Donnerstag, 1. September 2011

The Musketeer


17. Jahrhundert. Ein bäuerliches Dorf in der Nähe von Paris: Ein Kindchen namens D'Artagnan (irgendein Windelpupser ohne jeglichen Hauch von Emotion im Gesicht) muss mit ansehen, wie seine Eltern von Febre (Tim Roth), der ruchlose Gesandte des Kardinals, getötet werden. Flink und kämpferisch, wie er ist, reißt D'Artagnan einen Degen an sich, der viermal so groß ist wie er selbst, und fetzt dem ganz in schwarz gekleideten Febre ein Auge aus. D'Artagnan schwört Blutrache am Mörder seiner Eltern und bittet Plancet (Jean-Pierre Castaldi) den Mentor seines Vaters, ihn zur Kampfmaschine auszubilden. Plancet verneint diese Aufforderung - er wolle aus D'Artagnan einen Mann machen. Fertig ist der Klischeestart für einen Kung-Fu-Rache-Exploitationfilm von der Stange.

Blende, und Leinwand frei für den peinlichsten Vorspann, den das Kino der letzten rund zwanzig Jahre abseits von Studentenfilmchen gesehen hat. Wahllos hintereinander geklatschte, grobkörnige, mit unprofessionellen Filtern bearbeitete Standbilder aus dem noch folgenden Film brennen sich in die Augen der Zuschauer. Soll dies nicht eine hypermoderne, jugendlich-frische Neuverfilmung von Alexandre Dumas legendären Musketier-Geschichten sein? Wieso dann ein lächerlicher Vorspann, der schon bei Richard Lesters 70er-Jahre-Abenteuerfilmen veraltet rübergekommen wäre?

Wie auch immer, kaum hat man sich als auf sein Sofa oder sein Bett gelümmelter Zuschauer schlappgelacht, weichen die in Blau, Rot und Grün getönten Standbilder dem grieseligen, orange-braunen Film. 14 Jahre sind vergangen, und D'Artagnan reitet zusammen mit seinem Mentor gen Paris, um, jaaaa, ähm... den Musketieren beizutreten, berühmt zu werden, ehrenhafte Dinge zu tun, jadajada. Halt, nein! Er reitet nach Paris, um sein Glück zu versuchen, Febre ausfindig zu machen, und ihn zu Şiş Kebap zu verarbeiten. Halt, nein, er will Musketier werden, um so auf Febre zu stoßen und dann sein Herz mit einer Klingezu durchboren... Ach, was auch immer, scheißegal, er macht bei einer schäbigen Herberge Rast. Dort sind den Filmemachern offensichtlich nicht ein paar Scheinwerfer kaputt gegangen (ein konstantes Problem dieses so trostlos aussehenden Films), während D'Artagnan in den Kardinalsgardisten Rochefort (David Schofield, Becketts bissiges Schoßhündchen Mercer aus Pirates of the Caribbean 2 & 3!) und seine Männer reinrast.

Wie es sich für Mantel-und-Degen-Filme so gehört, haben alle Anwesenden ihr Temperament aus der Donald-Duck-Benimmschule geerbt und fangen nach ein paar unfreundlichen Wortwechseln unmittelbar einen Fechtkampf an. Rochefort, der ein albernes, buntes Musketier-Karnevalskostüm und dämlichen Hut mit riesigen Fedenr spazieren trägt, legt bequem die Füße auf den Tisch, während seine Mannen mit trägen, konventionellen Kampfschritten auf D'Artagnan losgehen, die aus den frühsten der Musketier-Filmen entnommen sein könnten. D'Artagnan hingegen wirbelt herum, als sei er Neo, der FUCKING Auserwählte. Er balanciert auf rollenden Fässern, springt dynamisch durch die Lüfte... Die Hiebe folgen schneller, als das Auge mitkommt, seine Gegner haben nicht die geringste Chance gegen Frankreichs ersten Martial Artist asiatischer Schule, D'Artagnan... The Musketeer!

Uuuuund spätestens in dieser Sequenz wird klar: Dieses Experiment wurde katastrophal vergeigt. Dabei ist diese erste Actionsequenz noch einer von zwei, vielleicht drei, halbwegs funktionierenden Momenten dieses Films.


The Musketeer ist der verzweifelte, rundum misslungene Versuch, Die drei Musketiere für die Jugend der Post-Matrix-Kinoära schmackhaft zu machen. Die Regie bei diesem Kandidaten für einen Eintrag in die Flop 10 der schlechtesten Miramax-Filme aller Zeiten übernahm Peter Hyams. Dieser wurde seit der vergangenen Dekade zunehmend in die Unbedeutsamkeit gedrängt und dürfte vor allem für das polarisierende Stanley-Kubrick-Sequel 2010 - Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnahmen und das Arnold-Schwarzenegger-Endzeit-Vehikel End of Days bekannt sein. Außerdem muss man bezüglich The Musketeer unbedingt Xin-Xin Xiong erwähnen. Das ehemalige Stundtdouble von Jet Li fungierte als Stunt-Choreograph, um den Kampfsequenzen dieser Neuinterpretation einen hippen Martial-Arts/Matrix-Touch zu verpassen.

Diese Mischung geht kaum auf. Hyams zeigt sich hier als ein eher gemütlicher Actionsregisseur, der die Kamera in den Raum stellt (als einer der wenigen Hollywood-Regisseure operiert er sie sogar selbst) und die Beleuchtung weitmöglichst dimmt. Nun kann das zu aufregenden Bildern führen, tut es hier aber nicht. Entweder ist die Szenerie sterbensöde (tristes Produktionsdesign und minimalistische Beleuchtung gehen nicht gerade Hand in Hand), oder das Bild ist für ein paar Sekundenbruchteile mit spannenden Licht/Schatten-Kontrasten gesegnet, doch kaum bewegen sich die Darsteller, wird das Leinwandgeschehen in eine jegliche Attraktivität verschlingende Dunkelheit gesogen.

Was Hyams löbliches, aber gescheitertes Vorhaben, Hollywood von der Überbeleuchtung zu befreien (diesen Kampf überlassen wir lieber Leuten wie Roger Deakins, der Mann kreiert mit Schattenumrissen malerische Einstellungen, in denen das wesentlichste zum Ausdruck kommt), zu einem gravierenden Fehler ummünzt, ist Xin-Xin Xiongs Drahtseil-Kampfakrobatik. Diese ist viel zu rasant, als dass man bei Hyams Beleuchtung irgendetwas ausmachen könnte. D'Artagnan drischt im Eiltempo auf seine Gegner ein, was sämtliches Swashbuckling-Feeling aus diesem Musketier-Film zieht. Das Duell in der Kneipe ist an und für sich sehr originell, wie die Widersacher die Möglichkeiten ihrer Umgebung miteinbeziehen, sich etwa zwischen Balken klemmen und Fässer durch die Gegend rollen, ist richtig packend. Es ist eine moderne Spritzigkeit, doch in ihrer Idee zeitlos - auf dem Papier hat dieser Kampf etwas von der Scheunen-Sequenz in Fluch der Karibik, wo sich Will Turner und Jack Sparrow gegenüberstehen. Ein riesiges Lob, das ich für so einen Mistfilm geben kann. Und ehe man während dieser Sequenz in Euphorie geraten kann, stürzt alles in sich zusammen.

Nicht nur, dass die Beleuchtung dem Film jegliche Dynamik raubt, und die wilde Kung-Fu-Choreographie überhaupt nichts mehr von Fechtkunst aufweist, so dass D'Artagnan auch mit bloßen Fäusten oder kleinen Buttermesserchen auf seine Gegner dreschen könnte: Der Schnitt ist einfach erbärmlich. Terry Rawlings (Joel Schumachers Das Phantom der Oper) scheint überhaupt nichts mit dem Konzept des Films anfangen zu können. Die Action findet einfach keinerlei Rhythmus, was besonders beim Überfall auf den Palast in der Mitte des Films eklatant wird: Porthos kämpft sich träge und brachial nach vorne, und die Szene kommt einfach zum erliegen. Dann schwurbelt D'Artagnan vorbei, und all das zuvor verlorene Tempo wird umso überzogen schneller nachgeholt.

Und wer mag dem Cutter sein abhanden gekommenes Taktgefühl schon vorwerfen? Hyams inszeniert The Musketeer mit seiner (viel zu) düsteren Beleuchtung und dem gemäßigten (um nicht zu sagen sterbenslangweiligem) Tempo der Dialogszenen als sehr bedächtige Adaption des Stoffs. Zugleich schreien das oberflächliche Drehbuch von Gene Quintano (Police Academy 3 & 4) und die hypermoderne, stylische Kampfchoreographie nach einem feschen, rasanten Schnitt. Und so gibt es insbesondere in den Actionszenen einen verworrenen Wust an Modernität und bewusst gewählter Altbackenheit.

Das ist das Hauptproblem von The Musketeer: Der gesamte Film scheint nicht zu wissen, wie sehr er sich in seinen gewählten Ansatz der Modernisierung reintrauen soll. Da wird Bodenständigkeit heiter mit Anachronismus gemischt, die konfus erzählte Handlung wird in äußerst schwerfälligen Dialogsequenzen vorangetrieben (die aber vor Logiksprüngen und dummen Aussagen nur so strotzen), worauf dann aber stets schön als Rahmen für die Actionmomente platzierte Comedy-Einlagen folgen, wie sie nur aus einer Popcorn-Adaption stammen können. Meistens werden diese Gags verhauen - nur nicht während der besagten Palastsequenz, wo sie aber so sonderbar deplatziert wirken.

Die Inszenierung bleibt dabei größtenteils spröde, die Stimmungslage des Films ist träge und die Musik von David Arnold (2 Fast 2 Furious, Hot Fuzz) fällt genau zwischen beide Stühle.


Der Film nimmt sich also überaus ernst, meint aber, in den Kernszenen ein Wegweiser in die filmische Zukunft zu sein. Und auf der Handlungsebene wird fröhlich Schindluder mit der Vorlage getrieben: Athos, Porthos und vor allem Aramis werden zu Randfiguren degradiert, genauso wie Rochefort, dessen ursprünglicher Platz aber von einer identischen Figur eingenommen wird. Lady de Winter gibt es in dieser Fassung nicht (!!!), dafür kann D'Artagnan mehr mit seiner in Francesca umbenannten Geliebten (Mena Suvari) rumturteln. Während die Intrigerie zwischen Richelieu (ein zu Stein erstarrter Stephen Rea) und Tim Roths mordlüsternem Febre staubtrocken angepackt wird, ist die Liebelei D'Artagnans waschechter Hollywood-Blockbuster-Standard der 90er-Jahre.

Die Handlungssequenzen funktionieren hinten und vorne nicht, und daran hat nahezu jeder Schuld. Der Schnitt kommt nicht voran, der Regisseur scheint ein Schlafmittel drehen zu wollen, das Drehbuch schwankt zwischen "Hey, die Story ist eh nur Lückenfüller" und "Oh, seht mich an, ich bin sooooo ernst!" (ohne auch nur ein Fitzelchen Genialität aufzuweisen) und die Darsteller waren auch fast ausnahmelos für das Geld am Set. Justin Chambers als D'Artagnan schlafwandelt sich durch den Streifen, ohne auch nur einmal zu versuchen, mit seiner Stimme eine Emotion zu vermitteln (und wenn man den Film in der Synchro versucht, erbarmt sich sein Sprecher nicht, etwas daran zu ändern), die Musketier-Darsteller scheinen sich als Statisten zu fühlen und von Stephen Rea hätte man auch einen Pappaufsteller ins Set platzieren können. Der Effekt wäre der gleiche. David Schofields Rolle wird völlig vergeigt (dabei wissen wir ja, wie wundervoll fies er gucken kann), und so weiter, und so weiter.

Allein Tim Roth, Mena Suvari und Catherine Deneuve tun was für ihr Geld. Roth spult zwar auch nur sein Schurken-Programm ab, allerdings reicht das, um den Film für die Dauer seiner Szenen wenigstens auf unteren Durchschnitt zu heben, ähnliches gilt für Mena Suvari als süße Blondine mit keck-lieblichen Sätzen. Tja, und die Deneuve... die ist die einzige in dieser orientierungslosen, elendigen Produktion zu wissen, was Sache ist. Sie grinst sich mit gelebter Ironie durch ihre Szenen, lässt ihre so ernst gemeinten, aber so flachen Zeilen Funken sprühend vom Stapel, dass es eine wahre Wonne ist. Sie könnte jeden Moment in die Kamera winken und "Hiiiiiii Kids!" trällern, ihre Intention, sich irgendwie durch diesen Film zu scherzen, würde kaum noch deutlicher.


Oh, und dann ist da ja noch das Finale; wie der Regisseur zugibt, der einzige Grund, weshalb es diesen Film überhaupt gibt. Ich will ja inhaltlich nicht zuviel vorwegnehmen (als wenn sich irgendjemand von euch The Musketeer jetzt unbedingt ansehen wollte...), aber das Finale spielt im strömenden Regen, zeigt, wie D'Artagnan und Gefolge eine Festung einzunehmen versuchen, und D'Artagnan nahezu ungestört in all dem Trubel ein Seil hoch... strampelt, fliegt, hüpft... Was auch immer er tut, es sieht weder artistisch, noch realistisch aus. Peter Hyams sagt, eine Nummer des Cirque de Soleil am Opernhaus in Sydney soll ihm die Idee gegeben haben, den ganzen Film in einem solchen, modernen Stil zu halten, und eine ungefähre Kopie dieser Nummer sollte halt auch drin vorkommen. Und es sieht sooooo unbeholfen aus, so planlos... Entweder hatte unser asiatischer Stuntmeister bei dem Entwurf der Choreographie einen unheimlich miesen Tag, oder Regie und Schnitt haben die ganze Sache verkackt... oder die Stuntmänner wurden alle gerade frisch von einem High-School-Gelände weggecastet, jedenfalls ist die Szene lachhaft.

Und über Kontinuität muss man im Finale auch nicht reden. Mit jedem Schnitt ändert sich das Wetter: Es ist eine stockfinstere Nacht, es ist eine verhältnismäßig helle Nacht, Nebel kommt auf, Nebel ist weg, starker Regen, sanfter Regen, Regen strikt von oben, Regen schräg von der Seite. Wäre es plötzlich dunkler Nachmittag und der Regen käme von unten, dieser Patzer würde unter all diesen Pannen kaum noch auffallen.

Dann aber hat The Musketeer die eine Chance, wenigstens eine Sequenz anzupacken, die nicht irgenwelche gravierenden Mängel aufweist: Der finale Zweikampf in einem Leiter-Depot. Oder... was auch immer dieser Raum darstellt. Nun, je nach Standpunkt ist die Szene was zu lang (da die Duellanten durchgehend schweigen und so das so elementare Rumgescherze und -gedrohe fehlt) oder zu kurz (da sie nur einen sehr knappen Spannungsbogen hat), aber sie ist ausnahmsweise Mal angemessen, sehr atmosphärisch beleuchtet, super choreographiert und zwar etwas bieder eingefangen, doch nach den vorangegangenen 100 Minuten fällt diese Schere zwischen Inhalt und Form nicht mehr sonderlich negativ aus. Und dann... das antiklimatischste Ende, das man sich vorstellen kann. Schnell noch zum Abspann gehatzt, Film aus!

Oh, dass Hyams zugibt, die ganze Leiter-Sequenz aus einem Klassiker Xin-Xin Xiongs übernommen zu haben, lassen wir mal ganz schnell fallen. Denn annehmbar geklaut ist besser, als beschissen selbst erfunden (wie der restliche Streifen).


Abschließende Gedanken: Dreck, Dreck, Dreck. In ganz Paris des 17. Jahrhunderts gab es gerade Mal genug Dreck, um diesen Streifen aufzuwiegen. Die Ausstattung ist mau, die Beleuchtung wohl gemeint, jedoch erbärmlich ausgeführt und die Actionchoreographie stellt sich selbst unentwegt ein Bein. Die Darsteller sind mit Ausnahme der routinierten Suvari und Roth sowie der sich über alles mokierenden Catherine Deneuve allein körperlich anwesend, die Musik weiß nicht, was sie will und der Schnitt ist ähnlich konfus über die Schrittrichung dieser Neuinterpretation, wie das überforderte Skript.

The Musketeer ist eine hohle Modernisierung eines klassischen Stoffs. Ja. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch es gibt zweierlei Sorten solcher Kino-Aktualisierungen: Jene die oberflächlich sind, aber funktionieren. Und diese, die einfach nur schlecht sind.

Paul W. S. Anderson zeigt derzeit im Kino, wie es geht: Auch seine Action ist klar ein Kind der Post-Matrix-Ära. Die Musketiere duellieren sich aus inszenatorischer Sicht mit ihren Degen, wie in den Resident Evil-Filmen geschossen und geprügelt wird: Schnell, rasant, stylisch, wirbelnd, hüpfend und mit der obligatorischen Zeitlupe. Dennoch ist in der Choreographie häufig genug das klassische Mantel-und-Degen-Gefühl anzutreffen. Es ergibt ein sicherlich anachronistisches, in sich aber stimmiges Ganzes: Es sind die Musketiere der modernen Videospiel-Generation. The Musketeer ist Hong-Kong-Action, als Mantel-und-Degen-Film verkleidet... und sperrig umgesetzt.

Vor allem wählt Paul W. S. Anderson einen Ansatz und zieht ihn strikt durch: Er ist überbordend, abstrus, lärmend, und jaaaaa, voller Camp. Und ja, die Helden sind einer Überarbeitung bedürftig, definitiv. Es ist keine perfekte Modernisierung (allein schon, weil das Vergnügen zum Teil aus dem Kulturschock herrührt), jedoch eine konsequente und dadurch auch unterhaltsame. Anderson weiß, wo er hinwill und kennt dabei kein Erbarmen. The Musketeer hingegen will alles auf einmal, Ernst und Verrückheit, Moderne und Klassik. Nur, dass es kein "ich kann alles auf einmal"-Kandidat ist, sondern eine "was mach ich überhaupt?"-Panne. In all seiner anbiedernden Zeitmäßigkeit ist er noch immer langwierig - und somit letztlich ein riesiges Ärgernis.

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