Montag, 28. Mai 2012

On Stranger Tides

Versoffene Piraten, die satte Landschaft eines noch kaum bevölkerten Floridas, wandelnde Tote, der sagenumwobene Jungbrunnen und der berüchtigte, kein Erbarmen kennende Blackbeard. Das ist der Stoff, aus dem sich großartige Abenteuer spinnen lassen. Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides, hierzulande Fremde Gezeiten untertitelt, eroberte im Sommer 2011 weltweit die Kinoleinwände und spülte über eine Milliarde Dollar in Disneys Schatztruhen. Viele der Millionen von Kinogängern dürften sich wohl nicht dessen bewusst sein, dass dem vierten Spektakel rund um Captain Jack Sparrow ein historisch-fantastischer Abenteuerroman zu Grunde lag. Naja, sehr, sehr frei. Nämlich Tim Powers 1987 veröffentlichtes, mehrfach preisgekröntes Buch On Stranger Tides (hierzulande: In fremderen Gezeiten) rund um den Puppenspieler John Chandagnac.


Ein Puppenspieler versucht, in der Piratenwelt die Fäden in der Hand zu halten
Es ist ein Drahtseilakt, eine aussagekräftige Inhaltsangabe von On Stranger Tides zu machen, ohne aber die zahlreichen, aufregenden Wendungen vorwegzunehmen, die Tim Powers seinen Lesern unterbreitet. Denn die verworrenen Wege, die John Chandagnac, der nach dem Tod seines Vaters in die neue Welt segelt um bei seinem hinterlistigen Onkel für sein Recht am Familienerbe einzustehen, immer tiefer ins Piratentum ziehen, sind ein wichtiges Element des Lesevergnügens. Powers orientiert sich an historischen wie literarischen Archetypen, verleiht ihnen aber immer einen eigenen Dreh und verwurzelt sie tief in seinen Figuren, die neben Chandagnac auch die atemberaubende Beth Hurwood und ihren rätselhaften Vater umfassen: Chandagnac segelt gemeinsam mit Beth und ihrem Vater in die neue Welt, als sie von Piraten überfallen werden. Ehe es sich John oder die Leser versehen, steckt der Puppenspieler in einer um Beth gesponnenen Intrige voller Voodoo-Zauber, wandelnden Toten und der Suche nach dem Jungbrunnen. Doch allein schon der raue, räudige Piratenalltag zerschleißt John Chandagnac immer mehr zum seeräuberischen Jack Shandy ...

Die Schatzinsel trifft spekulative Fiktion
Tim Powers fand sehr früh in seiner literarischen Karriere eine Nische im Bereich der historischen Fiktion, schon seine ersten Werke "erklärten" die Hintergründe wahrer Begebenheiten unter Verwendung realer und erfundener Persönlichkeiten, um welche Powers übernatürliche Elemente spinnt. Die Unterschiede zu seinen Geschichten "verloren gegangener Wahrheiten" und denen eines Dan Brown sind Powers' fruchtreichere Fantasie sowie der erfreuliche Umstand, dass (zumindest meines Wissens nach) bislang niemand ins Fernsehen ging und dort irgendwelche absurden Verschwörungstheorien mit dem Satz "Tim Powers behauptet in seinem Buch ..." verbreitete.

On Stranger Tides entstand aus Powers' Gedanken heraus, dass sich auch das Piratenzeitalter für eine solche historische Fantasygeschichte eignen würde, indem er legendäre Piraten, die Karibik des frühen 18. Jahrhunderts und okkulte Motive verbindet. Eine der zentralen Figuren sollte der berüchtigte Blackbeard sein, um den sich bereits zahlreiche Mythen rankten, und dem sich deshalb spannende "wahre, verborgene" Vorhaben andichten ließen. Atmosphärisch schwebte Powers ein Abenteuer wie in Die Schatzinsel vor, aber mit übernatürlichen Elementen und eingeflochtenen wahren Eckdaten. Dieses wiederum inspirerte letztlich, gemeinsam mit der Themenpark-Attraktion Pirates of the Caribbean, die Monkey Island-Spiele und eine Wiederbelebung piratiger Abenteuerromane vor historischem Hintergrund. Sowie nunmal, sehr frei, den vierten Teil der Pirates of the Caribbean-Saga.

Ein raues Abenteuer mit denkwürdigen Charakteren
Tim Powers' größte Stärke in On Stranger Tides ist die Figurenzeichnung: Mit John "Jack Shandy" Chandagnac entwarf er einen mehrfach gebrochenen, greifbaren und vor allem faszinierenden Protagonisten, dessen Handlungen zwar immer wieder verblüffen, sobald der Schock über die unerwartete Wende abgeklungen ist, sind sie allerdings stets nachvollziehbar. Dies trägt enorm zu der sogartigen Wirkung dieses Abenteuerromans bei, aber nicht nur Jack weiß zu verblüffen. Nahezu jede halbwegs bedeutsame Figur trägt so ihre Geheimnisse mit sich, die Powers allerdings nie aggressiv in den Vordergrund stellt, sondern beiläufig während der Handlungsschilderung anschneidet. Durch meisterlich vollzogene Verschiebungen des Point of View zögert Powers die Auflösung dieser dunklen Mysterien so lange heraus, bis eine Auflösung für die Story oder die packende, komplexe Stimmung des Romans unerlässlich wird.

Das vermeintliche Ziel, die reale Historie durch Intrigen oder übernatürliche Elemente umzuschreiben, gerät vor diesen spannenden Figuren allerdings völlig in den Hintergrund, was meiner Auffassung nach keinen Schwachpunkt darstellt. Auch die in manchen jüngeren Kritiken bemängelte Darstellung weiblicher Figuren ist keinesfalls so übel, wie man nun vielleicht befürchten mag. Es gibt einige Frauen, die es in On Stranger Tides faustdick hinter den Ohren haben, selbst wenn weite Teile des Romans davon handeln, wie Jack sich aufmacht, Beth zu retten. Beth ist kein schwaches, eindimensionales Frauenzimmer, aber als Opfer einer von vielen, cleveren Männern gesponnenen Intrige kann sie sich schwerlich völlig im Alleingang aus der Bedrouille manövrieren. Etwas enttäuschend finde ich die Charakterisierung Blackbeards, der mit seinen Voodoo-Fähigkeiten zwar furchteinflößend geriet, mehr als ein schwer bezwingbares Monstrum gibt er jedoch nicht ab. Da bietet der Roman einige abscheulichere Gestalten mit klarer umrissenen Persönlichkeitszügen.

Ich hatte auch gewisse Probleme mit dem Spannungsbogen, den Tim Powers umreißt. On Stranger Tides ist in drei "Bücher" unterteilt, wobei keines von ihnen alleinstehend funktionieren würde, sondern bloß einen thematischen Abschnitt der Gesamthandlung absteckt und jedes dieser Bücher seinen eigenen Spannungsaufbau und -abbau aufweist. Darüber hinaus aber schien mir Tim Powers beim Verfassen von On Stranger Tides sehr erpicht darauf gewesen sein, den einzelnen Kapiteln ihre Berechtigung zu erteilen. Viele jüngere Autoren pfeifen ja mittlerweile auf die Idee von Kapiteln (etwa Terry Pratchett), Powers hingegen zeigt in seinem Piratenabenteuer die Tendenz, zu Beginn jedes Kapitels enorm die Schraube anzudrehen, sie in längeren Kapiteln dann sehr stark zu lockern, nur um zum Schluss wieder mit einem Twist oder dem verschärfen einer Situation wieder die Fallhöhe stark zu vergrößern. On Stranger Tides liest sich deshalb mitunter weniger wie ein zusammenhängender Abenteuerroman, sondern goutiert sich aus narrativ-dramaturgischer Sicht wie eine Marathonsichtung mehrerer Episoden moderner Mystery-Fernsehserien der Marke Lost – sollte jemand meinen Ausführungen folgen können. Das ist nicht per se verurteilenswert, ich empfand es trotzdem durchaus als befremdlich.

Bemerkenswert finde ich dafür, wie Powers die Voodoo-Elemente verwendet. On Stranger Tides ist grundlegend ein aufregendes Piratenstück, das gelegentlich in dunklere Regionen als seine Inspirationen aus der Jugendliteratur abdriftet, und durch die vorsichtig eingearbeiteten Vooodoo-Elemente verdichtet sich das von Powers geschaffene Bild der Karibik zu Zeiten der Piraten zu einer ganz eigenen, schauderlichen Welt. Er hält das Übernatürliche zunächst zurück, so dass es wie ein Schatten früherer Tage wirkt, erläutert es dann sukzessive so, dass es realer und nahbarer wirkt. Dennoch behält die schwarze Magie für den Leser einige offene Stellen, wodurch es weiterhin mystisch und unerklärlich bleibt. Dadurch gefielen mir die fantasylastigsten Passagen (etwa die Reise zum Jungbrunnen) auch mit am besten.

Wieviel Tim Powers steckt in Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten?
Die Verbindung zwischen Buch und Film ist sehr lose. Tim Powers Roman ist in seiner Gewaltdarstellung grafischer und Jack Shady handelt zuweilen deutlich fragwürdiger, als Jack Sparrow mit seinem Piraten-Ehrenmannwesen im vierten Pirates of the Caribbean-Teils. Mit dem findigen, wohlgleich verzweifelten und durchtriebenen Jack des ersten und insbesondere zweiten Teils könnte man Shadys Handlungsweisen schon eher vergleichen. Hinzu kommt, dass die Kehrseiten und vor allem die alltäglichen Unbequemlichkeiten des Piratenlebens häufiger angesprochen werden, als in den Pirates of the Caribbean-Filmen. Das Buch On Stranger Tides spielt also klar in einer dunkelgraueren Welt.

Vor allem aber unterscheiden sich Film und Buch auf der Handlungsebene. Ganz oberflächlich sind die Parallelen vielleicht unübersehbar, es geht um die Suche nach dem Jungbrunnen, Intrigen zwischen Vater und Tochter, Blackbeard und zwischen den Zeilen auch um das Facettenreichtum an Edelmut zwischen generell eher finsteren Gesellen. Sobald man sich aber von den nicht sehr tief gehenden Plotbeschreibungen löst, die auf einen Buchdeckel oder ein DVD-Cover passen, gehen Tim Powers und die Jerry-Bruckheimer-Produktion völlig verschiedene Wege. Es beginnt schon bei dem simplen Unterschied, dass Powers' Buch viel Raum für die Wandlung seines Protagonisten zu einem Pirat aufwendet, während solch ein Handlungselement im Kinofilm mit der Lupe zu suchen ist. Jack Shandy und Jack Sparrow durchgehen ganz unterschiedliche Heldenreisen, um die Frage gänzlich auszulassen, ob Jack Sparrow im vierten Pirates of the Caribbean-Film überhaupt (wieder?) die narrativ betrachtete Hauptrolle einnimmt. Der Jungbrunnen funktioniert in beiden Werken gänzlich unterschiedlich und wird aus differenzierenden Gründen gesucht, Meerjungfrauen und der Abstecher nach London sind dem Film exklusiv. Und Penelope Cruz' Angelica lässt sich sozusagen als die geistige, robustere Cousine (nicht etwa Nachfolgerin oder Schwester) von Beth Hurwood beschreiben. Sie durchleben andere Abenteuer, handeln anders, werden unterschiedlich beschrieben, aber dennoch steckt in ihrer Grundatttitüde ein Kern Familienähnlichkeit.

Gemein ist Film und Buch noch, das Zombies vorkommen (obwohl sie im Film deutlich kürzer treten), Juan Ponce de León einen nicht unbedeutenden Plotpunkt darstellt und beide Werke ein angeblich historisches Zitat des echten Blackbeards aufgreifen:

"Hell-if I didn't shoot one of you now and then you'd forget who I was."
- Blackbeard in Tim Powers' On Stranger Tides

"If I don't kill a man every now and then, they forget who I am."
- Blackbeard in Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten

Ein großer, wenn auch unscheinbarer Einfluss des Buchs auf den Film ist die veränderte Darstellung übernatürlicher Ereignisse, Orte und Wesen. Fremde Gezeiten wartet mit einer ihm inneliegenden Atmosphäre auf, die so in den vorhergegangenen Filmen nicht zu erleben war. Gore Verbinskis Pirates of the Caribbean-Trilogie bediente sich eines nicht all zu offensiven, dennoch nicht zu verachtenden postmodernen Ansatzes, was ihren übernatürlichen Seemannsgarn anbelangte. Sie mögen nunmehr vergessen sein, aber viele respektable Rezensionen zu Fluch der Karibik verglichen die Szenen rund um die verfluchten Piraten mit Sam Raimis Evil Dead-Filmen (nur massentauglicher). Wäre es nicht derart negativ belastet, könnte man auch sagen, dass die andersweltlichen Elemente der Pirates of the Caribbean-Urtrilogie für die MTV-Generation gedacht sind, was angesichts dessen, dass ein Werbe- und Musikfilmer diese Produktionen drehte derart absurd nicht sein muss.

Die Skelette in Fluch der Karibik sollen Spaß machen, sind knallig, werden mit einer verschmitzt-treibenden, unbeholfen geisterhaften Filmmusik begleitet. Und wenn Barbossa sich nicht shakespeare'esque Monologe verliert, die aussagen, wie groß sein Verlangen ist, etwas zu spüren, dann albern er sowie seine Crew auch mal in ihrem verfluchten Zustand herum. Die Mannschaft der Flying Dutchman nimmt sich schon etwas ernster, ganz ohne Humor kommt jedoch auch sie nicht aus, darüber hinaus hat der Kapitän des Schiffs mit seinem Haustierchen die Verkörperung einer Jerry-Bruchkeimer-Mordsseefahreractionszene zur Hand. Der Seemannsgarn in den Gore-Verbinski-Filmen genießt sich selbst mit einem unaufdringlichen Augenzwinkern.

Ganz anders Fremde Gezeiten: Blackbeard ist als Schurke wesentlich strikter, seine Zombiecrew strahlt eine unwohle Präsenz aus (viel mehr tut sie nicht), die Meerjungfrauen wiederum sind ästhetische und mindestens ebenso zerstörerische Wesen. Auch der Jungbrunnen ist subtil andersweltlich und hat eine natürliche, wohlfeine Aura um sich. Das Übernatürliche ist in Fremde Gezeiten unerklärlicher, mysteriöser und lyrisch-bedrohlicher als in den Vorgängerfilmen. Es mag auch Rob Marshall sein, der für diesen Wechsel mitverantwortlich ist, aber diese Behandlung des geisterhaften wohnt bereits dem Roman inne, wo Voodoo ein schwer fassbares, faszinierendes, doch auch unheimliches Kunstwerk ist, dessen einschneidende Präsenz dem Geruch von brennendem Metall ähnelt.

Letztlich lassen sich Buch und Film problemlos getrennt voneinander betrachten. Beide haben mich auf ihre ganz eigene Weise sehr beeindruckt, und es macht wirklich Freude, zu versuchen, die Einflüsse des Romans auf Pirates of the Caribbean nachzuzeichnen sowie zu verstehen.

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