Dienstag, 28. Dezember 2021

Die schlechtesten Filme 2021

Alle Jahre wieder, gibt's hier im Blog das große Kopfschütteln. Denn wie könnte ich mich Jahr für Jahr durch Hunderte von Filmen ackern, ohne dabei bei einigen Titeln vor Frust und Missfallen jammernd Aufzustöhnen? Und auch wenn sich in den vergangenen Jahren in der Filmkritik-Blase ein Auflehnen gegen Floplisten entwickelt hat, so will ich an meiner Angewohnheit festhalten. Denn zum filmischen Jahresrückblick gehört es doch, nicht nur an die Glanzlichter zurückzudenken, sondern auch an die dunkelsten Schatten. Man muss ja beim Gedanken an diesen Graupen nicht direkt Schläge und Tritte unterhalb der Gürtellinie verteilen. Denn die Tendenz dazu ist doch ein viel größeres Problem als ein Sammelsurium der größten Schwachpunkte?

Bevor es losgeht, rasch noch ein paar obligatorische Anmerkungen: Der Titel dieses Eintrages ist nicht richtig zutreffend, es müsste "Die mir unliebsten Filme 2021" lauten, aber das klingt so ungelenk, dass ich lieber Jahr für Jahr erkläre, was ich meine, statt den Titel zu ändern. Denn ich gehe nach Ablehnhaltung, die ein Film bei mir ausgelöst hat, sei es durch verschenktes Potential, quälende Langeweile oder erzählerische/kunsthandwerkliche Inkompetenz. Außerdem kann ich natürlich nur das beurteilen, was ich auch gesehen habe, das erklärt sich ja wohl von selbst. So, los geht's!

Platz 10: Asphalt Burning (Regie: Hallvard Bræin)

Dank seines Status als Netflix-Originalfilm und der Beteiligung einiger deutscher Stars und Sternchen dürfte dies der hierzulande bekannteste Teil der am zweitinkonsequentesten betitelten Autoactionfilmreihe dieses Jahrtausends sein. Auf Borning: The Fast & The Funniest folgte Børning 2 - On Ice, und dann halt Asphalt Burning. Die norwegische Autorenn-Saga mit Witz und viel Familienkonflikt geriet in den ersten beiden Runden sehr charmant, doch Teil drei fährt alles an die Wand. Die etablierten Figurendynamiken werden unglaubhaft weitergeführt, das Dialogbuch hat sämtlichen Witz verloren und die Action fühlt sich ungeheuerlich bleiern an. Und das, obwohl mit dem Gedanken "Da können wir so schnell sein, wie wir wollen" durch Deutschland gebrettert wird. Gähnend langweilig.

Platz 9: LEGO Star Wars Gruselgeschichten (Regie: Ken Cunningham)

Ich erwarte von LEGO-Specials eigentlich nur eines: Dass sie lustig sind. LEGO Star Wars Gruselgeschichten hat mich nicht nur nicht zum Lachen gebracht, sondern mich derart gelangweilt, dass ich dachte, es sei ein zweistündiger Film, obwohl diese Nummer nur rund eine Dreiviertelstunde geht. Und manche der Gags sind so aggressiv schlecht, dass es mir noch für Stunden die Laune verhagelte. Einfach aggressiv mies.

Platz 8: Halloween Kills (Regie: David Gordon Green)

In Sachen Kameraführung, Lichtsetzung, Schauspiel, Sounddesign, Kostüm, Make-up und so weiter, und so weiter, ist dies klar der am fähigsten umgesetzte Film in meinem Flopranking. Aber die Balance aus erzählerischer Grundidee, dramaturgischer Ausarbeitung des Skripts und inszenatorischer Tonalität ist derart katastrophal, dass Halloween Kills dennoch der von mir am achtmissachteste Film des Jahres ist. Auf konzeptueller Ebene bin ich fasziniert von Greens Gedanken, im Sequel zu seinem wie ein Remake betitelten Halloween-Sequel inhaltlich das auszuerzählen, was das Filmerbe zuvor schon aus dem Serienkiller Michael Myers gemacht hat: Aus einem unerklärlichen, jedoch realistisch denkbaren Gewalttäter wurde sukzessive ein Mysterium, eine tödliche Chiffre, das Böse in Person. Dass also in Halloween Kills aus einer äußerst unwahrscheinlichen, trotzdem weitestgehend realistischen Killerfigur ein mythologisch angehauchtes Ungeheuer wird: Gern, meinetwegen, is' mal was Neues.

Jedoch ist das Slasher-Element von Halloween Kills so knochentrocken und sperrig erzählt sowie im Löwenanteil der Szenen so monoton inszeniert, dass der Film mir weder Thrill noch Spaß geboten hat. Und das, obwohl die Kills für sich betrachtet zum härtesten gehören, das das Halloween-Franchise abseits Rob Zombie zu bieten hat. Und leider ist es nicht so, als hätte Halloween Kills an anderer Stelle umso mehr zu bieten: Die Dialoge sind derart platt und haben solch eine Wachsmalkreide-Verkrampftheit, dass jeglicher Versuch, Halloween intellektuell auf einer Metaebene weiterzubringen, genauso flach fällt, wie die gallig-tumbe Anti-Mob-Mentalität-Gesellschaftskritik.

In anderen Händen hätte Halloween Kills mit dieser Grundidee ein Brett werden können. Ryan Murphy hätte ein campy-sündiges Vergnügen draus machen können, Christopher Landon eine clever-witzige Slasher-Dekonstruktion und Ari Aster hätte den bitteren Witz noch bitterer und das angedachte, verstörende Element auch wirklich zappenduster umsetzen können. So dagegen war Halloween Kills eine Geduldsprobe. Und das nicht auf die Weise, auf die Horrorfilme unsere Nerven strapazieren möchten.

Platz 7: Mosquito State (Regie: Filip Jan Rymsza)

Beim diesjährigen Fantasy Filmfest war die Durchschnittsqualität meiner Ansicht nach außerordentlich. Doch drei gewaltige Ausreißer nach unten gab es. Einer hat die Flops 2021 knapp verpasst, einer hat einen offiziellen deutschen Start für 2022 erhalten, und bei Festivalfilmen verfolge ich in meinen Jahreslisten ja die Regel "Wenn kurz vor Veröffentlichung ein deutscher Start abseits des Festivalzirkus feststeht, gilt der". Und dann ist da noch das Shudder Original Mosquito State, das bisher keinen deutschen Start hat und daher für mich mangels Alternative als 2021er-Film gilt. Die Grundidee ist denkbar simpel: "Was, wenn wir Wall-Street-Spekulanten als Blutsauger darstellen - DIE FILMMETAPHER" Als Kurzfilm hätte dies in der von Filip Jan Rymsza hier gebotenen, eisig-sauberen Bildstilistik super funktioniert, doch als Langfilm ist Rymszas Herangehensweise einfach nicht genug: Die Metapher ist schnell durchschaut, die Länge des Films verwässert die Aussage eher, als sie zu intensivieren, und letztlich habe ich mich nur noch vor Langeweile im Kinosessel gewälzt. Ziemliche Bankrotterklärung für einen Film, der mich eher unbequem zurücklassen müsste wie zahlreiche Mückenstiche.

Platz 6: Jiu Jitsu (Regie: Dimitri Logothetis)

Sterbenslangweiliger, stellenweise auf fast schon beleidigende Weise lieblos runtergefilmter Mix aus Action und Sci-Fi, in dem Frank Grillo und Tony Jaa verschenkt sind und Nicolas Cage in einer Handvoll Szenen ansteckend viel Spaß hat und somit im Alleingang Jiu Jitsu vor einer noch mieseren Platzierung bewahrt.

Platz 5: Nobody Sleeps in the Woods Tonight II (Regie: Bartosz M. Kowalski)

Der erste Nobody Sleeps in the Woods Tonight-Film ist eine wenig originelle, aber passable Slasher-Hommage irgendwo zwischen ständiger Verneigung vor unvergesslichen Genremomenten und reinem Ideenklau, der jedoch durch die neckisch-wendungsreiche Story zumindest annehmbar gerät. Teil zwei, der von ein paar halbseidenen Referenzen auf den Vorgänger abgesehen, praktisch ein In-Name-Only-Sequel ist, nimmt sich vor, das Genre vehementer auf links zu drehen und mischt Killersympathien mit dem Thema "Sinnlichkeit zwischen Monstern". Auch das sind keine völlig neuen Ideen, aber sie sind sehr wohl weniger abgenutzt als die Versatzstücke des Vorläufers, noch dazu in dieser Kombination. Wieso also landet dieser polnische Netflix-Horror in meinen Flops? Nun: Kowalskis interessante Idee gerät zur filmgewordenen Schlaftablette, weil die Figurenzeichnungen ultraflach sind, die Dialoge absolut frei von Witz, Stil oder Charakter und die Regieführung so steif wie ein Bügelbrett, während bildästhetisch "ohne Blitz mit einer Wegwerfkamera in einer Tropfsteinhöhle fotografiert" als Vergleich angebracht ist. Das große Gähnen, im Tandem mit dem enttäuschten Seufzen "Diese Idee hätte was werden sollen".

Platz 4: Happy Family 2 (Regie: Holger Tappe)

Pro: Joko Winterscheidt haut hier als Synchronsprecher echt einen raus.

Contra: Praktisch alles andere. Eine Spannungskurve wie ein vor Wochen umgekippter Besenstiel, eine Figurenanimation, die auf Automatik zu laufen scheint ("solange die Augen alle paar Sekunden blinzeln reicht das für's Gesicht, oder?") und eine Story, die die Sequel-Plage "Komm, wir lassen die Figuren einfach nochmal das Problem und die Lektion aus Teil eins durchlaufen" mit "Öh, irgendwas mit höher, schräger, weiter?!" verquickt. Grausig.

Platz 3: The Reckoning (Regie: Neil Marshall)

Mein Fantasy-Filmfest-Flop 2020 erhielt 2021 seinen offiziellen deutschen Start, und auch mit dem großen Abstand hat sich meine Frustration über dieses Machwerk nicht gelegt. Marshalls "Ist sie eine Hexe oder gibt es Hexen nicht, und ich will einfach nur die Machtgeilheit der Kirche und des Patriarchats vorführen?"-Thriller ist ein Paradebeispiel der inszenatorischen Doppelzüngigkeit: Um seine Horrorwurzeln nicht zu verleugnen, unterwandert Marshall die auf dem Papier so geradlinige "Die Frau ist unschuldig und Opfer einer selbstgefälligen Machtnummer der Männer um sie herum"-Erzählung mit ambivalenten Genreeinflüssen, die übernatürliche Deutungen des Stoffes zulassen. Und der ganze feministische Grundgedanke dieser Handlung wird durch die Kameraführung, die Bildästhetik und die Inszenierung von Marshalls Lebensgefährtin in der Hauptrolle ad absurdum geführt:

Charlotte Kirk räkelt sich sauber rausgeputzt in lasziven Mittelaltermarktkostümen, als sei sie Teil eines Fotoshootings der Sports Illustrated Renaissance Fair Edition. Fehlen nur noch lauter abgemischtes Stöhnen auf der Tonspur und eine "Bowchickawowowow"-Originalmusik für's Softcore-Privatfernsehen-Nachtprogramm. Weißte, wenn du deine Partnerin angesext in einem Erotikfilm in Szene setzen willst, dann mach's halt, aber schnell doch nicht zu Boden, indem du das und einem diesen Gedanken völlig entgegengesetzten Film im selben Atemzug verbrichst!

Platz 2: Aquaslash - Vom Spaßbad zum Blutbad (Regie: Renaud Gauthier)

Eine Wasserrutsche wird zur Todesfalle. Geile, simple, trashig-launige Idee. Was kann da schon schiefgehen? Naja, einfach alles, was über das Verkaufsargument hinausgeht: Grottiges Schauspiel, ein Drehbuch, das Horrorpartystimmung versprühen müsste, aber stattdessen von Minute eins an tot im Chlorwasser schwimmt, ein schwammiger Schnitt und spröde Uninspiriertheit machen alles vor dem blutigen Finale zur Geduldsprobe. Das blutige Finale ist dann sogar ganz lustig, aber es reicht völlig, den Trailer zu schauen. Der bietet alles, was Aquaslash zu bieten hat, ohne den Murks drumherum.

Platz 1: Buddy Games (Regie: Josh Duhamel)

Ich bin den Grown Ups-Filmen wohl fast eine Beinahe-Entschuldigung schuldig: So unangenehm ich die Chaos-Freundesgruppe aus Adam Sandlers "Ich will einfach mit meinen Buddys abhängen"-Filmen auch finde, die sind absolute Musterschüler im Vergleich zu den keinerlei Chemie miteinander aufweisenden Mistkerlen aus Buddy Games. Josh Duhamels Regiearbeit ist eine Art "Grown Ups trifft Catch Me!", nur dass sämtliche Schwächen aus den Adam-Sandler-Abhängkomödien potenziert werden, die Story von Catch Me! (einmal im Jahr stärken Freunde ihre ansonsten allmählich schwindende Bindung zueinander mit einem absurd eskalierenden, kindischen Wettkampf) aufgebrummt bekommen und sämtliche Stärken des Jeremy-Renner-Vehikels auf der Strecke bleiben.

Dass die Typen in Buddy Games nicht im Geringsten Typen sind, mit denen ich abhängen wollte? Geschenkt, ich würde auch niemals mit dem Hangover-Wolfsrudel Junggesellenabschied feiern wollen, da muss man ja um seine Gesundheit, seinen ganzen Lebensentwurf, wenn nicht sogar ums Leben bangen! Aber zwischen ihnen besteht eine witzige Reibung, die dank Todd Phillips' hochwertiger Regie spaßig anzuschauen ist. Und Catch Me! vereint Reibung und glaubwürdig wirkende, enge Bindung zwischen den Freunden mit Selbstironie, Herz und herrlicher Albernheit.

In Buddy Games dagegen glaube ich den Figuren nicht eine Sekunde lang, dass sie Freunde sind, unentwegt ätzt eine Abneigung zueinander aus ihnen heraus, die sich durch deren nerviges Gehabe nur potenziert und mich durch die von Duhamel spürbar intendierte "Na? NA?! COOL, ODER?!"-Brudi-Darstellung richtig wütend macht. Da fallen die propagierten Männer- und Frauenbilder aus der Hölle direkt doppelt schwer ins Gewicht. Kein Film 2021 hat mich mehr damit kämpfen lassen, ihn auszuhalten, als Buddy Games, und dafür gibt es die Flop-Spitzenposition!


Das waren natürlich längst nicht alle Graupen 2021, aber um das Ganze abzurunden, seien zwei gesondert erwähnt, ehe über den Rest der Flops der Mantel des Schweigens gehüllt wird. Zunächst: Mein Beinahe-in-den-Flop-10-gelandet-Filmfestkandidat John and the Hole, eine lästig-grobschlächtige Pubertätssinnkrisemetapher, gehüllt in einem Thrillergewand ohne Thrills, über einen Jungen, der seine Familie in einer Baugrube zurücklässt.

Und dann natürlich Der Duft von wildem Thymian mit Emily Blunt und Jamie Dornan, der unschuldig-banal beginnt und alsbald so hirnrissig-pathetisch und chaotisch-kauderwelschig wird, dass er einmal mit Anlauf auf einen Flop-Podestplatz zu rennt und dann wieder die Kurve kriegt und als "So unfassbar dumm, dass es wieder Spaß macht" endet. Ein Film, um ihn einmal im Jahr feucht-fröhlich zu begießen und sich über ihn zu wundern! Na, schönen Dank auch!

Sonntag, 28. November 2021

Mehr als ziemlich beste Feinde – Die Faszination Joko und Klaas

Joko und Klaas schicken wieder Stars rund um den Globus, damit sie mit ihnen das „Duell um die Welt“ austragen. Anlass für Antje Wessels und mich, den Erfolg des Entertainer-Duos zu untersuchen. (© ProSieben/Jens Hartmann)

Rufen Leute aus deinem Umfeld manchmal zusammenhanglos „Alabama“, finden Dinge ständig „unverhältnismäßig“ und warnen einander, dass sie „privat schlecht drauf“ sind? Herzlichen Glückwunsch: In deinem Freundeskreis befinden sich Fans von Joko und Klaas. Für den (unwahrscheinlichen) Fall, dass sich bisher niemand angeschickt hat, dich in die Faszination von Joko und Klaas einzuführen, obwohl du gerne endlich die Fragezeichen über deinem Kopf loswerden möchtest, bist du hier genau richtig. Denn wir möchten anlässlich des Starts der neuen „Duell um die Welt“-Staffel dem Erfolgsrezept des Duos auf den Grund gehen – und dir Neuling ein paar Insider verraten.

Der pompöse, irre Wettstreit

Wenn am kommenden Samstag, den 4. Dezember um 20:15 Uhr bei ProSieben die Show „Das Duell um die Welt“ auf die Bildschirme zurückkehrt, dann erlangt das oft kopierte, nie erreichte Format seine bereits neunte Staffel. Oder aber seine vierte. Je nachdem, wie genau man es nimmt. Denn zunächst haben sich Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt unter dem Titel „Joko gegen Klaas – Das Duell um die Welt“ von 2012 bis 2017 in 13 Ausgaben halsbrecherische Duelle geliefert, für die sie rund um den Erdball gereist sind.

Seit November 2018 treten die (vermeintlichen, aber dazu nachher mehr) Dauerkontrahenten lieber einen Schritt zurück und duellieren sich bloß noch im Studio, während sie prominente Freund:innen und Kolleg:innen auf Reisen schicken, bei denen es krasse, irre und/oder durchgeknallte Aufgaben zu erledigen gilt. Seither heißt die Show „Das Duell um die Welt – Team Joko gegen Team Klaas“ und zeigte unter anderem schon Moderator Steven Gätjen, der sich eine neue Identität als Schlager-Metal-Sänger aufbauen und damit auf einer Kink-Party behaupten musste. Oder auch Bestsellerautorin Charlotte Roche, wie sie sich Haken in den Rücken stechen ließ, um daran ein Bungeeseil zu befestigen und sich in die Tiefe zu stürzen.

Und das führt bereits vor, wie groß die Anziehungskraft von Joko und Klaas ist: Es müsste ja eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit sein, Medienprominente, deren Zuhause Rote Teppiche und kuschelige Fernsehstudios sind, für solche Experimente wie Eistauchen, Sich-erschießen-lassen oder Nachts-in-der-Savanne-Übernachten zu finden. Nicht umsonst begnügen sich die meisten Joko-und-Klaas-Trittbrettfahrer-Formate mit solchen Aufgaben wie „Koche ein Rezept, das du nicht kennst … im Ausland!“ oder „Hier sind sehr, sehr schräg aussehende Actionspiele, macht euch im Studio mal zum Affen“. Und während manche dieser Kopien immerhin klasse produziert sind, lassen andere optisch sowie in Sachen Star-Qualität zu wünschen übrig.

Doch „Das Duell um die Welt“ bietet allein in dieser Staffel unter anderem Moderatorin Linda Zervakis, Musiker Michi Beck und Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes – die Promidichte ist also einmal mehr bemerkenswert. Man möchte glauben, die Bereitschaft, sich vor laufender Kamera Mutproben zu stellen, hat direkt mit den beiden Gastgebern selbst zu tun …


Die Geschichte Zweier, die auszogen, sich das Siegen zu lehren

Daher nun ein bisschen Geschichte: Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt machen seit 2009 gemeinsam Fernsehen. Es fing an mit der MTV-Show „MTV Home“, und auch wenn bei ihr noch ein großer Anteil „Musikfernsehen-Talkshow mit jugendlichem Zielpublikum“ in der DNA steckte, so gaben die 85 Folgen „MTV Home“ bereits deutlich die Marschrichtung für Joko und Klaas vor. Damals agierte Palina Rojinski als Sidekick der Beiden – und nicht nur, dass sie fortan in fast jeder folgenden Show des Duos in unterschiedlicher Kapazität mit von der Partie sein sollte: Eine beliebte Rubrik bestand daraus, dass Palina im Auftrag ihrer Chefs dämliche oder gar brisante Aufgaben bestehen musste.

Außerdem brach „MTV Home“ gelegentlich in fast schon filmreife Anflüge der Selbstreflexion und Selbstironie aus: In einer Folge von „MTV Home“ verlässt ein nachdenklicher Klaas nach einem Saufspiel („Macht doch mal wieder was mit Saufen!“ sollte ein beständiger Fanwunsch in der Karriere von Joko und Klaas werden) das Studio und hühnert von epochaler Filmmusik begleitet auf die Dachterrasse. Dort starrt er sinnsuchend ins Leere, bevor ihm Gott (in Form von Klaas selbst) süffisant grinsend Antworten gibt und die Leviten liest. Groben Schwachsinn machen und ihn dann rekontextualisieren? Das ist eine Waffe im Arsenal von Joko und Klaas, die später bei „neoParadise“ noch häufiger zum Einsatz kommen sollte.

Die ZDFneo-Sendung, die von 2011 bis 2013 lief, sollte außerdem beliebte „MTV Home“-Rubriken fortführen, weiterspinnen und noch populärer machen. Diese drehten sich vor allem um Wettbewerbsmentalität: In „Aushalten“ (oder auch: „Bis einer heult“) und „Wenn ich du wäre“ geht es darum, wer eine nervende, eklige oder riskante Challenge länger erduldet beziehungsweise bei einem gemeinsamen öffentlichen Auftritt zuerst abbricht, weil ihm die von seinem Kollegen gestellten Miniaufgaben zu peinlich werden.

Bei diesen Aktionen wurden auch einige der Joko-und-Klaas-Insider geboren – wie der Ausruf „Alabama!“, der als Safeword funktioniert und einen sofortigen Abbruch einfordert. Oder auch „privat schlecht drauf“, womit ein gereizter Part des Duos seinem Kollegen und der restlichen Crew signalisiert: „Ich meckere gerade nicht so laut und aggressiv, weil ich eine Show abliefern will – ich nehme euch das gerade wirklich übel! Packt also endlich die Samthandschuhe aus, sonst wird das nach dem Dreh unangenehm!“

Bei der „neoParadise“-Nachfolgeshow „Circus HalliGalli“ wurden die Aktionen von Joko und Klaas einerseits immer aufwändiger (das Ziel, seinem Moderationspartner den schlimmsten Tag seines Lebens zu bescheren, wurde mal mit Helikopterflügen und mehreren Komplizen, die ein doppeltes Spiel spielen, verfolgt), andererseits aber auch erwachsener. Oder sagen wir: Weniger pubertär.

Während sich Joko und Klaas auf MTV (zu immenser Freude der damaligen Fanbase) gegenseitig Pornotitel vorgelesen haben, um sich zum Lachen zu bringen, wurde bei der von 2013 bis 2017 gezeigten ProSieben-Show „Aushalten: Nicht lachen“ zum Fanliebling. Dort sitzen sich Joko und Klaas gegenüber und versuchen, einander mit Witzen und Sketchen (mitunter unterstützt von Leuten wie Nora Tschirner oder Matthias „Matze“ Schweighöfer) Lacher zu entlocken. Wer häufiger lacht, verliert. So simpel, aber so effektiv.

Die Unterüberschrift hat die Deadline verpasst

Simpel, einfach, reduziert, auf das Wesentliche konzentriert – all diese Termini sagen letztlich Ähnliches aus; und fassen eines der wohl wichtigsten Geheimrezepte für den Erfolg diverser Joko-und-Klaas-Formate zusammen. Die Anstrengungen, die das Moderatorenduo seit 2009 unternimmt, um das Publikum zufriedenzustellen, sind zwar mit den Jahren spektakulärer geworden („Wenn ich du wäre“ macht Platz für „Das Duell um die Welt“). Aber: Wenn Joko und Klaas eine Sendung machen, so lässt sie sich doch stets leicht zusammenfassen. Ganz egal, wie viele Eigenheiten, Besonderheiten und Verrücktheiten noch dazukommen, der Kern eines jeden Formats ist sehr zugänglich und verständlich.

Und auch die Dynamik zwischen den Entertainern mag insgesamt komplexer sein (dazu später mehr), aber zunächst gilt ganz einfach: Prallen die gegensätzlichen Mentalitäten der Zwei aufeinander, sind die daraus entstehenden Reibereien fast wie von alleine lustig. Jokos Humor ist schräger und spritziger als Klaas' Sarkasmus und Trockenheit. Joko geht auf ihm fremde Menschen sofort zu, Klaas geht zunächst auf Abstand. Joko hat Höhenangst, Klaas nicht. Man ist unterschiedlich genug, dass es zu Funken kommt, aber ähnlich genug, dass man gut zusammenpasst. Da ist es egal, ob das in einem Kölner, Münchener oder Berliner Fernsehstudio geschieht. Oder im fernen Nepal, wo Klaas mit Joko, der nach dem Genuss eines ganz besonderen Honigs völlig am Rad dreht, eine Reisedoku drehen soll.

Dass man es aber nicht einfach auf „Die Zwei kabbeln sich, das reicht für eine Show“ beruhen lässt, sondern erstens so schräge Ideen wie besagte „Reisedoku in Nepal auf Honigdroge“ verfolgt, und zweitens große wie kleine Einfälle denkwürdig umsetzt, führt uns zur nächsten Geheimzutat von Joko und Klaas: Es ist der Ehrgeiz der Florida Entertainment GmbH, ebenjener TV-Firma, die Joko und Klaas 2011 in Kooperation mit Endemol gründeten, um ihre TV-Formate fortan selbst zu produzieren, und 2019 zu einer eigenständigen Produktionsschmiede formten.

Das kurz Florida TV genannte Haus verantwortete von 2012 bis heute unter anderem solche Entertainment-Flaggschiffe wie „Das Duell um die Welt“, „Die beste Show der Welt“ (Joko und Klaas duellieren sich darin, wer die bessere Fernsehshow erfindet) oder „Joko & Klaas gegen ProSieben“. Außerdem entstanden Sendungen für Palina (in „Inside – Unterwegs mit Palina“ muss sie die Essenz einer fremden Großstadt erfassen – komplett ohne Reise-Taschengeld) und weitere prominente Freund:innen der Firma (in „In the Box“ fühlte sich zunächst Olli Schulz in fremde Lebensrealitäten ein, später waren es wechselnde Stars).

Neben wiederkehrenden Konzepten (beispielsweise wurde die „Circus HalliGalli“-Rubrik „Mein bester Feind“, in der Freunde Freunde für waghalsige Stunts anmelden, zwischenzeitlich zur eigenen Primetimeshow) und einer enormen Wahrscheinlichkeit, dass Joko und/oder Klaas in der Sendung eine Rolle spielen, gibt es bei der Florida auch weitere Konstanten. Florida-Formate sind mit großem Aufwand produziert (so wurde es in der TV-Branche zum Running Gag, dass Leute aus so manch anderen Häusern die Florida schockiert fragen: „Wieso macht ihr es euch so schwer?“), verkneifen sich nur selten eine gezielt gesetzte Film- oder Serienreferenz, und sowohl Selbstironie als auch Metahumor sind häufig genutzte Werkzeuge im stilistischen Werkzeugkasten dieser Entertainmentschmiede.


Das erweiterte Joko-und-Klaas-Universum

Diese Konstanz im Output der Florida ist auch dem zu verdanken, dass es hinter den Kulissen eine nennenswerte Kontinuität gibt. Und während es einst allein eingeschworene Fans waren, die sich über jeden Randauftritt von Leuten wie Tonmann „Frank Tonmann“ oder „Gäste-Bookerin Katha“ freuten (oder darüber augenzwinkernd ärgerten), haben es mittlerweile zwei alteingesessene „Florida-Nasen“ zu einer breiteren öffentlichen Wahrnehmung gebracht: Autor, „Late Night Berlin“-Sidekick (und „Bandleader“) sowie Produzent Jakob Lundt und Florida-Geschäftsführer, Technikfreak, Filmfan, Regisseur und Schlauchbootbesitzer Thomas Schmitt.

Die Zwei sind gemeinsam mit ihrem langjährigen Weggefährten Klaas Bestandteil des erfolgreichen Podcasts „Baywatch Berlin“. Was Ende 2019 als eine Art akustisches „Late Night Berlin“-Begleitmagazin begann, hat sich längst als eigenständiges Audio-Comedyformat etabliert und wurde beispielsweise von Comedyautor Micky Beisenherz als die aktuell beste Unterhaltungsproduktion Deutschlands bezeichnet.

In „Baywatch Berlin“ werden Anekdoten aus der gemeinsamen Karriere der Drei besprochen (von „Wie cool war bitte dieser Hollywood-Star drauf?“ bis „Wir wurden dank einer logistisch katastrophalen Sendungsaufzeichnung, bei der Teile Crew vor Drehschluss übermüdet nach Hause gegangen sind, zum Gespött der Branche!“). Es werden die Vor- und Nachteile des Prominentseins beleuchtet, private Freuden und Ärgernisse breitgetreten und aktuelle Ereignisse kommentiert. Und das auf so lustige, sympathische Weise, dass mittlerweile „Late Night Berlin“ mitunter Bezug auf „Baywatch Berlin“ nimmt – und nicht umgekehrt.

Joko Winterscheidt hat mit „Baywatch Berlin“ derweil eigentlich nichts zu tun – es sei denn, er ist mal als (Überraschungs-)Gast anwesend oder Gesprächsthema –, sondern betreibt schon seit 2017 zusammen mit Freund und Fotograf Paul Ripke seine eigene Audioshow „Alle Wege führen nach Ruhm“. Der „Karrierepodcast für Berufsjugendliche“ gehört ebenfalls zu den erfolgreichsten Podcasts Deutschlands und reicht thematisch von Alltagsanekdoten und Behind-the-Scenes-Erzählungen bis hin zu ihren gemeinsamen Interessen Radsport, Ernährung und Start-ups. Die getrennten Podcasts sind nur konsequent: Mit dem Ende von „Circus HalliGalli“ kam es auch zu einer Zäsur in der gemeinsamen Karriere von Joko und Klaas.

Nun, ohne wöchentliche, gemeinsame Show, begrenzen sie ihre gemeinsame Arbeit vor den Kameras im Regelfall auf große Primetime-Events, und führen öfter solo durch Unterhaltungssendungen. Während Klaas wöchentlich „Late Night Berlin“ moderiert, hielt Joko den alleinigen Moderatorenposten in der sportlichen Wettbewerbsshow „Beginner gegen Gewinner“ sowie der Musikshow „Win your Song“ inne. Wichtiger noch: Sei Anfang 2021 beweist er mit „Wer stiehlt mir die Show?“, wie viel Entertainment in ein Quizformat passt. Und er stellt einmal mehr seinen großen Teamgeist unter Beweis, gibt er doch Staffel für Staffel anderen Namen eine Bühne, um ihm kräftig die Show zu stehlen. Mit sehr, sehr kurzweiligem Ergebnis.

Apropos Teamgeist: „Die hassen sich ...“

Bereits als sich Joko und Klaas zeitweise in nahezu jeder Ausgabe ihrer verschiedenen Sendungen gegenseitig in die Pfanne hauten, nahm die Presse das zum Anlass, immer und immer wieder darüber zu spekulieren, dass die Zwei bloß eine berufliche Zweckbeziehung haben. „Die hassen sich wirklich“, so das Mantra, das respektvollere Publikationen in Interviews und Features hinterfragt und boulevardeske Portale stets mit großem Anlauf verfolgt und nachgeplappert haben.

Und spätestens, seit „Circus HalliGalli“ beendet wurde, ist es nur schlimmer geworden. Da können sich Joko und Klaas noch so oft in „Joko & Klaas gegen ProSieben“ umarmen oder gar aneinander kuscheln. Und dass Klaas einmal mit einem Besen auf Joko und die wunderbar schlagfertige Moderatorin Jeannine Michaelsen losging, um sie in einem Moment der kollegialen Innigkeit zu trennen, fiel auch nur Hardcore-Fans auf (die wiederum dafür sorgen, dass das nie, nie, niemals in Vergessenheit gerät).

Es bringt einfach zu viele Klicks, auf ein weit über seine Zielgruppe hinaus bekanntes Duo zu zeigen, und zu behaupten: „Die finden das gar nicht schön, zusammen zu arbeiten!“ Da werden dann auch liebend gerne Interviewaussagen aus dem Kontext gerissen oder um ihre deutliche Ironie erleichtert. Eine neue Welle an „In Wirklichkeit hassen sich Joko und Klaas“-Berichten wurde losgetreten, als die Zwei im Sommer 2020 in Frank Elstners Netflix-Show „Wetten, dass war’s..!?“ (in getrennten Ausgaben) über ihr privates Verhältnis sprachen. Aus der Nacherzählung, dass man sich während der „HalliGalli“-Ära nicht mehr sonntags privat treffen und ausgiebig unterhalten konnte oder wollte, weil man sich beruflich eh montags bis samstags sprach, wurde der „Beweis“ gesponnen: „Die können sich nicht mehr ab“.

Dabei war es bloß als Beweis dafür gemeint, dass zwangsläufig auch bei Joko und Klaas die Entwicklung eintrat, die immer eintritt, wenn man einen Großteil seines Lebens gemeinsam verbringt: Der Gesprächsstoff geht aus, und manche Macken hat man vorerst über. Manche werden das bedauerlich finden. Was jedoch auf überraschende Weise charmant ist: Selbst nach vielen Jahren im Rampenlicht sind Joko und Klaas noch immer ehrlich erstaunt, welche Wellen ihre Aussagen schlagen.

Von Florida-Geschäftsführer „Schmitti“ in „Baywatch Berlin“ mahnend angesprochen, man müsse endlich aufpassen, was man wie in Interviews sagt, weil sonst die Gerüchteküche überkocht, reagierte Klaas völlig verdattert und betonte (mit liebevoller Neckerei in der Stimme), dass Joko doch für ihn der „Bruder, den er nie wollte“ sei. Bei seinem „Baywatch Berlin“-Gastauftritt wurde dieser Nichtwunschbruder dann für Klaas spontan zum „Wintermausimann“. (Hier darf man sich beliebig viele Herzchen vorstellen, die Klaas stimmlich in das Wort gelegt hat.) Und auch Joko hält mit seiner Sympathie für Klaas – sowohl vor als auch hinter der Kamera – nie hinterm Berg.

Doch bei aller Liebe füreinander, müsste man ja nicht aufeinander hocken und die Zugkraft gemeinsamer Auftritte überreizen, wenn man sich doch einzeln entfalten und die weiterhin absolvierten Zusammenarbeiten wieder stärker auskosten kann. „Gesund“ nannte Frank Elstner, der anders als zahlreiche Berichterstatter:innen bei Jokos und Klaas' Aussagen hingehört hat, diese Fähigkeit zur Selbstreflexion.

„Ziemlich beste Feinde“ nennen wir Joko und Klaas daher mit floridaesker Irreverenz und freundlicher Ironie in unserer Überschrift. Dabei ist es doch eigentlich ein Widerspruch in sich, einen solch negativen Begriff wie „Feind“ mit einem positiven Adjektiv zu belegen. Im Falle von Joko und Klaas stimmt es aber. Denn die freundschaftlich-feindselige Interaktion, die die Beiden insbesondere bei Wettkampfformaten (egal, ob sie gegeneinander kämpfen oder sich bei Kooperationen necken) an den Tag legen, ist eben nur deshalb so erfolgreich und stark (= lustig), weil die beiden Moderatoren ihr Gegenüber genau kennen.

Beide nutzen gezielt die Schwächen (und Stärken) des jeweils Anderen aus, um etwa bei „Das Duell um die Welt“ gegenseitig das Optimum an amüsanter Reaktion aus sich herauszukitzeln. Wer ist der Beste (oder nun: Wer ist der Beste und hat zudem das beste Team?) und darf daher den Anderen in der nächsten Ausgabe mit einem prahlerischen Weltmeister-Studioeinmarsch in Staunen versetzen?

Geadelt von ihrem Idol

Wie schon angedeutet: Dieses Prinzip funktioniert auch, wenn die Zwei vor der Kamera an einem Strang ziehen. Seit 2019 duellieren sich Joko und Klaas mit dem übermächtigen Gegner ProSieben, verkörpert von diversen Freund:innen des Hauses. Unter der Führung von Moderationsallrounder Steven Gätjen, der in „Joko & Klaas gegen ProSieben“ seine schnippische Seite Galopp laufen lässt, packen die Zwei ihren Wettkampfeifer zusammen, um einer Strafe ihres Heimatsenders zu entgehen und 15 nach eigener Laune gestaltete Livesendeminuten zu gewinnen. Dieser Kampf „Entertainer gegen Sender“ mündet in viel Harmonie, aber auch in brüderlich geäußerten Frust – je nach Ablauf der Spiele und letztlich der Show.

Und so herrlich-bescheuert es ist, wenn sich erwachsene Männer verstecken, anbrüllen, dämlich verkleiden oder Fans vermeidend durch Berlin manövrieren: „Joko & Klaas gegen ProSieben“ wurde schon mehrfach Sprungbrett für die verantwortungsvolle, sozial engagierte Seite des Duos, das sich beispielsweise schon in „Circus HalliGalli“ einander küssend gegen Homophobie stark machte.

Zwar nutzen Joko und Klaas etwaig gewonnene 15 Liveminuten auch ab und zu für anarchischen Quatsch wie einen Audiokommentar des RTL-Programms oder den Museumsbesuch eines Schweins. Denn ein Schuss Unberechenbarkeit muss sein, damit die Masse neugierig einschaltet. Vermehrt nutzen sie die 15 Minuten der freien Sendegestaltung allerdings für etwas Wichtigeres: Um auf Missstände aufmerksam zu machen. Und das auf dem besten Programmplatz, den der Privatsender ProSieben zu bieten hat.

Am 13. Mai 2020 etwa überließen sie Sophie Passmann, Palina Rojinski, Katrin Bauerfeind, Jeannine Michaelsen, Visa Vie, Stefanie Giesinger und Collien Ulmen-Fernandes die Bühne, damit sie das TV-Publikum mit den Auswirkungen von Sexismus konfrontieren. Am 31. März 2021 wiederum wurde die gesamte Schicht einer Pflegekraft des Universitätsklinikums Münster ausgestrahlt. Es ist die andere Seite von Joko und Klaas sowie der Florida Entertainment GmbH, die sich immer dann politisch positionieren, wenn es notwendig ist. Statt erwartbarer Blödelei tragen Joko und Klaas plötzlich mit derselben Aufrichtigkeit wichtige weltpolitische Anliegen nach draußen. Und vielleicht ist das das ultimative Geheimnis des Duos.

Denn manch ein Projekt mag hinsichtlich der Einschaltquoten enttäuscht haben, und der Pressekonsens fluktuiert ständig, ob Joko und Klaas (selbst im Alter von bald/über 40 Jahren) „die jungen Wilden“ der TV-Branche sind, ihr Untergang oder ihre letzte Rettung. Sind sie Blödelheinis oder Qualitätsgaranten, die für Anspruch und Herz im Deppengewand sorgen? Oder alles zugleich? Doch es muss ja einen Grund haben, dass Thomas Gottschalk die Beiden in jüngeren Jahren in zunehmen kleineren Abständen als lobenswerten Teil der TV-Speerspitze adelte, sowohl in ihrem Entertainment als in ihrer Haltung. Was für eine unerwartete Ehre für Joko und Klaas, die wiederholt erklärten, dass er das Moderationsidol ihrer Kindheit war! Und diese Ehre wird er sich nicht an den Locken herbeigezogen haben: Ein Thomas Gottschalk verstellt sich nicht, der ist, wie er ist – im Schlechten wie im Guten. Und auch bei Joko und Klaas lautet das Zauberwort konsequenterweise: Aufrichtigkeit.

Alles, was Joko, Klaas und ihre im Hintergrund agierenden Mitarbeiter:innen unternehmen, steckt voller Herzblut, Arbeit, Leidenschaft und impliziert dabei trotzdem immer wieder die Möglichkeit des Scheiterns. Als Joko Winterscheidt im Vorfeld von „Wer stiehlt mir die Show?“ zu verstehen gab, dass die Showidee, den Teilnehmenden als Preis seinen Moderatorenjob (!) zu überlassen, vielleicht „die dümmste Idee“ sei, die er je hatte, und dass der Sender sie genau deshalb angenommen hat … Dann war das kein billiger Versuch, um beschwichtigende Komplimente zu erhaschen, oder zusätzlich Aufmerksamkeit für die Show zu generieren.Es war ein weiterer Ausdruck dieser Entertainment-Gang, dass es ihr schlicht darum geht, ihren Drang zur Unterhaltung nach ganz eigener Laune und Form zu verwirklichen. Wahrlich weltmeisterliche Absichten ... 

Das Duell um die Welt – Team Joko gegen Team Klaas“ startet am Samstag, 4. Dezember 2021 um 20:15 Uhr, live auf ProSieben und auf Joyn in die neue Staffel.

Dieser Artikel ist eine aktualisierte Neuveröffentlichung eines Beitrags für ein mittlerweile eingestelltes Onlineportal. Er wurde zusammen mit Antje Wessels erfasst, die aber nicht mit in der Autorenzeile genannt werden konnte, weil das System davon überfordert war. Dafür bekommt sie eine frühe, als Bildunterschrift dienende sowie diese späte, aber dafür hoffentlich in Erinnerung bleibende, kursiv geschriebene Nennung. So als Ausgleich. Keine Sorge, wir haben das abgesprochen. Sie wird also nicht privat schlecht drauf sein.