Montag, 9. Februar 2009

Tarantino und Bay: Wenn Filmfans zweierlei Maß nehmen

Awesome!

Natürlich soll man nicht alle Leute über einen Kamm scheren, doch der Konsens unter Filmgeeks ist ziemlich eindeutig: Quentin Tarantino ist ein kultiger Filmgott, Michael Bay ein kommerzieller Stümper mit viel Luft in der Birne.

An dieser Stelle möchte ich gar keine Diskussion über "Mainstream vs. Nischenprogramm" aufmachen oder mich zwischen der kostspieligen, explosiven Action eines Michael Bays und der wesentlich niedriger budgetierten, blutigeren Gewalt in Tarantinos Filmen entscheiden, viel mehr möchte ich mich einfach auf ein Detail im Schaffen beider Regisseure versteifen: Wiederkehrende Kameraeinstellungen.

Sowohl Quentin Tarantino als auch Michael Bay verwenden in jeder ihrer Regiearbeiten jeweils eine Kameraeinstellung, die sich somit zu einem Markenzeichen für sie entwickelte.

Quentin Tarantinos sich durch seine Filme ziehende Kameraeinstellung ist der mittlerweile legendäre "Trunk Shot", eine Aufnahme aus einem Kofferraum heraus, die zu den Figuren hinaufblickt (hier am Beispiel von Pulp Fiction zu sehen). Sozusagen eine besondere Art der Froschperspektive, mit fest gesetzten Regeln für die Umgebung. Ohne in ein Auto blickende Figuren ist diese Einstellung unmöglich. Diese Aufnahme kommt in allen Quentin-Tarantino-Filmen vor (vorrausgesetzt man sieht Kill Bill Vol. 1 & 2 als einen Film), wobei in Death Proof der Kofferraum durch einen Blick vom Motor aus ersetzt wurde (hier könnt ihr euch alle Trunk Shots ansehen).

Auch Michael Bays Markenzeichen-Kameraufnahme ist in der Froschperspektive: Die Kamera befindet sich zwischen Brust- und Bauchhöhe der Figur und bewegt sich in einer 360°-Bewegung um sie herum. Dies geschieht immer in Zeitlupe und meistens gegen den Uhrzeigersinn. Der umkreiste Charakter steht meistens gerade auf (weil er zuvor umgeworfen wurde oder sich duckte oder ähnliches) und ist verwundert oder geschockt von der ihn gerade widerfahrenen Situation. (Ein von einem Bay-Gegner zusammengestelltes Video gibt es hier zu sehen, jedoch fehlt die 360°-Aufnahme aus Die Insel, außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass es zwei solcher Aufnahmen in Transformers gibt)

Doch während Filmgeeks bei Tarantino erfreut grinsen, wenn er wieder einmal seine berühmte Kameraeinstellung auspackt, rollen bei Bays Filmen die Augen, sobald die altbekannte Aufnahme zu sehen ist. Tarantino wird gelobt, weil er ein konsequenter Filmemacher ist, der sein(e) Markenzeichen liebevoll in seine Filme einbaut und so eine eigene filmische Handschrift entwickelt hat, Michael Bay wird aufgrund der wiederkehrenden "360°-Heldenaufnahme" der Einfallslosigkeit beschuldigt. Wieso?

Es ist ein Unterschied, ob man nun Bays Filme verachtet oder ob selbst dieses einzelne Detail zerreißt, während ein artverwandtes Detail bei einem anderen Regisseur verehrt wird.
Man kann Bays Filme gerne hassen, weil sie reine Unterhaltungsfilme sind und keinerlei nachhaltigen Nährwert haben, doch man muss im zweifelsohne lassen, dass sie sehr gut aussehen und vor allem muss man, wenn man ihm Einfallslosigkeit unterstellt, weil er ein Markenzeichen entwickelte, sämtliche Regisseure mit eigenem Markenzeichen aus diesem Grunde verachten.

Okay, werden manche sagen, es möge theoretisch okay sein, doch Tarantino verwendet seinen "Trunk Shot" in einem immer neuen (inhaltlichen) Kontext, während Bays 360°-Aufnahme stets eine Figur zeigt, die völlig überwältigt / schockiert / erstaunt ist. Da solle sich Bay bitte was neues einfallen lassen.
Ich dagegen sage: Wenn in jedem Bay-Film eine solche Szene vorkommt, wieso sollte er dann auf eine Kameraaufnahme die dazu passt und sein Markenzeichen ist verzichten? Und sie vielleicht in einer ganz und gar unpassenden Szene verwenden oder gar ganz weglassen?

Wie? Bay soll halt nicht immer die Filme drehen, in denen die immer gleiche Szene vorkommt? Bay dreht halt Actionfilme, und das ist völlig legitim. Und ein Actionfilm enthält halt zwangsläufig eine Szene, in der etwas großes, den Betrachter erstmal lähmendes geschieht. So wie eine Liebesgeschichte zwangsläufig ein Treffen, einen Kuss und auch das Zusammenkommen zweier Personen beinhaltet. Sicherlich wäre es auch möglich so eine Geschichte ohne diese Standards zu erzählen, aber das ist ja wohl ganz klar eine Ausnahme.

Worauf ich mit diesem Beitrag hinaus will: Es ist völlig okay einen Regisseur nicht zu mögen, aber dann soll man ihn bitte gerecht kritisieren. Etwas zu hassen, dass man bei anderen lobt, ist schonmal ganz klar einer ausführlicheren Begründung würdig.

Ich fand Transformers richtig grausig, woran auch die Kameraführung Schuld ist, die in den großen Kämpfen viel zu nah auf die Roboter gerichtet war, so dass ich überhaupt nichts mehr mitbekam. Allerdings verdient Bay für sein Markenzeichen die selbe Behandlung wie Tarantino (beide Markenzeichen beeinflussen den eigentlichen Film nicht, so dass sie entweder egal oder gut sind - für mich zumindest stellen sie eine Bereicherung dar).


Und zum Abschluss noch ein kleiner Beweis dafür, dass sich Bay nicht zu ernst nimmt:



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2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich finde, du machst es dir zu einfach, wenn du das auf die Verwendung von Kameraeinstellungen reduzierst. Es geht um die gesamte Haltung hinter einem Film und das gesamte Drehbuch. Bay mag sich zwar in diesem inzwischen schon altbekannten Werbespot nicht allzuernst nehmen, aber seine filme sind frei von jeglicher ironischer Brechung oder überhaupt einer zweiten Ebene, die in irgendeiner Form das Gehirn anspricht. Bay zeigt in seinen Bildern genau, was der Zuschauer verstehen und fühlen soll und damit es noch ganz klar wird, lässt er es die Figuren noch einmal im Dialog sagen und um das dann noch klarzumachen wird eine entsprechende Mucke unterlegt, damit es auch der letzte Dummbatz merkt. Tarantino arbeitet dagegen mit Ironie, Insiderwissen, Anspielungen und Zitaten. Darüber hinaus sind seine Dialoge auch mehrdeutig interpretierbar. Ich bin jetzt weder ein absoluter Tarantino-Fan noch ein absoluter Michael Bay-Hasser (letzteres allerdings eher als das Erste), aber den Vergleich find ich ein wenig flach.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ich sagte ja, dass man über die Dummheit von Bays Filmen ruhig meckern kann (auch wenn ich persönlich mit seinen Pre-Transformers-Filmen klar komme und "The Rock" wirklich super finde). Mich stört einfach nur dieses blinde Rumgebashe, dass nun allein schon die wiederholte Verwendung ein und der selben Kameraeinstellung angeblich schon dämlich sei.

Vielleicht hätte ich das etwas klarer herausstellen können, stimmt schon. Aber wenigstens habe ich so einen neuen Stammkommentator gewonnen...? ;-)

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