Freitag, 15. Juni 2012

Rock of Ages


Jukebox-Musicals, Geißel der musikalisch geprägten Erzählkunst oder eine dicke Packung voll Spaß? Nun, irgendwie sind sie beides: Einen Haufen Songs zu nehmen, eine halbseidene, sie zusammenführende Geschichte um sie zu stricken und dann beim diese Musik genießenden Publikum abzukassieren ist künstlerisch weder so eine große Herausforderung, noch so gehaltreich wie ein von Popsongs unabhängiges Musical. Trotzdem können Jukebox-Musicals grandios unterhalten. Mamma Mia! ist in dieser Hinsicht wohl glasklar das Paradebeispiel.

Seit 2006 macht das Glam-Rock-Musical Rock of Ages die USA unsicher, indem es sehr frei nach dem genannten Beispiel zahlreiche Glamrock- und Poprock-Hymnen der Achtziger nimmt und in eine selbstreferentielle Bühnenshow über Liebe, die Lust nach Ruhm und "den wahren Rock 'n' Roll" packt. Die Kinoadaption verantwortete der Regisseur des Hairspray-Musicalfilms, Adam Shankman, der außerdem der Kopf hinter den öden Academy Awards 2010 mit Steve Martin und Alec Baldwin war. Letzteren packte Shankman auch freudig in dieses Rockmusical, ebenso wie Russell Brand, der eine exzentrische Nebenfigur (was denn auch sonst?) in Shankmans Adam-Sandler-Disneykomödie Bedtime Stories gab. Auf seinen alten Weggefährten Zac Efron hat der Regisseur dagegen zum Glück verzichtet, dafür gibt es mit Bryan Cranston (Malcolm mittendrin, Breaking Bad), Catherine Zeta-Jones und einem rockenden Tom Cruise genug andere bekannte Gesichter zu bestaunen.

I Wanna Rock
Die Geschichte beginnt im Jahre 1987, als das Landmädchen Sherrie (Julianne Hough) nach Los Angeles fährt, um dort eine berühmte Sängerin zu werden. Wenige Minuten nach ihrer Ankunft wird ihr sämtliches Hab und Gut gestohlen, weshalb sie das Angebot der freundlichen Bar-Hilfskraft Drew (Diego Boneta) annimmt und sich im weltberühmten Rock-Mekka "The Bourbon Room" als Kellnerin versucht. Geleitet wird die anarchische Musikkneipe, in der zahlreiche der besten Rock-Konzertalben aller Zeiten aufgenommen wurden, vom Altrocker Dennis (Alec Baldwin) und seinem ungestümen Assistenten Lonny (Russell Brand), die sich gerade über einen fantastischen Deal freuen können: Der exzentrische Superstar Stacee Jaxx (Tom Cruise), der angeblich kurz davor steht, seine Band zu verlassen, gibt in diesem Schuppen demnächst einen Gig.

In der Zwischenzeit vergucken sich Sherrie und Drew ineinander, was den bislang erfolglosen Bandleader Drew zum Schreiben eines neuen Songs inspiriert. Derweil heckt die ultrakonservative Ehefrau (Catherine Zeta-Jones) des Bürgermeisters (Bryan Cranston) einen hinterhältigen Plan aus, wie sie den Sündenpfuhl namens "Bourbon Room" von der Landkarte fegen kann. Am Tage des großen Auftritts von Stacee Jaxx kommt es dann Schlag auf Schlag: Die Vorband fällt aus und macht so Platz für Drew und seine Jungs, eine Journalistin des Rolling Stone (Watchmen-Lach-und-Leder-Amazone Malin Åkerman) verärgert Jaxx' schmierigen Manager (Paul Giamatti) und ein Missgeschick stellt die Liebe zwischen Drew und Sherrie auf die Probe. Kann die Power des Glamrock alles wieder in korrekte Bahnen lenken, oder obsiegen Fehlurteile, Kommerzialität und das Spießertum?

Harden My Heart
Was inhaltlich geschieht, darf jeder selbst mutmaßen, doch zumindest künstlerisch gewinnen im Fall von Rock of Ages die falschen Parteien: Shankmans Kinoadaption der 80er-Glamrock und -Poprock zelebrierenden Bühnenshow ist ein dröges, langweiliges Kommerzprodukt, das zwar schonmal Rockmusik gehört hat, deren Reiz jedoch nicht begreift. Somit müht sich Rock of Ages zwischen seinen vielen, nur selten dem Plot dienenden, Musiksequenzen abgehetzt darum, zwischen der hauchdünnen Story (die wiederum stärker abgegriffen ist, als eine leicht bekleidete Kellnerin in einer üblen Rockerkneipe) möglichst viele Sex-, Randale- und Alkoholwitze unterzubringen. Dies aber nicht wie bei einem wahren Rock-Comedymusical über Rock (etwa dem Tenacious D-Film) aus voller Überzeugung, sondern um ein Rockfilmimage zu imitieren.

Überzeugend ist dies zu kaum einem Zeitpunkt. Insbesondere die Hauptdarsteller Hough und Boneta (sowie ihre Leinwandfiguren) sind erschreckend blass, sterbenslangweilig und triefen vor Idiotie und (unvergnüglichem) Kitsch. Ich erwarte keine Oscar-tauglichen Darbietungen sowie tiefschürfende Storylines in einem Jukebox-Musical, jedoch sollte ein Funke von Interesse für das Handeln der Protagonisten das Zuschauerinteresse aufrecht erhalten. Und dazu benötigt es nunmal Figuren, die nicht bloß ein charakterlos gespieltes Archetyp sind, oder eine leicht verständliche, kurzweilige Geschichte, die in sich plausibel ist (siehe Mamma Mia!). In Rock of Ages dagegen bekommt das Publikum einen Brocken von Klischees vorgesetzt, wird dann mit Musikeinlagen von der Story abgelenkt, woraufhin manche Klischees fortgesetzt werden und andere in Vergessenheit geraten. Währenddessen hält einzig und allein die haarsträubende Dummheit der Hauptfiguren den Film davon ab, schneller voranzugehen. Kleine Warnung: Jeder, der in Liebesgeschichten "das dramatische Missverständnis" nicht mehr aushalten kann, wird in Rock of Ages bis aufs Schärfste gequält. Dümmer, oberflächlicher und konstruierter habe ich dieses Klischee noch nie auf der großen Leinwand erleben müssen.

Was diesen filmischen 80er-Rocktribut weiter verleidet, ist Adam Shankmans Umsetzung der Gesangseinlagen. Man kann einem reinen Popcorn-Musical allerhand verzeihen, wenn die Musiknummern stimmen, jedoch beweist sich Shankman hier erneut als rein handwerklich betrachtet annehmbarer Filmemacher, der dadurch unter seinen Möglichkeiten bleibt, dass er nicht wirklich mit Hingabe dabei zu sein scheint. Deutlich stärker noch als bei Hairspray stimmen in Rock of Ages die Choreographien – während ihre Inszenierung vollkommen rudimentär bis desaströs ist. Die Tanzschritte, die Catherinze Zeta-Jones, Tom Cruise und auch Hough in ihren größeren Musicalnummern hinlegen dürfen, passen zu den Songs beziehungsweise den Figuren und sind darüber hinaus ganz ansehnlich. Jedoch steht die Kamera nahezu unbeteiligt im Raum, die Beleuchtung ist unkreativ, auch mit den Sets und Requisiten wird kaum gespielt, was letztlich in visuell unaufregende, das Publikum unbeteiligt auf die Leinwand starren lassende Tanzeinlagen mündet. Wenn Shankman und Cutterin Emma E. Hickox (Radio Rock Revolution) sich dann mal trauen, zwischen mehreren Einstellungen/Choreographien/Schauplätzen zu schneiden, so rauben sie durch miese Übergänge und schlechten Rhythmus den Tanzschritten jeglichen übrig gebliebenen Drive.

Sogar als schlecht visualisierter Soundtrack eignet sich Rock of Ages nur bedingt, denn den Arrangements vieler Songs fehlt jeglicher Biss, die meisten Lieder (von denen in der Filmversion auffällig viele dem Poprock entstammen oder Powerballaden darstellen, während charakteristischere Titel aus dem Musical fehlen) werden im Film stark verwässert, so dass sie sowohl ihren Rock-Faktor als auch ihren 80er-Glam verlieren. Überzeugt haben mich nur das Medley aus Juke Box Hero & I Love Rock 'n' Roll, Tom Cruises kurze Bühnenperformance von Pour Some Sugar on Me, Hit Me With Your Best Shot (dessen Sequenz sehr unter dem Schnitt leidet) und das "Epiphanie Ex Machina"-Stück Any Way You Want It mit Mary J. Blidges ultraunnützer Nebenrolle für den offenbar obligatorischen Soul-Anteil. Angesichts der massigen Fülle an Gesangseinlagen ist dies eine traurige Bilanz. Sehr ulkige Randnotiz: Die durch das poppige Glee-Cover neuen Ruhm erlangte Journey-Nummer Don't Stop Believin' wird hier in einer weiter verweichlichten Version als absolute Rockhymne gefeiert. Ja, das Musical gab es so vor, trotzdem kommt es im Film sehr dämlich ...


Hit Me With Your Best Shot
Was mich davon abhält, Rock of Ages geradewegs zum Teufel zu wünschen (der diesen Streifen sicherlich verflixt gerne mit seinem Hot Demon Gel füllen und wie sein Scarlet Pimpernel kreischen lassen würde)? Ab und an wird die Parade lustloser Performances, träger Inszenierungen und himmelschreiender Wortspiele sowie schmerzlicher Kalauer durch die engagierten Nebendarsteller erhellt. Dass im Zusammenhang mit diesem Musical fast bloß von Tom Cruise die Rede ist, hat schon seinen Sinn: Anfangs mag sein Stacee Jaxx nicht mehr zu sein als eine schale Rockstarkarikatur, doch mit jeder neuen Szene füllt Cruise diese abgedrehte, abgehalfterte, überlebensgroße Kunstfigur mit versteckter Tiefe (naja, so weit es der Film erlaubt) sowie (glücklicherweise) ganz und gar nicht versteckter Selbstverliebtheit. Cruise ist hier genauso vernarrt in seine Selbstzerstörung wie in Tropic Thunder, bloß ist dies eine legendärere Form der Schmierigkeit, die er zu Tage legt. Wundervoll, wenngleich sträflich zu kurz kommend, ist Paul "Ich bin ein Arthouse-Favorit und drehe ab und an einen Mainstream-Streifen, doch nur, um total abzudrehen" Giamatti, der als mieser Manager keine Schmerzgrenze kennt.

Amüsant fand ich auch Alec "Ich war mal ein facettenreicher Schauspieler und verdinge mich in meinen späteren Jahren als wandelndes Spaßpaket" Baldwin, der zwar wenig zu tun hat, diesem Musical aber zumindest etwas Charakter gibt und selbst mieseste Dialoge zu kleinen Schmunzlern machen kann. Russel Brand wiederum ist erneut Russel Brand als Leinwandpersona von Russel Brand, bloß mit saudämlichen Pointen, die er abzuliefern hat. Kurzum: Schon cool, allerdings in überaus schlechter Form.

Mit Brand und Baldwin hätte sich Rock of Ages beinahe einen dicken Pluspunkt einsammeln können, jedoch wird dieser innerhalb weniger Sekunden beim Versuch, schnelle Lacher einzusacken, derart verhauen, dass ich kurz davor war, aufzuschreien. [SPOILER, zum Lesen bitte markieren] Ungefähr zur Mitte des Films gestehen sich die von Baldwin und Brand verkörperten, langjährigen besten Freunde, dass sie sich ineinander verliebt haben. Bis zu diesem Punkt wurden beide Rollen zwar humorvoll gespielt, nicht aber als Lachnummern oder Schwulenklischees. Geschätzt zwei Sekunden nach seinem Liebesgeständnis haut Brand tuntenhafte Gesten raus und zwischen das Duett von Baldwin & Brand geschnittene "Rückblenden" ziehen ihre Beziehung ins Lächerliche. Rock of Ages hatte die Chance, eine ernstgemeinte, obschon überflüssige, Liebesbeziehung zwischen zwei "harten" Männern zu zeigen – und schleimt sich dann bei weniger aufgeschlossenen Kinogängern ein, indem er einem durch schale Gags entgegenbrüllt "Ja, die beiden sind schwul, aber, hey, das ist zum Lachen!"[/Spoiler]

Juke Box Hero?
Rock of Ages führt vor, weshalb es Jukebox-Filmmusicals schwerer haben, als Jukebox-Bühnenmusicals. Europe, Journey, Bon Jovi und Co. am selben Abend live mit einigen ihrer größten Hits zu erleben, dürfte den wenigsten gestattet sein. Deshalb kann es auch schon ein tolles Erlebnis sein, für ein paar Stunden die Coverversionen talentierter Sänger live zu verfolgen und nebenher eine Pseudostory zu genießen. Nimmt man jedoch das Konzert-/Bühnen-Feeling weg und reduziert die Covershow auf Musik aus der Konserve, so muss der entsprechende Film auch deutlich selbstbewusster einen eigenen Charme entwickeln. Mamma Mia! gelang dies, indem er mit einer spaßig-herzlichen Geschichte und ansteckender Freude die Musik von ABBA sowie deren Stimmung zelebrierte. Adam Shankmans Rock of Ages hat keine derartig packende Identität. Wo Mamma Mia! über eine (phasenweise sehr campige) Seele verfügt, ist Rock of Ages uninspiriertes Musikfilm-Runterleiern nach Schema F. Weder hat er eigene Ideen, noch ist er dermaßen von seiner Materie begeistert, dass ein Funke übergehen könnte. Shankman lieferte ein lebloses, gefügiges Fließbandprodukt ab – und steht damit im krassen Gegensatz zur Lebensphilosophie der Helden des "Bourbon Room".

Siehe auch:

1 Kommentare:

Manu hat gesagt…

Och nöö... eigentlich wollte ich mir den Film ansehen... Jetzt zweifle ich!

LG

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