Montag, 19. Dezember 2011

M:i-2

So cool, dass man aus dem Titel Mission: Impossible II auch unbesorgt ein reines Zeichen-Kuddelmuddel machen kann?

Mit über 500 Millionen Dollar weltweit ist Mission: Impossible 2, äh, M:i-2, äh, Mission: Impossible II, ach, scheiß drauf ... Mit über 500 Millionen Dollar Einspielergebnis weltweit ist der zweite Teil der Mission: Impossible-Kinoserie der bis dato erfolgreichste Eintrag in Tom Cruises' Agentenreihe.

Mit John Woo am Ruder war der stilistische Bruch zwischen Teil 1 und 2 unvermeidlich, was letztlich sogar zu einem Markenzeichen der Mission: Impossible-Filme werden sollte. Woo ist bekannt für seinen markanten Martial-Arts-Style, manchmal auch "Gun Fu" genannt: Zeitlupe, akribisch choreographierte Schießereien, Rundum-Kameraaufnahmen und natürlich "episch" durchs Bild flatternde Tauben (die es bei Mission: Impossible 2 sogar aufs Poster schafften). Der visuelle Bombast geht natürlich über die Substanz der Filme - was nicht zwangsweise schlecht sein muss, schließlich war Teil 1 auch während seiner Action am besten.

Um aber keine künstliche Spannung aufzubauen, kommt mein Gesamturteil schon jetzt: Für mich ist Mission: Impossible 2 der schlechteste Teil der Reihe. Regisseur Woo hätte einen stylischen Agenten-Videoclip in abendfüllender Länge aus diesem Projekt machen können. Stattdessen zerrt die dämliche und lustlos erzählte Story jegliche Energie aus dem Film, weshalb die Durststrecken zwischen Woos markanten Actionsegmenten zumindest meiner Meinung nach kaum erträglich werden. Humor ist während dieser handlungstragenden Elementen eine Rarität, was zu verzeihen wäre, böten sie wenigstens Dramatik. Doch die Darsteller verleihen ihren Figuren weder glaubwürdige (A-)Moralität, noch Gefühle. Und die Story, die schreit unentwegt "Ich wurde aus einem B-Movie-Skript geklaut und versuche nun verzweifelt, irgendwie mein Budget zu rechtfertigen!"

Aber gut, ich gebe zu, dass ich gerade ganz schön wirr daherkritisiere. Also schön der Reihe nach: Ein kurzes Intro erklärt dem Publikum, welchen Fall es zu erwarten hat. Ein Wissenschaftler entwickelte ein hochgefährliches Virus und möchte das IMF über Virus und Gegengift informieren. Ein wahnsinniger Bösewicht, der Tom Cruise im Wettgrinsen ausstechen könnte, killt den Wissenschaftler und zahllose unschuldige Flugzeugpassagiere. Die Aufgabe für Ethan Hunt ist also klar: Den Schurken aufhalten, Verbreitung des Virus vermeiden. Und diesen Auftrag erhält Hunt via High-Tech-Sonnenbrille, die ihm während eines Free-Climing-Urlaubs zugeschossen wird. Wie denn auch sonst?

Die ausführliche Klettersequenz vor atemberaubender Canyon-Landschaft hat kaum inhaltliche Relevanz (außer zu zeigen, wie "badass" Ethan Hunt mittlerweile geworden ist), aber darüber kann ich geflissentlich hinwegsehen. Denn Kameramann Jeffrey L. Kimball und Regisseur John Woo fangen Tom Cruises waghalsige (das Studio und die Versicherung in den Wahnsinn treibende) Kletterei wirklich beeindruckend ein. Die Schwenks vermitteln ein Gefühl von Coolness und Gefahr. Stünde diese Sequenz stellvertretend für den gesamten Film (höher, weiter, irrsinniger, cooler), könnte ich mit Mission: Impossible II wohl gut leben. Doch nach dem Vorspann bricht der Streifen radikal ein.

Ethan Hunt muss eine Zivilistin, noch dazu eine Meisterdiebin, ins Team holen. Dies versucht er mit absoluter Arschloch-Macho-Flirterei und ohne jeglichen Charme. Darstellerin Thandie Newton reagiert mit aufgequollenen Augen, und das Drehbuch macht daraus eine Liebe, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Sterbenslangweilige, emotionslos vorgetragene Dialoge etablieren diese ach-so-tolle Liebesgeschichte, dan schleust sich Hunts Liebe seines Lebens in das Unternehmen des grimassierenden Schurken, es folgen öde, vom Skript hölzern vermittelte Observationen, Verschwörungen und vorhersehbare Twists. Die aus Teil 1 bekannten, täuschend echten Masken werden völlig missbraucht - der Film fühlt sich so lang an, wie John Woos nie veröffentlichter Dirctors's Cut angeblich sein soll (3 1/2 Stunden). Es passiert einfach nichts von Interesse oder Relevanz.

Irgendwie manövriert sich der Film dann in eine Schießerei in einem Chemielabor. Da diese Schießerei überaus lange dauert und das Labor vom Design her an die Art Actionfilm erinnert, die freitags und samstags nach Mitternacht auf den Privatsendern läuft, manifestiert sich hier der glorifizierte B-Movie-Beigeschmack des Films. Und, naja, das unangenehm schräge Schauspiel aller Bösewichter (und Thandie Newtons ahnungsloses Rumgestackse) helfen auch nicht. Aber die Action selbst ist, das muss man John Woo einfach lassen, toll inszeniert. Der Plottwist, der im Labor folgt, ist aufgrund der schwach geschriebenen Figuren völlig wirkungslos, doch wir haben da ja noch den Komponisten Hans Zimmer. Dessen Musik bei M:i-2 einen ähnlichen Effekt hat, wie in Illuminati: Sie ist um ein vielfaches bombastischer und emotionaler, als der eigentliche Film. Somit überrennt er die Handlung zwar, allerdings gibt's so wenigstens mordsmäßigen Hörgenuss ...

Neben Hans Zimmer und der Klettersequenz gibt es eigentlich nur noch einen Grund, sich diesen Actionthriller überhaupt anzutun: Die Motorradverfolgung ganz am Schluss. Sie pfeift zwar auf jedliche Gesetze der Physik (während Mission: Impossible 1 wenigstens einen Teil seiner Laufzeit über plausibel sein wollte), ist aber sehr rasant, übertrieben cool umgesetzt und es macht sich auch wirklich bezahlt, dass Tom Cruise die meisten seiner Stunts selbst übernahm. Die Messerstecherei direkt im Anschluss der Verfolgungsjagd beinhaltet eine Szene, in der Ethan Hunt ein Messer beinahe in sein Auge gerammt bekommt. Diese Szene wurde ohne Körperdoubles oder Dummys gedreht, mit einem Sicherheitsseil am Ende des Messers, dass sehr straff gespannt wurde, so dass es knapp vor Cruises Auge aufgehalten wird. Das ist schon cool, das muss man sich schlicht eingestehen.

Dennoch: Fünfzehn, vielleicht zwanzig Minuten Schauwert stecken hier in Mitten geballter Langweile, die von radebrechenden Dialogen, eiskalten Figuren und sich verrennenden Plottwists (in einer eigentlich völlig inhaltsarmen Story!) ausgelöst wird. Viel Lärm um nichts!

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