Samstag, 1. Juni 2013

Im Schatten der Maus - Spezial: Brave New Look?


Im Mai erhielt Merida, die Protagonistin des Oscar-prämierten Pixar-Films Merida – Legende der Highlands (beziehungsweise Brave, wenn man den englischen Originaltitel bevorzugt) mehr als zwei Monate nach den Academy Awards und fast ein Jahr nach US-Start ihres Kinoabenteuers erneute Aufmerksamkeit. Unerwartet war dies nicht, denn die Merchandising-Abteilung des Disney-Konzerns, Disney Consumer Products, hielt eine „offizielle“ Zeremonie ab, in deren Rahmen Merida zur elften Disney-Prinzessin gekrönt wurde. Diese PR-Aktion sollte dafür sorgen, dass der Rotschopf wieder ins Gespräch kommt und sollte somit auch dem Verkaufsstart der neusten Produkte der Disney-Princess-Produktlinie förderlich sein. Mit der schieren Masse und der Lautstärke an Reaktionen hat in Disneys Merchandising-Abteilung jedoch wohl kaum jemand gerechnet, geschweige denn mit der Zornigkeit, die in diesen Diskussionen vorherrscht.

Anlass war nicht die Krönung Meridas als solche, sondern die zeitgleich stattgefundene Enthüllung des neuen Designs der Pixar-Prinzessin im Rahmen der Disney-Princess-Marke. Der Wildfang wurde in ein hellgrünes Glitzerkleid gesteckt, tauschte seinen Bogen gegen einen breiten Gürtel mit güldener Schnalle ein, verlor ein paar Kilo, so dass er eine sexy Wespenteile zeigen kann, die auch Meridas Vorbau stärker betont. Auch der Ausschnitt ist etwas weiter und Meridas Gesichtsausdruck scheint zu sagen „Hallo, Schwester! Ich würde mich riesig freuen, mit dir Tee zu trinken und über Hochzeitspläne zu tratschen. Haha!“

Somit wurde Merida durch die selbe jegliche Persönlichkeit raubende Glitzer-Puder-Maschine gejagt, durch die bereits sämtliche anderen Disney-Prinzessinnen aus erfolgreichen, großen Disney-Filmen gequält wurden. Doch während diese Entwicklung früher kaum mehr als ein Schulternzucken oder ein kurzes Augenrollen auslösten, wurde Meridas Umgestaltung zu einer riesigen Kontroverse aufgebauscht. Um deren Bedeutung abzubilden, bietet sich meiner Ansicht nach ein Blick zurück in Disneys Vergangenheit mit Neugestaltungen seiner Figuren zu werfen, um dann abschließend auf die Frage einzugehen, ob es akzeptabel ist, dass Merida nun den Weg geht, den zuvor Rapunzel, Tiana, Jasmin, Arielle und Co. gingen …

Die stets neu erfundenen Ur-Figuren
Figuren umzugestalten ist eine Methode, die bei Disney eine längere Tradition hat, als die Produktion abendfüllender Zeichentrickfilme. Die Figuren, auf deren Schultern das Disney-Imperium erbaut wurde, also Micky, Donald, Goofy, Pluto, Minnie und mit etwas Gutwillen auch Daisy und Kater Karlo, wurden in regelmäßigen Abständen mit einem neuen Look versehen. Dies geschah zunächst parallel zu der Weiterentwicklung der Cartoons, die von krude animierten Schwarz-Weiß-Filmchen zu farbenfrohen Cartoons wurden, in denen nicht mehr die Musik den Takt angab, sondern die Persönlichkeit der Figuren. Also wurden Micky, Donald und Co. ausdrucksstärker und bekamen ein runderes und „zeitgemäßeres“ Aussehen, so dass die Schöpfungen der 30er-Jahre auch in den 40ern und 50ern auf der großen Leinwand einen guten Eindruck machen konnten.




Diese Umgestaltungen gehören wohl zu den künstlerisch fundiertesten: So lange die klassischen Disney-Stars regelmäßig in neuen Cartoons auftraten, konnte man eine graduelle Neugestaltung akzeptieren, da sie im Regelfall auch den neuen Cartoons zugutekamen. Dass Micky, Donald und Co. später auch neuen Trends wie dem kantigen UPA-Animationlook angepasst wurden, war ebenfalls verzeihlich, da es keine permanente Änderung war, sondern für einzelne Filme und Merchandisingartikel galt. Und mit den Neudesigns dieser Figuren nach Ende ihrer Leinwandkarriere hatte schlussendlich niemand ein Problem, weil es bei ihnen eh Alltag war.



Zudem gab es, nachdem Micky seine Augen mit Pupillen bekam und Donald seinen kürzeren Schnabel, keine allgemeingültige Generalüberholung mehr. Wenn sie auf einer 90er-Produktlinie im Graffitistil erschienen, keine Bange, es gab auch genug andere Produkte, auf denen sie normal erschienen. Die Rasselbande rund um Micky etablierte sich als Chamäleon der Disney-Welt, sie können auf Merchandising abseits ihrer Stammoutfits auch in allen möglichen anderen Kleidern auftauchen (schließlich gab es auch immer wieder Geschichten, in denen die Figuren untypisch gekleidet sind) und durch die Comics, deren Zeichner das geübte Auge am Bleistiftstrich identifizieren kann, und vielen Cartoons war jedem Disney-Fan klar, dass er kein einheitliches Bild erwarten soll.

Die Prinzessinnen bis Ende der 90er … und der radikale Wandel im neuen Jahrtausend
Auch wenn es einige von uns kaum noch für möglich halten werden: Die Disney-Prinzessinnen stellten noch bis in die letzten Züge der Disney-Rennaissance hinein keine eigenständige Marke dar, sondern wurden als alleinstehende Entitäten behandelt. Sofern nicht gerade ein sonderbares Comic-Crossover anstand, etwa zur Eröffnung eines Disney-Parks oder zum Jubiläum einer Comic-Publikation, blieben Schneewittchen, Cinderella, Aurora, Arielle, Belle und Jasmin voneinander getrennt und selbst wenn es immer wieder Mal miese Abbildungen auf Merchandising gab, so orientierten sich die Darstellungen der Prinzessinnen im Regelfall nah am ursprünglichen Filmdesign. Ja, es gab auch in den frühen 90ern solche Produkte wie Cinderella-Puppen mit speziellem Glitzerkleid oder Pocahontas-Figuren mit mehreren Outfits, doch Abweichungen vom ursprünglichen Modell waren stets ganz klar eins: Absolute Ausnahmen. Was sich auch von selbst erklärte: Anders als Micky, Donald und Co., die ungezählte Abenteuer bestanden und sich darin durch massenhaft Klamotten probierten, haben die Grazien aus den Disney-Meisterwerken einzig und allein ein relevantes Werk, das von ihnen berichtet. Jasmin sei dank der Aladdin-Serie da mal ausgenommen.

Auftritt des Mannes, dem nahezu jeder erwachsene Disney-Fan am liebsten an die Gurgel gehen würde: Andy Mooney, ehemaliger Nike-Geschäftsführer, wird im Januar 2000 zu Disney Consumer Products beordert, um das kränkelnde Geschäft mit den Merchandisingverkäufen aufzupeppen. Eine seiner wirtschaftlich klugen Ideen war es, nicht weiter die Kernlizenzen an zahllose Hersteller zu vergeben, sondern nur einzelnen, fähigen Firmen anzuvertrauen. Jedoch löste Mooney auch einen nicht mehr aufhaltbaren Wandel in Disneys Umgang mit seinen Prinzessinnen aus. Er bemerkte, dass sich junge Mädchen zu Veranstaltungen wie „Disney on Ice“ mittels generischen Kostümen als die Disney-Prinzessinnen verkleideten und fällte daraufhin die Entscheidung, dass Disney in eben diese Marktlücke springen muss – der Konzern sollte sich stärker um die Vermarktung seiner Märchenprinzessinnen bemühen und kleinen Mädchen eine Vielfalt an Produkten bieten, um ihren Durst nach Prinzesssinnenartikeln zu stillen.

So wurde die Disney-Princess-Marke erfunden, die Schneewittchen, Cinderella, Aurora, Arielle, Belle sowie Jasmin unter einem Schirm vereinte und von ihrem dazugehörigen Film losgelöst behandelte. Mooney setzte eine ungewöhnliche Strategie durch: Zwar wurden die Verweise auf die jeweiligen Disney-Klassiker, aus denen die Figuren stammen, auf ein Minimum gekürzt und teils vollkommen gestrichen, dennoch sollten die Prinzessinnen nicht als eine homogene Gruppe miteinander interagierender Figuren auftreten. Crossover-Comics, um die Produktline zu bewerben, blieben ebenso aus, wie etwa Kalenderbilder, auf denen Jasmin und Arielle gemeinsam Beach-Volleyball spielen. Auf ihren gemeinsamen Merchandisingabbildungen blicken die Prinzesssinnen stets in eine leicht andere Richtung, als seien sie sich der sie umgebenden Damen unbewusst – so dass diese Bilder eher eine Collage sind, denn wirkliche, sinngemäße gemeinsame Auftritte.

Das ist man heute gar nicht mehr gewöhnt: Die Prinzessinnen sind (weitestgehend) "on model"!

Die neue Produktmarke verhalf Disney aus seiner Verkaufskrise, innerhalb von bloß fünf Jahren schossen Disneys jährliche Merchandising-Einnahmen von 300 Millionen Dollar auf 3 Milliarden Dollar, woran die pinke Mädchenreihe einen nicht unerheblichen Anteil hatte. Aber die aggressive Ausbeutung der Prinzessinnen zog neue Schwierigkeiten nach sich. Das Image der Disney-Studios wandelte sich. Man muss einfach mal festhalten: Ich habe unfassbare Probleme, Artikel aus der Zeit vor der Jahrtausendwende zu finden, in denen die Rede davon ist, Disney hätte ein „Jungsproblem“.

Zeitgenössische Kritiken zu Arielle, die Meerjungfrau gehen davon aus, dass er Jungs, Mädchen und deren Eltern gleichermaßen gefallen werde, selbiges gilt für Die Schöne und das Biest und sowieso für Aladdin. Mir ist nicht ein Stück Disney-Sekundärliteratur bekannt oder ein Artikel von Industrieportalen, wo besprochen wird, dass der Filmtitel Pocahontas Jungs abschrecken könnte und dass Der Glöckner von Notre Dame sowie Hercules Versuche der Disney-Studios wären, die verlorene junge männliche Zielgruppe nach mehreren „Weiberfilmen“ wieder ins Boot zu holen.

Doch da die Disney-Princess-Produkte immer omnipräsenter wurden und das Disney-Marketing der Märchenfilme, um auf dieser Erfolgswelle mitzuschwimmen und gleichzeitig auch die Merchandisingverkäufe weiter anzutreiben, immer stärker auf junge Mädchen zugeschnitten wurde, änderte sich das Image. Rosa, Glitzer und Pastelltöne, auch Mulan und Pocahontas wurden ab nun auf vereinzelten Princess-Produkten abgebildet, Printmagazine unter der Disney-Princess-Marke, „Teeparty“-DVDs und vieles mehr: Um den kleinen „Ich wäre so gern eine Prinzessin“-Mädels zu gefallen, stimmte Disneys Marketing immer mehr die selben gepuderten Töne an. Damit ging einher, dass die Märchenfilme plötzlich als Mädchenfilme betrachtet wurden und Medienbeobachter Disney ein „Jungsproblem“ anrechneten, da einige der größten Klassiker die jungen Buben verschrecken würden, während Marken wie Pirates of the Caribbean im Merchandisingbereich weniger erfolgreich liefen. So wurde Cars zur Jungsmarke in der Größe der Prinzessinnen aufgebaut, doch diese Marke wuchs immer weiter.

Graduell erhielten die Prinzessinnen auf ihren Produkten ein kleines Makeover. Samtweiche Haut, rundere, einheitlichere Gesichtszüge. Die Prinzessinnen lebten auf Gruppenbildern weiter nebeneinander her, doch Produkte mit ihnen, auf denen sie nicht aussehen, als stammten sie aus einem einzelnen Film über eine riesige royale Familie wurden immer seltener.



Die immer lauter werdenden Beschwerden – und die von Merida ausgelöste Explosion
Spätestens 2007 drehte Disney Consumer Products völlig durch und entrückte die Prinzessinnen noch ein gutes Stück mehr von ihrem ursprünglichen Design. Die kleinen Kinder störte es natürlich nicht, unter erwachsenen Disney-Fans wurde das entnervte Aufstöhnen dagegen lauter – da die Prinzessinnen anders als Goffy, Pluto und Co. „einen echten Look“ haben, wurden Abweichungen vom Standard kritischer aufgenommen und dass die Neugestaltungen den Figuren ihre Persönlichkeit rauben, um sie zu reinen Wunschprojektionen kleiner Mädchen umzumünzen, fand wenig überraschend wenig Freunde bei den Disney-Anhängern. Ein wiederkehrender Kritikpunkt in Disney-Foren ist der Barbieeffekt – den ich mit eigenen Augen und Ohren erlebt habe. Als mir meine Nichte ihre Tischunterlage mit Cinderella, Aurora und Arielle zeigte, fragte ich sie, ob sie mir den Namen der drei Damen nennen kann. „Ja. Das ist Barbie. Und das ist Barbie in einem anderen Kleid. Und das ist Barbie mit roten Haaren.“ Sie meinte es todernst. Und ich bin in diesem Moment ein wenig gestorben vor Leid.

Und dann kam Küss den Frosch. Die Produktion aus dem Jahr 2009 stellte Disneys Rückkehr zum Zeichentrickmedium dar, nachdem fünf Jahre zuvor Die Kühe sind los! einen unrühmlichen Abschluss markierte. Es war auch das Comeback der Aladdin-Regisseure John Musker und Ron Clements, die 2002 mit Der Schatzplanet ihre erste finanzielle Bruchlandung erlebte. Vor allem aber ist und bleibt Küss den Frosch der erste Disney-Märchenfilm, der nach Einführung der Disney-Princess-Marke in die Kinos kam. Und, wow, das merkt man. Der Film selbst blieb glücklicherweise von bösen Einflüssen durch Disney Consumer Products befreit, aber das ganze Drumherum konnte die Konnotation mit dem glitzernden Franchise nicht abschütteln. Und so tauchten Beobachtungen auf, die man vorher im Bezug auf neu erschienene Disney-Märchenmusicals in dieser Prominenz nie zuvor finden konnte: Kritiker vermuteten hinter dem Film einen einzigen,großen Marketingschachzug, an Eltern gerichtete Publikationen nahmen ihn als Anlass, über die Erziehung von Mädchen und den korrekten Umgang mit der Prinzessinnensache zu philosophieren und in der Presse wurde gemutmaßt, dass der Film Jungs weniger reizen könnte.

Was uns zum nächsten Punkt führt: Küss den Frosch ist auch der erste Disney-Märchenfilm seit der Renaissance, mit dessen Einspielergebnis der Konzern nicht im Geringsten zufrieden war. Begründet wurde das enttäuschende Einspiel damit, dass der Film die männlicheZielgruppe nicht erreichte – woraufhin es in den USA zu der berühmt-berüchtigten Umbenennung von Rapunzel in Tangled kam und das Marketing sich mit aller Kraft verrenkte, um in Trailern und auf Postern das liebevolle, ambitionierte Märchenmusical als dreiste, freche Komödie im DreamWorks-Animation-Stil zu verkaufen. Derweil wurde Tiana, die im Film noch eine atypische Protagonistin für einen Disney-Trickfilm abgab, assimiliert und im Merchandising zur dummen, grinsenden Schaufensterpuppe degradiert.


Rapunzel hingegen lachte das Glück, denn auf die schizophrene Repräsentation ihres Films sowie die zweigleisige Darstellung ihres Charakters durch Disneys Marketing- und Merchandisingabteilungen folgte ein großer kommerzieller Clou. Jungs, Teenager und Erwachsene wurden durch die Trailer imDreamWorks-Style manipuliert, während die Prinzessinnen-Zielgruppe weiterhin ihre volle Wagenladung an „Ist sie nicht süß?“-Rapunzelpüppchen und großäugige, naive, pastellfarbene Rapunzelzeichnungen in Bilderbüchern erhielten. Jeder bekam den Film vorgegaukelt, von dem er dachte, dass er ihn sehen wollte, und am Ende war das Ergebnis ein ganz anders gelagerter Kinofilm, der jede Menge Geld einspielte und sehr gut besprochen wurde.

Vielleicht war es auf Fanseite die Euphorie endlich wieder einen hervorragenden und zudem erfolgreichen Disney-Film zu haben und im Hinblick auf die generelle Presse die Erschöpfung durch die ganze „Ist Küss den Frosch ein rassistischer Kleinemädchenfilm?“-Debatte, eventuell erschien den meisten das ursprüngliche Rapunzel-Standarddesign der Disney-Princess-Reihe einfach nur zu unspektakulär – jedenfalls gab es nach Kinostart von Rapunzel vorerst wieder Ruhe um die Prinzessinnenreihe. Rapunzels gezeichnete Merchandising-Version kommt manchen Fans, darunter auch meiner Wenigkeit, etwas zu jung und zu dümmlich-verspielt vor, allerdings schüttle ich dies schulternzuckend ab. Ausgleichende Gerechtigkeit nach den „Boah, meine Fresse, ist das 'ne krasse, sarkastische Rockerbraut!“-Marketingversuchen, mehr nicht.


Rapunzel, Power-Haar-Belle und "die neue Cinderella"

In den Disney-Geschichtsbüchern wird man diese Phase wohl als die Ruhe vor dem Sturm betrachten. Allein schon die Ankündigung, dass die Pixar-Figur Merida in die Disney-Princess-Reihe aufgenommen wird, sorgte für Murren unter den Disney-Fans eines gewissen Alters. Mit der Enthüllung ihres Designs jedoch erlebte Disney Consumer Products einen PR-Reinfall, wie der Disney-Konzern ihn schon lange nicht mehr erlebt hat. Die gezeichnete, fesche, mädchenhafte Merida mit betonteren Kurven und jeder Menge Glitzer, der auf Merchandisingartikeln plötzlich Charakterzüge zugesprochen werden, die total prinzesssinnenhaft sind (und somit nahezu durchgehend dem widersprechen, wofür sich der Wirbelwind in seinem Film aussprach), löste eine gewaltige Debatte aus. Dieses Mal aber beschränkte sie sich nicht allein auf Disney-Fanforen, sondern breitete sich auf die Massenmedien aus. Die Beschwerden waren vielfältig: Die natürliche, wilde Figur mit ihren ästhetischen Ecken und Kanten wurde mit seinem sexualisierten Victoria's-Secret-Model verglichen, was eine fragwürdige Botschaft vermittle. Eine weitere Kritik ist, dass die neue Merida das Prinzessinnenklischee verstärke, dass es einzig und allein ums Aussehen ginge. Und auch der Verrat Disneys Merchandising-Abteilung an Pixars Schöpfung wurde thematisiert – eine Figur, die sich gegen Adelspflichten aussprach, unterwirft sich nun eben dieser Konformität.

Eine Onlinepetition wurde ins Leben gerufen und auch Brenda Chapman, die Erfinderin der Figur und ursprüngliche Regisseurin von Merida – Legende der Highlands äußerte sich zur Kontroverse: Die Merida-Umgestaltung sei „unverantwortlich“, „abscheulich“ und „unverholen sexistisch“. Sie erläuterte, dass sie Merida, die auf ihrer Tochter Emma basiert, erschuf, um ein gutes, starkes Vorbild für Mädchen zu schaffen, dem man leicht nacheifern kann. Dass Disney Merida nun verändere, würde gegenüber Mädchen, die sie bislang als Vorbild nahmen, den Eindruck erwecken, dass diese Figur bislang makelhaft war und verbessert werden musste – doch dieses neue Bild Meridas würde nur schlechte Stereotypen fördern.



Wie Brenda Chapman betont, sollte es sich bei dieser Kontroverse allerdings nicht nur um Merida drehen, denn dies sei nur die Spitze des Eisberges. Und diesem Punkt kann ich am lautesten zustimmen. Um das Merida-Umdesign (über dessen Permanenz Disney angesichts der lauten Kritiken plötzlich sehr widersprüchliche Aussagen trifft) gestaffelt zu betrachten: Die ganze Debatte, dass Merida „zu sexy“ sei, wird ein wenig zu heiß gekocht. Ich verstehe leidenschaftliche Diskussionen in Fanforen, dass Elternverbände eintreten, ist dagegen etwas übertrieben, denn Merida erscheint auf dem Disney-Princess-Kram nun auch nicht gerade als billige Hure. Sie wurde etwas aufgehübscht und das ist insofern verständlich, da Disney Artikel verkaufen will, und hübsch verkauft sich gut. Micky, Donald und Goofy zeigen sich auf Merchandising-Produkten auch eher selten von ihrer hässlichsten Seite. Im Falle Meridas ist es aber besonders ärgerlich, dass diese Aufhübschung durch eine schlankere Hüfte und ein sanfteres Gesicht erreicht wird, da diese Figur sich auch durch ein „raues“ und leicht ungelenkes Äußeres von anderen Disney-Prinzessinnen abhebt. Kurioserweise erscheint dafür Rapunzel in der Princess-Reihe kindlicher und unschuldiger, obwohl die Animatoren sich bei der Produktion zum Ziel setzten, eine sexy Figut zu erschaffen – über solche Sachen kann man sich als Disney-Fan gut und gerne den Kopf zerbrechen.

Ich denke, dass zumindest unter Disney-Fans das Timing von Meridas Umgestaltung half, die Kontroverse voranzutreiben, wurden doch kurz zuvor alle Prinzessinnen umgestaltet und mit mehr Rouge, wilderem Haar und sinnlicheren Posen dargestellt – wobei insbesondere Cinderella auffiel. Einst das unauffällige Mädchen von nebenan, nun die sexy Bitch mit frecher Frisur und keckem „Ich stell gleich sonstwas mit dir an“-Blick. Und diese Version Cinderellas ersetzt nun zudem das Original in den Parks.



Hinsichtlich der öffentlichen Aufregung finde ich viel bedeutsamer, dass Merida nun völlig ihres Charakters beraubt wird und einfach nur schmuck aussehen soll. Ja, auch Belle, Jasmin, Tiana und Rapunzel haben viel Persönlichkeit, die in diesen Abbildungen abhanden kommt. Allerdings gibt es bei Merida in ihrem Fillm nicht einen Moment, in dem sie irgendwie „prinzessinnenhaft“ wirkt und dies ist sogar ein großer Plotpunkt. Schon Jasmin kämpfte gegen arrangierte Ehen, schon Tiana kämpfte selbst für ihr Schicksal und Rapunzel kann vielleicht sogar besser austeilen als Merida – doch der Wildfang vereint all dies und stellt dies ins Zentrum seines Handelns. Merida war wirklich nicht die feministische Revolution, zu der sie von manchen Fans des Films gemacht wird, aber sie ist von allen Märchenmusical-Protagonistinnen die, die am schwierigsten in das Disney-Princess-Franchise zu prügeln ist.

Und daher ist Meridas Darstellung im Rahmen des Disney-Princess-Franchises ein absonderliches Beispiel dafür, wie Disney Consumer Products die Erinnerung an die Filme übertönt und verfälscht. Das Merchandising hat es bereits sehr arg getrieben, und dass nun das Fass zum Überlaufen gebracht wurde, und sich mehr Leute auflehnen, ist aus vielerlei Gründen erfreulich. Einerseits, weil man nun wenigstens hoffen darf, dass das Merchandising vielleicht wieder stärker die Aufgabe hat, die Erinnerung an die mitunter so kunstvollen Disney-Filme frisch zu halten. Und zum anderen, weil eine Zurechtstutzung der Disney-Princess-Marke bedeuten könnte, dass sich Disneys „Jungsproblem“ wieder egalisieren könnte. Und zu guter Letzt: Je mehr wieder die Persönlichkeit der Prinzessinnen beleuchtet wird, desto größer die Hoffnung, dass Mädchen wieder zu ihnen aufsehen, weil etwas hinter ihnen steht – und nicht nur, weil sie hübsche Kleider tragen. Denn das sind wirklich dumme Gründe, eine Figur zu mögen.

Kurzum: Die ganze Merida-Kontroverse kommt zu spät und konzentriert sich zu sehr auf die übertrieben beliebte Pixar-Dame. Dennoch wurde es langsam Zeit, dass Disney zu spüren bekommt, dass die Disney-Princess-Marke nicht nur Geld bringt, sondern auch Kritik.  

2 Kommentare:

Zeitzeugin hat gesagt…

Ich finde, dass da Probleme gemacht werden, wo keine sind und sich wegen nichts aufgeregt wird.

Anonym hat gesagt…

Ich find's klasse, dass nun auch hier darüber berichtet wird!
Diese ganzen Disneydamen sehen mittlerweile so aus, als seinen sie OP-Tisch-süchtig geworden.
Die Entwicklung der Disney-Prinzessinnen ist traurig und regt mich tatsächlich auf.
Nicht, weil sie hin und wieder mal ein anderes Kleid tragen, sondern weil sie heutzutage aussagen, dass Mode und Aussehen im Vordergrund stehen. Und viele kleine Mädels dies auch noch verinnerlichen...

Vom Merchandise her haben die Mädels keinen Charakter mehr.
Mulan war im Krieg.
Merida ist alles andere als ein Prinzesschen.
Belle beweist, dass es auf die inneren Werte eines Menschen ankommt.
Aurora bricht zusammen, als sie erfährt, dass sie eine Prinzessin ist.
Pocahontas hat keinerlei Bezug zu Adel und Mode, lebt in der Natur und ist ein Freigeist.
Rapunzel verliert ihr güldenes, mädchenhaftes Haar.
Und, und, und...
Allen Damen geht es auf Fanprodukten nur noch um eins: Schönheit.

Klar: Cinderella und vor allem Schneewittchen sind noch sehr im altmodischen Prinzessinnenbild "gefangen", doch waren sie im Film stets mehr als das. Und dazu unglaublich natürlich.
Auch dies ist verschwunden und wurde dem Glitzer untergeordnet.

Und genau dies bringt vor allem in Deutschland den Irrglauben zutage, dass die Disneymärchen für kleine Kinder, nein, kleine Mädchen seien.

Ich finde die Entwicklung grausam...
Ich habe nichts dagegen, wenn die Mädels mal zusammen im Cafe sitzen und Tee schlürfen.
Aber dass ihre komplette Persönlichkeit ausradiert, ihre Einzigartigkeit gelöscht und ihr originales Design vollkommen verdrängt werden, macht mich wütend.

So lächerlich es auch erscheinen mag, dass eine Figur anders dargestellt wird, als sie geplant war.
Es läuft einfach aus dem Ruder...

Ich bin froh, dass Merida nun den Anstoß gegeben hat. Und hoffe, dass Thema noch länger im Munde bleibt.

Kommentar veröffentlichen