Samstag, 16. März 2013

Die Quellen der Disneyfilme: Küss den Frosch

 
Von Legenden zu historischen Ereignissen, von Märchen bis zu klassischer Literatur - die Zauberkünstler von Disney haben sich der vielfältigsten Quellen bedient, um Stoff für ihre Filme zu finden. Gemein haben sie jedoch alle, dass das Ursprungsmaterial nicht ohne Veränderung in den Disney-Kanon eingeflossen ist.

 

Diese Reihe von Im Schatten der Maus befasst sich mit dem Entstehungsprozess einiger dieser Meisterwerke:
Die Quellen der Disneyfilme

Es immer wieder nett, sich zu klarzumachen, dass die vielleicht ikonischste Märchenszene überhaupt, der Kuss zwischen einer Prinzessin und einem Frosch, um den verwunschenen Königssohn zu erlösen, in keiner „klassischen“ Märchenversion vorkommt. Im Gegenteil zu Die Schöne und das Biest und ähnlichen Tierbräutigammärchen, wo die Liebe der entscheidende Faktor ist, der das Tier erlöst, muss der Frosch im Froschkönig einiges erdulden, ehe er errettet wird: Von der Liebe der Prinzessin kann er nur träumen, selbst Zuneigung und gesunde Dankbarkeit bleiben ihm von dem schnippischen Mädchen verwehrt, und statt dass sie ihn wie versprochen in ihr Bett mitnimmt, wird er schließlich von ihr an die Wand geworfen, wodurch der Zauber gebrochen wird.
Eine solch seltsame Entwicklung, der zudem jede typische Moral fehlt, scheint ungewöhnlich für die Geschichten der Gebrüder Grimm und vielleicht liegt es daran, dass das Märchen im Volksmund in den folgenden Jahrzehnten bis Jahrhunderten eine bedeutende Wandlung erfuhr. Da ja alle Grimmschen Hausmärchen im Grunde allgemeine Volkserzählungen darstellen, kann man sogar betonen, dass Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich (der im Märchenbuch auch noch an erster Stelle steht) ihr einziges Märchen ist, das sich seit seiner Aufschrift im Volksmund auf natürliche Weise weiterentwickelt hat.
Im Übrigen lässt sich anmerken, dass sich der Frosch trotz des Märchennamens am Ende in einen Königssohn beziehungsweise Prinzen verwandelt, und insofern ist der englischer Name The Frog Prince sogar zutreffender als der deutsche. Allerdings gab es in der zweiten Auflage der Märchensammlung noch eine weitere Erzählung Der Froschprinz, die in ihrer Struktur eine leichte Variante des Froschkönigs darstellt: Der Hauptunterschied ist, dass der Frosch der Prinzessin hier klares Wasser statt der goldenen Kugel besorgt und dass er schließlich unter ihrem Kopfkissen schlafen darf, wodurch der Zauber gelöst wird. Von einem Kuss ist allerdings auch hier nicht die Rede.



Wahrscheinlich sind es die schlichte Struktur des Märchens, die ursprünglich fehlende Moral und der ikonische, wenn auch nicht originalgetreue Moment des Kusses, der den Froschkönig gerade heutzutage ideal für Parodien und ironische Bearbeitungen erscheinen lässt - so wie auch im Buch The Frog Princess, das 2003 von E. D. Baker veröffentlicht wurde.
Das Buch, das in einer leicht invertierten Märchenwelt spielt, hat außer dem Namen, der Grundthematik des verzauberten Prinzen und des scheinbar erlösenden Kusses nicht viel mit dem ursprünglichen Froschkönig zu tun. Emma (oder Emeralda) ist eine tollpatschige Prinzessin, die mit ihrer hohen Rolle unzufrieden ist und lieber durch die Wälder streift, als den Lehren der Mutter zuzuhören. Auf einem solchen Ausflug trifft sie auf einen sprechenden Frosch, der behauptet, der verzauberte Prinz Eadric zu sein und sie erklärt sich bereit, ihn mit ihrem Kuss zu erlösen - nur um sich unerwarteterweise selbst als Frosch wiederzufinden. Gemeinsam machen sich die beiden auf den Weg durch die Sümpfe, um die Hexe zu finden, die den Zauber ausgesprochen hat. Sie treffen auf eine Vielzahl an teils mehr, teils weniger freundlichen Sumpfbewohnern, bis sie sich schließlich als letzte Hilfe an Emmas Tante Grassina wenden, die selbst eine Hexe ist und ihnen erklärt, wie der Zauber gebrochen werden kann - eine Aufgabe, die neben verschiedener anderer Zutaten einen erneuten Kuss der beiden erfordert.


Zu sagen, der Disneyfilm Küss den Frosch von 2009 sei eine Verfilmung des Buches scheint stark übertrieben; die Geschichte ist wie in Abspann geschrieben „inspired in part“. So sind die direkten Gemeinsamkeiten der beiden Versionen schnell aufgezählt: Ein junges Mädchen trifft auf einen in einen Frosch verwandelten Prinzen, der sie zu einem Kuss überredet, mit dem Ergebnis, dass nun beide als Frösche umherhüpfen. Es gibt eine Jagd durch die Sümpfe, bei der sie auf ein höchst verzetteltes Flugwesen (ob nun Glühwürmchen oder Fledermaus) und auf ein überraschend hilfreiches Reptil (Alligator oder Schlange) treffen. Das Ganze mündet schließlich in der Suche nach einer guten Hexe, die den Zauber rückgängig machen kann und die Lösung besteht in einem erneuten Kuss, der zu der gloriosen Rückverwandlung mitten im Sumpf führt.
Wie man unschwer sieht, ist die grundlegende Geschichte des Disneyfilms neu entworfen worden; von dem so ikonischen wie ungewöhnlichen Standort New Orleans und dem modernen Setting über die genaue Figurenkonstellation bis hin zum Bösewicht Dr. Facilier, der zwar ein „Hexendoktor“ ist, aber mit der unfähigen, bösen Sumpfhexe des Buches ebenso wenig gemein hat wie Mama Odie.

Dazu kommt der Einfluss einer Reihe anderer Märchenklischees; so wird jedes der drei „klassischen“ Disneymärchen Schneewittchen, Cinderella und Dornröschen im Film wenigstens kurz referenziert. Und während im Buch The Frog Princess die Geschichte vom erlösenden Kuss offensichtlich zum Allgemeinwissen gehört, wird im Film speziell auf ein altes Märchenbuch verwiesen - auch wenn es sich dabei wie gesagt kaum um das der Gebrüder Grimm handeln kann. (Nebenbei erwähnt lautet der Spruch des Frosches im Original „Königstochter jüngste, mach mir auf“ - es ist typisch für die Grimm‘sche Fassung, dass die Prinzessin zur germanischeren Königtochter wird, doch nach dieser Definition hätte Tianas Kuss Naveen auch am Ende des Filmes wenig genutzt.)
In Küss den Frosch geht es jedoch nicht um ein genaues Einhalten der klassischen Märchentraditionen, im Gegenteil. Gerade die typischen Strukturen der Disneymärchen werden bewusst hinterfragt und aus den Angeln gehoben, jedoch ohne dass sich die Geschichte über ihr filmisches Erbe lustig macht. So kommt dem Abendstern, dem Wunschstern Evangeline, sehr wohl eine besondere Rolle zu, doch wird immer wieder betont, dass es nicht genügt, zu einem Stern zu wünschen - Tiana muss selbst handeln und arbeiten, um sich ihre Träume zu erfüllen.

Niemand stellt dabei die Haltung des Filmes besser dar als Tianas beste Freundin Lottie, die weder im Märchen noch in Bakers Buch ein Gegenstück findet. Lottie ist mit ihrem Wunsch nach einem heiratsfähigen Prinzen eine bewusste Parodie des typischen Disney-Prinzessinnen-Bildes, doch mehr vielleicht noch die des typischen jungen Fan-Mädchens. Umso angenehmer ist es jedoch zu sehen, dass diese Figur, die sich sowohl von ihrer Charakterisierung als auch von ihrem Platz in der Geschichte für eine unangenehme bis reell böse Rolle angeboten hätte, nichts Unsympathisches an sich hat, sondern Tiana bis zuletzt als aufrichtige Freundin zur Seite steht.
Anders ist es dagegen Naveens Diener Lawrence ergangen, der von Ursprung des treuen Dieners Heinrich im Märchen zu unangenehmen Verräter degradiert wurde ...



Doch interessant ist natürlich vor allem die Charakterisierung der beiden Hauptfiguren, in der noch die größte Ähnlichkeit zu den Figuren des Buches erkennbar ist. Die Chemie der beiden ist in der Tat sehr ähnlich: In beiden Versionen handelt es sich um keine typische Märchen-Liebesgeschichte, sondern um ein mühsames Aneinandergewöhnen, das eher an eine moderne Romantic-Comedy erinnert als an ein Märchen.
Eadric ist im Buch selbstverliebt, arrogant und ein zumindest auf ersten Blick nicht wirklich angenehmer Gefährte, und Emma kann sich zu Beginn nicht vorstellen, dass mehr hinter der aufgeplusterten Fassade stecken könnte. Aber anders als in Film ist im Buch gerade bei Emma selbst wenig Charakterentwicklung zu sehen; sie ist eine typisch unpassende Prinzessin, die sich gegen ihr vorbestimmtes Schicksal auflehnen will, nur um am Ende doch mit einem Prinzen an der Seite dazustehen.

In Tianas Figur hat man sich bei Disney dagegen sichtbar bemüht, eine außergewöhnlichere Disneyfigur zu erschaffen. Sie ist ein hart arbeitendes Mädchen, dessen Ambitionen durchaus als etwas Positives dargestellt werden, die aber dennoch lernen muss, sich auch auf Herz und Gefühl zu verlassen. Insgesamt scheint es beinahe ironisch, dass gerade Tiana nun die Nachfahrin der hochnäsigen Prinzessin aus dem Märchen darstellt. Von allen Disney-Prinzessinnen hat sie sicher die wenigste Ähnlichkeit mit dieser Märchenfigur; nur ihr anfänglich extremer Widerwille vor Fröschen scheint ein Erbe der Grimm‘schen Prinzessin zu sein.

Die leichtherzige, oft ironische Richtung, die der Film in Bezug auf klassische Märchen einschlägt, ist natürlich im Buch angelegt; nicht umsonst stellt The Frog Princess schließlich doch eine Art Parodie auf den Froschkönig dar. Doch in dem Buch handelt es sich dennoch eher um eine allgemeine Märchenwelt, die sich bewusst an die klassischen Klischees hält - so bewusst, dass sie eben wieder übersteigert dargestellt werden.

Die Welt in Küss den Frosch ist dagegen oberflächlich betrachtet „normal“ und zeigt sich sehr viel moderner als die anderer Märchenfilme. Tiana wird wegen ihrer Hautfarbe offensichtlich diskriminiert, und muss hart für ihre Träume arbeiten, es gibt keine gebürtigen Prinzessinnen und nur einen höchst untypischen Prinzen, der zudem - wie auch sie selbst - mehr am Geld als an der Liebe interessiert scheint. Dadurch werden hier wie auch im Buch die Märchensymbole skeptisch hinterfragt, nur quasi gerade aus der anderen Blickrichtung. Kommt die Ironie im Buch daher, dass die „Märchenwelt“ bereits allzu natürlich und somit banal ist, ist es in Küss den Frosch die Absurdität der Märchenelemente im New Orleans der 20er Jahre, die für die stilistische Brechung sorgt - auch wenn Film wie Buch es sich natürlich nicht nehmen lassen, am Ende doch wieder sämtliche klassischen Märchenstereotypen zu bedienen, um Prinz und Prinzessin ihr wohlverdientes Happy End zu bescheren.


Insgesamt wird deutlich, dass es dem Disneyfilm nicht darum ging, das Buch originalgetreu umzusetzen oder sich dabei auch nur einige Freiheiten zu nehmen. Der Film verfolgt eine völlig eigene Agenda und will sich bewusst abheben von den typischen Märchenfilmen - Bakers Buch stellte dafür nur eine passende Gelegenheit dar, um sich frei an der an sich schon freien Märchenparodie entlangzuhangeln.
Von daher scheint es müßig, Küss den Frosch auf seine Qualitäten als Buchverfilmung zu untersuchen. Der Film ist sicher zu gewissem Teil von The Frog Princess inspiriert, aber er steht doch definitiv auf eigenen Füßen und so stellen beide Werke dar, was sie eigentlich darstellen wollen: das eine ein klassisches Märchen in leicht ungewöhnlichem Gewand, das andere eine moderne Liebesgeschichte, die mit disneytypischem Zauber als beinahe traditionelles Märchen erzählt wird
.


Mehr von mir gibt es auf www.AnankeRo.com.

15 Kommentare:

DMJ hat gesagt…

"Tiana wird wegen ihrer Hautfarbe offensichtlich diskriminiert"?
Ich muss sagen, so wirklich offensichtlich erschien mir das nicht - gerade für einen Film, in dessen Umfeld die Hautfarbe der Protagonistin als eine derartige Sensation und Zeichen der Weltoffenheit beworben wurde, spart man das ziemlich aus.

Na gut - man will ihr aus nicht genannten Gründen das Haus nicht verkaufen, aber das muss man mit kulturellem Wissen füllen, um es als Rassendiskriminierung zu entschlüsseln. Denn an sich ist die Filmwelt im Vergleich zu ihrem historischen Gegenstück doch wirklich erstaunlich tolerant.
Ich persönlich halte es für rechtmäßig, da es eben eine Märchenwelt ist (und Mittelaltermärchenprinzen ja auch keine gewalttätigen Inzestmonster sind, wie ihre realen Vorbilder), aber ich verstehe schon, wieso manche Leute das als Geschichtsfälschung betrachteten.

- Sorry, dass mein erster Kommentar gleich in so eine Richtung führt. Habe den Blog erst kürzlich entdeckt und bin eigentlich noch dabei, mich durchs Archiv zu lesen. Hochinteressantes dabei!

Ananke Ro hat gesagt…

Zugegebenermaßen, darüber, wie offensichtlich es nun wirklich ist, kann man streiten. Das Wort war von mir auch eher als Einschränkung gedacht, im Sinne von "offensichtlich, aber nicht erklärtermaßen".
Aber der Tonfall, in dem von "a little woman of your - background" die Rede ist, impliziert die Rassenfrage doch ziemlich eindeutig, gerade wenn man bedenkt, dass Tiana in dieser Szene auf dem Kostümball außer ihrer Hautfarbe kein Zeichen ihrer Herkunft trägt. Natürlich geht der Film mit dem Thema trotzdem extrem vorsichtig um, doch ich denke, gerade hier klingt die Frage auf jeden Fall mit an.

Lutz hat gesagt…

Ich konnte nicht schlafen und habe daher einen viel zu langen Kommentar geschrieben, den ich in mehrere Teile splitten musste. :-) Hier ist er:

Najaaaaaa, natürlich muss man das mit kulturellem Wissen füllen, aber dennoch ist es offensichtlich.

Ich finde nicht einmal, dass der Film extrem vorsichtig damit umgeht, es wird nur nicht deutlich ausgesprochen. Allein die Tatsache, dass in der ärmlichen Siedlung, in der Tiana mit ihrer Familie lebt, nur von schwarzen bewohnt wird, während die Reichen ausnahmslos Weiße sind, lässt einen Rückschluss auf Diskriminierung zu (wenn man nicht selbst vollkommen verblendet ist und an die natürliche Überlegenheit der weißen Rasse glaubt).

Es gibt noch einige solcher Hinweise, auch im eigentlich herzlichen Verhältnis zwischen Big Daddy und Tianas Mutter Eudora und im Umgang zwischen Lottie und Tiana, die man zwar, wenn man die unterschiedliche Stellung der Rassen unbedingt ausblenden will, als einfache Charaktereigenschaften deuten kann, die dann aber schon einige Ungereimtheiten zurücklassen.

Der deutlichste Hinweis auf Diskriminierung findet sich gleich zu Anfang, als Eudora und die kleine Tiana die Villa von Big Daddy verlassen und mit der Straßenbahn nach Hause fshren und natürlich hinten im "schwarzen Bereich" sitzen müssen, während die weißen Fahrgäste weiter vorn sitzen.

Auch hier handelt es sich um einen Moment, der kulturell erschlossen werden muss, aber es ist ein zugleich sehr subtiler - weil er nicht weiter thematisiert wird - und dennoch sehr deutlicher Hinweis, weil er a) eines der deutlichesten Symbole der Segregation im Alltag darstellt und b) Erinnerungen an DEN Auslöser der Gleichstellungskämpfe schlechthin, nämlich der Weigerung von Rosa Parks, hinten zu sitzen, weckt.

Man kann den Moment natürlich nicht verstehen, wenn man sich mit der amerikanischen Geschichte nicht auskennt, aber er ist dennoch deutlich.

Lutz hat gesagt…

Die Tatsache, dass dieser Moment so früh im Film auftaucht, lässt vermuten, dass Disney eine Deutung von Tianas Position in der Gesellschaft im Hinblick auf Rassenunterschiede und Diskriminierung der African Americans wünscht. Aus genau diesem Grund liegt es dann auf der Hand, die Abehlehnung der Makler als rassistisch begründet zu bezeichnen. Auch darf man nicht vergessen, dass am Ende, als Tiana den Schuppen kauft, Louis bedrohlich die Zähne aufblitzen lassend im Hintergrund steht. Natürlich ist der Moment in erster Linie komödiantisch, aber er zeigt dennoch auf, dass der Stapel Geld, der vor den Brüdern liegt, nicht ausreichend ist, um sie zum Verkauf an Tiana zu überzeugen. Es muss also einen anderen Grund geben, warum sie nicht an sie verkaufen wollen und dieser kann nur im Rassismus begründet sein (vor allem, weil gleichzeitig enthüllt wird, dass der von den Brüdern erwähnte Investor, der den Laden gekauft hatte, eine Lüge war).

Die Fahrt in der Straßenbahn macht aber auch ebenso klar, wie der Film mit Diskriminierung umgeht: er zeigt sie subtil, weil es den Alltag von African Americans darstellt, spricht es jedoch nicht deutlich aus, weil es in diesem Film eben nicht darum geht, dass eine junge Frau offen gegen die Regeln der Gesellschaft rebelliert.

Ich finde, dass Disney das in Küss den Frosch sehr gut macht. Natürlich, es könnte noch gern ein wenig deutlicher sein, aber man muss eben bedenken, dass es sich hierbei nicht um einen politischen Film handelt und dass Disney andere Ziele hatte. Dennoch zeigen sie mit ein paar Handkniffen, wie die Ereignisse im Film zu lesen sind, nämlich genau durch diese Brille des Rassismus.

Zudem handelt es sich eben doch noch in erster Linie um ein Märchen, dass sein Setting zu verschiedenen Zwecken benutzt. Eine allzudeutliche Thematisierung von Rassismus hätte den Film aus dem Märchengenre herausgehoben und viel zu sehr spezialisiert, gerade für ein internationales Publikum, für das der Film ja hergestellt wurde.

Ehrlich gesagt verstehe ich auch nicht, warum etwas nicht offensichtlich sein soll, auch wenn es mit kulturellem Wissen gefüllt werden muss. Letztendlich unterstellst du, DMJ, damit, dass alles, was nicht absolut deutlich ausgesprochen ist, nicht auch offentsichtlich sein kann. Damit liegst du meiner Meinung nach gleich doppelt daneben, weil meiner Meinung nach auch nicht ausgesprochene Signale eindeutig sein können und gleichzeitig auch gesprochene Äußerungen mehrdeutig und alles andere als offensichtlich sein können.

Nur weil ein Fakt nur kulturell zu entschlüsseln ist, kann es dennoch offensichtlich sein. Der Film gibt genug subtile Hinweise auf der unterschiedlichen Lebensumstände von Schwarzen und Weißen, um diese Deutung nahezulegen.
Vor allem aber: Nehmen wir einmal an, dass diese Deutung ausbleibt. Was bleibt, sind dann drei kleine Szenen. In der ersten reden die Brüder davon, Tiana den Laden zu verkaufen, in der zweiten sagen sie, dass sie ihn jemand anderem verkaufen und in der dritten Szene nehmen sie Tianas Geld unter Androhung von Gewalt an und verkaufen es ihr.

Ohne eine Deutung in irgendeiner Form bleibt hier eine Leerstelle, weil der Zuschauer sich wundert, worin der Meinungsumschwung der Brüder begründet sein könnte (dass es nicht einfach nur am Investor liegen kann, wird schon aus dem Dialog in der Szene deutlich). Diese Leerstelle muss vom Zuschauer gefüllt werden um ihr einen Sinn zu geben. Wenn man an dieser Stelle einmal nachdenkt, fällt einem auf, dass jede andere Begründung als nicht konsistent im Rahmen des Films erscheinen würde. Die Entscheidung der Brüder wäre immer irgendwie willkürlich und das passt einfach nicht zu den Gesetzen von inhaltlicher Konsistenz und Kohärenz, an die wir als Zuschauer gewöhnt sind.

In dieser Hinsicht wird schon klar, dass der Film, auch wenn seine Hinweise sehr subtil sind, dennoch sehr deutlich macht, wie die geschilderten Ereignisse zu lesen sind.

Chaki hat gesagt…

Erinnert mich sehr stark an "Wächter der Nacht" Film und Buch.
Auch eine sehr starke Differenz zwischen den Erzählungen, aber beide aus unterschiedlichen Gründen definitiv erlebenswert.

Ananke Ro hat gesagt…

@Lutz: Ich stimme dir in allem überein, außer in der Einschätzung der Schlussszene mit der Schlüsselübergabe. Natürlich wird die Szene nur sehr kurz und montageartig angeschnitten, doch ich denke, dass sie etwas anders zu lesen ist: Es ist offensichtlich nur die angesammelte Anzahlung, die Tiana übergibt, von daher ist es verständlich, dass sich die Brüder "überreden" lassen müssen, ihr die Mühle trotzdem zu überlassen. Und es kann sehr wohl sein, dass es gerade Mittwoch, also der festgesetzte Stichtag ist, also wird dadurch auch die Lüge der beiden nicht offensichtlich.

Ich halte den anderen Käufer natürlich auch für eine feige Ausrede (nicht zuletzt - warum hätten sie ihm den Laden nicht sofort übergeben?), aber im Film direkt bleibt das Handeln der beiden dennoch imo schlüssig. Aber wie gesagt, trotz der schließendlich fehlenden Eindeutigkeit wird das Thema Rassismus doch direkt genug angesprochen, dass ein informierter Zuschauer es kaum wird übersehen können.

DMJ hat gesagt…

Ah, die relevant klingende Straßenbahnszene habe ich in der Tat nicht mehr im Kopf. Vielleicht war ich da grad in der Küche, was zu trinken?
An sich verlange ich auch nicht, dass Filme "heruntergedummt" werden, sondern bin durchaus ein Freund von Andeutungen, doch bei einem Film, der sich primär (nicht nur - Disneyfilme sind natürlich generell kulturelle Ereignisse) an Kinder richtet, sollte man diesbezüglich nicht zuviel verlangen.

Aber man verstehe mich nicht falsch: Ich selbst werfe dem Film diese (eventuelle) Auslassung nicht vor, verstehe aber, wenn es andere tun.

Mein Problem mit dem Film ist eigentlich ein anderes: So richtig es an sich ist, auch mal eine schwarze Hauptfigur und ein anderes, als das ewig gleiche Prinzessinnen-Schema zu verwenden, frage ich mich, ob es nicht unglücklich war, sie hier so zu kombinieren.

Ich hoffe, jetzt nicht wie jemand zu erscheinen, der nur Klicks abgreifen will, aber hier habe ich es etwas länger ausgeführt (damals noch in Unkenntnis der Straßenbahnszene, aber das ist da auch nicht mein Punkt):

http://www.weirdfiction.de/article_database/%E2%80%9Ekuss-den-frosch-oder-disney-mag-brave-mohren/

Kurzfassung: Das erste schwarze Disney-Prinzenpaar ist auch das ambivalenteste und wird für harte Arbeit am Ende nicht wie sonst mit Reichtum belohnt, sondern nur mit anderer, besser bezahlter Arbeit. Ich bin kein Aluhut-Träger der es für Absicht hält, aber man könnte es so deuten, als wenn hier Schwarzen grundsätzlich Höheres abgesprochen wird.

Ali Aufguss hat gesagt…

Jetzt hast du mich irgendwie neugierig auf den Film gemacht. Kommt auf die To-Watch-Liste. =)

Lg

Lutz hat gesagt…

@ Ananke: Ich hatte mir die Szene zu dem Zeitpunkt, als ich den Kommentar schrieb, nicht noch einmal angesehen und muss, nach jetziger erneuter Sichtung, sagen, dass ich die Szene falsch in Erinnerung hatte. Dass Tiana ihre Dosen übergibt, war mir entschlüpft.

Die Formulierung "informierter Zuschauer" trifft den Umgang des Films mit Rassismus vermutlich am besten. Derjenige, der Bescheid weiß, soll diese Ebene lesen können, alle anderen sollen den Film einfach nur an sich, frei von jeglichem geschichtlichen Hintergrund, genießen können.

@DMJ: Die Szene ist eben nicht besonders relevant, sondern kommt sehr beiläufig und unauffällig daher, so dass der "nicht informierte Zuschauer" (siehe oben) sie auch geflissentlich übergehen kann.

Ich habe deinen Link jetzt nicht geklickt, gehe also nur auf deinen geschriebenen Teil ein. Ich denke, dass die Wahl einer schwarzen "Disney-Prinzessin" vor allem auf dem ur-amerikanischen Impuls zurückgeht, dass jeder alles werden kann. Weiterführend hat Disney für sich durch die Jahre zunehmend dieses (meiner Ansicht nach grundsätzlich bedenkliche) Kredo daraus abgeleitet, dass eben auch jeder eine Prinzessin sein kann.

In sofern denke ich, dass es bei Disney nur darum ging, jetzt auch den African Americans mal ihre Identifikations-Prinzessin zu geben, sowohl aus (aus europäischer Sicht verwerflichen) Marketing-Gründen als auch aus einem naiven Idealismus heraus, den gerade Amerikaner diesen Märchenstrukturen europäischer Herkunft immer in ihrer Herangehensweise wählen.

Letztendlich liegt dem ganzen ein in dieser Form aus europäischer Sicht fast lächerlich naiver, weil widersprüchlicher, Demokratiegedanke zu Grunde. Ich denke, dass man Disney unrecht tut, wenn man das zu sehr politisch sieht oder zu große Ansprüche daran stellt.

Der ganze Umgang Disneys mit Ethnien und politischer Korrektheit ist bei Disney von der Außensicht betrachte widersprüchlich und auch seltsam pervers. Einerseits wollen sie unpolitisch sein und in bester Hinsicht konservative Familienunterhaltung liefern, andererseits haben sie sich der politischen Korrrektheit verschrieben, mit der sie, ohne sich dem jemals wirklich zu stellen, eine eindeutig politische Stellung beziehen. Dadurch hat sich Disney ein einfaches Schablonendenken erarbeitet, dass letztendlich niemandem wehtut, aber auch niemanden (sowohl vom konservativen als auch vom progressiven Spektrum) zufriedenstellen kann, der sich damit tiefsinnig auseinandersetzt.
Aus diese Grund kann jede Auseinandersetzung mit der Thematik, die nicht einfach hinnimmt, dass Disney eben niemandem wehtun will und aus dem Grund diese widersprüchlich naive Haltung einnimmt, für Disney letztendlich immer nur negativ ausgehen.

Das ist eine komplett subjektive Herangehensweise. Bei Pocahontas finde ich diese Ethnien-Schwurbelei unerträglich, bei "Küss den Frosch" hingegen kann finde ich die subtile Herangehensweise im Rahmen der Möglichkeiten, die sich Disney selbst gibt, angemessen und gelungen. Aber das muss eben jeder für sich entscheiden.

DMJ hat gesagt…

@Lutz:
Wie gesagt, auch ich vermute da nirgendwo bösen Willen, auch mir ist klar, dass Disney vor allem "crowd pleaser" sein will, was ihnen ja auch immer wunderbar gelungen ist.

Dass sie hier den american dream mit der zugehörigen protestantischen Arbeitsethik darstellen, es also wirklich vollkommen positiv meinen, ist mir auch klar, mein Problem ist eben nur der Ausgang. Auch die bisherigen weißen Prinzessinnen mussten arbeiten, aber sie arbeiteten eben schließlich zum Prinzessinnentraum hin. Tiara und Naveen hingegen lediglich zur Mittelschicht, für sie hört die Arbeit nie auf. Es war sicher Zufall, dass die Premiere eines solchen Endes und eines schwarzen Heldenpaares so zusammenfiel, aber eben doch ein unglücklicher. ;)

Lutz hat gesagt…

Hojojojojojojoj... ich habe den von dir angegebenen Link jetzt doch mal angeschaut, nachdem ich in deinem letzten Post merkte, dass wir offenbar doch aneinander vorbeireden.

Eigentlich wollte ich schon bei "Na gut, den glücklichen Sklaven Onkel Remus wollen wir jetzt mal nicht mitzählen." aufhören zu lesen, weil hier die Agenda schon so offensichtlich wird (und vor allem so offensichtlich falsch), dass jeder Versuch allein schon vergeblich erscheinen würde.

Aber gut... Der einzige Punkt, bei dem ich ihm zustimme ist, dass das ganze Rassenbrimborium mit der erste schwarzen Disney-Prinzessin ad absurdum geführt wird ab dem Moment, in dem Tiana und Naveen zu Fröschen verwandelt werden. Der Rest ist einfach nur Humbug von jemandem, der nicht die Ideologie des Konzerns kritisiert, sondern verzweifelt die Erwartungen, die er an den Film hatte, aus diesem herauszulesen versucht.

Zu der ganzen ersten Hälfte des Postings sag ich mal nichts, das ist schon vorher erledigt worden.. ich konzentriere mich auf den Teil mit der schuftenden Schwarzen Prinzessin, die es nur bis zur Mittelschicht schafft.

Manchmal kann einem Disney wirklich leid tun, da bemühen sie sich, es den Kritikern recht zu machen und dann wird genau das dann doch wieder um 180° gegen sie gedreht..

Mal ganz klar gesagt: Von den drei alten Disney-Prinzessinnen musste keine für ihr Glück arbeiten. Sicher, Schneewittchen hat für die Zwerge geputzt, Cinderella wurde zur Haussklavin gemacht und Aurora.... musste Beeren pflücken gehen (hartes Schicksal), aber sobald es darum ging, wirklich zu ihrem Glück zu gelangen waren sie alle drei extrem passiv. Schneewittchen lag bewusstlos im Sarg, während die Zwerge kämpften, Cinderella war im Turm eingesperrt und ließ die Tiere für sich arbeiten und Aurora hat den heroischen Kampf ihres Prinzen gleich mal verpennt.

Man kann argumentieren, dass Ariel, Belle, Jasmin (übrigens auch eine pigmentierete Disney-Prinzessin) und die anderen aktiver sind im Streben nach dem erreichen ihres Glücks, aber es bleibt nun einmal Fakt, dass keine von ihnen einen anderen Wunsch hat als einen Prinzen zu bekommen (selbst Belle, die vermutlich Eigenständigste von ihnen, verkündet gleich, dass sie am liebsten von Traumprinzen träumt).

Tiana ist die einzige Disney-Prinzessin, die aktiv daran arbeitet, einen eigenen Traum zu verwirklichen, der über das Heiraten hinausgeht. Dies ist eine wichtige Tatsache, die ihr einen wesentlich facettenreicheren Charakter als allen anderen Disney-Prinzessinnen gibt (Mulan zähle ich nicht zu den Prinzessinnen).

Viel wichtiger ist noch, dass Tiana sich durch die Heirat mit Naveen nicht einfach nur faul auf ihren Prinzessinnenhintern setzt, sondern weiterarbeitet an dem, was sie für sich aufbaut. Wo frühere Disney-Prinzessinnen klassische Jodeldiplom-Anwärterinnen waren, sieht Tiana ihr Glück tatsächlich darin, sich selbst etwas Sinnvolles aufzubauen.

Lutz hat gesagt…

Diese ganzen Vergleiche mit "Coal Black..." finde ich absolut nicht angebracht. An keiner Stelle legt der Film nahe, dass diese Lesart angedacht ist. Vielmehr macht der Film durch seine offenen Verweise an frühere Disney-Filme (siehe Ananke) deutlich, dass es hier auch darum geht, die klassischen Prinzen- und Prinzessinnen-Figuren aus früheren Disney-Filmen durch den Kakao zu ziehen. Der verzogene Hallodri Naveen ist in sofern eine Figur, die all das über sich preisgibt, was man sich über die platten klassischen Disney-Prinzen insgeheim auch schon dachte. Die Lesart, hier müssen farbige Figuren auf ihren vermeintlich angedachten Platz in der Gesellschaft zurückgedrängt werden, erschließt sich mir absolut nicht. Natürlich, wenn jemand die Verweise auf Disney-Filme nicht kennt, kann es sein, dass er die Parodie nicht erkennt, aber dann sllte er wahrscheinlich auch keine generelle Ideologie-Kritik über Disney verfassen...

Was wir in diesem Film haben ist einfach nur eine weiterentwicklung der klassischen Disney-Charaktere, die immer wieder kritisiert wurden, inklusive Sternenwünscherei und Traumprinzwarterei und in Charlotte einer perfekten Verballhornung all dieser sexualitätslosen und gleichzeitig mannstollen Disney-Prinzessinnen.

Der Vorwurf, dass die beiden auf der Mittelschicht stehenbleibenn, erschließt sich mit ebenfalls nicht. Naveens Eltern geht es darum, dass Naveen eine Braut finden soll, darum haben sie ihm den Geldhahn zugedreht, weil er sich nicht um das Wesentliche kümmert, sondern Geld verprasst. Naveen hat seine Braut jetzt gefunden und ist darüber hinaus auch noch ein verantwortungsvoller Kerl geworden. Im Finale sieht man seine Eltern lächelnd, glücklich und zufrieden.

Im Film wird dazu nie etwas über ältere Geschwister von Naveen gesagt. Als Zuschauer akzeptieren wir ihn als Thronfolger. In sofern ist es unwahrscheinlich, dass er sein Leben als Kellner in Tianas Restaurant verbringen wird.

In sofern haben sich die beiden nicht zur Mittelschicht hochgearbeitet. Sie sind jetzt Prinz und Prinzessin und Tiana darf nebenbei noch ihr Restaurant halten. In wiefern das noch möglich sein wird, sobald Naveen tatsächlich den Thron besteigt, ist fraglich, aber drum kümmert sich der Film nicht.

Mit anderen Worten: Ich halte jeden der Kritikpunkte in dem Artikel für an den Haaren herbeigezogen von einem verbohrten Haarspalter. Normalerweise akzeptiere ich unterschiedliche Sichtweisen und Interpretationen, aber in diesem Fall sehe ich das nur als krawallige Polemik, die eigentlich nicht einmal ernstgenommen werden sollte.

Wie gesagt, der Verweis auf Onkel Remus zeigt von anfang an, woher hier der Wind weht.


DMJ hat gesagt…

Ach Gott, dass schon das kleine, augenzwinkernde Einwerfen von Onkel Remus gleich als so aggressiv aufgefasst wird, hätte ich nicht gedacht. War eigentlich mehr als Auflockerung gedacht.

Dass Tiana aktiver ist, als viele ihrer Vorgängerinnen kann man durchaus als eine positive Entwicklung in Geschlechtersachen sehen, dagegen will ich gar nichts sagen. Aber die Kombination hier war einfach unglücklich gewählt. Zwei an sich positive Fortschritte auf einmal, die aber zusammen missverständlich wirkten.

Nehmen wir als Beispiel eine Polizeiserie, in der es ausschließlich um moralisch tadellose WASP-Cops geht. Auch da wäre sowohl Farbe, als auch moralische Ambivalenz positiv, sorgt man aber für beides auf einmal, indem man einen einzelnen schwarzen Cop einbringt und dieser korrupt ist, hat man aus zwei positiven Punkten völlig ungewollt einen negativen gemacht.

Und was sind die "ganzen Vergleiche" mit "Coal Black"? Ich werfe auch den nur einmal kurz ein, da ich mich an diesen erinnert fühlte, wobei aber ja gleich mitschwang, wieviel schlimmere Fälle als "Küss den Frosch" (auch nach negativster Lesart) es schon gegeben hätte, aber die Verwendung eines "Hallodriprinzen" haben sie eben gemeinsam.
Auch hier: Den Prinzen nicht mehr als männliches Idealbild zu präsentieren ist eine gute Sache, aber dass man das gerade mit dem ersten schwarzen Disneyprinzen macht, war unglückliches Timing.

Das macht Disney nicht zum KKK, aber bei einem Film, der in der öffentlichen Wahrnehmung (die ich ja ausdrücklich mit einbeziehe) gerade als so progressiv beworben wurde, sehe ich die von mir aufgezeigten Punkte nach wie vor als problematisch an.

Lutz hat gesagt…

Ideologiekritik ist oft berechtigt, aber die zu kritisierende Ideologie muss auch vorhanden sein. Dies ist hier nicht der Fall.

Der Film steht frei zur Interpretation, du kannst hineininterpretieren, was du magst. Deine Interpretation bietet aber keine vernünftige Grundlage. Sicher, jedes Kunstwerk muss für sich stehen und so beurteilt werden, Disney hat aber früh angefangen, seine Filme als Teile eines Gesamtkunstwerkes zu vermarkten und auch so an deren Produktion zu gehen. In diesem Sinne war Disney schon postmodern, als die Postmoderne noch in den Kinderschuhen steckte.

Daher legt die Betrachtung des Films die von dir vorgenommene Lesart nicht nahe, sondern die Verbindung zweier Trends, die bei Disney parallel zueinander gelaufen sind, sich nur immer wieder berührt haben: Die Stärkung der Hauptfiguren (insb. der weiblichen) zu eigenständigen Charakteren und der Trend zur politischen Korrektheit und zur ethnischen Öffnung.

Dass Tiana schwarz ist (und Naveen irgendwie pigmentiert), ist ein Ergebnis dieser ethnischen "Awareness". Dass sie selbständig arbeiten geht und einen eigenen Traum hat, der über Heiraten hinausgeht, ist ein Ergebnis der anderen Entwicklung. Beide kommen hier, sicher nicht zufällig, aber nur bedingt voneinander abhängig, zusammen.

Dass du hier eine Diskriminierung von Farbigen siehst, wo du andere Hinweise der Dokumentation von Diskriminierung von Farbigen übersiehst und die Hinweise auf die Parodie früherer Disney-Figuren ignorierst, zeigt, dass du eine stark von deiner eigenen "Ideologie" hinsichtlich Disney-Filmen geprägte Wertung vornimmst, da du die Hinweise, die der Film dir für eine Interpretation bietet, nicht annimmst.

Wie gesagt, das ist zwar (insbesondere nach Roland Barthes) legitim, da das Kunstwerk für sich stehen soll, aber es entbehrt eben einer wirklichen Grundlage.

Es gibt jede Menge, was man Disney gerade auch in Hinblick auf den Umgang mit Ethnien vorwerfen kann und ich bin sehr dafür, es in berechtigten Fällen zu tun, aber diese Kritik wird entwertet, wenn sie in Fällen angebracht wird, wo eindeutige Belege nicht vorliegen.

Zu Onkel Remus und Coal Black:

Ich habe mich aus 2 Gründen an dem Onkel Remus Verweis hochgezogen.
1. Onkel Remus ist keine farbige Zeichentrickfigur, also hinkt der Vergleich zu Tiana in dieser Hinsicht (Disney hat Tiana auch immer nur als 1. farbige Zeichentrick-Heldin beworben) 2. In den Live Action-Filmen gab es außer Onkel Remus seitdem auch andere farbige Hauptfiguren.
Daher wirkte dieser Satz auf mich als plumpe Provokation, die alle möglichen Vorwürfe, die nicht zusammengehören, in einen Topf wirft.

Bei Coal Black fand ich es zu einfach, gleich das berüchtigste Beispiel für negative Stereotypien herauszuholen. Das wäre so, als würdest du gleich Nazi-Vergleiche rausholen, wenn es um die Kritik an einem Vorgang in der aktuellen deutschen Politik geht. Es ist einfach ein unpassender Vergleich, nur, weil zwei Figuren "Hallodris" sind, müssen sie nicht in Zusammenhang stehen.

Zum Schluss noch zu Dr. Facilier:
Er ist sicher kein sehr mächtiger Disney-Schurke, ich würde es hier aber auch nicht im Hinblick auf den schwachen Farbigen deuten, sondern es eher so sehen, dass Disney sich hier mal Gedanken macht (oder dem konservativen christlichen Amerika Tribut zollt, dass dunkle Mächte als äußerst real sieht), in welchem Zusammenhang der Bösewicht und seine Macht stehen. Frühere Bösewichter bedienten sich einfach nur dunkler Mächte, beschworen sie auch, die Frage, woher sie kamen und was ihnen im Gegenzug dafür geboten werden musste, wird aber nie gestellt. Gerade Voodoo bietet sich dafür an, weil es, zumindest in den pop-kulturellen Zeichnungen der Religion, immer auch um Opfer geht, die den Göttern gebracht werden müssen. In sofern ist der Handel zwischen den Göttern und dem Voodoo-Praktizierenden ein naheliegendes Element.

Allerdings ist dies mal wirklich eine Interpretation, bei der ich zugebe, dass sie von mir nicht stärker belegt werden kann. :-)

DMJ hat gesagt…

Es ist ja gerade der Zusammenhang, aus dem ich meine Probleme mit dem Film habe.
Allein ist an "Küss den Frosch" überhaupt nichts auszusetzen: Er ist halt die Geschichte von Figuren, die Lektionen übers Leben lernen, sich hoch arbeiten und dabei eben zufällig schwarz sind. Das ist entspannt, da kann man nichts gegen sagen.

Aber gerade weil Tiara, wie du selbst sagst, explizit als erste schwarze Disney-Prinzessin beworben wurde, drängt sich hier das Gesamtbild auf und da gibt es eben die Kontraste zu all ihren Kolleginnen. Genau wie beim "Tatort", der sich groß damit brüstete, erstmals einen türkischen Kommissar zu haben und diesen dann vom rechten Weg straucheln und unehrenhaft sterben ließ. An sich wäre sowohl eine türkischstämmige, als auch eine zweifelhafte Hauptfigur in der Traditionsreihe eine gute Entwicklung, aber wenn man sie gleichzeitig bringt, ist das daraus entstehende Bild ungewollt problematisch.

Onkel Remus ist natürlich kein Teil des Kanons und ist daher für den Vergleich in der Tat ungeeignet, aber einen solchen Vergleich stelle ich ja nun auch gar nicht an. Ich werfe ihn nur kurz sarkastisch ein, um einen billigen Lacher zu erzeugen, ähnlich so mit "Coal Black" später, den ich ja als rein assoziativ eingeworfen kennzeichne. Ebenso ziehe ich tatsächlich gern mal "Jud Süß" & Co heran, wenn ich eine harmlose deutsche TV-Komödie bespreche. Die reine Nennung beschmutzt ja nun niemanden, erst wenn ich sagen würde, dass die Werke verwandt wären.

Will sagen, auch wenn ich gerne hochgestochen klugscheiße, sind die Analysen noch immer primär zu Zwecken der Unterhaltung und mit Hoffnung auf ein paar Pointen hin geschrieben und keine reine Wissenschaft. Wenn ich da Auflockerung schaffen kann, indem ich assoziativ etwas anderes einwerfe, ist das nicht gleich eine Anklage, sondern erstmal eben eine reine Assoziation, die nichts über den Film, sondern mich aussagt und auch gar nicht mehr behauptet.

Also wie gesagt: Mein Problem mit "Küss den Frosch" liegt einzig und allein an seinem Platz und seiner speziellen Aufnahme im Disney-Kanon. Als Einzelfilm ist er vollkommen unproblematisch.

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