Mittwoch, 9. April 2014

Rio 2 – Dschungelfieber


Mit Ice Age gelang den damals noch äußerst jungen Blue Sky Studios 2002 ein beeindruckender Wurf: Zu Zeiten, als ausschließlich Disney, Pixar und die DreamWorks Animation Studios als ernstzunehmende Akteure im Trickfilmmarkt galten, eroberte die knuffige Eiszeitgeschichte Zuschauerherzen in aller Welt. Drei äußerst einträgliche Fortsetzungen kamen seither in die Kinos und hielten die Trickschmiede somit wirtschaftlich sehr effektiv am Laufen. Abseits der Patchwork-Herde rund um Faultier Sid haben die mit 20th Century Fox verpartnerten Trickfilmer bislang allerdings weniger Erfolg – den größten Eindruck beim zahlenden Publikum hinterließ 2011 die musikalische Komödie Rio. Mit Samba-Klängen, einer Tierschutzbotschaft und prominenten Sprechern tänzelte sich die Regiearbeit von Regisseur Carlos Saldanha zu einem weltweiten Einspielergebnis von 484,63 Millionen Dollar. Der Kritikerkonsens fiel derweil verhalten positiv aus – ich würde Rio glatt als einen Film der Marke „existiert, tut nicht weh, schnell vergessen“ einstufen. Eine wahre Schar an Merchandising zum Film gab es auch nicht zu bestaunen, ein großer Renner bei den Jüngeren schien die brasilianische Vogelgeschichte also ebenso wenig dargestellt zu haben.

Dennoch: Mit seinem Status als erfolgreichster Film aus den Blue Sky Studios abseits der Ice Age-Saga drängelt sich die Idee, ein Sequel anzuleiern, geradezu auf. Und so kehrt das Studio, welches 2013 auch mit seiner großen Hoffnung Epic bestenfalls mäßige Zahlen schrieb, nach drei Jahren Abstinenz in die losgelöste Welt Brasiliens zurück. Die einst titelgebende Stadt Rio muss sich dieses Mal allerdings mit einer Position als Kurzzeitschauplatz zufrieden geben, denn nachdem der handzahme (Ex-)Hauspapagei Blu zuletzt mit seinen wilden Stadtkollegen bunte Abenteuer erlebte, geht es nun in den wesentlich wilderen Urwald. Das Setting von Rio 2 – Dschungelfieber mag halsbrecherische Erlebnisse und große Spannung versprechen, aber als wirtschaftlich kalkuliertes Auffangnetz für die Blue Sky Studios geht diese Fortsetzung inhaltlich lieber in die entgegengesetzte Richtung: Sehr brav, überaus schlicht und extrem kinderorientiert möchte Rio 2 – Dschungelfieber bevorzugt seine jüngeren Zuschauer bespaßen und hält darüber hinausgehende Ambitionen kühl im Zaum.

Nach den Ereignissen aus Rio haben es sich die blauen Spix-Aras Blu und Jewel gemeinsam mit ihren drei Kindern in einem Vogelschutzgebiet bei Rio de Janeiro gemütlich gemacht. Doch während der domestiziert aufgewachsene Blu weiterhin von menschlichen Errungenschaften gebraucht macht, was auf seine Kinder abfärbt, findet seine Partnerin weniger Reiz daran. Eines Tages hat sie es dann völlig satt: Blu frühstückt Pfannkuchen, die Kinder hören iPod, schauen Fernsehen und ernähren sich aus dem Kühlschrank – ein Tapetenwechsel muss schnell her, im Idealfall einer, der Jewels Familie das Haustierdasein austreibt. Wie passend, dass genau jetzt ein Bericht über die Mattscheiben flimmert, laut dem die Naturforscher Linda und Tulio mitten im Amazonas weitere blaue Spix-Aras vermuten, obwohl diese doch als nahezu ausgestorben gelten. Also schlägt Jewel vor, eine Reise in den Dschungel zu unternehmen, um nach Artverwandten Ausschau zu halten. Blu ist nicht sonderlich begeistert, willigt aber aus Liebe zu seiner besseren Hälfte ein. Auch Blus Freunde Rafael, Nico und Pedro machen sich mit auf den Weg, in der Hoffnung, im Dschungel Talente für eine musikalische Aufführung zu entdecken. Im Amazonas angekommen, werden Blu und Co. von einer unerwarteten Erkenntnis überrollt: Abgeschieden vom menschlichen Einfluss hat sich eine riesige Kolonne an Spix-Aras ein Paradies aufgebaut. Angeführt wird diese von Jewels Vater, der dem verweichlichten Blu gegenüber allerhand Zweifel hegt. Und so muss sich Blu darum bemühen, seinen Schwiegervater von sich zu überzeugen. Unterdessen macht sich ein rücksichtsloser Geschäftsmann auf, den Regenwald abzuholzen. Und dann ist da noch der Kakadu Nigel, der Rache an seinem alten Rivalen Blu nehmen will und dieses Mal einen stummen Ameisenbären und die in ihn unsterblich verknallte Pfeilgiftfrosch-Dame Gabi als Handlanger mitgebracht hat ...

Rio 2 – Dschungelfieber ist wahrlich vollgestopft mit Hürden, die sich dem leicht neurotischen Protagonisten Blu stellen: Seine Lebensgefährtin lehnt sich gegen seine Bequemlichkeit auf. Er wird in die ihm fremde Wildnis gestürzt. Er muss sich gegenüber seinem Schwiegervater behaupten. Blu muss einen neuen Nebenbuhler übertrumpfen. Sein Erzrivale muss vermieden werden. Blu heizt den Streit zwischen zwei verfeindeten Clans an und muss ihn daher wieder schlichten. Und es gilt einen ganzen Regenwald zu retten. Dies ist eine wahre Flut an Konflikten, die es zu meistern gilt erst recht für einen Film, der in seine zweistündige Laufzeit zudem einen Subplot über ein Dschungel-Talentcasting sowie die einseitige Liebesbeziehung zwischen Giftfrosch Gabi und Kakadu Nigel, mehrere Musiksequenzen und einen Fußballwettbewerb rein zu zwängen versucht.

Eine solche Fülle an Handlungssträngen erweist sich selten als erfolgreich, und da Rio 2 – Dschungelfieber zwar seinem Helden Blu mehr Probleme aufhalst, generell jedoch einen leichteren, unaufgeregteren Tonfall anschlägt als der Erstling, verpufft ein Großteil des Konfliktpotentials im Nichts. Somit ist jedoch auch ein Gros des Films bedeutunsgslos: Wenn im Vergleich zu Rio mehr potentiell spannende Plots angerissen werden, der Film aber keinerlei Ambitionen hat, dramatisch zu sein, so müssen sich viele dieser Plots auf Einführung und Auflösung beschränken. Ein Handlungsfluss kommt dabei ebenso wenig auf wie ein guter Erzählrhythmus, stattdessen springt Rio 2 – Dschungelfieber unkoordiniert zwischen seinen Storys hin und her, ohne seinen Figuren Raum für eine ansprechende Entwicklung zu geben oder auch nur das volle Unterhaltungspotential aus den gebotenen Geschichten zu schröpfen. Einfach alles kommt zu kurz in dieser überfrachteten Fortsetzung.

Besonders ärgerlich sind die Ansätze, einen Konflikt zwischen blauen und roten Papageien aufzubauen: Nach der Exposition, dass sich beide Clans nicht leiden können und um raren Lebensraum kämpfen, führt ein Versehen Blus zu einem Kampf zwischen beiden Gruppen. Es folgt eine witzlose, Blu weiter als Loser degradierende Fußballsequenz, ehe im Finale aus dem Nichts eine Auflösung des Konflikts herbeigezaubert wird. Weder passt das Sportduell tonal in den Film, noch bringt er die Figuren vorwärts. Auch Blus Nebenbuhler, der als Latinlover skizzierte Roberto, ist nicht nur als Charakter voller heißer Luft, sondern auch erzählerisch bloß viel Lärm um nichts. Er ist die zigtausendste Variation des ewigen Eifersuchtsnebenplots, er taucht auf, lässt Blu um Jewel bangen und dann löst sich die vermeintliche Spannung, ob Blu denn (die vom Drebuch unliebsam behandelte) Jewel verlieren wird, völlig auf, indem sich Roberto ohne jede Vorwarnung als Spinner entpuppt. Gleichermaßen wird Jewels Zuneigung zu Blu nicht restauriert; Rio 2 – Dschungelfieber geht einfach davon aus, dass alles wieder beim Alten sein muss, wenn Roberto aus dem Spiel ist.

Kakadu Nigel, im ersten Teil noch gleichermaßen unterhaltend wie einschüchternd, ist in diesem Sequel schließlich eine reine Witzfigur, die auch mehrmals ihr Ziel aus den Augen verliert, weil ... Ja, weil zu viel Bedrohlichkeit der Stimmung des Films schaden würde. Einen kohärenten Grund präsentiert die Produktion dagegen nicht. Nigels Inkompetenz ist noch ärgerlicher, da er eh schon von zwei rein humorigen Figuren begleitet wird, wobei immerhin die Fröschin Gabi zu gefallen weiß. Mit vitaler Mimik und Gestik, fidel-quietschiger Stimme und augenzwinkernd-übertriebener Theatralik bringt die unglücklich verliebte kleine Fröschin viel Witz in den Film, aus dem sie als einzige denkwürdige Persönlichkeit klar heraus sticht. So einfallsreich diese Figur umrissen wird, so vergessenswert sind dafür die menschlichen Figuren und die Kinder Blus.

Während Rio musikalisch nicht immer ins Schwarze traf, mit seinem Mix aus kontemporären Rap und R'n'B sowie zeitlosem, flotten Samba aber durchgehend unterhielt, ist Rio 2 – Dschungelfieber hinsichtlich seiner Lieder ein kleines Grauen. Eine völlig verhunzte Version von I will survive (in der deutschen Synchro eine Tortur, im Original leidlich) und ein von der Idee her zwar nettes, in der Umsetzung aber zu lang gezogenes und schrilles Solo der putzigen Gabi sind die deutlichen Tiefpunkte, aber auch die an Teil eins orientierten Samba-Einlagen sind ideenlos und wirken wie aggressiv auf Massentauglichkeit gebürstete Retorten-Möchtegernsommerhits.

Auf der Habenseite spricht für die neuste Regiearbeit des Brasilianers Carlos Saldanha dafür der Look: Die Schauplätze sind detailreich, erstrahlen in brillanten Farben und zudem überzeugen die Hintergründe in der 3D-Version mit einer starken Tiefenwirkung. Darüber hinaus weiß der inhaltlich nichtssagende, gleichwohl überfrachtete Rio 2 – Dschungelfieber insbesondere zu gefallen, wenn er gar nicht erst so tut, als hätte er eine reizende Geschichte über den durchaus liebenswerten Papagei Blu zu erzählen. Sketcheinlagen wie das morbide, frenetische und pointierte Dschungelcasting sind sehr kurzweilig und lassen mutmaßen, dass die Rio-Figuren wesentlich besser für Kurzfilme als für Langfilme geeignet sind.

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