Dienstag, 2. Mai 2017

Einsamkeit und Sex und Mitleid


Einsamkeit
Ein stinknormaler Arthouse-Film aus Deutschland. Zahlreiche Menschen unterhalten sich. Über dies. Und das. Und jenes … Thomas, der Kaugummikauer, sitzt im ICE und zieht sich seine schicken Schuhe aus. Er döst. Bis ihn Kindergeplärr aufweckt. Wütend schnaubt er herum, die Balgen sollten baldig Ruhe geben. Er wird rassistisch. Und seine Schuhe sind auch weg. Schönling Vincent schaut sich das Schauspiel an. Und grinst. Nicht wissend, dass er gerade Zeuge wurde. Zeuge eines gar wunderlichen Moments, der eine Kette auslösen sollte. Eine Kette von lose verbundenen Ereignissen, die dem unbeteiligten Betrachter – und auch dem dreckig grinsenden Zuschauer sowie dem gerührt Mitleidendem – einen wild-kaleidoskopischen Einblick bietet in die provokante, ungeschönte Unterseite des heutigen Geflechts aus Beziehungsformen, -stilen, -methoden, -launen. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Hurrikan auslösen. Doch das ist nichts. Nichts im Vergleich zu dem, was ein Schuhdiebstahl in einem ICE in Bewegung setzt.

Gesponnen wird das in grellen Farbkontrasten gehaltene, vom besagten Schuhdiebstahl ausgehende Spinnennetz zeitgenössischer Sexual-, Sinnlichkeits-, Selbstsucht- und Schwärmereiproblematiken vom Fernseh- und Theaterregisseur Lars Montag. Als Inspiration mag ihm ein Roman gedient haben – Helmut Kraussers rabenschwarz-illustre Storyverkettung Einsamkeit und Sex und Mitleid. Doch eine andere Konnotation drängt sich ebenso auf – und dies mit der Gewalt eines kummervollen Elektrobeats: Höchstwahrscheinlich vollkommen unbeabsichtigt erschuf Montag einen Film, der anmutet, als sei er direkt aus Marco Göllners Verstand in den Kinosaal projiziert worden.

Montags Einsamkeit und Sex und Mitleid ist ein faszinierendes, filmisches Geflecht, dessen Tonalität genau der Art von Geschichten entspricht, die so häufig als Fest und Flauschig-Hörspielintros dienen. Bloß dass dieser Film tiefer geht. Er ist ausgereifter. Auf fast schon morbide Weise melancholisch. Derart sarkastisch, dass es obszön ist. Und doch mit einem pochenden Herzen. Und nachdenklichem Beiklang. Einsamkeit und Sex und Mitleid ist im Kern eine aufgeweckte, in ihren bizarren Feinheiten erschreckend akkurate Bestandsaufnahme. Nur eben in diesem wunderbar-abstrusen Tonfall vermittelt. Der rote Faden, der als Naht zwischen diesen Flicken dient, ist eine Feststellung: Beziehungen sind kompliziert, egal wie alt man ist, egal, wohin sich die Gesellschaft entwickelt und ganz gleich, weshalb man eine hat oder will.

Doch Montag belässt es nicht darauf. Statt diese brutal banale Tatsache abzubilden, fängt er ein, wie sich diese Erkenntnis anfühlt. Er schmückt sie in einer bild- und klangästhetischen Grandeur aus, wie sie das deutsche Kino nur äußerst selten sieht. Und übergießt all dies mit einer genüsslich derben Schicht aus "Bahn frei, so geht das, ihr verkorksten Langeweiler":

Mit überprätentiöser Stimmfarbe kommentieren unregelmäßig hocheloquente, emotionsbefreite Erzählstimmen das Geschehen. Ihre Bemerkungen scheinen oberflächlich für Einordnung zu sorgen, allerdings stiften sie zuweilen Verwirrung, kratzt man erst an dieser Oberfläche. Überheblich setzten sich die Erzählerkommentare über Witz, Tragik und Fremdscham hinweg und entdecken Poesie in Momenten reinster Banalität. Dies aber mit einer derartigen Präzision, dass die Erzählstimmen gerade wegen ihrer vermeintlichen Fehlleistung zum Gewinn werden. Sie nehmen das so tragisch-ironisch zusammengestellte Sammelsurium an dezent überhöhten, unerfreulichen Alltagsbeobachtungen, und verpassen dem knochentrockenem, bieder-bedeutungsschwangerem Duktus diverser Arthouse-Filme mit ähnlichem Thema einen pointierten, neckischen Hieb in die Rippen. Die gedankenverlorene, desolate Bestandsaufnahme der Zwischenmenschlichkeit in Deutschland – sie kann auch Laune machen. Und sei es eine garstig-satirische. Diese Romanadaption ist ein einzigartiges Stück des deutschen Kinos.


Sex
So isoliert sich die sukzessive eingeführten Figuren fühlen mögen, so allein auf weiter Flur Einsamkeit und Sex und Mitleid tonal sein mag, so tolldreist die strukturelle, narrative Attacke auf ähnlich geartete Filme anmutet: Dieses farbübersättigte Zerrbild der modernen Beziehungswelten ist ganz und gar nicht freudlos! Etwa, wenn die von ihrem Bekannten, dem Gelegenheitsrassisten Thomas (Jan Henrik Stahlberg), unentwegt als feige titulierte Carla (Friederike Kempter) urplötzlich in eine "Ich habe gerade keinen Bock auf diesen Scheiß und Zeit dafür habe ich genauso wenig!"-Laune rutscht und daher aus reiner Frustration Mumm beweist.

Oder wenn der unentwegt zwischen Schüchternheit, Casanova-Charme, Überkompensation und pubertärem Machotum hüpfende Mahmud (Hussein Eliraqui) Beziehungstipps von seinem neunmalklugen kleinen Bruder bekommt, der goldig guckt, aber abgefuckte Theorien über seine Religion, sein Heimatland und das andere Geschlecht hat. Wenn der sich für einen Rebellen haltende Langweiler und Supermarktleiter Uwe König (Peter Schneider) mal wieder mit einer Belanglosigkeit brüstet oder von Chipsfanatiker und Ex-Lehrer Ecki Nölten (Bernhard Schütz) attackiert wird … Einsamkeit und Sex und Mitleid beherrscht allerlei verkorkste, boshafte und schmuddelige Noten auf der Humorklaviatur – aber auch den glasklaren, hellen Klang der spritzigen Situationskomik.

Der von Einsamkeit und Mitleid ins Sandwich genommene Sex in diesem Zweistünder hingegen ist nicht spritzig. Überhaupt nicht. Montag und Helmut Kraussner, der an der Drehbuchadaption seines Romans mitwirkte, sind keinesfalls sexnegativ – in den über dieses Geschichtengeflecht verteilten Sexualanekdoten wird durchaus klar: Das kann eine erfüllende, schöne Sache sein. Die erfrischend ehrliche Künstlerin Janine (Katja Bürkle) ist zufrieden mit dem, was sie kriegt, so lange sie mitbestimmt. Und das Escort-Pärchen Vincent & Vivian (Eugen Bauder & Lara Mandoki) mag mit seinen Beziehungsgesetzen andere Leute verwirren, aber … Hey, sie klagen weitaus weniger über ihre Lage als der Rest dieses Figurenensembles! Ob Abgeklärtheit, Verdrängung oder Unkompliziertheit der Grund ist, muss jeder selber entscheiden. Dennoch: Sex kann gut gehen.

Mit Betonung auf "kann", denn was wäre ein verschrobenes, aufgekratztes Tragikomödien-Satireexperiment, würde es nicht in unverschämter Klarheit abbilden, wie lächerlich die menschliche Körperlichkeit ist, verfolgen sie unausgeglichene, verzweifelte, selbstsüchtige Leute. Wie Julia König (unerschrocken: Eva Löbau), die denkt, sie sei sexuell frei und selbstbestimmt – obwohl sie sich in ihrem eigenen Gedankenkonstrukt erdrosselt. Konkret verbalisiert wird das zu keinem Zeitpunkt, zu groß ist das Vertrauen des Regisseurs in sein Publikum, um ihm so explizit etwas vorzukauen – doch Montags begnadete Regieführung spricht Bände. Je nach Subtext verträumt-kreativ oder analytisch-distanziert, setzt er seine Figuren behände in Szene. Eine dezente Fokusverschiebung genügt, und Kameramann Mathias Neumann (Das Mädchen auf dem Meeresgrund) lässt die Stimmung völlig umkippen. Cutter Marc Schubert (Schutzpatron) sorgt indes für elegische Übergänge zwischen den einzelnen Handlungsfäden, womit er die gelegentlich harschen Gegenüberstellungen von kapriziösen Figuren wie Jesus-Freak Johnny (Aaron Hilmer) und introvertierten Protagonisten wie Robert Pfennig (Rainer Bock) charmant, ja sogar attraktiv gestaltet: Es ist allen desolaten Bestandsaufnahmen zum Trotz eine prickelnde Freude, diesem erstklassigen Ensemble aus verqueren Charakterköpfen zuzuschauen.

Diese Attraktivität rührt nicht zuletzt aus der getragenen Farbästhetik von Einsamkeit und Sex und Mitleid: Andreas C. Schmids Szenenbild und Sonja Hesses Kostümgestaltung sind irreal-knallbunt. Die meisten Figuren haben eine Erkennungsfarbe, die ihre Welt dominiert – so tragen Vincent und Vivan bevorzugt ein klinisches Weiß, der frustrierte Ecki hingegen Lila, die Farbe der sexuellen Unzufriedenheit. So überspitzt und kunstvoll diese Ästhetik sein mag, sie steht nie dem Inhalt im Weg – sie unterstreicht ihn mit manischer Brillanz: Herzblut-Regisseur Lars Montag zelebriert sein Leinwanddebüt mit einem exzentrischen Cinemascope-Bilderreigen, der nicht die Realität der bissigen Beziehungswelt abbildet, sondern das Gefühl, das sie hinterlässt. Da ist ästhetische Theatralik nur angebracht.

Denn wie reizvoll wäre sie sonst, die Wirklichkeit? Stylisch gemeinte, doch deprimierend bemühte Isolationspartys, freches Sexting, bei dem die wahre Sehnsucht in gespielter Wollust untergeht, Fitnesscenter-Drills, um den Körper für die Partnerjagd zu optimieren: Alles, was der Film zeigt, ist in runtergebrochener Form alltäglich. Und das alles ist zu gewissem Grade Irrsinn, wenn man ehrlich ist. Sind es doch bloß Handwerkszeuge, um (vermeintlich) effektiver seine Rolle im Romantiktheater auszufüllen …


Mitleid
Erstmal in Lars Montags und Helmut Kraussers wilder Mixtur aus spinnennetzartigem Beziehungsgeflecht, kaleidoskopischer Gegenwartskarikatur und satirischer Bestandsaufnahme der desaströsen Lage der Zwischenmenschlichkeitsnation gefangen, kommt es zu einem kleinen Wunder. Einem Wunder namens Mitleidsregung: Einsamkeit und Sex und Mitleid hat sehr deutsche Archetypen. Und ist narrativ ein sehr undeutscher Film. Setzt er doch weder auf eine Dauerparade an leichtgängiger, zur Identifikation einladender (und seichter) Komik, um Empathie für seine Figuren zu erzeugen. Noch wird dem Publikum mit dem Holzhammer eingebläut, sich ja nicht wie die sich fehlverhaltenden Protagonisten zu geben, will man genüsslich sein Dasein fristen. Einsamkeit und Sex und Mitleid ist ein Film voller Selbstsucht und über die Folgen mit ausgefahrenen Ellenbogen durchgeführter Selbstsuche – jedoch lehrt er ohne mahnenden Zeigefinger Empathie.

Dies gelingt, weil Einsamkeit und Sex und Mitleid ganz beiläufig eine einleuchtende, doch all zu leicht aus dem Sinn flüchtende Erkenntnis verfolgt: Jeder Mensch schlüpft in zahlreiche Rollen – und die Übergänge sind teils fließend, teils abrupt. Das werden sich nur wenige eingestehen wollen, trotzdem ist es eine schnell überprüfte Feststellung – der sich nicht nur Swentja Pfennig (Lilly Wiedemann) verwehrt. Sie sieht sich als Heldin ihrer modernen Teenie-Lovestory: Ihr begegnet ein heißer Araber, der sie lecken will, worauf sie sogar Bock hat – zumindest unter ihren Bedingungen. Für ihren dauerbetrübten Vater ist die mürrische Swentja dagegen ein weiterer Grund, Frust zu schieben – und was soll erst der hoffnungslos verliebte Johnny über Swentja sagen?

Auch die weiteren zentralen Figuren in Einsamkeit und Sex und Mitleid sind mal die Helden ihrer eigenen Geschichte, mal die Sidekicks oder Handlanger und dann auch mal die Schurken – vielleicht abgesehen von Maria Hofstätter als ranzige, krakeelende Mutter/Ehefrau Maschonjonka Pfenning. Aber selbst sie darf ihre verabscheuungswürdige Art aus völlig konträren Motivationen wachsen lassen – und mal berechtigt (aber übertrieben) Beamten ankeifen. Oder mal wieder den völlig unter ihrem Pantoffel stehenden Ehegatten kleinmachen, einfach, weil … Darum!

Diese sich verschiebenden Perspektiven, die bei Maschonjonka Pfenning noch überschaubare Auswirkung haben mögen, entfalten über die gesamte Filmlänge eine enorme Kraft. Montags Debüt lässt die schlichte Figurenzeichnung üblicher Großproduktionen zum Thema Beziehungsleben ebenso hinter sich, wie die stocksteife, sich und die Gesellschaft geißelnde Tonalität diverser Arthouse-Beziehungsanalysen, um dem Publikum einen widersprüchlichen, und daher so wirksamen und beschämend wirklichkeitsnahen, Wust an Charakterisierungen entgegenzuschleudern.

Und so kann es einem jeden Menschen im Saal mehrmals passieren, dass er im Hinterkopf seine aus einer Einzelsituation heraus gewonnene Sympathie für eine Figur eilig revidiert und fortan nicht mehr davon abrückt, weil ihre politische Ideologie klar wird. Oder dass eine gemeinhin gemochte Figur durch einen Nebensatz in einer anderen Handlung plötzlich für Ungesehenes verurteilt wird – aber auch nur dafür! Dieses Spiel mit dem Mitleid setzt sich in allen erdenklichen Konstellationen fort. So führt Einsamkeit und Sex und Mitleid meisterlich vor: Vermeintlich gute Menschen können Böses tun, wiederholt garstig handelnde Menschen können situativ bedingt sympathisch werden. Damit verpasst Lars Montag unserer Empathie ein Powertraining. Ein Powertraining, das dringend mal wieder nötig war.


Du. Ich. Fazit.
2013 brachte Frauke Finsterwalder mit ihrem Ensemblefilm Finsterworld eine fies-märchenhafte Momentaufnahme deutscher Obsessionen ins Kino. Vier Jahre später stellt Einsamkeit und Sex und Mitleid das perfekte Addendum dar: Lars Montags Romanadaption ist nicht ganz so abgrundtiefböse-gallig, sondern hat ein pochendes Herz. Es mag stark angeschlagen und blaumütig sein, trotzdem beseelt es diesen durchweg formidabel gespielten, wundervoll gestalteten Film, dessen Synapsen vor genresatirischem Kommentar und dramatisch-mitleidiger Beleuchtung moderner Beziehungsträume und -traumata nur so durchglühen. Wahrlich kein Film, den jedermann in den richtigen Hals kriegen wird – aber einer, der niemandem zu intensiv empfohlen werden kann!

Einsamkeit und Sex und Mitleid ist ab dem 4. Mai 2017 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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