Samstag, 17. März 2012

Fantasia - Elemente eines Meisterwerks: Zugabe - Clair de Lune

Fantasia is timeless. It may run 10, 20 or 30 years. It may run after I'm gone. Fantasia is an idea in itself. I can never build another Fantasia. I can improve. I can elaborate. That's all.“ - „We all make mistakes. Fantasia was one, but it was an honest mistake. I shall now rededicate myself to my old ideals.
- Walt Disney


Ganz im Sinne dieser geradlinigen Beurteilung seines Schöpfers möchte ich in dieser Artikelreihe Im Schatten der Maus Walt Disneys zeitlosen Fehler näher beleuchten:

Fantasia – Die Elemente eines Meisterwerks
Den Abschluss meiner Fantasia-Reihe widme ich einem Segment, dass es damals nicht in den Film geschafft hat und erst über fünfzig Jahre später in seiner ursprünglichen Form präsentiert wurde: Clair de Lune

Das Werk, das einen Reiher zeigt, der durch die mondbeschienene Nacht wandelt, war eines der Stücke, die von Anfang an von Walt Disney für Fantasia ausgewählt wurden. Einige Monate vor Veröffentlichung des Filmes beschloss man jedoch, die Suite aus dem Film zu streichen, der schon in seiner jetzigen Form über zwei Stunden dauerte. Doch die Arbeiten an Clair de Lune waren weit vorangeschritten und ganz im Sinne von Walt Disneys ursprünglicher Absicht, Fantasia in veränderter Form wieder und wieder zu veröffentlichen, wurde das Stück als potentielles Material 1942 vollendet.
Bis 1946 hatten sich diese Pläne durch Fantasias enttäuschendes Einspielergebnis aber erledigt, und um die Animation trotzdem zu nutzen, landete der Kurzfilm leicht umgeschnitten in Make Mine Music, wo er von dem Lied Blue Bayou von den Ken Darby Singers unterlegt wurde.
Nachdem 1992 eine alte Nitrat-Arbeitskopie des Filmes wiederentdeckt wurde, machte man sich daran, das Original zu restaurieren; bis 1996 wurde das Stück wieder in seine ursprüngliche Form gebracht und mit dem von Stokowski aufgenommenen Soundtrack unterlegt. Alleine die alten Filmaufnahmen von Stokowski und seinem Orchester blieben unauffindbar, so dass die ersten Takte mit bearbeitetem Material aus der Toccata und Fuge unterlegt wurden - eine Maßnahme, die durch das extrem unterschiedliche Tempo leider sofort ins Auge springt.
Zu finden ist der Film auf der SC-DVD und der Bluray von Fantasia. Warum eine Veröffentlichung auf der neuen DVD fehlt, ist eine Frage, die wohl nur Disneys Marketing-Abteilung beantworten kann.

Clair de Lune, oder Mondschein, ist der dritte Satz von Claude Debussys Suite bergamasque. Das Klavierstück, das von Stokowski für das Orchester überarbeitet wurde, stellt wohl das bekannteste Werk des Komponisten dar.

Inspiriert wurde Debussy wahrscheinlich von dem Gedicht Clair de Lune von Paul Verlaine, aus dessen zweiter Zeile auch der Titel von Debussys Suite stammt:

Clair de lune

Votre âme est un paysage choisi
Que vont charmants masques et bergamasques,
Jouant du luth, et dansant, et quasi
Tristes sous leurs déguisements fantasques.

Tout en chantant sur le mode mineur
L‘amour vainqueur et la vie opportune,
Ils n‘ont pas l‘air de croire à leur bonheur,
Et leur chanson se mêle au clair de lune.

Au calme clair de lune triste et beau,
Qui fait rêver les oiseaux dans les arbres
Et sangloter d‘extase les jets d‘eau,
Les grands jets d‘eau sveltes parmi les marbres.

Oder in einer deutschen Übersetzung (den Übersetzer habe ich leider nicht ausmachen können; für Informationen wäre ich dankbar):

Mondschein

Dein Herz ist eine Landschaft, wo zu Gast
Sind reizende Figuren, Bergamasken,
Mit Lautenspiel und Tanz und traurig fast
In ihren so phantastisch bunten Masken.

Wie sie besingen anmutig in Moll
Der Liebe Siege und das süße Leben,
Sehn sie nicht aus, als sei‘n sie hoffnungsvoll,
Und‘s Liedchen scheint im Mondschein zu verschweben.

Im Mondenschein, der still und traurig blinkt,
Der träumen lässt die Vögel in den Zweigen
Und die Fontänen bis zum Schluchzen bringt,
Die schlank und steil aus ihrem Marmor steigen.

Ich denke, es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Gedicht auch als Inspiration für den Film diente. Die zärtlich-melancholische Stimmung des Gedichtes trifft wunderbar auf die Interpretation der Disney-Künstler zu und gerade die letzte Strophe wirkt wie auf das Segment geschrieben.
Das Werk zeigt den langsamen Flug eines Reihers durch die mondbeschienenen Everglades. Er landet in einem Weiher und wirbelt zu dem leichten Zittern der Musik zarte Wellen auf, um sich am Ende gemeinsam mit einem anderen Reiher zum Vollmond aufzuschwingen. Das Stück schafft mit einfachen Mitteln eine Atmosphäre voller Zauber ohne aufdringlich zu werden und es hätte einen wunderbaren Kontrapunkt zu den anderen, eher grellen Segmenten von Fantasia gebildet.

Es stellt sich die Frage, warum gerade dieser Teil aus Fantasia gestrichen wurde. Clair de Lune ist mit seinen fünf Minuten eines der kürzesten Segmente und konnte die Laufzeit nicht allzu sehr beeinflussen. Vielleicht liegt die Antwort darin, dass Walt Disney den späteren „Werdegang“ des Stückes vorausgeahnt hat: Durch seine eher einfache Animation und den ruhigen Charakter der Musik war Clair de Lune quasi prädestiniert dazu, in ein anderes musikalisches Klima verlegt zu werden; ein Vorhaben, das bei den anderen Stücken schwer bis unmöglich gewesen wäre. 
In der Bearbeitung als Blue Bayou für Make Mine Music wird der Fokus von den Zeichnungen auf den Gesang verlagert und die Animation bietet nunmehr eher die Untermalung für die Ballade. Das Ergebnis ist vielleicht weniger ambitioniert als Clair de Lune, doch so beeindruckend, dass es sogar zum Patron eines der stimmungsvollsten Restaurants in Disneyland wurde. In seiner Art, dass die Musik die „Handlung“ nicht mehr vorgibt, sondern nur noch atmosphärisch begleitet, ähnelt Blue Bayou nun eher den Segmenten von Fantasia 2000 als denen des Originals.
Um die für Clair de Lune geschaffenen Zeichnungen in den Hintergrund für Blue Bayou zu verwandeln, wurde das Filmmaterial leicht bearbeitet. Einige lange Einstellungen wie der erste Schattenriss des Reihers wurden gekürzt, und vor allem wurden die Einstellungen, während denen der Kranich durch das Wasser stapft, um- und teilweise herausgeschnitten. Sieht man sich die Stücke im Vergleich an, machen die Änderungen Sinn: Die Wellenbewegungen des Wassers und der in den Wellen gespiegelte Mond bewegen sich in perfekter Synchronität zur Musik und die Zeichner hatten keine Scheu, diesen zarten Moment längere Zeit auszukosten. Zur Musik von Blue Bayou jedoch würden diese Einstellungen Gefahr laufen, zähflüssig zu wirken - den Bildern kommt nur der zweite Rang zu. Insgesamt lässt sich Clair de Lune genug Zeit, seine Bilder wirken zu lassen und strahlt dadurch und durch Debussys Musik eine Melancholie und Dramatik aus, die in Blue Bayou völlig fehlen.

Disney bezeichnete das Ave Maria und Clair de Lune als Möglichkeiten der Erleichterung für das Publikum und als einen für Fantasia wichtigen Kontrast. Gerade Clair de Lune kommt mit einem Minimum an Animation aus und lässt der Musik und den Hintergründen genug Raum, ihre volle Wirkung auf den Zuschauer zu entfalten.
Es ist ein besonderes Glück für unsere Generation, dass wir dieses Kleinod erstmals in seiner ursprünglichen Pracht erleben dürfen.


Mehr von mir gibt es auf www.AnankeRo.com.

4 Kommentare:

Cooper hat gesagt…

Liebe Ananke Ro,
zu Beginn diesen Jahres (als mein altes Laptop noch seinen Dienst tat), erwartete ich mit einiger Spannung, wie du dich dem entfallenen Stück "Claire de Lune" und der damit verbundenen Animationssequenz für "Fantasia" widmen würdest.

Ich bin geradezu begeistert, dass soviel Herz in deinen Artikel Eingang gefunden haben - wo doch deutlich wird, dass die Verwendung der Animatiossequenz (später mit dem Stück "Blue Bayou") noch anders funktioniert.
Die Tatsache, dass du diese "Entbehrlichkeit" aufzeigst, weil die Sequenz in ein anderes musikalisches Klima verlegbar sei, teile ich.

Fantasia hat mit dem "Ave Maria" einen fulminanten Abschluß erhalten und wo wäre im musikalischen Sinn - oder auch von seiner Animation her - ein passender Platz in "Fantasia" gewesen. Nebenbei enthält die Sequenz der "Pastorale" bereits zur Musik fliegende Wesen, die mit dem Pegasus-Paar hinreichend Harmonie zur Musik darstellen (wenn auch nicht im selben Maße, wie es die Reiher zu "Claire de Lune" tun).


Was die Frage nach dem Übersetzer oder Verfasser von "Mondschein" betrifft, so wäre interessant zu erfahren, woher du die Zeilen hast.
Bei meiner Recherche hierzu stieß ich auf zwei Seiten, wobei die erste jenen deutschen Text nur auflistet - wenn auch in völlig gleichem Wortlaut.
Ob die Übersetzung von Juliane Banse, Andreas Schilf oder einem an der Produktion beteiligten von ECM New Series 1772 - Recorded January 2001 stammt, habe ich in der kurzen Zeit nicht bestätigt finden können.
Link:
http://www.ecmrecords.com/Catalogue/New_Series/1700/1772.php

Der Text findet sich auch (mit kleiner Variation des ersten Satzes aus Strophe Eins) im Begleitheft (S.11) des Beethoven Orchesters Bonn bei deren 2. Kammerkonzert im Rheinhotel Dreesen vom 5. Feb. 2012.
Link:
http://www.beethoven-orchester.de/
unter Service / Downloads / ARCHIV 2011 | 2012

Mit Glück läst sich über eMail ja - bei einem der für Texte, Druck oder Gestaltung Verantwortlichen - Genaueres zur Übersetzung "Mondschein" für Paul Verlaines Text finden, der für "Claire de lune" verwendung fand.


Mir persönlich gefällt der Text des jungen, nur 19 Jahre gewordenen Graf Wolf von Kalckreuth (1887-1906), der die "Schäferfeste" des Paul Verlaine aus dem Französischen übersetze:
http://www.gedichte.xbib.de/Verlaine_gedicht_Mondschein.htm

Mit freudigem Ausblick künftiger Entdeckungen in Sir D.s Blog und deinen Artikeln begebe ich mich nun zur Ruhe. ;-)

LG, Cooper.

Anonym hat gesagt…

Um ehrlich zu sein weiß ich jetzt nicht, auf welcher Blu ray der Kurzfilm in seiner ursprünglichen Version drauf ist. Auf meiner Version ist sie leider nicht enthalten. Bislang hab ich den Kurzfilm nur auf der SC DVD Version gesehen. Hier berücksichtige ich aber auch nur die dt. Veröffentlichungen. Es kann sein, dass das bei den US Ausgaben anders aussieht, zumal ausländische Versionen mit weitaus mehr Material ausgestattet sind. Hier fühle ich mich als Fan in Deutschland arg benachteiligt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ananke Ro hat gesagt…

Wenn du mit der "ursprünglichen" Form die Blue-Bayou-Form meinst - also die Überarbeitung, in der der Film ursprünglich veröffentlich wurde - so ist sie offiziell Teil des Meisterwerks "Make Mine Music" - leider das einzige Meisterwerk, von dem es bislang keine offizielle deutsche Veröffentlichung gibt. Bei Interesse würde ich aber eine Suche auf Youtube vorschlagen, oder den Kauf der amerikanischen (oder der unzensierten niederländischen) DVD.

Anonym hat gesagt…

Mit der ursprünglichen Form meinte ich "Claire de Lune". Dieser Kurzfilm ist in seiner ursprünglichen Fassung, wie er für Fantasia entstand, hier in Deutschland auf der SC DVD von Fantasia erschienen, die Teil meiner Sammlung ist. Den Film als "Blue Bayou" hab ich auch als UK Version auf DVD. Ich find es nicht schlimm, dass es den Film nicht in Deutschland gibt, da ich mit der englischen Fassung auch ganz gut klarkomme, obwohl ich jetzt sprachlich nicht so begabt bin.
Auf der Blu-ray von Fantasia finde ich jedoch von diesem Film nichts. Weder wurde das Extra von der SC bei der Neuauflage übernommen, noch wurde anderweitig auf das Werk hingewiesen. Was ich halt als sehr schade empfinde.

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