Montag, 22. August 2016

A War


Wenige Minuten nach Filmbeginn rüttelt ein lautstarker Knall den Zuschauer durch: Eine dänische Gruppe von Soldaten patrouilliert durch Afghanistan, einen vorsichtigen, bedächtigen, langsamen Schritt nach dem anderen. Doch einer dieser Soldaten unternimmt einen fatalen Schritt, löst eine Landmine aus, die unter ohrenbetäubendem Lärm losgeht. Eingefangen in den unruhigen Bildern einer agilen Handkamera glaubt man sich fast in einer Dokumentation, die soeben einen grauenvollen Moment eingefangen hat. Und auch im Anschluss daran wirkt Tobias Lindholms A War vorerst wie ein nüchterner, den Trubel eines Afghanistaneinsatzes einfangender Tatsachenbericht. Nur gemächlich stellt sich Offizier Claus Michael Pedersen (Pilou Asbæk) als Hauptfigur dieses Filmes heraus:

Der belesene, einfühlsame Vorgesetzte einer Wacheinheit wird dabei gezeigt, wie er nach dem tragischen Landminenvorfall seine Einheit auf Kurs zu halten versucht. Ein Soldat will unbedingt nach Hause, weil ihn sein Gewissen umbringt – der von der Landmine gesprengte Kollege lief nämlich auf seinem Platz in der Soldatenkette. Mit den Einheimischen verhandelt Claus derweil, um sie dazu zu bringen, ihnen bei der Ortung weiterer Minen zu helfen. Ein Afghane wiederum bettelt Claus an: Sein jüngstes Kind hat schwere Brandwunden, und er weiß sich nicht mehr zu helfen. Claus versucht sein Bestes. Alsbald steht der besorgte Vater vor den Pforten des Stützpunktes: Wegen seines Kontaktes zum dänischen Militär seien nun die Taliban hinter ihm her. Claus muss immer mehr Entscheidungen in immer kürzerer Zeit treffen, all das, während seine geliebte Frau Maria (Tuva Novotny) ganz allein ihre drei Kinder großzieht und das Familienwohl aufrecht zu halten hat.

Tobias Lindholm gehört zu den wichtigsten Köpfen der aktuellen dänischen Filmlandschaft. Als Drehbuchautor verantwortete er unter anderem die Politthrillerserie Borgen – Gefährliche Seilschaften sowie das Schuld-oder-Verleumdung-Drama Die Jagd, als Regisseur und Autor verwirklichte er den Gefängnisfilm R sowie das Spannungsstück Hijacking – Todesangst ... In der Gewalt von Piraten über somalische Piraten. Ein wiederkehrender Clou in Lindholms Schaffen: Lindholm verankert seine Werke gern zunächst fest und stringent in einem Genre, bloß um nach einer inhaltlichen Zäsur einen drastischen Genrewechsel folgen zu lassen. So geht er auch in seinem für einen Oscar nominierten Drama A War vor:

Der umsichtige und stets um seine Jungs besorgte Claus schließt sich einem Routineeinsatz an, der außer Kontrolle gerät. Um einen Verletzten zu retten, muss Claus innerhalb von Sekundenbruchteilen entscheiden, ob Unterstützung aus der Luft nötig ist und überhaupt eingreifen darf, oder ob dabei Kollateralschäden entstehen können. Kurz danach wird Claus aufgrund seiner Entscheidung unehrenhaft heimgeschickt. Die somit folgende bittersüße Rückkehr zu seiner Familie, bitter, da vor erniedrigendem Hintergrund, süß, weil er endlich seine Liebsten wiedersieht und seiner Frau unter die Arme greifen kann, nimmt jedoch kurz darauf an Bitternis zu: Claus muss vor ein Schöffengericht, um sein Handeln in Afghanistan zu rechtfertigen. Denn ihm wird vorgeworfen, leichtfertig den Tod von Zivilisten verschuldet zu haben.

Und diese Anklage ätzt sich in jede Pore des Protagonisten sowie des längst in den Bann gezogenen Betrachters: Lindholm nimmt der Bildsprache jegliche noch verbliebene Hektik, lässt die Kameras fast schon beängstigend ruhen. Die Sequenzen sind nunmehr von Stille, statt von sich überlappenden Dialogen geprägt und lassen somit Zeit zur Reflexion – aber nicht, um eine konkrete, unanfechtbare Antwort zu finden. Der zum Justizdrama gewandelte Kriegsfilm besteht im zweiten Akt aus zwei Sorten von Szenen: Jenen, in denen Claus im eigenen Heim wegen der ihn und seine Frau plagenden Gedanken keine Ruhe findet, und selbst unschuldige Anblicke wie die unter einer Decke herausragenden Füßlein seiner Kinder unschöne Erinnerungen wecken. Und jenen, die im unzeremoniellen, grau-grauen Gerichtssaal spielen, in denen gefordert wird, klare Aussagen über chaotische, zurückliegende Situationen zu treffen.

Mit der klinischen Sauberkeit und keinerlei Licht-und-Schatten-Metaphorik bedienenden, hellen Ausleuchtung des Gerichts verzichtet Lindholm auf jegliches Pathos sowie auf eine das Urteil vorwegnehmende Emotionalisierung. Der Schwerpunkt liegt allein auf Ethik, auf der Rechtslage und auf der Frage, ob Claus und die trocken befragten Zeugen aus dem zuvor gezeichneten, unübersichtlichen Geschehen Antworten zu ziehen wissen, die das Handeln des Protagonisten auch aus der Distanz rechtfertigen. Dank des facettenreichen Spiels von Pilou Asbæk, der vor allem im zweiten Akt mit seinen ins Nichts schweifenden, fragenden Blicken Bände spricht, und der starken, jegliche etwaigen Klischees der umsorgenden Soldatengattin oder hysterischen, da überlasteten Mutter vermeidenden Tuva Novotny, wird A War entgegen des so rationalen Fokus nie zu einem gefühlslosen Film: Claus‘ Schicksal darf Mitleid erregen, selbst wenn der nahezu durchweg auf Musikuntermalung verzichtete Lindholm es nicht provoziert. Ebenso überlässt er jedem einzelnen Betrachter sein eigenes Urteil: Was wäre die richtige Entscheidung gewesen, und kann diese überhaupt ohne ein großes „Aber …“ gefällt werden?

Fazit: Das mit vielschichtigen Darstellungen aufwartende, intelligente Drama A War ist eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit Schuldfragen sowie eine einnehmende Befassung damit, was Soldaten in Afghanistan durchmachen.


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