Montag, 22. Januar 2018

Meine 35 Lieblingsfilme 2017 (Teil I)

Das Kinojahr 2017 hat genug Zeit erhalten, damit ich es erst einmal sacken lassen kann. Nun ist es endlich so weit: Ich reflektiere über die neuen Filme, die in den vergangenen Monaten mein Filmherz am höchsten springen ließen. Sei es, weil sie so schön sind, so spannend, so mutig, so originell, so geistreich oder auch schlicht so unterhaltsam. Ihr werdet wieder einmal merken: Ich habe einen an der Filmgeschmackwaffel und mische munter Genres und Anspruchsebenen durch. Ist halt meine Liste, und nur meine! Ihr dürft also staunen, euch wundern oder den Kopf schütteln. Vielleicht sind ein paar Filmempfehlungen für euch dabei - oder Anreize, über einen Film aus neuer Perspektive nachzudenken.

Um die Spannung noch ein wenig in die Höhe zu treiben, gibt es vor den Plätzen 35 bis 25 noch ein paar Ehrennennungen von Produktionen, die ich mir gut in dieser Liste hätte vorstellen können, die dann jedoch trotzdem noch weichen mussten. Was ihre Reize aber keinesfalls schmälern sollte! Da wäre etwa die deutsche Romantik-Lokalkolorit-Dramödie Sommerfest, ein unerwartet charmanter Film mit einem schrittweise auftauenden Lucas Gregorowicz, einer facettenreichen Anna Bederke und einem schönen Mix aus Heimatliebe und "Überall ist es gleichermaßen mies, nur auf andere Weise"-Selbstverständnis. Dann ist einfach nicht zu verleugnen, wie verspielt-lebensfroh Der wunderbare Garten der Bella Brown ist und wie pointiert, dennoch aussagekräftig die französische Komödie Ein Dorf sieht schwarz (Kleinstadt-)Rassismus anpackt. Mit Rock My Heart inszenierte Hanno Olderdissen ein humorvolles, kitschbefreites Teenager-Wettreit-Drama mit einer starken Lena Klenke in der vielschichtigen Hauptrolle. Die Reste meines Lebens erzählt mit Feingespür und lebensnahen Stimmungsschwankungen in toll ausgeleuchteten Bildern (und mit der sehr leinwandtauglichen, nicht oft genug ins Kino gebrachten Kulisse Kalrsruhes) von Trauerverdrängung und -überwältigung sowie romantischen Neuanfängen und Dieses bescheuerte Herz ist eine sehr kurzweilige, temporeich erzählte Tragikomödie mit Elyas M’Barek und Philip Noah Schwarz als spitze harmonierendes, ungleiches Kumpel-Duo wider (ersten) Willen.

Nun aber genug der Vorrede. Los geht es mit meiner Filmfavoritenliste 2017!

Platz 35: Mord im Orient-Express (Regie: Kenneth Branagh)

Die professionelle Resonanz auf Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Adaption fiel generell eher lauwarm aus - und ich kann es mir einfach nicht erklären. Das ewige "Die erste Verfilmung war besser!"-Geplapper, dass neue Verfilmungen bereits für die Leinwand adaptierter Romane plagt, kann es ja nicht ganz allein sein. Zumal Branagh und Drehbuchautor Michael Green einige kleinere Problemchen der klassischen Adaption von 1974 ausbügeln. Ja: Wann immer Branagh Stadt- und Landschaftsbilder digital ergänzt, sieht das Ergebnis halbgar aus. Doch mit einer schmucken Ausstattung, prächtigen Kostümen und einer wunderbar altmodischen Kameraführung (die durch Branaghs pointierte Erzählweise in diesem nostalgischen Film ein halbwegs zeitgemäßes Gegengewicht erhält) ist Mord im Orient-Express eine Augenweide. Damit aber nicht genug: Das Star-Ensemble ist zum Zunge schnalzen, und die Entscheidung, den Fokus vom bloßen Mordfall weg zu nehmen und dafür näher zu erläutern, was er mit dem von Branagh liebenswert, schrullig-humorvoll und mit gesundem Pathos gespielten Ermittler Hercule Poirot macht, ist eine sehr gelungene. Denn so fungiert der als "Whodunit?"-Geschichte erdachte Stoff plötzlich als kurzweiliges Charakterstück vor hübscher Kulisse. Branaghs nächste Christie-Verfilmung kann kommen!

Platz 34: Barry Seal: Only in America (Regie: Doug Liman)

Es ist eine Schande, dass dieses ungeheuerlich unterhaltsame Tom-Cruise-Vehikel dermaßen unterging: Doug Liman erzählt in Barry Seal: Only in America mit zügigem Tempo, einer feinen Prise Selbstironie und bissig herausstechenden Momenten plötzlicher Dramatik die Geschichte eines grinsenden Betrügers, der das kolumbianische Drogenkartell ebenso sehr ausnutze wie die CIA. Cruise ist eine Wonne in dieser Rolle, Limans frech die tonalen Klippen dieses Stoffes umsegelnde Inszenierung macht diesen Film zu einem flotten Dritten im Pain & Gain/War Dogs-Bunde und obwohl Barry Seal: Only in America überaus lustig ist, hält er eine kritische Distanz zu seiner Hauptfigur. Man wird über eine energetische Dekonstruktion des Amerikanischen Traums ja wohl mal Schmunzeln dürfen ...


Als ich in der Pressevorführung zu dieser Romanadaption saß, dachte ich nach den ersten fünf Minuten: "Oh, nein, das wird eine sehr, sehr lange, qualvolle Sache." Die Hauptfiguren, auch die als Sympathieträgerin dargestellte Samantha Kingston (Zoey Deutch), offenbarten sich von Sekunde zu Sekunde als immer unausstehlichere, verlogene, quakende, hibbelige, aggressive, zickige Lästerschwestern. Mit denen soll ich einen ganzen Kinobesuch verbringen, wenn Regisseurin Ry Russo-Young mich als Zuschauer ganz, ganz nah an deren von ihnen zelebriertes Dasein bindet? Doch Russo-Youngs Ansatz hat Methode: Erst einmal durch diese Hölle marschiert, wird Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie zu einer aussagekräftigen, dramatischen Und täglich grüßt das Murmeltier-Variante mit bildhübscher Soft-Focus-Kameraarbeit, einer starken Deutch und einem Blickwinkel aufs Teeniesein, Vergebung und Gewissensbissen, der wenigstens mir den Atem geraubt hat. Ja, frei von Klischees ist dieser Film nicht, aber sie werden so fesselnd umgesetzt, dass mir dieses mit dezenten Humoreinschüben gewürzte Drama sehr nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist. Als emotionale Vorbereitung zu Tote Mädchen lügen nicht (oder als filmischer Epilog zu der großartigen Netflix-Serie) besonders empfehlenswert!

Platz 32: Girls' Night Out (Regie: Lucia Aniello)

Mir egal, wenn es sonst kaum jemanden gibt, der sich dieser Genreneuschöpfung verschreiben möchte: Ich bleibe dabei, dass sich die Filmgattung der Sony-Komödie definieren lässt, und ich bin Fan von ihr! Girls' Night Out ist der neuste Treffer in dieser Riege der energiereichen Komödien, die in einer leicht verschrobeneren Version der unseren Welt spielen, sich selber mit Meta-Witzlein kommentieren und die dennoch ein großes Herz für ihre Hauptfiguren haben, statt sie zu derb-dummen Pointenopfern verkommen zu lassen. Lucia Aniellos Partykomödie über einen ungeheuerlich eskalierenden Junggesellinnenabschied hat (anders als Girls Trip) eine Figurentruppe zu bieten, die gut beobachtet reale Freundschaftsdynamiken karikiert, einige herrlich-irrwitzige Einfälle, eine (wieder einmal) bestens aufgelegte Kate McKinnon, eine Scarlett Johansson, die sich mit einem verschmitzten "Endlich darf ich mal wieder lustig sein"-Lächeln durch das Geschehen manövriert und ansteckende Partylaune. Ja, mit dieser Wahl werde ich sicher wieder einiges Kopfkratzen provozieren, aber ich werde ohne mit der Wimper zu zucken jederzeit gerne noch einmal mit diesen Damen auf Partytour gehen.

Platz 31: The Square (Regie: Ruben Östlund)

"Ganz gleich, was vorher war: Alle Regisseure haben sich mit ihrem neusten Film eine neue Chance verdient, Teil 3.692": Entgegen des allgemeinen Feuilletonkonsens finde ich Ruben Östlunds mehrfach preisgekrönte Dramödie Höhere Gewalt so schlecht, dass sie mich (und noch viel mehr: der sie umgebende Hype) auch Jahre später noch vor Wut auf die Palme bringt. Das prätentiöse, keinerlei nennenswerte gesellschaftliche Beobachtung treffende, Gewimmer mit schwarzem Humor verwechselnde Machwerk wurde später vom ähnlich angelegten, nur deutlich zielgerichteter umgesetzten Nichts passiert deklassiert. Wäre ich jemand, der seine Negativvorurteile über Regisseure nicht loslässt, wäre mir hier großer Genuss entgangen. Denn dass Östlund es besser kann, zeigte sich 2017 mit einem Feuerwerk: The Square ulkt mal spritzig, mal boshaft, mal Fragen aufwerfend nicht nur über die Eigenheiten des Kunstbetriebs, sondern auch der ihn behandelnden Presse sowie der doppelmoralischen Gesellschaft. Gut gespielt, dramatisch unterfüttert und als kurzweilige, überlange Parade semi-zusammenhängender Sequenzen aufs Publikum entlassen ist The Square eine satirische Dramödie, die mich nicht losgelassen hat.
Platz 30: xXx - Die Rückkehr des Xander Cage (Regie: D.J. Caruso)

Ja. Richtig gesehen. Das hier ist kein Irrtum: Ich setze das saudumme, prollige Actionspektakel xXX - Die Rückkehr des Xander Cage auf Nummer 30 meiner liebsten Filme des Jahres 2017. Nein, bei mir sind keine Sicherungen durchgebrannt. Zumindest nicht, so weit ich weiß. Das hier habe ich mir wohlüberlegt. Und ich stehe stolz lächelnd hinter dieser Entscheidung, bin ich doch auch Fan so irrer Action wie Face/Off, Con Air oder Crank. Und anders als die nervigen xXx-Vorgänger macht der hier echt Laune. Denn D.J. Carusos in gestochen scharfem 3D eingefangene Abfolge cooler Stunts, jegliche Logik und physikalische Gesetze durchbrechender Gadgets, grob gezeichneter Figuren, chauvinistischer Sprüche und sonstiger Unsinnigkeiten ist eine fette, fette Actionparty! Es wird vielleicht eines der größten Geheimnisse der Kinogegenwart bleiben, ob es Absicht war oder nicht, aber in meinen Augen ist xXx 3 ein vor Ironie platzender Rücksturz ins Actionkino der mittleren 90er bis frühen 2000er-Jahre, voller augenzwinkernder Übertreibungen, die einem mit Affenzahn um die Ohren gehauen werden. Und so machomäßig Vin Diesel durch den Film stapfen mag: Mit ihn umgebenden, starken Frauenfiguren und einer beeindruckenden Vielfalt im Ensemble verstehe ich xXx 3 allem Testosteron-Gagawahn zum Trotz auch als eine bunt-subversive Übung in filmkulturellem Doppelagententum: Man gebe den verschwitzten, biersaufenden Stiernacken-Stereotypen einen Film, der an der Oberfläche wie ein Klischeestreifen nur für sie aussieht, und lasse Ruby Rose und Co. keck ihr eigenes Ding drehen. Sorry, Leute, aber: Leider geil!

Platz 29: Ihre beste Stunde (Regie: Lone Scherfig)

Eine Wohltat von einem Film: Nach einem Drehbuch von Gaby Chiappe bringt Lone Scherfig einen untergegangenen Lissa-Evans-Roman über eine Frau auf die Kinoleinwand, die sich im Zweiten Weltkrieg in der Männerdomäne "Drehbuch schreiben" durchsetzt. Gemma Arterton, wundervoll wie so oft, spielt die aufgeweckte Catrin Cole, die für den "Schmalz" in vom Staat mitfinanzierten Durchhalte-Eskapismusfilmen angeheuert wird und stattdessen mit aller Kraft versucht, den Unterhaltungsschund wenigstens ein bisschen interessanter zu gestalten, mit trockenem Witz und mühelos erscheinender Spritzigkeit. Sam Claflin ist einmal mehr der etwas arrogante, trotzdem reizvolle Beau mit großer Klappe und Bill Nighy besticht als alternder Schauspieler mit enormem Ego. Dieses Figurentrio führt uns durch eine herzerwärmende, humorvolle und zuweilen auch tragische Geschichte über die Bedeutung der Dünkirchen-Rettung, die Magie und die frustrierende Politik des Filmemachens und das Lebensgefühl in Großbritannien während des Zweiten Weltkrieges. Wenn ich zwischen dieser herzlichen, charaktergesteuerten Dramödie und Christopher Nolans eiskalter, in ihrer Figurenzeichnung arg reduzierten und dennoch weiterhin mit Dialogallgemeinplätzen daherkommender Handwerksübung Dunkirk wählen müsste, so würde ich jederzeit Ihre beste Stunde vorziehen!


Platz 28: Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen (Regie: Theodore Melfi)

Auf die Gefahr hin, in den Augen mancher Hidden Figures unter Wert zu verkaufen, selbst wenn ich die nachfolgenden Worte als Kompliment meine: Diese auf wahren Begebenheiten basierende Verneigung vor den Frauen, die die NASA mit ihren Rechenkünsten vorwärtsgebracht haben, ist so etwas wie ein inoffizielles Disney-Sportdrama. Melfis Inszenierung folgt dem tonalen Duktus solcher inspirierenden Disney-Sportgeschichten wie Miracle, Gegen jede Regel, Unbesiegbar und City of McFarland und verquickt mit fesselnder Leichtigkeit humorvolle, anspornende Momente mit dramatischen Einblicken in die menschliche Doppelmoral und historische, noch immer nicht überkommene Ungerechtigkeiten. Nur, dass dies weder ein Disney-Film ist, noch geht es um sportliche Underdogs, sondern um Wissenschaftlerinnen, die wegen ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe mit Missachtung behandelt werden. Spencer, Henson und Monae spielen kraftvoll auf und wer nach dem Film nicht ein paar Rassisten aufs Maul hauen will, hat wohl gepennt.

Platz 27: The Edge of Seventeen - Das Jahr der Entscheidung (Regie: Kelly Fremon Craig)

Es ist mir ein Rätsel, weshalb uns in Deutschland keine Kinoauswertung von The Edge of Seventeen vergönnt war. Denn diese Coming-of-Age-Dramödie nimmt ein ausgetretenes Genre und verleiht ihm dank einer beeindruckenden, nuancierten Hailee Steinfeld und einem neckischen Woody Harrelson neues Leben. The Edge of Seventeen fängt die Gemeinheiten des Teenagerseins feinfühlig ein und setzt sie ganz nebenher in den größeren Kontext: Ja, Teeniesorgen sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, aber gleichzeitig sollte man nicht vergessen, dass es eben doch größere Ärgernisse gibt und sich viele Dramen mit etwas mehr Ruhe einfach so wegsitzen lassen können. Witzig, gefühlvoll und ohne genretypische Dauerübertreibungen ist The Edge of Seventeen ein weiterer Beweis, dass dieses Genre mehr drauf hat, als es ihm viele Kritiker zuschreiben.

Platz 26: The Big Sick (Regie: Michael Showalter)

Und wo wir schon bei unterschätzten Genres sind: The Big Sick ist ein Glanzlicht von einer RomCom! Unaufgeregt von Michael Showalter inszeniert, erzählt The Big Sick nach einem Skript von Emily V. Gordon und Kumail Nanjiani die wahre Geschichte einer kulturelle Grenzen überschreitenden Liebe, einem künstlichen Koma und der dornig beginnenden Freundschaft zwischen einem Comedian, der sich daneben benommen hat, und den sich sorgenden Eltern einer schwerkranken Frau. Goldig von Zoe Kazan und Kumail Nanjiani gespielt, mit lebensnahen, humorvollen Dialogen gewürzt und beeindruckend aussagekräftig über Kuppeleien und arrangierte Ehen argumentierend ist The Big Sick ebenso kurzweilig und liebenswert, wie smart.

Fortsetzung folgt!

1 Kommentare:

Felix Haberkorn hat gesagt…

Mord im Orient Express finde ich auch toll. EIn wunderbaerer Cast, spannend inszeniert. Brannagh sehe ich ohnehin sehr gerne, zuletzt in Dunkirk auch wieder stark gespielt. Kann auch seine Regiearbeiten nur jedem empfeheln, allen voran Winternachtstraum. Man mag ihm vielleicht vorwefen, dass er sich als Hauptdarsteller gern selbst inzeniert, aber das sei ihm gestattet, schließlich geht er in der Regel sehr würdevoll mit den Vorlagen um, ob jetzt hier Agatha Christie oder bei Shakespeaerverfilmungen.

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