Donnerstag, 23. Februar 2012

Hans Zimmer: Der Sound für Hollywood

Bildquelle & Copyright: Ken Hively / Los Angeles Times

Amazon hat sich mit seinen Kaufempfehlungen eine verführerische Sache geschaffen, die zwar ab und zu lachhafte Tipps abliefert, im Großen und Ganzen aber seinen Kunden gerissen das Geld aus den Taschen zieht. Diese Woche wurde auch ich Opfer von Amazons Vorschlägen:

Hans Zimmer ist, sollte dieser Blog irgendwelche StammleserInnen haben, die das noch nicht wissen, mein absoluter Lieblingskomponist. Und ich wollte mich Anfang der Woche endlich mal wieder selbst belohnen, und mich bei Amazon mit ein paar seiner Soundtracks eindecken. So weit, so gut. Doch kaum wollte ich meine Bestellung abgeben, springt mir diese verfluchte Kaufempfehlung ins Auge. Welche anderen Artikel kaufen Kunden, nachdem sie diesen Artikel angesehen haben?: Hans Zimmer - Der Sound für Hollywood. Eine DVD mit einer Dokumentation über den Werdegang und die Arbeitsmethoden des Mannes, der die genialen Filmmusiken zu Rain Man, Der König der Löwen, Fluch der Karibik, Inception, etc. geschrieben hat ... Nach kurzer Überlegung wurde ich schwach. Mein armer Geldbeutel ...

Der Kauf hat sich aber, meiner Meinung nach, durchaus gelohnt. Die Dokumentation selbst ist mit weniger als einer Stunde Laufzeit etwas kurz ausgefallen, dahingehend entschädigen allerdings die Bonus-Interviews im Bonusmaterial, die mit rund zwei Stunden sehr ausführlich sind.

Die Doku selbst steigt kurz damit in die Materie ein, einige Filmemacher über ihre Erfahrungen mit Hans Zimmer sprechen zu lassen, bevor am Exempel von The Dark Knight Zimmers experimentellere Seite vorgeführt wird. Es geht um die Entstehung des Joker-Themas im Speziellen und Zimmers perfektionistische und dennoch auch lässige Weise im Allgemeinen. Nachdem etabliert wurde, wie Zimmer so tickt, macht das Porträt von Ariane Rieker & Dirk Schneider einen Sprung zurück in Zimmers Kindheit. Da ich mich bislang eher mit dem Hörgenuss sowie bei manchen Scores auch mit der Analyse seiner Arbeit beschäftigte, und weniger mit dem Privatmenschen, habe ich in diesem Abschnitt der Doku sehr viel lernen können: Hans Zimmer stammt zwar aus einer gut situierten Familie (er wuchs in einer 36-Zimmer-Villa auf), war jedoch aufgrund des frühen Tod seines Vaters und seiner emotional belasteten Mutter (ein Jugendfreund erklärt, dass nur zwei Räume der Villa genutzt wurden und man vorsichtig sein musste, wann man eintritt) ein Problemkind in der Schule. Nach zahlreichen Schulwechseln fand er in einer Londoner Reformschule endlich eine Institution, wo er sich mit seinen Mentoren verstand. Vor allem, weil sie musikalisch sehr offen waren und Zimmer freien Lauf ließen, seiner Leidenschaft nachzugehen.

Es folgt ein Segment über Zimmers Zeit bei den Buggles und ihren Erfolg mit Video Killed the Radio Star, in dem auch erklärt wird, dass Zimmer unter anderem aus dem Popgeschäft floh, dass man dort von Musikern den immer gleiche Sound erwartet. Deshalb zog es ihn zur Filmmusik, da dort viel mehr Möglichkeiten existieren, Genres und somit auch musikalische Stilrichtungen zu wechseln oder zu kombinieren. In England kooperierte er zunächst mit Stanley Myers (Mein wunderbarer Waschsalon, Homo faber), der für den künftigen Oscar-Gewinner eine schützende Mentorenrolle übernahm. Mit Rain Man erhielt Zimmer erstmals ein Angebot aus Hollywood - und erhielt prompt eine Oscar-Nominierung. Interessanter Fakt am Rande: Zimmer ist mit seiner Musik zu diesem mehrfach Academy-Award-gekrönten Drama vollkommen unzufrieden, weil er seine noch unfertigen Melodien aus Nervosität gegenüber den Hollywood-Filmemachern nicht behühtete, sondern bei Gefallen schon im inkompletten Zustand abgab. Deshalb ist er sich auch sicher, dass ihm die Oscar-Nominierung für seinen Einstand in Hollywood nur zuteil kam, weil die Academy beim Namen Hans Zimmer dachte "das klingt deutsch und alt, der hat sicher schon viel geleistet, lasst uns das belohnen!"

Mit Zimmers Durchbruch verlässt die Dokumentation wieder den chronologischen Pfad und öffnet sich nacheinander mehreren Themen. Erneut wird Zimmers Arbeitsmethode behandelt, unter anderem berichtet Rango- und Fluch der Karibik-Regisseur Gore Verbinski davon, dass Zimmer die Filmemacher zunächst über die Beweggründe hinter dem Film ausquetscht. Auch der von mancher Seite aus harsch kritisierte Hang Zimmers zu Massenkollaborationen mit seinen Komponisten aus der Musikwerkstatt Remote Control Productions wird thematisiert. Gerade hier zeigt sich die Dokumentation eher sachlich und distanziert, statt Zimmer entweder als Visionär darzustellen, oder wie seine Gegner als Strippenzieher hinter einer Fließbandproduktion. Es wird erklärt, wie die Vorgänge und Arbeitsverhältnisse in Zimmers Studio aussehen, und das Urteil bleibt dem Betrachter überlassen. Dieser Part setzt allerdings auch eine gewisse Grundkenntnis  mit der Thematik Filmmusik bzw. erweitertes Interesse voraus, wer sich mit der Sache nie auseinandergesetzt hat, dürfte schnell verloren sein. Wohl auch deshalb ist dieser Abschnitt sehr kurz, so dass der unkundige Zuschauer nicht völlig ausgeschlossen wird. Jedoch ist dieser Part für Filmmusikfreunde einer der spannenderen, so dass die Dokumentation an diesem Punkt etwas seicht herüberkommt.

Zum Ende hin wird Zimmers Selbstverständnis beleuchtet und scherzende Kommentare von James L. Brooks und Jeffey Katzenberg sowie amüsante Anekdoten aus den Arbeiten an Fluch der Karibik und Inception sorgen für einen runden, unterhaltsamen Abschlus.

Das sehr empfehlenswerte Bonusmaterial zeigt noch längere Interviewpassagen der bereits in der Dokumentation vorkommenden Filmemacher und Musiker. Mit Jeffrey Katzenberg, Gore Verbinski, Werner Herzog (Fun Fact: Herzog und Terence Malick lieben den Film König der Löwen!), Mitgliedern von Remote Control und vielen anderen ist die Palette an Meinungsgebern sehr groß, und in den Interviews werden auch Dinge näher erläutert, die in der Doku zu kurz kamen, darunter auch die Methoden von Remote Control. In rund 40 Minuten kommt auch Zimmer selbst zu Wort, der sich auch selbstkritisch über die deutliche Inspiration durch klassischer Musik äußert und nachdenkliche Beobachtungen bezüglich des Untergangs der Orchesterkultur macht. Über den Vorwurf des Selbstklaus sagt er wiederum, dass er ungern zweimal das gleiche tut und stets versucht, neue Facetten an seiner Musik zu entdecken. Er habe aber, wie auch viele Regisseure und Autoren, seine ganz eigene Stimme, weshalb er manche Musikpassagen nunmal gerne mit der einen oder anderen Notenfolge beendet oder bestimmten Projekten eine ähnliche Klangfarbe gibt.

Fans von Hans Zimmer und Leuten, die sehr an Filmmusik generell interessiert sind, kann ich die kurze, aber informative Dokumentation dank der ausführlichen Extras nur ans Herz legen. Wer sich aber unsicher ist, ob ihn diese Sache reizt, sollte sich das Geld lieber für ein paar Soundtrack-CDs aufheben.

2 Kommentare:

Stefan Kraft hat gesagt…

Ich bin mir nicht sicher, ob es die gleiche Dokumentation ist, aber ich glaube, dass sie um Neujahr herum bereits auf einem Öffentlich-Rechtlichen lief und ich sie mir (eher zufällig) angesehen habe. Damals wollte ich Dir sogar einen Link schicken, doch leider wurde die Doku nie in die Mediathek des entsprechenden Senders gestellt.
Nun, dafür hast Du den Film jetzt auf DVD inklusive Bonusmaterial. Und wie es aussieht, hat sich der Kauf für Dich gelohnt. :-)

nachgebloggt hat gesagt…

Was an dieser DVD komisch ist, die Extras sind umfangreicher als die DVD ansich. Die „Doku“ mit den Zeitzeugen sozusagen umfasst etwa 50 Minuten Spielzeit, während die Extras, bestehend aus Interviews etwa 110 Minuten läuft und auch wesentlich interessanter ist. Was nicht heißen soll, dass die Doku ansich keinen Spaß macht. Es ist beeindruckend das gerade ein Deutscher einen so großen Erfolg in Hollywood hat, sogar einer der besten, wenn nicht der beste Filmmusiker ist, den es gibt. Diese DVD beschreibt den Werdegang von Hans Zimmer sehr schön und zeigt eben, wie seine amerikanischen Kollegen über ihn denken. Ich denke damit ist es ein muss für jeden Film-Fan.

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