Montag, 7. Januar 2013

Elisabeth - die Demystifizierung einer Legende




Man hört nur was man hören will, drum bleibt nach etwas Zeit
Von Schönheit und von Scheiße, von Traum und Wirklichkeit
Nur Kitsch!




 

Als Michael Kunze und Sylvester Levay 1992 das Musical Elisabeth nach Wien brachten, löste die unerwartete Darstellung unter Kritikern wie Zuschauern einen kleinen Sturm aus. Das Stück zeigt das Leben der österreichischen Kaiserin Elisabeth fern von Kitsch und idyllischer Sissi-Mentalität; Elisabeth wird als starke, aber auch depressive Frau dargestellt, deren Leben aus einem ständigen Kampf gegen die Welt besteht.
Dabei liegt das Hauptaugenmerk nicht etwa auf der Beziehung zwischen Elisabeth und Franz Joseph, sondern im Vordergrund steht eine ganz andere Liebesgeschichte: Elisabeths ewige Anziehung zum Tod, der hier in personifizierter Form als ihr junger Geliebter dargestellt wird. Der Tod steht ihr gesamtes Leben lang an Elisabeths Seite und verführt sie in einer ständigen Hass-Liebe, die sie fortdauernd am Rand ihrer selbst balancieren lässt.
In dieser halb mystischen, halb psychologischen Darstellung wird schnell klar, dass Elisabeth für den Tod selbst eine besondere Rolle einnimmt - wie es der Geisterchor sagt, „Alle tanzten mit dem Tod, doch niemand wie Elisabeth“ - und das wegen ihrer eigenen Einstellung zum Leben und zu den Menschen. Der Tod bleibt eine unwirkliche Gestalt, auf den Elisabeths Mischung aus Lebenswillen und Todessehnsucht eine besondere Faszination ausübt, doch er verliert nie seinen Status als unaufhaltsame Naturgewalt.


Wien, 1992

Auch wenn das Gelingen einer derart morbiden Ausgangsidee, verbunden mit teilweise recht direkten Angriffen auf die Wiener selbst, am Anfang weithin bezweifelt wurde, stellte sich Elisabeth schnell als ein außergewöhnlicher Erfolg heraus, der bald in die verschiedensten Länder exportiert wurde. So ist es eigentlich seltsam, dass fast zehn Jahre vergingen, bis das Musical 2001 den Grenzsprung nach Deutschland schaffte. Bis dahin hatte sich einiges getan; das Stück hatte die unterschiedlichsten Inszenierungen erlebt und mehrere neue Lieder hinzugefügt bekommen.
Als Elisabeth nach Essen kam, nahm es einiges der Version aus dem niederländischen Scheveningen mit, insbesondere die Inszenierung und eine Handvoll von neuen oder erweiterten Liedern. Die meisten der Änderungen sind bewusst eingefügt, um die politischen Rahmenbedingungen der Geschichte für Nicht-Österreicher klarer zu machen und einigen Nebenfiguren noch etwas Charakterentwicklung zukommen zu lassen. Aber der auffälligste Zusatz ist mit Sicherheit „Wenn ich tanzen will“, ein neues Duett zwischen Elisabeth und dem Tod, in dem sie ihm auf der Höhe ihres Erfolges siegesgewiss die Meinung sagt. Von Text und Musik fügt sich das Lied wunderbar in das Musical hinein; es ist düster, feurig und interessant und lässt gerade von Elisabeth einige neue Facetten erkennen. Denn „Wenn ich tanzen will“ geht inhaltlich stark auf Elisabeths Charakter ein, es beleuchtet ihre Einstellung zur Welt und zum Tod und klingt wie ein Machtkampf mit ihren eigenen, inneren Dämonen.

Essen, 2001
Aber wie auch in den anderen Zusätzen der Essener Version gegenüber dem Wiener Original wie den Liedern „Schwarzer Prinz“ und „Verschwörung“ fällt auf, dass sich die Rolle des Todes langsam aber sicher in eine neue Richtung bewegt. Er ist immer noch eine düstere, unfassbare Gestalt, mysteriös und elementar, aber nun hat er eindeutig eine eigene politische Agenda. Was in der Urversion nur angedeutet wurde, liegt in der Essener Version offen: Der Tod will das Kaiserreich stürzen, und dieses destruktive Ziel vermischt sich ständig mit seinem Sehnen nach Elisabeth. Gerade die Nebenhandlung um ihren Sohn Rudolf und seinen Selbstmord scheint nun hauptsächlich noch ein Mittel zum Zweck zu sein.
Generell kann man sagen, dass diese erste deutsche Inszenierung um einiges gefühlvoller und romantischer gehalten war und damit einen interessanten Kontrapunkt zu der anderweltlichen Wiener Fassung darstellte.



Wien, 2005
Dann feierte Elisabeth 2004 seine Rückkehr nach Wien und stand hauptsächlich wieder in der alten Fassung auf der Bühne, wenn man auch offensichtlich versucht hat, die besten Neuerungen aus Deutschland mitzunehmen - insbesondere „Wenn ich tanzen will“ und „Schwarzer Prinz“. Damit stellt diese Version, die 2005 auf DVD verewigt wurde, eine Art Best Of des Musicals dar; es ist nicht unbedingt die künstlerisch integerste Version, aber dafür hat man sich gerade in der Liedauswahl wirklich die Rosinen herausgepickt.
Es folgten einige andere leichte Veränderungen für Berlin und die deutsche Tourversion, die hauptsächlich Kleinigkeiten wie das Kostüm des Todes betrafen, aber eindeutig darauf angelegt waren, die Rolle männlicher, realer und moderner zu gestalten. Von der „Androgynität“, die im Text der Urfassung speziell betont wird, ist heute keine Spur mehr.



Wien, 2012
Jetzt zum 20. Jubiläum ist das Musical wieder in Wien zu sehen, und wieder hat man sich grob an die Wiener Urinszenierung gehalten, teilweise wie im Prolog sogar näher als noch 2004. Der große Hauptunterschied besteht in der Aufmachung des Todes, der sich nun mit Lederjacke und gegelten Haaren eindeutig von jeder bisherigen Interpretation abheben will.
Man kann natürlich generell sagen, dass diese Weiterentwicklung Sinn macht. Die Figur stellt seit jeher einen Fremdkörper in dem klassischen Setting dar und wird eher modern interpretiert - und was vor zwanzig Jahren modern war, ist eben nicht dasselbe wie heutzutage. Dennoch stellte sich der 80er Jahre Stil des Originals (oder auch die etwas herberen Versionen aus Essen und der Wiener Version von 2004) sehr viel überweltlicher und mystischer dar, als der eher einfache moderne Look der aktuellen Inszenierung.

Aber der wichtigste Unterschied besteht in etwas ganz anderem: Um dem Wiener Publikum, das die Geschichte wohl langsam zu genüge kennt, einen neuen Anreiz zu geben, wurde dem Stück wieder ein neues Lied hinzugefügt. Es handelt sich um ein Duett zwischen Elisabeth und dem Tod bei ihrem erstem Treffen: „Kein Kommen ohne Gehn“.
Die Bezeichnung neu ist vielleicht übertrieben, schließlich ist das Lied schon lange Teil der ungarischen Version und als „Rondo von Liebe und Tod“ auch der japanischen. Dazu muss man allerdings sagen, dass Elisabeth in Japan sowieso eine eher spezielle Angelegenheit ist. Es handelt sich um eine vollkommen andere Kultur und künstlerische Auffassung, und das schlägt sich nur allzu sehr in dem Musical nieder. Man kann wohl eindeutig sagen, dass der japanische Text des Liedes mit Zeilen wie „Du hast mein vereistes Herz geschmolzen“ wahren Kitsch in Reinformat darstellt. Aber dabei handelte es sich bislang eben um ein Exotikum, dass man (wie die ganze japanische Interpretation und Inszenierung) aus unserer Sicht wohlwollend belächeln kann.

Doch jetzt hat dieses Zwischenlied auch in der deutschsprachigen Version des Musicals einen offiziellen Platz gefunden - und ich denke, aus künstlerischer Sicht lässt sich sagen, dass diese Erweiterung für das Stück ein Desaster darstellt. Der Text des Liedes ist meiner Meinung nach banal und die Musik stilistisch nicht sehr passend, doch solche Fragen sind zweifellos Geschmacksfrage. Was bei weitem wichtiger ist, ist der Inhalt des Liedes: Die Richtung des Todes, die in Essen vorsichtig eingeschlagen wurde, wird jetzt über jede Grenze hinaus fortgetragen und pervertiert.

Wien, 2005
Das Lied, das der Tod nach einem gefährlichen Unfall der jungen Elisabeth anstimmt, ersetzt „Schwarzer Prinz“ - eines der Lieder, die selbst schon einen Ersatz darstellten. Während in der Urversion Elisabeth nach ihrem Sturz und der ersten „Nahtoderfahrung“ nur einen umso größeren Freiheitsdrang ausdrückt, erklang in „Schwarzer Prinz“ schon ihr eindeutiges Todessehnen - „und ich spürte eine Sehnsucht, mich von allem zu befrein“ - wie passend dies an dieser Stelle ist, kann jeder Zuschauer selbst entscheiden. Aber auf jeden Fall waren beide Stücke von ihr gesungen und drücken ihre persönliche Einstellung aus. Der Tod nimmt diese Zeilen stumm zur Kenntnis, und es hängt an dem Talent des Darstellers, inwieweit er auf Elisabeths unerwartete Annäherung reagiert.
Das ist nun durch das neue Liebeslied des Todes definitiv anders. Als ich mir den Text zum ersten Mal angehört habe, war meine unwillkürliche Assoziation die mit der allzu flachen Twilight-Liebesgeschichte. Und die Konstellation scheint nun wirklich zu ähnlich; eine fremde, dunkle Macht in männlicher Gestalt, die sich auf unerwartet menschliche Weise in ein junges Mädchen verliebt. „Statt dich zu führen und dich zu überwinden, will ich geliebt sein und deine Hoffnung an mich binden“ ...
Jetzt handelt es sich nicht mehr um einen Sturz, der Elisabeth nur an den Rand des Todes bringt; ihr Unfall ist nun potentiell fatal und es ist die „Gnade“ des Todes, die sie rettet - um sie dann später zu holen?! Da Elisabeth weiterhin selbst von ihrer Faszination für den Tod singt, scheint dieses menschliche Erbarmen seinerseits aus keiner Sichtweise Sinn zu machen.



Wien, 2012
Diese Hinzufügung wirkt vielleicht wie eine Kleinigkeit, aber ihre Auswirkung auf das gesamte Stück ist gewaltig. Aus dem Drama um eine große Frau und ihren lebenslangen Kampf mit dem Tod wird nun ein simples, übernatürliches Liebesdreieck. Alle anderen „Taten“ des Todes laufen jetzt auf das Handeln einer Fantasy-Spukgestalt hinaus, der dem armen Kaiser die Frau ausspannen will. Wenn der Tod bei Elisabeths Hochzeit lacht, ist er nun nicht mehr das Schicksal, das sie verhöhnt, sondern einfach ein allzu menschlicher Nebenbuhler - und diese Banalisierung zieht sich durch das gesamte Stück hindurch. Daran ändert insbesondere Mark Seiberts Interpretation nichts, wenn er in „Der letzte Tanz“ wie ein Schuljunge vor Wut mit der Faust gegen die Wand schlägt.
Essen, 2001
Der Kontrast zu dem anderen neueingefügten Duett „Wenn ich tanzen will“ ist eindeutig: Dort ging es um Elisabeth selbst und den Kampf um ihr eigenes Ich; psychologisch interpretiert könnte „Wenn ich tanzen will“ genauso gut ein reines Selbstgespräch sein. Auf jeden Fall ist es eines nicht, nämlich ein Liebeslied zwischen ihr und dem Tod - denn das kann es nach der Logik des Stückes ja erst ganz am Ende geben. „Kein Kommen ohne Gehn“ dagegen stellt eine allzu bewusste Vermenschlichung einer einstmals so unmenschlichen Figur dar.

Vielleicht scheint diese Verwässerung heute nötig, vielleicht gefällt den Zuschauern ein reines Fantasy-Melodram wirklich mehr als ein wahres Drama. Doch andererseits sollte man meinen, dass das erfolgreichste deutschsprachige Musical aller Zeiten es sich leisten könnte, seiner eigentlichen Natur treu zu bleiben.

Was bleibt ist die Hoffnung, dass es sich bei dieser Hinzufügung um einen kurzzeitigen Ausrutscher handelt, der bei der nächsten Inszenierung vergessen ist, und nicht um einen zukünftigen Dauerbestandteil des Musicals. Es wäre zu schade, wenn die Wiener DVD nun die einzige Möglichkeit darstellen sollte, Elisabeth auch in Zukunft in seiner wahren Form zu erleben.

Wien, 2005


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