Donnerstag, 20. Oktober 2011

Scream 2

Die Weinstein-Brüder wählten für Scream einen Kinostart am 20. Dezember 1996. Ein ungewöhnlicher Termin, läuft zum Weihnachtsgeschäft üblicherweise eher Familienware an. Die Taktik der Köpfe hinter den kultigen Miramax-Studios war, dass sich Genrefans in Zeiten des Thrill-Hungers auf Wes Cravens Teenager-Schlitzer mit der guten Dosis Selbstironie und "Whodunit?"-Krimi stürzen werden. Am ersten Kinowochenende sah es so aus, als hätten sich die Weinsteins verzockt, aber die sensationelle Mund-zu-Mund-Propaganda resultierte letztlich in einen Rekordumsatz von 103 Millionen Dollar allein in den USA. Bis heute erreichte kein Slasher höhere kommerzielle Weihen. Auch die Filmkritiker feierten Scream, und so wurde im Eilverfahren die Produktion von Scream 2 in die Wege geleitet. Im März 1997 erfolgte der Startschuss für Scream Again, Scream Louder, Scream: The Sequel Scream 2 und bereits am 12. Dezember 1997 startete die Fortsetzung in den USA.

In einer Sequenz des Horror-Thrillers diskutieren Studenten eines Filmseminars über die Natur von Fortsetzungen. "Fortsetzungen sind scheiße, von Haus aus minderwertige Filme", brüllt einer von ihnen aus, insbesondere das Horror-Genre sei durch sie zu Boden gegangen. Einige seiner Kommilitonen reagieren erbost und halten mit ihren Lieblings-Fortsetzungen dagegen. Welche Rolle Scream 2 in einer realen Diskussion zu diesem Thema spielt?
 Ich bemühe mich, eine Antwort zu finden. Unvermeidlicherweise mit Spoilern zu Scream - nur wen juckt das heute noch?


Knapp zwei Jahre nach der Mordserie in Woodsboro startet der Metzelfilm Stab in den Kinos, basierend auf der literarischen Nacherzählung des Blutbads aus der Sicht der Reporterin Gale Weathers. Während einer Vorpremiere mit überaus enthusiastischem Publikum werden zwei College-Studenten von jemandem in Ghostface-Montur abgeschlachtet. Diese Schreckensnachricht wird in den Medien heftig diskutiert, manche Journalisten empfehlen, die Veröffentlichung von Stab aufzuhalten - und alle mutmaßen über die Identität des Killers. Ahmt ein bislang unbekannter Psychopath die in Stab geschilderten Grauetaten nach, oder hat Sidney in ihrem Bekanntenkreis eine weitere blutgierige Person?

Sidney besucht übrigens mittlerweile das College und versucht, eine harmlose, langweilige Existenz aufzubauen. Das erweist sich als nicht sonderlich einfach, wird sie in Erwartung von Stab von zahlreichen anonymen Anrufern belästigt. Ihr Bekannter Randy, ebenfalls Überlebener des Massakers während der Landhausparty, nimmt die Sache lockerer. Als Filmfreak besucht er Seminare zur Filmtheorie und debattiert wie selbstverständlich über Horrorfilme und ihre seiner Meinung nach nicht vorhandenen Auswirkungen auf die Bevölkerung. Und dennoch: Als er von den jüngsten Morden hört, argumentiert er im reinen Film-Fachjargon. "Jemand will eine Fortsetzung von Stab, und die muss blutiger aufallen" - so seine sinngemäße Analyse. Die jüngsten Vorgänge in Sidneys Leben rufen auch Gale Weathers wieder auf den Plan, welche als Bestseller-Autorin und Augenzeugin eines Gemetzels jedoch mittlerweile ebenfalls von Journalisten umlagert wird. Und trotz seiner am Schreckensabend auf dem Landhaus zugezogenen Behinderung will auch Dewey den Morden auf den Grund gehen. Schnell stellen er und Sidney eine Theorie auf: Ist womöglich Sidneys neuer Partner Derek der Täter?


Wir alle haben wohl schonmal darüber diskutiert, und so auch die Figuren aus Scream 2: Fortsetzungen sind davon besessen, das Original in allen Punkten zu überbieten - und sind womöglich auch deshalb die von Natur aus schwächeren Filme. Mit so einer Steilvorlage konnten die Kino-Kritiken zu Scream 2 unmöglich um dieses Thema herum. Der generelle Konsens lautete, dass Scream 2 der ersten Hälfte der zitierten Regel gehorcht: Mehr Opfer, mehr Blut, ausgefeiltere und brutalere Morde. Scream 2 hat in einer Zeit nach zahlreichen Scream-Kopien und erst recht seit Saw längst nichts schockierendes zu bieten, geht aber zuweilen bizarre und auch effekthaschende Wege, die Scream noch vermied. Löblicherweise ohne dabei ein viel zitierbares Folter-Gimmick über Suspense zu stellen.
Die zeitgenössischen, und auch sehr viele rückblickende Kritiken, sind sich außerdem einig, dass Scream 2 nicht nur mehr Thrill, sondern auch viel mehr Humor zu bieten hat. Bloß das Duell mit Teil 1 verlief uneinig. Grottig fand den Nachfolger kaum jemand, aber ob er knapp über oder knapp unter Scream anzusiedeln ist..?

Nun - hinsichtlich des Humors kann ich mich der vorherrschenden Meinung nicht guten Gewissens anschließen. Ich würde in Sachen Witz beide Teile auf die selbe Stufe stellen - um Scream zu toppen mangelt es der Fortsetzung einer solch schrillen Todesszene wie Rose McGowans in Teil 1, wo Ghostface mit Bierflaschen attackiert und von einer Kühlschranktür niedergeschlagen wird. Aber im Bereich des Meta-Kommentars zieht Scream 2 recht deutlich am Vorgänger vorbei. Schon das Intro mit einigen der anstrengendsten Kinobesucher der Weltgeschichte (ehrlich, wer benimmt sich so im Kino?) hängt die Messlatte wesentlich höher. War Scream im direkten Vergleich temporär eine Horror-Parodie, ist Scream 2 fast schon eine Mediensatire. Zu meinem Bedauern wird dieses Element von Scream 2 nicht so weit getrieben, wie es möglich wäre.Gerne hätte ich zum Beispiel mehr vom Film-im-Film gesehen, der größtenteils von Robert Rodriguez gedreht wurde. Trotzdem bin ich sehr erfreut über diesen feschen satirischen Ansatz.

Kurioserweise empfinde ich den Meta-Kommentar in Scream 2, obwohl er raumfüllender und den Gesamteindruck des Films prägender ist, weniger "aufdringlich" - er ist homogener in die eigentliche Geschichte und Dialoge eingearbeitet, weshalb er in Scream 2 sicherlich auch Leuten gefallen dürfte, die in Scream davon genervt waren (soll's ja geben).


Einer meiner größeren Kritikpunkte an Scream sind ja die in Kritiken aus Zeiten der Kino-Erstveröffentlichung vollkommen überbewerteten Schauspielleistungen der meisten Jungdarsteller. Diesen Makel konnten die wiederkehrenden Besetzungsmitglieder von Scream in der Fortsetzung ausbügeln. Neve Campbells Emotionen wirken für mich die meiste Laufzeit des Films weiterhin unecht, doch in den humoristischeren Sequenzen hat sich ihr Timing meiner Meinung nach deutlich verbessert (etwa in der ersten Szene nach dem Intro während der wilden Stab-Vorpremiere) und der Nervenzusammenbruch, als Sidney auf der Theaterbühne Cassandra spielt, ist ihr sehr gut gelungen - diese Szene schlägt wirklich ein. Auch ihr Zusammenspiel mit bereits aus Scream bekannten Gesichtern ist viel routinierter und längst nicht mehr so hölzern. Die restlichen Scream-Veteranen haben sich in meinen Augen noch stärker verbessert: Courtney Cox' Reporterin fällt für den heutigen Betrachter des Films aus dem engen Schema der herrischen 90er-Jahre-Journalistin heraus und ist sowohl lustiger, als auch charakterlich besser ausgearbeitet, so dass ihre zärtlicheren Momente mit David Arquette sowie ihre Angstgefühle sehr viel glaubwürdiger sind. Arquettes Dewey gehen die ungewollt komischen Facetten abhanden, weshalb eine viel engere Bindung zu dieser charismatischen Figur ermöglicht wird. Und der Quoten-Filmfreak schafft es auch plötzlich, irgendwie zwischen seiner Meta-Sprüche auch eine Beziehung zu den anderen Figuren aufzubauen und als "echte" Figur aufzutreten.

Das alles sorgt dafür, dass ich als Betrachter in Scream 2 noch stärker um die Hauptfiguren bange - und das macht gute Horrorfilme aus. Ich zumindest mag die Art Slasher nicht, in denen ich aufgrund der miesen Teenager-Figuren nur drauf warte, dass sie abgemetzelt werden. Das sind keine Horrorfilme, sondern zumeist ungewollte, makabre Komödien.

Die Neuzugänge im Ensemble glänzen leider weniger: Die Kerngruppe an Figuren ist zwar längst nicht so knallig, wie jene aus Scream, und erntet somit rückblickend weniger unfreiwillige Schmunzler. Jedoch sind Sidneys neuer Freund Derek (Jerry O'Connell) und die restliche Clique sterbenslangweilige Personen die keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dazu zählt auch Sarah Michelle Gellars Figur, die jedoch durch das Charisma der hier sichtlich gut aufgelegten Darstellerin wenigstens ein paar kleinere Pluspunkte sammeln kann.
Einzig Liev Schreiber, der nach einem Winzauftritt in Scream nun eine gewichtigere Rolle spielen darf, ist unter allen Neuzugängen fähig, seine Figur mit mehreren Charakterzügen auszustatten. Als Cotton Weary, der von Sidney fälschlicherweise für den Mord an ihrer Mutter beschuldigt wurde, ist er einschüchternd und gewitzt, zieht gleichermaßen Verdächtigungen, wie vorsichtiges Mitleid an. Das Drehbuch nutzt ihn leider nur etwas zu wenig.

Unter anderem weil mehr Zeit in die Interaktion wichtiger Figuren verwendet wird, aber auch schlicht von der Dramaturgie her, hat Scream 2 auch einen noch stärker definierten "Whodunit?"-Charakter. Soll heißen: Mehr noch als in Scream ist eines der leitenden Elemente des Films die Suche nach der Identität nach dem Täter. Das Mutmaßen macht mehr Spaß, als noch bei Scream, und mittels toller Kernmomente wie einesüber den gesamtem Campus führenden, hitzigen Telefongesprächs mit dem Killer werden auch viel mehr packende, intelligent geschriebene Sequenzen geboten, in denen es schlicht um die Identität Ghostfaces geht - und nicht darum, ob und wie er sein nächstes Opfer erwischt.

Die Auflösung jedoch ist, wenngleich plausibel, längst nicht so pervertiert-konsequent wie jene in Scream. Lässt sich Scream daraufhin nochmal in völlig neuem Licht sehen, ändert sich für Scream 2 durch die Kenntnis seines letzten Akts eigentlich nichts. Die Lösung kommt zwar beim ersten Ansehen recht unerwartet, doch sie hat kein derartiges dramatisches Gewicht wie die des Originals. Die Motivsuche gerät durch das aufgesetzte Changieren der im Finale anwesenden Darsteller für meinen Geschmack letztlich sogar zu karikaturenhaft - und das will in der Scream-Reihe schon was heißen.


Um aber wieder zur großen Leitfrage zurückzukehren: Ist Scream 2 schlechter als sein Vorgänger? Nun... ich weiß es nicht! Während Scream auch ohne Fortsetzungen stehen kann, benötigt Scream 2 zur vollen Wirkung seinen Vorläufer - jedoch wachsen einem dank besserer Schauspielleistungen und besseren Charaktermomenten die Protagonisten näher ans Herz. Die Mordsequenzen sind elaborierter, härter und zum Großteil spannender. Das nächtliche Katz-und-Maus-Spiel innerhalb des Unigebäudes macht findigen Gebrauch von den Möglichkeiten des Schauplatzes - es könnte nicht so gut als meisterlicher Kurzfilm alleine für sich stehen, wie das Intro von Scream, doch als Herzstück des Films ist es enorm effektiv und stellt zahlreiche andere Slasher in den Schatten.

Dramaturgisch eskaliert Scream 2 nicht so sehr wie Teil 1, die Schraube wird nicht so fest gedreht. Das liegt auch schon allein daran, dass das Finale von Scream beinahe ein eigener Film ist, so dass natürlich viel mehr Raum in dieser einzelnen Szene steckt, um den Zuschauer zu packen. In Scream 2 sind die Einzelteile besser voneinander zu trennen, allerdings gibt es von einer saudämlichen Gesangssequenz (nein, es ist keine Musicaleinlage, jemand macht sich nur grundlos zum Affen) abgesehen auch viel weniger Ausrutscher, als in Scream. Scream 2 ist also kein so genial ausgetüfteltes, großes Ganzes - dafür aber qualitativ ausgewogener und in sich stimmiger. So paradox es aufgrund meiner Klage, er zerfalle eher in seine Einzelszenen, auch klingen mag.

Scream 1 und 2 spielen deshalb für mich in der selben Liga. Das Original ist ein Horror-Phänomen, das sich selbstständig gemacht hat, ein Nerven aufreibender Horror-Thriller mit parodistischen Elementen. Scream 2 ist weniger ikonisch, aber hat mehr Emotion (sowohl Thrill, als auch Sorge um die Figuren), den größeren Schock-Faktor und einen reizvollen mediensatirischen Charakter - hat aber ein weniger wirkungsvolles Ende. Scream 1 oder Scream 2 - es ist wohl davon abhängig, in welcher Stimmung man ist.

Tja - und dann kam Scream 3. Für viele Fans das schwarze Schaf der Reihe...

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