Samstag, 24. Dezember 2011

Weihnachten im Schatten der Maus I: Die Poesie der Bäume

Fantasia is timeless. It may run 10, 20 or 30 years. It may run after I'm gone. Fantasia is an idea in itself. I can never build another Fantasia. I can improve. I can elaborate. That's all.“ - „We all make mistakes. Fantasia was one, but it was an honest mistake. I shall now rededicate myself to my old ideals.
- Walt Disney


Ganz im Sinne dieser geradlinigen Beurteilung seines Schöpfers möchte ich in dieser Artikelreihe Im Schatten der Maus Walt Disneys zeitlosen Fehler näher beleuchten.

Wer den Ablauf von Fantasia im Kopf hat, wird wissen, dass es nun Zeit wäre für Beethovens Pastorale. Doch anlässlich des heutigen Festtages tue ich mich schwer, einen Artikel über den griechischen Pantheon zu schreiben und stattdessen werde ich den Anlass nutzen, mich einem passenden Segment aus einem anderen Disney Meisterwerk zuzuwenden.

Man kann sagen, dass Disney sich seit jeher bemüht, um das Christentum - oder allgemein um lebende Religionen - sorgsam einen Bogen zu schlagen. Eindeutig christliche Themen in Disney-Filmen lassen sich an einer Hand abzählen: Abgesehen vom Kurzfilm „Der Esel von Bethlehem“ handelt es sich meist um persönliche Gebete oder Gute-Nacht-Lieder der Figuren, und selbst das Ave Maria, dass den krönenden Abschluss von Fantasia bildet, wird durch die Kombination mit dem vorangehenden Hexensabbat eher in einen mythologischen Kontext gebracht.
Gerade im oft unterschlagenen Film Musik, Tanz und Rythmus kommt aber eine Szene vor, die einen ganz anderen Ansatz zu der Thematik bietet. Es ist für mich eine der subtilsten und außerordentlichsten Szenen, die Disney zum Thema Gott geschaffen hat:

Die Poesie der Bäume

Das Segment beruht auf einem Werk von Alfred Joyce Kilmer. Der amerikanische Schriftsteller sagte von sich selbst, er habe 1912 durch die Kinderlähmung seiner Tochter zum Glauben gefunden. Ein Jahr später schrieb er sein mit Abstand berühmtestes Gedicht Trees:

I think that I shall never see
A poem lovely as a tree.

A tree whose hungry mouth is prest

Against the earth's sweet flowing breast;

A tree that looks at God all day,

And lifts her leafy arms to pray;

A tree that may in summer wear
A nest of robins in her hair;

Upon whose bosom snow has lain;

Who intimately lives with rain.

Poems are made by fools like me,

But only God can make a tree.

Das Werk erlang bald außerordentliche Beliebtheit und wurde in den folgenden Jahrzehnten mehrfach vertont. Schließlich verwendete Walt Disney die musikalische Bearbeitungen von Oscar Rasbach für eine Aufnahme von Fred Waring and the Pennsylvanians, die dann für Musik, Tanz und Rythmus visuell untermalt wurde.

Zusätzlich zu seiner Ode an Bäume hat das Gedicht eine selbstreferenzierende Meta-Ebene; es versucht, seine eigene Qualität zu bewerten. In diesem Sinne wird die bescheidene Aussage auch durch das besonders einfache Reimschema noch verstärkt.
Da (wie im englischen Vorspann explizit erwähnt) für Disneys Version mit Ton und Bild noch zwei andere Medien zum Zuge kommen, stellt sich die Frage, wie Kilmers Ansatz hierbei übertragen wurde.

In der Vertonung werden die Strophen des Gedichtes mit unterschiedlichen Melodien unterlegt, so dass das Lied im Endeffekt aus zwei Strophen und einem Zwischenspiel besteht. So hat Rasbach es geschickt geschafft, das simple Reimschema aufzubrechen und eine Komposition zu schaffen, in der keine Gleichförmigkeit mehr auffällt.
Das Ergebnis ist eine sehr gefühlvolle Musik, die an die Soundtracks von Bambi oder Die alte Mühle erinnert, aber dafür die Bescheidenheit des Gedichtes vollkommen untergräbt.

Auch die Bilder, die verschiedene Bäume durch die Jahreszeiten begleiten, erinnern stark an die wundervolle Natur-Animation von Bambi oder Fantasia. Leider reicht das Segment - wie auch der ganze Film - von seiner Popularität her nicht an diese großen Vorbilder heran, und dadurch ist es schwierig, an nähere Informationen zum Entstehungsprozess zu gelangen.
Für einen kleinen Überblick sorgt diese Zusammenstellung von moremosaics.blogspot.com:
Das Konzept des Stückes, nicht einen einzelnen Baum durch das Jahr zu verfolgen, passt übrigens zu Kilmers Intention: Inspiration für das Gedicht bildete nicht ein spezieller Baum, sondern die Idee der Bäume allgemein.

Die Personifizierung, die die Bäume in dem Gedicht erfahren, wurde dagegen nicht unmittelbar übertragen - eine derartige anthropomorphe Darstellung hätte dem Segment auch nicht gut getan. Stattdessen werden, wiederum vergleichbar zu Bambi, Waldtiere als Empathieträger genutzt. Es verwundert nicht, dass die Hirsche von Don Lusk animiert wurden, der bei Bambi entsrechende Erfahrungen sammeln konnte.

Bemerkenswert sind auch die genialen Übergänge zwischen den einzelnen Szenen, die mit ihrer leichten Surrealität wiederum an Fantasias Nussknacker-Suite erinnern.










Die Kombination von Kilmers Worten und der spärischen Bilderflut regt zum Nachdenken an.

Es gibt wohl keine Kunst, der es so extrem gelingt, wie der Animation - sei es nun Computeranimation oder Zeichentrick - aus buchstäblich „Nichts“ eine lebensnahe Welt neu zu erschaffen. Dieses schöpferische Prinzip spiegelt sich schon in dem Wort Animation, das sich mit Beseeligung übersetzen lässt.
Nun könnte man argumentieren, dass die visuelle Darstellung von Trees dem Sinn des Gedichts widerspricht: Es wird sehr wohl versucht, den Göttlichen Genius durch menschliche Kunst einzufangen.

Andererseits muss man die schlichte, stilisierende Natur der Bilder anerkennen. Die Zeichner bemühten sich nicht um einen photorealistischen, lebensnahen Ansatz (der wohl kaum so beeindruckend geworden wäre), sondern versuchten vielmehr, die Seele der Natur einzufangen.

Etwas prätentiöser ausgedrückt: Das Segment würde so nicht funktionieren, wenn der Zuschauer das Bild eines Baumes nicht im Herzen trüge.

Das Schlussbild des Stückes zeigt in einem wundervollen Übergang die Vereinigung von Natur, Kultur und Religion - untermalt durch den ausklingenden Chor, der durch sanfte Glockenschläge unterstützt wird. Man könnte diese Zusammenstellung als eine ideale Darstellung von der Idee des Panentheismus verstehen.
Bemerkenswert an diesem Schlussbild scheint mir auch, dass man sich für einen derart nachdrücklichen Ansatz entschieden hat. Disney hätte den religiösen Kontext der letzten Zeile in problemlos ignorierern können und vielleicht wäre eine neutralere Darstellung eher zu erwarten gewesen. Stattdessen wird der religiöse Kontext am Ende eindeutig herausgestellt und beschert uns so ein einmaliges Stück Zeichentrick-Kunst.


2 Kommentare:

Cooper hat gesagt…

Ohayou Gozaimasu!

Werte Ananke,
mit sehr großer Freude verfolge ich nun schon die Artikelreihe im Schatten der Maus und hierunter v.a. die Artikel zu Walt Disneys Fantasia.

Ich habe zufällig etwas entdeckt, das vermutlich für weit besser Informierte als mich (zu denen ich dich, den weißen Erpel [Sid] und "Aku" zähle) länngst bekannt ist.
In der Schweiz genauer in Luzern wird "Fantasia" doch tatsächlich auf Groß-Kinoleinwand mit Live-Orchestrierung (21st Century Symphony Orchestra) aufgeführt.

Näheres hierzu erfährt man u.a. hier:
http://www.animationsfilme.ch/2011/12/15/disneys-fantasia-auf-grossleinwand-mit-live-originalmusik-im-kkl-luzern/

Ananke Ro hat gesagt…

Vielen Dank für den Tip, davon wusste ich wirklich nichts. Ein Jammer nur, dass ich den Kommentar erst heute entdeckt habe!

Nun ja, es ist auf jeden Fall eine sehr gute Nachricht, dass Disney derartige Konzerte offensichtlich für zunehmennd lukrativ hält. Villeicht habe ich ja demnächst noch einmal Gelegenheit.

Kommentar veröffentlichen