Freitag, 27. November 2015

Elser – Er hätte die Welt verändert


Wohl kaum eine Epoche wurde durch Historienfilme dermaßen abgegrast wie das finstere Kapitel, das sich von 1939 bis 1945 erstreckte. Spätestens seit Quentin Tarantinos Meisterwerk Inglourious Basterds dürfte über den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und über Hitler endgültig alles gesagt sein, was es kinematografisch zu sagen gab. Dieser bärenstarke Geniestreich knallte mit voller Wucht und diebischem Genuss eben dieser cineastischen Sparte einen abgegriffenen Baseballschleger vor den Latz. Er zerlegte das mit zeitlichem Abstand geschaffene, sich überschätzende Betroffenheitskino zu Kleinholz. In seiner inspirierten Zerstörungswut erwies sich Inglourious Basterds aber obendrein als distinguiert, intellektuell und kultiviert. Mit einem finalen Grinsen sagte diese wilde Mischung aus sündiger Unterhaltung und Arthaus-Qualitäten: Schluss, das war's, bitte gehen Sie weiter, der NS-Historienfilm ist bloß noch eine Ruine!

Und dennoch: Die Vorstellung, dass Filmemacher weltweit die NS-Zeit nach Tarantinos fulminantem Weltkriegs-Spaghettiwestern-Exploitation-Drama tatsächlich als verbrannte Erde ansehen, blieb eine utopische. Weder verfiel die Kinowelt unmittelbar nach Veröffentlichung der Geschichtsmär in eine Schockstarre, noch ist in Jahr sechs nach Inglourious Basterds eine Flaute zu vermelden. Obwohl diese neuen Historienfilme über die NS-Jahre ein bloßes Addendum darstellen, bedeutet es aber nicht, dass sie alle vergessenswert sind.

Ausgerechnet Oliver Hirschbiegel, Regisseur des äußerst theatralen und streckenweise ungewollt komischen Führerbunkerdramas Der Untergang, hat die Zeichen der cineastischen Zeit erkannt. Weil Filmschaffende nunmehr alles erdenkliche über Hitler gesagt haben, darf in Elser – Er hätte die Welt verändert der Führer selbst nicht mehr zu Wort kommen: Der Diktator, der in Hirschbiegels kontrovers besprochenem Kassenerfolg noch fasziniert in aller Bandbreite beleuchtet wurde, hat hier lediglich einen knapp bemessenen Auftritt. Während seiner wenigen Leinwandsekunden ist er vollkommen unverständlich – sein Mikrofon hallt, übersteuert, unterstreicht doppelt und dreifach seine grausige Artikulation. Adolf Hitler wird wieder zur Zerrgestalt degradiert – und mehr von ihm bräuchte dieser Film auch nicht.

Hirschbiegel nutzt seine sich erst nach dem Abgang des filmisch mundtoten Hitlers entfaltende Erzählung vielmehr, um sogleich auf mehrerer Ebene Korrektur folgen zu lassen. So rücken er und die Drehbuchautoren Léonie-Claire & Fred Breinersdorfer beruhend auf jüngeren geschichtsschreiberischen Erkenntnissen das öffentliche Bild der historischen Persönlichkeit Georg Elser gerade. Elser ist in der Bundesrepublik nahezu unbekannt, und viele, die sehr wohl von ihm wissen, erachten ihn aufgrund seiner bisherigen Darstellung oftmals als eigenbrötlerischen, etwas tumben Trotzkopf. Elser – Er hätte die Welt verändert zeichnet ein ganz anderes Bild des schwäbischen Schreiners, der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller eine selbstgebaute Bombenkonstruktion versteckte, um die gesamte NS-Führungsriege auszulöschen.

Bekanntlich ging der Plan schief: Hitler verließ das Gebäude 13 Minuten früher als von Elser erwartet und entkam so der Detonation. Elser indes wurde während seiner Flucht in die Schweiz gefasst und daraufhin von den Schergen des Regimes nach Berlin gebracht. Obwohl er seine Tat gestand, verhören ihn die Nazis weiter, folterten ihn, weil sich sein Geständnis, als Einzeltäter gehandelt zu haben, nicht in ihr Weltbild fügte …

Während der Leinwand-Elser die höllischen Foltermethoden des Reichskriminalamts und der Gestapo über sich ergehen lässt, zeigen Rückblenden, wie es so weit kommen konnte, dass ein einzelner Mann, noch dazu einer mit friedfertigem Gemüt, das erste bedeutende Attentat auf Hitler versuchte. Das gern genutzte narrative Mittel der in eine Verhörsituation eingestreuten Rückblenden ist sogleich die einzige Schwäche dieses Dramas von nennenswerter Größe: Dadurch, dass Elser – Er hätte die Welt verändert nicht auf einen durchgängigen, chronologischen Erzählstrang setzt, sondern zwei Handlungsfäden spinnt, rauben die Autoren ihrer Erzählung Potential. Die Spannungsentwicklung wird aufgrund der Unterbrechungen durch die jeweils andere Zeitebene (Elsers Gefangenschaft einerseits, andererseits die Entwicklung, die ihn zum Bau der Bombe trieb) mehrmals zurückgehalten, wodurch dem Publikum auch vermehrt Möglichkeit zur emotionalen Distanzierung gegeben wird. Diese Ruheinseln sind angesichts des Gezeigten zwar eher klein, trotzdem würde sich die Wirkungsintensität dieser Kinorpoduktion bei einer chronologischen Erzählweise wohl um ein Vielfaches erhöhen, ohne dass ihr dadurch der Anspruch abhanden käme.

Trotz der leicht missglückten Erzähldynamik weiß Hirschbiegel, eine hochgradige Beklommenheit zu erzeugen – gerade weil sich der Regisseur von den großen Gesten und dem Duktus seines Oscar-nominierten Bunkerspiels distanziert. In aller demütigen Sorgfalt erschafft Hischbiegel ein unterschwellig verstörendes Bild einer Gesellschaft voller Mitläufer. In der ersten Rückblende scheint kurz alles eitel Sonnenschein zu sein, Elser fühlt sich als Teil eines durchaus zahlreich vertretenen Menschenschlags, der das Leben in sämtlichen Facetten genießt – und entsprechend tolerant, gesellig und friedlich geraten ist. Aber nach und nach schleicht das braune Verderben in die Köpfe der Gesellschaft. Zunächst sind es nur Stammtischparolen und neckische Auseinandersetzungen zwischen politisch rechten Bürgern und ihren eher links orientierten Zeitgenossen. Aber von Szene zu Szene wird aus einer störenden Minderheit die bedrohliche Mehrheit, bis schlussendlich auf einem Erntedankfest alles mit Hakenkreuzen übersät ist, ein ganzes Dorf ob dieser Symbole erfreut grinst und dankbar die Lügen der Nazis schluckt.

Dass da schäbiges Filmmaterial einer Sportveranstaltung als von Hitler gebrachter technischer Fortschritt umjubelt wird, obwohl in den Straßen deutscher Städte noch einige Monate zuvor über aufwändige Abenteuerfilme diskutiert wurde, ist noch mit Abstand das geringste Merkmal blinden Führungsgehorsams. Amüsiert feixt Elsers Umfeld, wenn Mitmenschen gedemütigt werden, sollten sie nicht der NS-Idelogie entsprechend handeln. Fröhlich haften sich – nahezu – alle an die Fersen des abscheulichen Demagogen. Um diesen Verfall aufzuzeigen, streut Hirschbiegel in einige Rückblenden mit verständlich romantisiertem Beiklang Elemente des Heimatfilms ein, um diese dann gewaltvoll zu ersticken. So illustriert der Regisseur, wie die Nationalsozialisten nachhaltig die deutsche Vorstellung von Heimat verschmutzten.

Selbst in den Verhörszenen, welche strukturell klar vom Erzählfaden über die Nazifizierung der Gesellschaft abgegrenzt sind, findet sich das Thema des Mitläufertums und Wegschauens wieder. Denn noch drastischer als die schonungslos gefilmten Folterungen Elsers stellt Hirschbiegel die Routine dar, die sich bei den Tätern und Mitwissern breit machte. Wie selbstverständlich verlässt die Protokollantin den Raum, ehe die Gestapo ihre Werkzeuge auspackt, woraufhin die junge Frau direkt vor der Tür sitzend ein Buch liest. Hirschbiegel zeigt die empathielos ihre Arbeitspause ausnutzende Dame in einer quälend langen Einstellung, während überdeutlich das brutale Schauspiel aus dem Verhörzimmer schallt. Abgesehen von Elser, der in den Rückblenden die ideologische Wandlung seiner geliebten Heimat nicht weiter aushält, treibt es sonst nur Reichskriminaldirektor Arthur Nebe irgendwann zu einem unerwarteten Gefühlsausbruch: Ihm reißt ob Elsers bestechenden Weisheiten der Geduldsfaden, und dank Burghart Klaußners packendem Spiel sieht man als Zuschauer, wie sich der zuvor so moderate Nebe an einem gewissen Punkt nur noch in gallende Wut flüchtet.

So wenig schmeichelhaft Elser – Er hätte die Welt verändert ist, so aktuell ist er. Die Verhörmethoden, die gezeigt werden, sind mancherorts noch immer alltäglich und eine bedauerliche Tendenz zum sturen Mitläuferdasein ist in unserer Gesellschaft weiterhin zu beobachten. Insbesondere in Zeiten komplexer, dennoch dringender Probleme. Dass Hirschbiegel und Kamerafrau Judith Kaufmann die detailgenauen Kostüme und Schauplätze ihres Films eben nicht in ein genretypisch schattiges Licht setzen, sondern ihr Werk wie eine kontemporäre Geschichte ausleuchten, verstärkt die Unmittelbarkeit der mitschwingenden Aussagen.

Vor allem aber ist es Hauptdarsteller Christian Friedel (Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte), auf dessen Schultern das qualitative Gelingen dieser Produktion ruht. Mit sympathischer Leichtigkeit gibt er einen sanften Lebemann, der Frauen um den Finger wickelt, sich vornehmlich um das Hier und Jetzt kümmert, dann aber zur schleichenden Erkenntnis kommt, dass ein Einschreiten dringend vonnöten ist. Das mehrdimensionale Zusammenspiel Friedels mit Katharina Schüttler in der Rolle von Elsers, durch ihren abscheulichen Mann gebeutelten, Geliebten sorgt obendrein für zusätzliche Identifkationsmöglichkeiten. Ebenso beugt es jedoch einer verklärten Heroisierung Elser vor – und vermeidet somit einen weiteren Fehler, der in NS-Geschichtsdramen häufig anzutreffen ist. Friedels spitzbübische Figur ist ein liebevoller, wenngleich kurzsichtiger Taugenichts. Allerdings hatte er genug Haltung, sich gegen das zu sträuben, was sich direkt vor seiner Nase abspielte, während Millionen anderer Bürger die Augen verschlossen haben.

Quentin Tarantinos Inglourious Basterds mag die Idee, man könne durch eine unendliche Flut an NS-Geschichtsfilmen weiterhin neue Lektionen von Belang lernen, in Schutt und Asche gelegt haben. Solange aber das cineastische Postskriptum zu diesem Themenkomplex aus Filmen wie Elser – Er hätte die Welt verändert besteht, gibt es kaum etwas zu beklagen, wenn sich Regisseure in die Ruinen dieses unter seiner eigenen Last zusammengebrochenen Genres trauen. Vor allem, wenn sie wie Hirschbiegel etwas wieder gut zu machen haben. Elser ist die Antithese zu seinem eigenen Kassenschlager Der Untergang – und darum ein sehenswertes "Post Skriptum".

Fazit: Intensiv, beklemmend und verdammt gut gespielt: Elser – Er hätte die Welt verändert ergänzt die ungeheuerlich lange Reihe an Nazidramen trotz Mängeln in der Erzählstruktur um einen aktuellen, klugen und tonal ausgewogenen Film.

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