiv waren, gehörte auch Ted Sears, der selbst ein weitaus begabterer Autor als Zeichner war. Doch er verhalf Walt Disney zu einem Mann, der sich schicksalhafterweise ausgerechnet in Kalifornien in den Vorruhestand verabschiedet hatte und wie gerufen auf der Bildfläche auftauche: Albert Hurter.



(Quelle: Simon and Schuster, 1948)

Albert Hurter wurde am 11. Mai 1883 in Zürich geboren, beinahe auf den Tag neun Monate nach der Vermählung seiner Eltern Albert Hurter sr., einem Maschinenbauer, und der Deutschen Maria Schmid. 1884 und 1890 sollten zwei weitere Söhne die Familie vervollständigen. In den Jahren dazwischen gelang den Hurters der gesellschaftliche Aufstieg, nachdem Albert Hurter sr. seine Arbeit aufgegeben hatte und begann, technisches Zeichen an einer Berufsschule zu unterrichten.

Überschattet wurden diese Jahre von der Erkrankung des jungen Albert, der an den Folgen eines rheumatischen Fiebers zu leiden hatten. Die weitreichenden Folgen der Krankheit, besonders die chronische Herzschwäche, schränkten ihn in seinen Aktivitäten sehr ein und führten dazu, dass er sich früh zurückzog und Leidenschaften entwickelte, denen er am heimischen Schreibtisch nachkommen konnte. Zunächst als Briefmarkensammler, dann, angeregt durch seinen Vater, in der Kunst, fand er schnell Erfüllung, und bereits in seiner Jugend ist sein Zeichenstil von Absurdität geprägt. Mit seinem Studium entdeckte er im Rauchen eine weitere Aktivität, der er in der Zukunft exzessiv nachkommen sollte – sein Studium selbst, Architektur, befriedigte sein Interesse kaum. Folgerichtig kehrte er nach drei Jahren der Universität Zürich den Rücken und verblieb sieben Jahre in der Hauptstadt des deutschen Kaiserreichs: Berlin. Dort wurde ihm die Möglichkeit geboten, klassisches Zeichnen und Malerei zu erlernen. Die schwere Krankheit seines Vaters bewog ihn im Anschluss zur Rückkehr nach Zürich – als sein Vater zwei Jahre darauf, etwa 60 Jahre alt, starb, beschloss er, seine Heimat für immer zu verlassen.


(Quelle: Simon and Schuster, 1948)

Hurters Biographie vor und zu Beginn des 1. Weltkriegs liegt im Dunkeln. Sicher ist, dass er einige Zeit in Paris verbrachte und anschließend über New York City 1916 in die USA auswanderte. Dort kam er zum ersten Mal in Berührung mit dem Zeichentrickfilm, auch wenn eine frühere Begegnung mit Émile Cohl in Frankreich nicht ausgeschlossen werden sollte. Sein Weg führte ihn zum Barré Studio, das, wie auch das Studio von John Randolph Bray, oft als erstes Trickfilmstudio weltweit bezeichnet wird.

Dort war man von Hurter begeistert, der mit seiner universitären Ausbildung über ein Jahrzehnt hinweg etwa zehn Jahre mehr davon genossen hatte, als sonst ein Zeichner des Studios. Raoul Barreals erkannte das Potential des Schweizers und machte ihn zum kreativen Leiter der Produktion und übergab ihm die Aufgabe, Mitarbeiter in das völlig neue Medium des Zeichentricks einzuführen. Bei Barré lernte Hurter auch Dick Huemer und den jungen Ted Sears kennen, auf die er bei Disney erneut treffen sollte. Seine hevorstechende Position war ihm durchaus bewusst, in Verbindung mit seiner peniblen Arbeitsweise weckte er in der jugendlichen Belegschaft damit nicht nur Gefühle der Zuneigung. Die Stimmung kippte endgültig, als ein Cartoon der vom Studio produzierten Mutt-and-Jeff-Serie die führenden Staatsoberhäupter der Welt parodierte, darunter den deutschen Kaiser Wilhelm II. Bei der Produktion sah sich Hurter mit rassistischen Vorwürfen konfrontiert und ihm wurde unterstellt, er sympathisiere mit dem US-Kriegsgegner im alten Europa. Wenig vorteilhaft war dabei Hurters stark ausgeprägter deutscher Akzent, der im New York der damaligen Zeit nur noch wenige Anhänger fand. Als Konsequenz daraus entschloss er sich, das Studio im Jahr 1918 zu verlassen und nach Kalifornien auszuwandern.


(Quelle: Simon and Schuster, 1948)

Dort hielt er sich mit Gelegenheitsaufträgen über Wasser, zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise erinnerte er sich an Wissen, das er Jahre zuvor antrainiert hatte – er spekulierte mit Briefmarken. In der Depression gelang es ihm, zahlreiche Sammlungen zu erwerben. Zwar kam er dadurch nicht zu Reichtum, konnte aber sein bescheidenes Leben problemlos fortführen. Das war notwendig, weniger aus Gemütlichkeit, als vielmehr aus Rücksicht auf seine labile Gesundheit, die er, sieht man vom Nikotin ab, zu schützen gedachte. Zu Geld kam er 1930 eher durch Zufall, als Hurter, der sein Geld im Schuh mit sich herumzutragen pflegte, in der Lotterie gewann und mehrere tausend US-Dollar erhielt.

In Gedanken hatte sich Hurter nun, ausgestattet mit genug Geld für einige Jahre, bereits in den verdienten Ruhestand zurückgezogen – wäre da nicht Ted Sears gewesen, den er 1916 bei Barré kennen gelernt hatte. Sears, damals erst 16 Jahre alt, hatte seitdem durchgängig im Trickfilm gearbeitet und war nach einigen Jahren bei Max Fleischer 1931 zu Walt Disney gelangt. Sears war es, der Albert Hurter dazu brachte, noch einmal ins „Business“ zurückzukehren.


(Quelle: Simon and Schuster, 1948)

Albert Hurter erhielt von Walt Disney einen Freifahrtschein. Seine Arbeit im Studio bestand darin, zu zeichnen, was ihm in den Sinn kam und Konzepte für kommende Trickproduktionen zu entwickeln. Das beinhaltete nicht nur Charaktere, sondern auch Hintergründe und Sketche. Das entscheidende an Hurter war, dass er nicht nur das fantastisches Geschickt besaß, in jedem denkbaren Stil an der Grenze zur Perfektion zu arbeiten, sondern dass es ihm auch gelang, den Punkt, an dem Charaktere und Landschaften noch im Trickfilm umsetzbar waren, genau auszuloten. Er forderte die Fertigkeiten der Trickfilmer hinaus, aber kannte die realistischen Grenzen der Umsetzbarkeit – sowohl bezogen auf die Animation, als auch die finanziellen Möglichkeiten des Unternehmens Disney. Unter anderem die Arbeit von Joe Grant wurde in den Anfangsjahren von vielen Seiten kritisiert, weil ihm genau das nicht gelang – wie auch Salvador Dalí und John Hench, deren Kurzfilm Destino zwischenzeitliches Ende fand.

Die Vielfältigkeit von Hurters Arbeit zeigte sich auch in der Praxis. 1933 entwickelte er für
Die drei kleinen Schweinchen den Bösen Wolf und zusammen mit dem jungen Talent Fred Moore die drei kleinen Schweinchen. Obgleich die kreativen Köpfe hinter Donald Duck bis heute nicht feststehen, darf vermutet werden, dass neben dem russischstämmigen Art Babbitt und Dick Huemer, Sohn österreichischer Eltern, der Schweizer Hurter federführend war.

Auch seine Arbeit für die ersten Langfilme Disney waren wegweisend. Für
Schneewittchen und die sieben Zwerge arbeitete er nicht nur die fantastische Welt des Waldes aus und große Teile der aus allem Grünen springenden Tierwelt, sondern überwachte große Teile der Animation und damit, ob die hohen Anforderung an die Illusion der Bewegung erfüllt wurden. In diesem Zusammenhang entstand dieses frei übersetzte Zitat des Regisseurs des Films, David Hand:
„Wenn die Jungs für das Layout den groben Rahmen des Sketches fertig haben, bekommt Albert ihn, bevor er in die Hände des Trickfilmzeichners wandert. Ist das geschehen, geht er noch einmal an Albert zurück, damit er Verbesserungen vornehmen kann, vorausgesetzt, sie machen die Szene nicht kaputt, bevor Sam [Armstrong] alles bekommt. Gibt es Ergänzungen von Albert, fertigt er diese aus und die Animatoren bekommen sie, anschließend gehen sie wieder in Sams Abteilung. Bevor schließlich koloriert wird, erhält Albert die Zeichnungen erneut. Damit ist sichergestellt, dass alles hunterprozentig stimmt.”

Wer ein Vorbild von Hurters Arbeit in natura sehen möchte, muss nicht bis Kalifornien reisen, sondern nur ins bayrische Rothenburg ob der Tauber. Hier fand er die Inspiration für das Dorf in Pinocchio. Weitere Arbeiten Hurters findet man in Fantasia und Bambi, aber auch in Filmen, die lange nach Hurters Tod fertiggestellt wurden, wie Peter Pan oder Susi und Strolch. Schon früh wurde eine Auswahl von Hurters Arbeit – mit dem Segen und Vorwort Walt Disney – von Ted Sears unter dem Titel He Drew As He Pleased der Öffentlichkeit zugängig gemacht. Das war im Jahr 1948, bereits sechs Jahre zuvor war Hurter in Kalifornien an seinem schwachen Herzen gestorben, nur 58 Jahre alt – die Krankheit seiner Kindheit hatte ihn besiegt.


(Quelle: Simon and Schuster, 1948)

Disney bewunderte nicht nur Hurters eigene Arbeit, sondern auch die zahlreicher mitteleuropäischer Karikaturisten, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, wie Wilhelm Busch oder Heinrich Kley. Insbesondere letzterer übte mit seinen der Phantastik zuzuordnenden Werken von Tieren und Menschen, die zur Zeit der Jahrhundertwende weitgehend aus dem Rahmen fielen, eine besondere Faszination auf Disney aus, der genau so etwas auf die Leinwand bringen wollte. Tatsächlich findet sich im Dance of the Hour-Segment aus Fantasia eine Vielzahl von Charakteren, die von Kley übernommen wurden.
In Anbetracht dessen, dass der Schwede Gustaf Tenggren erst 1936 zu Disney kam, muss man viel Einfluss auf den wegweisende Trickfilm der ersten Meisterwerke Walt Disney Albert Hurter zuschreiben. Nachdem Joe Grant 1933 zu Walt Disney kam, begeisterte er zusammen mit seinem schweizerischen Kollegen den Studiogründer explizit für die Arbeiten Heinrich Kleys und animierte Disney, eine Sammlung anzulegen. Das führte dazu, dass der Karlsruher Künstler in Deutschland nahezu unbekannt ist, in den USA aber ein reges Interesse an seiner Arbeit herrscht.


Albert Hurter selbst geriet in Vergessenheit. Bis heute wurde er vom Konzern nicht gewürdigt, eine Neuauflage seines künstlerischen Werks ist nicht in Aussicht. Was bleibt, ist ein Zitat aus einem Nachruf Walt Disney auf Hurter, das in wenigen Worten die Bedeutung des Schweizers verdeutlich – er sei ein „mastor creator of fantasy“.

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